Bitte nicht wieder bei uns

Ich sah es vor mir. Noch war alles ruhig. Nur ein paar bunte Blumen zwischen dem hochgewachsenen Gras, ansonsten war da nichts. Ich konnte es hören. Noch war alles ganz still, nur die Vögel zwitscherten munter. Verlassen und vernachlässigt lagen das Haus und der Garten da, aber bald, bald würde es zu neuem Leben erwachen.

Ich stand auf der Terrasse unseres Hauses. „Unser“ Haus, ja, das sollte es werden. Spätestens in dem Moment, in dem der Wind durch die hohen Pappeln im Nachbargarten fuhr, wusste ich: Hier möchte ich wohnen.

Und vor meinem geistigen Auge sah ich an diesem Tag vor acht Jahren, wie wir dieses Haus mit Leben füllen würden. Noch waren der Mann und ich zu zweit, gerade frisch verheiratet, aber die schönen Zimmer unterm Dach, die würden einmal zu Kinderzimmern werden, das wussten wir. Und dann würde Kinderlachen überall zu hören sein. Ein Jauchzen und Rufen und einfach das pralle Leben, den ganzen Tag, im Haus und im Garten.

Was soll man schließlich mit einem Haus, wenn es kein Heim für eine Familie ist? Ich wollte immer Kinder und in meinen Träumen war unser Zu Hause der Mittelpunkt ihres Lebens.

Als ich ein Teenie war, waren wir immer mit der ganzen Clique bei demselben Freund zu Hause. Dessen Eltern hatten gar nichts dagegen, dass dort ständig ein Haufen partywütiger Menschen im Wohnzimmer herumlungerte. Sie hatten kein Problem damit, dass eine Horde hormongeschwängerter Jugendlicher in ihrem Garten feierten und anschließend dort im Gartenhaus übernachteten. Auch nicht, wenn dabei regelmäßig die Hortensien aus verschiedenen Gründen dran glauben mussten.

So soll das bei uns auch einmal sein, dachte ich. Meine Kinder sollen ihre Freunde auch jederzeit mit zu uns nach Hause bringen dürfen. Bei uns soll es schön sein, bei uns sollen sie einfach machen dürfen.

Dahinter steckte eine ganz egoistische Überlegung: Ich will Teil ihres Lebens sein. Ich will an ihrem Leben teilhaben dürfen. Ich will ihre Freunde kennen, ich will sie um mich herum haben, ich wünsche mir, dass wir gemeinsam miteinander in diesem Haus leben.

Mehr als sieben Jahre später. Die Sache ist gut angelaufen. Sozusagen nach Plan. Jedenfalls ist das Haus immer gut gefüllt.

Der Plan hatte aber einen Haken: Es ist von der Natur nicht vorgesehen, dass die Kinder im Elternhaus festsitzen.  Eltern, die solche Pläne schmieden, werden bestraft. Vom Universum oder so. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, dass die Dinge hier ein bisschen aus dem Ruder gelaufen sind.

Acht von 10 Verabredungen meiner Söhne finden bei uns zu Hause statt. Und in ebenso vielen Fällen haben wir mehr als ein Kind zu Besuch.

„Hat mein Kind seine Jacke bei Euch vergessen?“ Ich arbeite derzeit daran, eine eigene Hotline einzurichten, die mittels eines Sprachassistenten nur diese eine Frage beantwortet. Ich könnte nämlich viele Stunden pro Woche einsparen, wenn mir jemand solche Telefonate abnehmen würde, denn scheinbar führt immer der erste Weg  auf der Suche nach verlorenen Klamotten zu uns. Klar, bei uns stolpert man ja auch schon im Flur jeden Tag über Jacken und Schuhe der halben Nachbarschaft.

„Kann ich etwas zu trinken haben?“ „Natürlich“ „Aber ich mag nur stilles Wasser!“ „Weiß ich doch!“ Seit diesem Sommer habe ich sämtliche Vorlieben aller Freunde meiner Söhne im Kopf- von Getränkewünschen über Snacks und Allergien- ich weiß alles!

Ob der Henry zum Abendessen bleiben kann, will der Maxi wissen.

Ob der Theo auch vorbei kommen kann, will der Timo wissen (Timo ist ein neuer Freund, ich glaube vom Maxi).

Wo ich die leckeren Kekse von gestern hingetan habe, will Clara wissen.

Ob die Nele demnächst mal zwei Nächte hintereinander bei uns schlafen könnte, will der Mini wissen.

Ja, hier tobt das Leben, das muss man sagen.

Abends, wenn endlich wieder Ruhe eingekehrt ist und die Kinder im Bett sind, laufe ich durch den Garten und sammele das Spielzeug ein. Dann höre ich endlich auch mal wieder, wie der Wind durch die hohen Pappeln im Nachbargarten geht. Lacht die über mich? Vielleicht. Ich bleibe kurz auf der Terrasse stehen, so wie ich vor 8 Jahren dort stand. Eines Tages wird es hier wieder ruhig werden. Irgendwie schade.

Eure Halima

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