Was ich von meinen Kindern über mich selbst gelernt habe

Wenn ich meine Kinder nicht hätte, hätte ich niemals erfahren, dass man mehrere Jahre ohne ausreichend Schlaf glücklich sein kann. Ich hätte nicht die Erkenntnis, dass Schuhe Kaufen gar nicht immer Spaß macht, genausowenig, wie ich herausgefunden hätte, dass die Harry Potter Bücher echt gut sind. Und ich wüsste möglicherweise bis heute nicht, was für ein Mensch ich eigentlich bin.

Seit ein paar Wochen ist mir nämlich klar, dass ich mich dringend so akzeptieren sollte, wie ich bin, weil ich nämlich niemals so sein werde, wie die anderen.

Es ist nicht so, als hätte ich vorher nicht gewußt, was ich gut kann und was mir dagegen eher schwer fällt, aber so richtig ist der Groschen erst vor ein paar Wochen gefallen. Das war nämlich so:

Der Mann hatte mit seiner Band einen Auftritt und weil es dieses Mal ein sehr familienfreundliches Ambiente war, in dem das Konzert stattfand, fuhr ich mit den Jungs hin, um es uns bei einer Portion Pommes und einer schönen Limonade anzuhören. Der Mini hörte nur „Konzert“ und hatte plötzlich einen Plan: „Papa, kann ich dann meine Ukulele mitnehmen und auch was vorspielen?“ –  „Klar, warum nicht?“ Und schon saß der Mini mit seiner Ukulele auf dem Rücksitz.

Er ist im Laufe des Konzerts drei Mal zum Bandleader gelaufen und hat nachgefragt, ob er jetzt dran sei. Aber nicht quengelig, sondern ganz ruhig und bestimmt, als würde er sagen: „Du vergisst ja nicht, was wir ausgemacht haben, ne?!“ Ganz am Ende bekam er dann seine große Chance: Als auf der Bühne schon eingepackt wurde, stellte sich der Mini ans Mikrofon, spielte den einzigen Akkord, den er bislang beherrscht und sang dazu. Es war so herzallerliebst! Die Leute wussten erst gar nicht, woher plötzlich dieses Stimmchen kam und als es ihnen klar wurde, dass da ein Fünfjähriger auf der Bühne am Mikro steht, hörte man von überall her verzückte „Ahhhs“ und „Ooohhs“ und am Ende gab es mehr Applaus als die Band vorher bekommen hatte. Selbstverständlich ließ sich der Mini auch zu einer Zugabe überreden.

„Warst Du gar nicht aufgeregt?“ habe ich den Mini gefragt, als ich ihn später an diesem Abend ins Bett brachte. „Doch, ich war aufgeregt, aber ich wollte es trotzdem machen“, war die Antwort. Und da begriff ich es. Ich begriff, dass dieses Kind ein „Rampensau-Gen“ hat und ich begriff, dass ich keines habe. Ich begriff, dass der Mini sich immer sein Publikum suchen wird und ich wußte in diesem Moment, dass er es immer finden wird. Und ich wußte in diesem Moment endlich, dass ich nicht länger mit mir hadern muss, nur weil ich in größeren Gruppen immer völlig untergehe.

Lange Zeit habe ich gedacht, ich müsste mich nur mehr anstrengen. Ich nahm mir schon bevor ich mich auf den Weg zu einer Geburtstagsparty, einem größeren Meeting in der Firma, einer Familienfeier oder Bloggerveranstaltung aufmachte, vor, dass ich mich mit einem strahlenden Lächeln und großem Hallo in die Menge werfen würde. In den ersten paar Minuten klappte das meistens sogar ganz gut, aber dann zog ich mich doch immer wieder zurück. Ich war froh, wenn ich jemanden gefunden hatte, den ich gut kannte, denn dann konnte ich dem das Reden überlassen. Trotzdem merkte ich schon während der Veranstaltung meistens, dass ich zu blass war, zu passiv. Und am Ende fuhr ich wie geschlagen nach Hause. Noch am nächsten Tag ärgerte ich mich meistens über mich selber. Große Veranstaltungen zogen die Energie aus mir heraus und manchmal dauerte es tagelang, bis ich mich danach in meiner eigenen Haut wieder wohl fühlte.

Ich habe im Laufe vieler Jahre gelernt, mich auch in größeren Gruppen nicht immer komplett hinter anderen zu verstecken. Meistens gelingt es mit etwas mentaler Vorbereitung ganz gut, manchmal aber nicht und immer ist es eine riesige Anstrengung für mich. Am Ende bleibt das Gefühl in mir zurück, mich nicht genug angestrengt zu haben. Und jetzt kommt mein gerade Fünfjähriger Sohn und macht mir vor, wie es geht. Der hat sogar Freude an dem Nervenkitzel und sucht sich diese Herausforderung mit voller Absicht!

Ich bin anders. Ich bin immer anders gewesen und jetzt muss ich mich nicht mehr anstrengen, denn ich weiß jetzt endlich, dass mir einfach das Rampensau-Gen fehlt.

Endlich kann ich mich darauf konzentrieren, was ICH gut kann. Es ist nämlich im Übrigen gar nicht so, dass ich am liebsten alleine zu Hause bin. Ich gehe sogar sehr gerne auf große Veranstaltungen. Da gibt es so viel zu beobachten. Dann beobachte ich gerne, wie die Menschen so sind. Ich habe ein gutes Gespür dafür, welche Menschen zu mir passen, und auch dafür, welche Menschen zusammen passen würden. Person X wäre bestimmt eine Bereicherung für Team Y. Die Personen A und B sind beide gute Projektleiter, aber gemeinsam würden sie eher nicht funktionieren. Vielleicht gehe ich mit Person C mal einen Kaffee trinken; sie wirkt so bedrückt. Ich bin gar nicht völlig fehl am Platz auf großen Veranstaltungen. Ich bin nur nicht diejenige, die die Party schmeißt.

Ich habe immer gedacht, ich kann das einfach nicht so gut und muss mich mehr anstrengen. Aber spätestens, als ich sah,wie der Mini noch zwei Tage nach seinem Bühnendebüt glücklich von innen heraus strahlte, wurde mir klar, dass wir eben alle so sind, wie wir sind.

Was für eine herrliche Erkenntnis. Nicht nur kann ich mich endlich selber zurücklehnen und mir selber zugestehen, dass ich so bin, wie ich bin. Sie wird mich hoffentlich auch davor bewahren, an meinen Söhnen in eine bestimmte Richtung zu ziehen und zu zerren. Sie können genausowenig auf ihrer Haut, wie ich.

Eure Halima

 

 

 

5 Kommentare

  1. Liebe Halima,

    ich danke dir ganz besonders für diesen Artikel. Genau wie du hadere ich mein Leben lang damit, dass ich es endlich schaffen müsste, mich zu verändern. Ich habe mich spät, aber doch entschlossen, eine Kurztherapie zu machen zur sozialen Ängsten. Ich klang sehr einfach: Konfrontative Verhaltenstherapie und zack, ist man der Mittelpunkt der Party. Nein, nicht ganz natürlich. Aber es soll tatsächlich so funktionieren, dass man erkennt, was in einem in solchen Situationen vorgeht und welche Ängste der Auslöser sind, und dann kann man den Teufelskreis durchbrechen.

    Meine wichtigsten Erkenntnisse waren aber: 1. Es ist gar nicht so schlimm! Dann bin ich halt ruhiger in großen Gruppen – es kann nicht jeder ein Selbstdarsteller sein, ein paar Zuschauer muss es ja auch geben. 2. Wie du beobachte ich einfach gerne. Ich bin kein Einsiedler, der niemanden sehen will, im Gegenteil. Aber ich finde es faszinierend, Menschen zuzusehen und über sie nachzudenken. Wen störts eigentlich? 3. Es gibt genügend Situationen, in denen ich überhaupt nicht zurückhaltend bin, aber das war mir vorher nicht bewusst, weil ich mir nur über die schlimmen Situationen den Kopf zermartert habe. 4. Ich habe erkannt, dass Menschen mich mögen, ohne dass ich ein strahlendes Charisma habe, mit dem ich den Raum einnehme. Sie mögen mich vielleicht gerade weil ich sie wahrnehme und ihnen gerne zuhöre. Ich habe vorher nie so richtig erkannt, dass das eine Stärke sein kann, nicht nur eine Schwäche.

    Mein Fazit: Ich überwinde mich also manchmal, überhaupt hinzugehen trotz Unbehagen. Und manchmal dazu, bei Partys//Kitafesten jemanden anzusprechen, den ich (aufgrund meiner Beobachtungen) furchtbar sympathisch finde. Die Nachbarin einfach mal zum Kaffee einzuladen, weil ich sie mag. Und natürlich dazu, in beruflichen Situationen etwas zu sagen, auch wenn ich eigentlich gerade keinen Bock dazu hätte, dass mir alle zuhören. Aber ansonsten mache ich mich nicht mehr so sehr dafür fertig. Und das Wichtigste dabei? Ich mache mir nicht mehr so viele Sorgen um meine Tochter, die mir da sehr ähnlich ist. Stattdessen erkenne ich, dass sie eine fantasievolle, nachdenkliche, empfindsame, reflektierte kleine Person mit viel Menschenkenntnis ist, die ihren Weg gehen wird.

    Entschuldige den langen Kommentar, aber es hat mich ein bisschen glücklich gemacht, dass du – die so wundervoll schreibt, so hübsch und lebhaft und elegant und wie der geborene Partymittelpunkt wirkt – mit ähnlichen Gedanken kämpft wie ich. Da wird mir umso klarer, wie unnötig diese Selbstzweifel sind. Ich wünsche dir, dass die Selbstakzeptanz anhält und du verdammt glücklich damit bist, wer du bist. 🙂

    • In 6,5 Jahren bloggen haben mich vielleicht zwei oder drei Kommentare zu Tränen gerührt. Deiner ist einer davon. Ich danke, danke, danke Dir für diesen Kommentar. Es freut mich zu lesen, dass es anderen geht wie mir und es freut mich noch viel mehr, wenn ich Dich mit meinem Text bestärken konnte. Alles Liebe <3 Halima

  2. Liebe Halima, mich hast Du mit Deinen Text auch sehr bestärkt und wieder erinnert, dass jeder ist wie er ist und alle wertvoll sind. Aber eine Frage dreht sich noch in mir: geht es Dir, oder auch euch Leserinnen, auch in kleineren Gruppen so? Bei mir fängt’s schon in der Pekip-Gruppe oder Kita-Elternschaft an. Blass und passiv, so fühle ich mich als Dauerzustand. Das führt auch dazu, dass ich das Gefühl habe, keiner möchte engeren Kontakt mit mir.

  3. Ich war aus Zeitmangel irgendwie lange nicht auf deinem Blog und merke gerade, was für tolle, nachdenkliche, bestärkende, wundervolle Artikel ich verpasst habe …

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