Und dann kam er

Ich habe mich überhaupt nicht mehr eingekriegt. Alles war so schnell gegangen. Vor zwei Stunden hatte ich noch im Bett gelegen und jetzt lag ich da in diesem Krankenhausbett.

Vor zwei Stunden war alles noch anders gewesen. Jetzt war da ein neuer Mensch. Er lag in meinem Arm und ich war völlig aus dem Häuschen. Vielleicht habe ich von Anfang an gespürt, dass dieses Kind die größte Überraschung meines Lebens sein würde.

Da lag ich nun also und bekam mich überhaupt nicht mehr ein. „Oh mein Gott!“ habe ich immer und immer wieder gesagt. „Wie schön, dass Du schon bei uns bist, oh mein Gott, ist das schön, dass Du bei uns bist.“ In Endlosschleife, drückte ich meine Begeisterung darüber aus, dass mein zweites Kind so unerwartet, fast zwei Wochen zu früh und so wahnsinnig schnell zur Welt gekommen war. Und gesund. Und blond. Oh mein Gott!

Es war der Abend des Championsleage- Finales, Bayern gegen Dortmund. Der Arzt witzelte: „Der hat sich bestimmt gedacht, oh, Championsleage Finale, das schau ich mir draußen an. So eine Party lasse ich mir nicht entgehen!“ Wenn er wüsste, wenn WIR damals gewußt hätten, wie sehr er sein Wesen damit auf den Punkt getroffen hat. (Ich denke, ich werde diese Geschichte auf Deiner Hochzeit erzählen, mein Sohn.)

Man sagt, dass das erste Kind einen für immer verändert. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ja, das erste Kind entreisst einem das gewohnte Leben, lässt einen wochenlang taumeln, schlaflos, orientierungslos, trotz aller Vorbereitungen unvorbereitet, hilflos, um einen dann nach ein paar Wochen (oder Monaten) zurückzuwerfen in ein Leben, in dem nichts mehr wie vorher ist. Ein neues Leben, das wir viel besser finden, als das, was wir hatten und das wir nie wieder zurücktauschen wollen.

Zweite Kinder, dritte,vierte Kinder kommen danach oft viel leiser dazu. Sie kommen in eine fertige Familie, wirbeln zwar nochmal kurz alles durcheinander, aber die inzwischen routinierten Eltern haben trotzdem alles im Griff. Bei uns war das nicht so. Der Mini kam mit einem großen Knall auf die Welt: Vollmond,  das Championsleage Finale und mittenrein in diese Nacht kam so schnell, dass ich es erst viel später verstand, der Mini. So drangvoll, wie er in nur zwei Stunden geboren wurde, so krempelte er unser Leben um. Nicht nur, weil der Alltag mit zwei Kindern anders ist, als der mit „nur“ einem Kind. Nicht nur, weil ein Baby immer die ganze Aufmerksamkeit der Familie an sich zieht- der Mini brachte nicht nur unseren Alltag erneut auf Trab, er versetzte vor allem unser Innerstes in Aufruhr. Bis heute. Jeden Tag.

Wenn wir ein Baby bekommen, passiert etwas mit uns. Es kitzelt etwas in uns wach. Vielleicht etwas, das lange geschlafen hat und vielleicht etwas, das erstmals durch das Muttersein in uns erwacht. „Schau an, ich bin ja ein richtiges Muttertier“, denken wir dann vielleicht (oder andere denken das über uns). „Ich bin mit meinen Kindern so ungeduldig/ entspannt/ rastlos/ angekommen- was auch immer. Ich zum Beispiel spüre seit Maxis Trotzphase einen längst bekämpften Jähzorn aus meiner Jugend wieder aufkeimen. Aber alles, was passiert und was mit uns passiert, empfinden wir dabei eigentlich als das Normalste der Welt.

So ist das auch beim Maxi und mir. Der ist mir so ähnlich. Optisch sowieso, aber auch in jeder seiner Bewegungen, in seinem Lachen wie in seiner schlechten Laune, sehe ich mich.  Ich kenne sein Beleidigtsein, ich weiß, wie sich seine Wutanfälle für ihn anfühlen, ich weiß wie es ist, wenn er eigentlich möchte, aber sich nicht traut. Ich kenne das! Von mir. Und auch die Dinge, die ich nicht kenne, kommen mir vertraut vor, weil ich dann den Mann in ihm sehen kann.   Maxi ist die logische Konsequenz aus mir und meinem Mann. Unsere Herzen schlagen im Einklang, denn ich kenne dieses Kind.

Und dann kam der Mini. So anders. Anders als ich. Anders als der Mann. Anders als sein Bruder. Wo hat er das bloß her?  Er ist so anders und ich bin von dieser Andersartigkeit so fasziniert und spüre zugleich, dass er ein Teil von mir ist. Hätte ich auch so sein können, wie er? Ich habe es mir oft gewünscht, aber ich bin es nicht. Ist er der Teil von mir, der eigentlich auch immer da war, aber nie zum Vorschein kam? Nie, bis zu dem Tag, an dem er geboren wurde?

Ein Kind zu haben bedeutet, dass man von nun an sein Herz außerhalb seines Körpers herumlaufen lässt, habe ich mal gelesen. Dieser Spruch hatte für mich immer etwas herzzerreißendes, schweres. Der Mini hat mir dazu aber eine ganz neue Sichtweise eröffnet: Da läuft ein Kind herum, mein Kind, ein Teil von mir, aber dieser Teil von mir ist kein bißchen so, wie ich bin. Der Mini lebt das Leben ganz anders als ich es jemals könnte. Weil er mein Kind ist, mein Herz, habe ich durch ihn Zugang zu einer Sicht auf das Leben, die mir bislang fehlte. Ein Teil von mir lebt außerhalb meines Körpers und hat meinen Horizont erweitert. Mit dem Mini bin ich ein bißchen lauter, wilder, fröhlicher, verrückter als ich es jemals ohne ihn hätte sein können.

Je größer er wird, umso faszinierender wird es. Jeden Tag. Ich beobachte schon lange, wie der große Bruder den Kleinen vorschickt. Der Mini ist die Vorhut der Brüder. Er spricht für beide die anderen Kinder an, er fragt in Geschäften nach Preisen und übernimmt überall die Kontaktaufnahme. Aber neuerdings merke ich, dass sogar ich mich gerne hinter dem Mini verstecke. Weil der einfach ständig Lust hat, irgendwelche Dinge zu entdecken. Ich denke dann erst  „ach nee, das geht doch nicht“, aber ich lasse ihn laufen und laufe fröhlich hinterher. Ich bin ein bisschen süchtig nach diesem verschmitzten Lachen und nach all den verrückten Einfällen. Und so suche ich seinen Blick und warte darauf, dass er irgendetwas mit mir anstellt.

Auf die U9 habe ich mich schon Tage vorher wie ein kleines Kind auf seinen Geburtstag gefreut. Ich wußte, dass er die ganze Praxis becircen würde. Ich wußte, dass er jede Frage mit einer Knallerantwort beantworten würde- oder mit den allerbesten Gegenfragen. Ich wußte einfach, dass es ein Spaß wird. Und so war es.  Und so ist es immer. Überall. Er macht einfach alles zu einem Abenteuer. Zu SEINEM Abenteuer. Und ich stehe so gerne hinter ihm, lasse ihn vorgehen und bin dann auch, was ich nie war: Ein Abenteurer.

Was für ein Geschenk ist dieses Kind, gerade für mich. Ich kann mich seit mehr als fünf Jahren nur jeden Tag wiederholen: „Oh mein Gott, ist das schön, dass Du bei uns bist.“

Eure Halima

13 Kommentare

  1. Eine wundervolle Liebeserklärung! Jetzt liege ich hier und denke über meine Jungs nach 😉

  2. Alexandra

    Ein wunderbarer Text und es ist hier ein bisschen ähnlich mit den 2 Jungs, die unterschiedlicher nicht sein könnten! Und der Kleine ist auch hier der Mutige und der Freche, der Große eher der Vernünftige und Rationale! Nur ich finde mich in beiden wieder, in manchen Seiten mehr, in anderen weniger. Optisch ist Nummer 1 ganz und gar mein Mann und Nummer 2 eher wie ich, aber sie haben beide ganz viele Eigenschaften von mir, welche die alle von mir kennen und solche, die selbst ich nur erahne und erst durch meine Kinder erfahre. Danke für deinen Text, der mir das ganz deutlich vor Augen führt!

  3. Dein Text ist soooooo wunderschön – er geht direkt in mein Herz.
    Unsere Erstgeborene Tochter ist mir auch sehr ähnlich und dann kam vor drei Jahren unser wilder, verrückter Sohn, der auch so ganz anders ist als mein Mann und ich. Zum einen bin ich natürlich fasziniert von meinem Kleinen, aber ich finde es auch äußerst faszinierend, wie viel Charakter, Temperament so ein süßes Weses einfach so von Geburt an mitbringt.
    Liebe Grüße und viel Freude weiterhin mit Deiner tollen Familie

    • Ja, das finde ich auch immer wieder. Die beiden Jungs müssten sich doch eigentlich total ähnlich sein, schließlich haben sie dieselben Eltern, dasselbe Zuhause…aber es bringt eben jeder schon ganz viel mit. Und bei manchen weiß man nicht, woher sie das haben 🙂

  4. Liebe Halima,
    wieder einmal treibt es mir vor der Liebe und Rührung deiner Worte die Tränen in die Augen und ein Lächeln auf das Gesicht.
    Danke für deine Gedanken! Du schreibst so unglaublich schön und ich gönne dir von Herzen jeden so verzaubernden Moment!
    … und so hat jeder von uns seine Geschichte und es ist einfach ein so wunderbares Gefühl, seine Kinder mit einer solchen Faszination und großen Liebe anzusehen.
    Danke

  5. Alles Gute zum 5. Jubiläum der Geburt!! Wie schön nach Wochen von Abstinenz, in der es euch wohl gut erging – dieser Post ein schöner Rückblick. Nebenbei auch für mich sehr zutreffend. Kind 2 ist mir so nah und doch befremdlich und wundersam. Danke schönes Leben
    Liebe Grüße. Franka

  6. So wunderschön geschrieben!
    Meine kleinste ist auch ein wilder blonder Lockenkopf ( als dritte nach zwei dunkelhaarigen Kindern)
    Und eine kleine Sonne
    Jedes Kind verändert einen anders und jedes hat einen anderen, besonderen Platz im Herzen.
    Danke für Deine schönen Texte, die mich als Mutter immer tief berühren.

  7. So wunderschön geschrieben!
    Meine kleineste ist auch ein wilder blonder Lockenkopf ( nach zwei dunkelhaarigen Geschwistern ) und sie ist eine Sonne !
    Jedes Kind verändert einen anders und jedes hat seinen eigenen besonderen Platz im Herzen. Es ist so schön jedes von ihnen in seiner Einzigartigkeit zu sehen.
    Danke für Deine schönen Texte, die mich als Mutter immer tief berühren!

  8. Liebe Halima,
    ich lese schon so lange still mit aber habe nie kommentiert.
    Aber nun ist es soweit.
    Dein Text ist eine wunderbare Ode an deine zwei Jungs und hat nicht nur mein Herz ge- und berührt ,sondern auch ein Tränchen mich verdrücken lassen.
    Ein Text aus dem tiefstem Herzen einer über alles liebenden Mama,den man nicht besser hätte schreiben können.
    Deine Jungs werden später sicherlich sehr stolz auf solche Zeilen sein.

    Ich greife mal nach einem Taschentuch:-)
    Annika

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