Zwischen Vorfreude und Blues: Meine Elternzeit

In meinem Kopf spielt „Ein Bett im Kornfeld“. Nanananaanaahaaa…Mein Fuß wippt den Rhythmus unterm Schreibtisch mit und der Kollege gegenüber muss sich wundern, warum da dieses Grinsen in meinem Gesicht ist, obwohl wir gerade ein gar nicht so lustiges Thema besprechen. Aber mir kann in diesen Tagen nichts die gute Laune verderben.

Die letzte Woche vor meiner Auszeit ist angebrochen. Ich freue mich wie verrückt.

Diesen Sommer will ich genießen. In meinem Kopf ist eine Ahnung von einem Sommer, wie ich ihn als Kind in Erinnerung habe. Lang, laue Sommernächte. Draußen im Garten am Feuer sitzen. Den ganzen Tag mit nackten Füßen herumlaufen, ungestylt, egal! Ausschlafen. Eis essen. Im Freibad rumhängen. Und vor allem: Endlich so viel Zeit haben, dass ich sechs Wochen lang kein einziges Mal zu meinen Kindern sagen muss: „Jetzt nicht.“

Dabei will ich natürlich die schier endlos scheinende Freizeit, die vor mir liegt, nicht nur verplempern. Am Ende der Ferien will ich auch lang aufgeschobene ToDos abgearbeitet haben, damit ich ganz frisch wieder in den stressigen Alltag starten kann.

Große Pläne, oder?

Gestern Abend geriet ich deswegen plötzlich ins Grübeln. Was, wenn die Zeit plötzlich vorbei ist, und ich habe sie nicht so genossen, wie ich es mir vorgestellt habe? Wenn die Wochen gar nicht so erholsam, ereignisreich und hammermäßig werden? Ich fing an, eine ToDo Liste zu schreiben und nahm mir vor, jeden Tag 2 Stunden mit dem Abarbeiten der ToDo Liste zu verbringen. Den Rest des Tages könnte ich dann vertrödeln. Keller aufräumen, Kinderzimmer entrümpeln, Kleiderschrank ausmisten, wieder mehr Bloggen…als die ToDo Liste fast eine ganze Seite lang war, wurde ich wieder unsicher. Kann man den Urlaub genießen, wenn man ihn gar nicht genießt, sondern ständig irgendwas erledigt? Irgendwie nicht! Andererseits: Kann man den Urlaub genießen, wenn man weiß, dass man noch einen Haufen unerledigter Dinge vor sich hat? Auch nicht das Wahre.

Da ist es wieder, das ganze Dilemma des Alltages: Bei allem, was ich tue, habe ich eigentlich im selben Moment andere Dinge zu tun und kann nichts von dem, was ich mache, genießen. Ich bin nie wirklich im Augenblick. Immer auf der Flucht, immer schon im nächsten Termin, immer gedanklich bei meinem Aufgabenberg.

Leider geht das zu oft zu Lasten meiner Kinder. „Jetzt nicht“, sage ich dann oder: „Ich hab keine Zeit, macht das mal alleine!“ Dabei beklagt doch ein Teil von mir dauernd, dass sie immer weniger Zeit mit mir verbringen wollen, weil sie einfach groß werden.

Vor ein paar Wochen habe ich im Rahmen einer beruflichen Veranstaltung einen Vortrag aus dem Bereich der Glücksforschung gehört. Dabei ging es unter anderem darum, wie uns gute Erfahrungen zu resilienten Menschen machen. Und dass sich gute Erfahrungen in der Kindheit bis heute auf uns auswirken und immer wieder abrufbar sind. Deswegen fühlen wir uns im Urlaub besonders wohl, wenn wir den Ort von früher kennen.
Ich kann das nur bestätigen; die Art und Weise, wie ich Urlaub mache, ist total geprägt von meinen schönsten Urlaubserinnerungen als Kind. An die Orte, mit denen ich diese endlosen Sommerferien verbinde, kehre ich immer wieder zurück. In diesen Ferien möchte ich genau solche Erinnerungen für meine Kinder prägen.

Aber nicht nur der Urlaub an sich soll ein prägendes Erlebnis sein. Dieser Urlaub ist für mich und meine Söhne. Für uns als „Wir“

In diesen Tagen erreichen mich plötzlich so viele Nachrichten, die weh tun. Flüchtlinge, die auf dem Meer treiben und gegen das Ertrinken ankämpfen. Jungs, die in einer dunklen Höhle gefangen sind (zum Glück alle gerettet). Der Mann einer Blogger Kollegin ist verstorben (hier könnt Ihr der Familie ein bisschen unter die Arme greifen). Und der Mann der einzigen amerikanischen Mamabloggerin, von der ich jeden Post verschlinge, hat gerade ebenfalls eine schreckliche Krebsdiagnose bekommen. Er beeindruckt das Netz gerade mit seiner positiven Einstellung: „Wir haben alle nur eine begrenzte Zeit“, sagt er. Und er hätte jetzt eben eine etwas genauere von der, die ihm noch bleibt.

Ich habe übrigens immer wieder Angst davor, dass jemandem aus meiner Familie auch ganz plötzlich nicht mehr viel Zeit bleiben könnte. Ich will nicht auf so einen Moment warten,bis mir klar wird, wie wichtig die gemeinsame Zeit wird. Ich weiß auch jetzt schon, dass Liebe und Familie mir das Wichtigste im Leben sind, und genau deswegen nehme ich mir diese Auszeit. Ich will ganz viel Zeit mit meinen Liebsten verbringen, damit ich nicht irgendwann das Gefühl haben muss, ich hätte etwas verpasst und dann ist es zu spät.

Da gilt dasselbe, wie für meinen Urlaub: Was, wenn die Zeit plötzlich vorbei ist, und ich habe sie nicht genug genossen?

Und dann ist der letzte Arbeitstag plötzlich da. Ich verabschiede mich von meinen Kollegen. Noch ist das schlechte Gewissen meinen Kollegen gegenüber, die ja meine Abwesenheit abfedern müssen, größer als die Vorfreude auf die vor mir liegende Zeit.

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Der erste Tag von acht Wochen Urlaub! Wow! Die Kinder sind noch einmal in Kita und Schule und ich habe Zeit für mich. Ich setze mich hin und schreibe diesen Post, anstatt in den Himmel zu gucken. Und ich merke nach langer Zeit mal wieder, wieviel Spaß mir das macht.Wenn ich den Kopf frei habe, schreibe ich also immer noch gerne. Und ich dachte schon, ich müsste das Bloggen aufgeben.

Ich beschließe, einen Mittelweg zu wählen. Ja, die ToDos sind auch wichtig, weil ich sonst das Gefühl nicht loswerde, die Zeit nicht gut genutzt zu haben. Aber als allererstes starte ich mit einer Woche Nichtstun. Dann kommt die schöne Zeit von ganz alleine. Und mit ihr wunderbare Erinnerungen fürs Leben.

Genießt Euren Sommer!

Eure Halima

5 Kommentare

  1. Schön geschrieben! Alles so wahr. Ich bin selbst Lehrerin und habe jetzt 6 Wochen „freie Zeit“ vor mir mit meinen vier Kindern und kann alles, was du schreibst sehr gut nachvollziehen. Die ToDo-Listen sind auch lang, weil man so viel während des pickepacke vollgepackten Schuljahr nicht schafft. Aber das Leben ist jetzt, wir sollten das uns immer bewusst machen. Vor allem in einem Leben mit Kindern und den Moment und den tollen Sommer genießen!

  2. Christina

    Dieses Sommerferien-/AuszeitGefühl ist wirklich besonders!
    Habe selbst zwei kleine Jungs und komme aus der Region. Würde mich daher interessieren, was ihr in und um Bonn so unternehmen werdet. LG Christina

  3. Hallo Halima,
    ja die Zeit geht viel zu schnell vorbei.
    Und damit meine ich nicht nur die schöne Urlaubszeit.
    Im nächsten Augenblick sind die Kinder groß und man fragt sich dann, womit habe ich die letzten 12 Jahre verbracht? Und was war wichtig?
    Wahrscheinlich fallen dann niemanden die ToDo-Listen ein.
    Uns fehlt im Alltag oftmals die Sicht auf das Wesentliche und wirklich Wichtige. Stattdessen konzentrieren wir uns immer auf das Dringliche und glauben, dass es wesentlich und wichtig wäre.
    Im diesen Sinne, wünsche ich dir einen schönen Urlaub.

  4. So genial diese Auszeit jetzt! Das muss ich mir für später merken
    Alles Liebe,
    Melli

  5. So ein schöner Beitrag. Und ich kann es total nachempfinden „Alltages: Bei allem, was ich tue, habe ich eigentlich im selben Moment andere Dinge zu tun und kann nichts von dem, was ich mache, genießen.“

    Gestern bin ich früher von der Arbeit weg, weil ich dachte, ich könnte das gute Wetter ausnutzen und mich sonnen. Pustekuchen. Noch eine Rechnung, die gezahlt werden musste. Kisten, die von meiner Mutter weggefahren werden durften. Wäsche, die gewaschen werden wollte… und dann blieb mir nur noch eine halbe Stunde bis zum Kindabholen…. und essen musste ich ja auch noch.

    ABer so ist es meistens. Man nimmt sich vor, nix zu machen, und dann gibt es trotzdem so viele Dinge, die gemacht werden müssen…

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