Im Urlaub sind wir alle Kinder

In der zweiten Woche unseres Urlaubs auf Elba saßen wir eines Abends plötzlich mit 15 Personen in einer kleinen Ferienwohnung. Es war die Ferienwohnung unserer Nachbarn, zwei Wohnungen links von unserer, vom Strand aus betrachtet. Wir saßen dort bei Kerzenschein, denn ein Gewitter hatte uns einen Stromausfall beschert, genau so, wie ich es von einem echten Italienurlaub erwartet hatte. Also, den Stromausfall hatte ich erwartet. Nicht erwartet hatte ich, dass wir mit ein paar eigentlich wildfremden Menschen einen so schönen Abend verbringen würden. Dass wir lachen und Wein trinken würden, und dass es sich anfühlen würde, als würden wir uns schon ewig kennen.

Zu Hause haben wir auch wirklich nette Nachbarn. Manchmal treffen wir uns auf der Straße und dann plaudern wir ein paar Minuten über dies und das. In den acht Jahren, die wir nun schon dort wohnen, haben wir viele Nachbarn ein bisschen kennengelernt, durch unsere Gespräche auf der Straße. Und immer wieder nehmen wir uns vor: „Die müssen wir mal zum Kaffee einladen.“ Manchmal schauen wir sogar in den Kalender, aber dann stellen wir fest, dass die nächsten Wochen ziemlich vollgepackt sind, und dann vergessen wir unser Vorhaben wieder. „Wir könnten die Nachbarn doch mal auf ein Gläschen Wein am Abend einladen“, sagen wir ein paar Monate später. Und wieder wird nach einem passenden Tag dafür gesucht und wieder wird es nichts mit der Einladung. Seit Jahren geht das nun so. Und im Urlaub? Da sitzen wir plötzlich mit ein paar Menschen zusammen und verbringen einen der schönsten Abende in diesen Ferien. Verrückt, oder?

Im Urlaub, so habe ich nämlich herausgefunden, da sind wir irgendwie alle wieder ein bisschen Kind.

Die Kinder machen das nämlich genau so: Die kommen am Urlaubsort an und sehen sich erstmal um, wer noch so alles da ist. Die Eltern packen in der Zwischenzeit die Koffer aus.

Noch am ersten Abend haben die Kinder herausgefunden, wo dieser gleichaltrige Junge und das nur wenig älter aussehende Mädchen wohnen. Die Eltern sind währenddessen damit beschäftigt, das Abendessen zuzubereiten.

Und am nächsten Tag ziehen die Kinder gleich am Morgen mit ihren neuen Freunden los und man sieht sie stundenlang nicht wieder. Die Eltern telefonieren derweil mit der Rezeption, weil das Warmwasser nicht funktioniert.

Wir Eltern brauchen für all das ein bisschen länger, aber nach ein paar Tagen kommen auch wir so richtig in den Ferienmodus. Diese Familie neben uns, die kommt ja auch aus dem Rheinland, das haben wir schon gehört. Und auf dem Parkplatz, da steht ein Auto, das hat ein Münchener Nummernschild. Das muss der Familie gehören, die wir gestern in der Bar gesehen haben, die sprachen nämlich auch Deutsch.
Und wenn wir dann endlich den Kopf frei haben, wenn wir nichts mehr zu tun haben und die Arbeit zu Hause vergessen haben, dann können wir wieder so offen durchs Leben laufen, wie unsere Kinder das tun.

„Dürfen wir uns dazu setzen?“ fragt man dann abends an der Bar und findet das ganz selbstverständlich. Wo kommt Ihr her? Wart ihr schonmal hier? Ein halbe Stunde später ist man mitten ins Gespräch vertieft. Am nächsten Morgen verabredet man sich zum Abendessen und am Tag darauf beschliesst man, gemeinsam einen Ausflug zu machen. Einfach mal eben so hat man Freundschaft geschlossen. Weil man eben gerade gemeinsam da war. Das reicht an Gemeinsamkeiten.

Zu Hause gibt es eine Frau, die treffe ich ständig überall. Sie arbeitet im selben Gebäude wie ich und macht oft zur selben Zeit Kaffeepause wie ich. Beim Mittagessen in der Kantine nickt sie mir freundlich zu und am nachmittag laufen wir uns in der Kita über den Weg, wenn wir beide unsere Kinder abholen. Einmal bin ich noch schnell tanken gefahren, bevor ich den Mini abgeholt habe. Und wer war schon da, als ich an der Tankstelle ankam? Genau! „Mensch, wir begegnen uns ja wirklich ständig! Eigentlich müssten wir mal einen Kaffee zusammen trinken gehen“ rief ich ihr zu. „Ja, stimmt“, lachte sie zurück. Es fühlte sich für einen Moment an, wie der Beginn einer Freundschaft. Das ist jetzt ungefähr sechs Monate her und wir haben natürlich nie einen Kaffee zusammen getrunken. Wir winken uns bloß weiterhin zu oder sagen „Hallo“ wenn wir aneinander vorbei gehen.

Zu Hause sind wir aber auch immer viel zu kompliziert. Wir müssen die Nachbarn mal einladen. Heißt: Wir müssen uns überlegen, welche Uhrzeit passend wäre und was es dann zu essen gibt? Die erwarten doch ein Essen, oder? Oder kann man auch einfach zu einem Glas Wein einladen? Weißwein und  Rotwein? Vielleicht Rose? Und wenn die keinen Wein mögen? Wir brauchen unbedingt auch paar Flaschen Bier. Dann müssen wir natürlich das ganze Haus aufräumen und putzen und uns überlegen, was wir anziehen. Und einer muss schnell noch eine Playlist für die passende Hintergrundmusik zusammenstellen.

Im Urlaub braucht man all das nicht. Im Urlaub setzt man sich einfach zusammen. So wie wir an diesem Abend. Eigentlich wollten wir uns mit drei anderen Familien auf der Terrasse treffen. Dann kam das Gewitter und plötzlich saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer einer Ferienwohnung, auf ungefähr 20 Quadratmetern. Wie um uns einen besonderen Gefallen zu tun, sorgte das Gewitter für einen Stromausfall. Kerzen wurden aus verschiedenen Wohnungen gesammelt und während das Gewitter und der Regen draußen noch länger wüteten, wurden in dieser kleinen Wohnung auf dieser kleinen Insel ein paar fremde zu Freunden. Das Leben kann so einfach sein.

Das Leben IST so einfach. Wir machen es bloß immer zu kompliziert. Im Urlaub denken wir nicht lange nach. Die Wohnung muss nicht besonders aufgeräumt werden, wir können schließlich nichts dafür, dass es dort nur einen einzigen Schrank gibt, in den man überhaupt Dinge verstauen könnte. Chaos gehört eben in der Ferienwohnung dazu. Überhaupt, es ist ja nicht unsere Wohnung und wir sind für nichts verantwortlich. Nicht für das komische Bild, das da an der Wand hängt, nicht für die milchigen Weingläser, von denen es sowieso nur drei Stück gibt und auch nicht für die ollen Möbel. Kurz: Es gibt hier nichts, womit wir uns identifizieren. Also gibt es auch nichts, womit wir uns repräsentieren könnten.

Weil man also im Urlaub von all solchen komplizierten Gedanken befreit irgendwo auf einer Liege am Pool herumliegt, kann man plötzlich ganz anders auf andere zugehen. Im Urlaub sind wir alle wieder ein bisschen Kinder. Die entdecken neue Freunde nämlich immer und überall, wo sie hinkommen: Ist ein Kind, ist ungefähr mein Alter, sieht nett aus- wird angesprochen: „Darf ich mitspielen?“ Mehr braucht es meist nicht.

Als ich am Morgen nach dem Gewitterabend auf die Terrasse hinaustrete, schlafen alle anderen noch, die Klappläden vor anderen Wohnungen sind noch geschlossen. Aber nach gestern Abend weiß ich, wer dahinter wohnt. Zu Hause weiß ich das nicht von all meinen Nachbarn. Wieviel reicher könnte mein Leben vielleicht sein, wie viele neue Freunde würden vielleicht zu Hause auf mich warten, wenn ich nur öfter so offen auf meine Mitmenschen zugehen würde, wie im Urlaub. Wenn ich immer so unbefangen auf Menschen zugehen würde, wie Kinder das tun. Wie ich es als Kind getan habe.

Ich nehme mir an diesem Morgen mit Blick aufs Meer vor, ganz bald unsere Nachbarn zu Hause auf ein Glas Wein einzuladen. Nagelt mich ruhig drauf fest und fragt nochmal nach 😉 Und probiert es doch auch einfach mal aus. Freunde kann man schließlich nie genug haben.

Eure Halima

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