Sie werden größer. Sonst ändert sich nichts

Wenn eins meiner Kinder in seinem Kinderzimmer weint, kann ich das im Wohnzimmer normalerweise nicht hören. Weil das für ein Muttertier wie mich natürlich ein unhaltbarer Zustand wäre, steht auch nach sieben Jahren heute immer noch jeden Abend ein Babyfon neben mir.
Ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern, wann sich das Babyfon das letzte Mal gemeldet hat, und außerdem sind die Kinder ja inzwischen auch groß und finden zur Not Wege, um sich bemerkbar zu machen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich nachlässig wurde und an einem Abend in der letzten Woche das Babyfon vergaß.

Murphy hat natürlich sofort die Gelegenheit beim Schopfe gepackt: Genau an diesem einen Abend, an dem ich das Babyfon vergaß, konnte der Mini nicht einschlafen und muss in seinem Bett wohl angefangen haben, nach mir zu rufen. Als ich nicht kam, fing er an zu weinen. Ich weiß nicht, wie lange das so gegangen sein muss, aber irgendwann machte er sich auf den Weg zu mir ins Wohnzimmer.

Da stand plötzlich ein völlig aufgelöster, schluchzender Mini. So kenne ich dieses Kind gar nicht. Sehr erschrocken (und in derselben Sekunde von einem fürchterlich schlechten Gewissen geplagt- nicht nur wegen der Tüte Chips in meiner Hand), sprang ich vom Sofa auf, lief dem Kind entgegen und nahm es in den Arm. „Ich habe Bauchschmerzen“, schluchzte der Mini. „Glaubst Du, dass die Bauchschmerzen wieder weg gehen, wenn ich mich neben Dich ins Bett lege?“ fragte ich und der Mini vermutete: „Glaub schon.“

Ich trug das Kind die Treppen hinauf. Mein großes Kind, das eigentlich schon viel zu groß und zu schwer ist, um von mir noch getragen zu werden. Aber er kuschelte sich ganz eng an mich und ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, von der ich eigentlich geglaubt hatte, sie schon fast verloren zu haben.

Es ist nämlich so: Meine Schwestern haben beide noch ganz kleine Kinder und beide haben gerade ein Baby im Haus. In unserem Family Chat tauschen wir uns jeden Tag über die letzte Nacht aus- denn Schlaf ist natürlich gerade Mangelware bei den beiden. Ein bisschen neidisch schielen sie dann auf mich, die ich jede Nacht durchschlafen und am Wochenende ausschlafen darf, die einen Feierabend hat, an dem die Kinder schon schlafen und die einen Babysitter hat, der die Kinder problemlos ins Bett bringen kann, während ich Erwachsenensachen mache.

Das Verrückte ist: Ich dagegen beneide meine Schwestern ein bisschen darum, dass sie ihre Kinder noch so ganz für sich haben. Dass sie ihre Babys den ganzen Tag und die ganze Nacht am Körper haben, dass sie noch in dieser herrlichen Kuschelphase sind, in der sie für ihre Kinder das Wichtigste auf der Welt sind. Meine Schwestern und ich sind in komplett unterschiedlichen Phasen unseres Mamaseins und schielen jede manchmal ein bißchen neidisch auf die andere.

Foto von Johanna Krämer Fotografie

Manchmal kommt es mir so vor, als seien wir in unserem Mamasein meilenweit voneinander entfernt. Ich selber habe das Gefühl, als lebte ich gar nicht mehr so sehr in dieser Mamawelt. Denn ich habe ja jetzt wieder viel mehr Zeit für mich, viel mehr Möglichkeiten, eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Mir war das selber gar nicht so klar, bis ich meine Schwester und ihr Neugeborenes in der Schweiz besucht habe und schon ganz ermattet davon war, ihr nur dabei zuzusehen, wie sie und ihr Mann von morgens 6 bis abends 23 Uhr in jeder Minute von den Kindern beansprucht werden (und in der Nacht natürlich auch, bloß habe ich das nicht mitbekommen, weil ich tief und fest neben dem Mini geschlafen habe). „Halima!! Man sieht, dass Du keine kleinen Kinder mehr hast“, schalt mich meine Schwester scherzhaft. „Man kann doch so ein Messer hier nicht einfach so liegen lassen!“ Himmel, an was man alles denken muss! Ich habe das längst vergessen.

Und immer öfter habe ich in letzter Zeit gedacht, wie schade es ist, dass diese sehr intensive Zeit so schnell vorbei ging. Oh, dieses unglaubliche Chaos! Schnuller und Spucktücher im ganzen Haus verteilt, keine Zeit zum Essen, keine Zeit zum Duschen, Schlabberklamotten und bleierne Müdigkeit. Aber gleichzeitig eben auch Kuscheln den ganzen Tag, klitzekleine Entwicklungsschritte feiern, die ganze Familie mit Fotos versorgen von ALLEM, was das Baby macht. Und über der Müdigkeit lag eine vorher nicht gekannte warme Decke aus purem Glück. Schade, dass ich diese Zeit gar nicht richtig genießen konnte, weil ich mir so oft gewünscht habe, dass sie vorbei geht. Und jetzt…naja, jetzt ist sie vorbei.

Aber wie ich so mit dem Mini in seinem Bett liege, seine Hand in meiner, denke ich, dass sich doch eigentlich gar nichts geändert hat. In diesem Moment, in dem ich mit meinem Mini im Bett liege, hält meine Schwester gerade in einer anderen Stadt die Hand ihrer Tochter. Genau wie ich. Und meine andere Schwester liegt vermutlich gerade in ihrem Bett, stillt das Baby, während sich der Zweijährige an sie kuschelt. Und viele, viele meiner Leser überall in Deutschland sind genau jetzt in diesem Moment genau wie wir damit beschäftigt, ihre Kinder in den Schlaf zu begleiten. Was Mütter halt so machen. Alle Mütter.

Diese wahnsinnigen ersten Wochen und Monate (okay, Jahre) sind sowas wie eine Hochlaufphase für den Mamamotor. Der gluckst und stockt am Anfang, macht ein riesiges Getöse und läuft dann erstmal ganz schön heiß. Nach einer Weile läuft er dann wie geschmiert ganz ruhig weiter. Er läuft und läuft und läuft. Für immer. Bei frischgebackenen Müttern auf Hochtouren, bei routinierten Müttern deutlich ruhiger, aber er läuft.

Ein paar Tage nach diesem Abend in Minis Bett sind plötzlich alle Kinder krank: Die meiner jüngsten Schwester haben Fieber, bei meiner mittleren Schwester ist ein Magen-Darm-Virus im Haus  und meine Söhne haben einen grippalen Infekt mit Fieber über 40 Grad.

Wir machen uns Sorgen. Wir whatsappen den ganzen Tag:

„Wie ist die Lage bei Euch?“

„Meinst Du, wir sollten doch nochmal zum Arzt gehen?“

„Oh je, wie halte ich nur das Baby von dem Magen-Darm-Kind fern?“

In dieser Situation sind wir Schwestern im Muttersein so tief verbunden. Ich spüre:

Da ist etwas, das alle Mütter verbindet. Egal, wie alt ihre Kinder sind. Egal, ob sie gerade Kinder in der Trotzphase oder Pubertiere oder grippekranke Kinder haben. Sogar, wenn die eigenen Kinder längst ausgezogen sind:  Das Muttersein ist ganz tief in uns verankert, von dem Moment an, in dem wir unser Baby zur Welt bringen.

Manche von uns gehen darin auf, manche wehren sich gegen den „Mama-Stempel“. Manche suchen lange nach ihrem eigenen Weg, manche scheinen genau zu wissen, wo es für sie langgeht. Manche krempeln ihr ganzes Leben um, manchen ist es wichtig, möglichst unverändert weiterzuleben – aber in jedem von uns gräbt sich dieses Gemisch aus Liebe, Sorgen und Stolz vereint in einem einzigen Gefühl ein und verändert uns für immer. Wenn die Hochlaufphase vorbei ist, die Kinder langsam selbständiger werden, dann fühlen wir Mütter uns davon vielleicht nicht mehr 24/7 in jeder Pore ausgefüllt, aber der Kern dieses Gefühls der bleibt in uns, wie ein Stempel auf unserer DNA.

Und immer dann, wenn die Routine unserer Kinder durcheinander gerät, dann läuft der Mamamotor wieder sofort auf Hochtouren. Dann kuscheln wir wieder eine ganze Nacht lang durch. Wir trocknen Tränen oder sind vor Sorge außer uns oder fahren abends um sieben noch los von Hamburg nach München, weil das kranke Studenten- Kind halt seine Mama braucht.

Die Kinder werden größer. Sonst ändert sich nix.

Ich weiß nicht, ob ich viel zum Kuscheln kommen werde, aber ich freue mich auf ein schönes Wochenende mit meinen Männern: Gemeinsame Unternehmungen und vor allem:  Ausschlafen! Und an alle, die allein bei dem Gedanken daran ein sehnsüchtiges Tränchen aus ihren müden Augen verdrücken müssen: Denkt an mich, wenn Ihr heute Abend stundenlang die Hand Eurer Kinder haltet. Ich werde hier in Bonn sitzen und Euch ein bißchen beneiden.

Eure Halima

16 Kommentare

  1. Wahnsinn du schaffst es jedes Mal wie keine Andere mich so von innen heraus zu berühren.
    Ich habe gerade einen trotzigen 3 jährigen Wirbelwind und einen zahnenden armen 3 monatigen Knopf neben mir, die beide meine Tage und Nächte zu wahren Abenteuern machen.
    Ich bewege mich zwischen Lachen und Weinen, Durchdrehen und vor Glück aus dem Fenster springen. Ich trete Nachts auf Playmobil Teile und halte den Atem an wenn um 4 Uhr Morgens der Schnulli gesucht wird. Es ist eine Welle zwischen tiefstem Chaos und unglaublich tiefer Befriedigung die mich jedes Mal durchspült wenn ich unser Haus ansehe und den Haushalt liegen lasse und mich stattdessen an meine Jungs kuschel.
    Ich bin die Erste in unserem Freundeskreis und mir fehlen die Worte und oft auch die Zeit meinen Freundinnen zu beschreiben wie mein Leben sich geändert hat und ich merke gerade dass nicht jede bereit ist darauf zu warten bis sich in meinem Leben wieder etwas verändert. Aber ich komme damit klar denn ich weiss diese wertvolle Zeit mit meinen Kids ist das einzige dass ich nie vermissen möchte wenn ich alt werde.
    Ich sauge jedes Babyglucksen, jeden neu gebauten Turm, jede klebrige Umarmung wie ein Verdurstender in mich auf und habe nur Angst davor es eines Tages vergessen zu werden wie es sich angefühlt hat, dieses mit Leib und Seele Mama sein.
    Und dann bin ich mir sicher ich werde nie damit aufhören können Babys zu kriegen, verdammt wie sag ich das nur meinem Mann 😉

    • Ich war damals auch die erste und das hat dazu geführt, dass sich mein Freundeskreis komplett verändert hat. Ich habe durch die Kinder viele neue Freunde gefunden, das war auch schön 🙂 Genieß das Chaos! LG

  2. Liebe Halima,
    wunderschön geschrieben! Ein tolles Bild, das Du da findest, mit dem Mama-Motor, das trifft’s wirklich gut…
    Ich selbst gehöre mit meinem 7- und meinem knapp 3-Jährigen inzwischen auch schon fast zur Feierabend- und Ausschlafen-Fraktion…und (das kennst Du ja…) mit der Frage nach dem dritten Kind stellt sich eben auch die Frage, ob wir nochmal zur anderen Fraktion überlaufen möchten…Für mich sieht die Antwort momentan jeden Tag anders aus…Wie dem auch sei, danke für diesen tollen Text, ich finde ihn für so chronische Drittkindüberlegerinnen und Baby-Melancholikerinnen wie mich sehr tröstlich! Genieß Deinen Feierabend und die Chips;-) Liebe Grüße

    • Ja, hier, Team Chronische Drittkindüberlegerinnen und Babymelancholikerinnen 😀 Schöne Formulierungen!

  3. Wirklich toll geschrieben! Mein kleiner Racker ist 13 Monate alt und läuft seit drei Wochen. Ich bin geschockt, wie schnell ein kleiner Junge mit eigenem Kopf aus meinem Baby geworden ist!

  4. So richtig und schön geschrieben. Meine Kinder sind noch älter (10 und 12) und so langsam denke ich: genieße den Urlaub, bald fahren sie gar nicht mehr mit. Genieße die Nachmittage, bald werden sie ausfliegen und die Welt entdecken. Mein Großer sagte gestern: Mama, in 6 Jahren bin ich erwachsen. 6(!!!) Jahre. Mir fiel die Kinnlade runter. Er hat recht, aber er ist doch mein „kleines“ Baby. Mein erstes Kind. Wir haben doch gerade erst die Schule gewechselt und er ist doch noch soooo klein und braucht mich oft so sehr noch. Es hat sich noch gar nicht so viel verändert. Ich tröste immer noch, beruhige, entschleunige, unterstütze, fahre….wann sind Kinder denn groß? Wann fängt das an? Oder bin ich schon mitten im Prozess und weiß es nur nicht? Klar, wir diskutieren mehr, die Kinder haben mehr und mehr ihre eigene Meinung, werden selbständiger, aber sie brauchen immer noch die Mama. Und ich frage mich manchmal, wie lange habe ich sie noch so eng bei mir? Wann möchten sie weniger Zeit mit der Familie?
    Und so genieße ich die Zeit mit ihnen immer mehr….

  5. Liebe Halima,
    ich habe mit 43 Jahren mein drittes Kind bekommen. Er ist jetzt vier Jahre alt, süß, pfiffig, witzig und total verschmust. Jede Nacht kommt er in mein Bett und klemmt seine Füße zwischen meine Beine zum Kuscheln.
    Mein großer Sohn ist fast 18. Meine Tochter ist 19 und ist zum Studium ausgezogen. Ich decke hier ein gaaaaanz weites Spektrum an Mutter-Sein ab, und finde es wunderbar! Und ich glaube, mein großer Sohn ist heilfroh, dass ich noch den Vierjährigen habe, und er so von diesen Muttertier-Betüddelungs-Attacken weitestgehend verschont bleibt… 😉
    LG

  6. Du schaffst es immer wieder meine Gedanken in Worte zu fassen und zu berühren.
    Liebe Grüße in die Heimat
    Andrea

  7. Liebe Halima

    ich bin grosser Fan deines Blogs und deines Schreibens. Die Freude ist gross, wenn Du einen neuen Artikel postest. Meine Tochter ist jetzt anderthalb und ganz weit entfernt vom alleine schlafen, durchschlafen oder irgendetwas was mit „allein“ und „länger als 2Std“ zu tun hat. Das erste Jahr war hart, aber inzwischen geniesse ich die Zweisamkeit, das kuscheln und – auch dank dir – die Nächte. Du machst Mut und öffnest die Augen für das Wesentliche. Danke dafür!
    Ein schönes sonniges Wochenende Dir und Deinen Lieben,
    Laura

  8. Liebe Halima,
    Gedanken zur Nacht mache ich mir bevorzugt nach dem spätem Lesen deiner Artikel. Dieser hier besänftigt mich wieder einmal, bevor der unruhige Schlaf meines 2jöhrigen meine Erholung unterbricht. Ich werde es genießen. 😉

  9. Geryalex

    Wunderschön geschrieben, Halima! Und genau was ich diese Tage brauche, auch wenn unser 2,5jähriger letzte Nacht zum zweiten Mal zu uns ins Bett gekommen ist, ohne dass wir es bemerkt haben (sprich, das Schwierigste durften wir hinter uns haben). Danke!

  10. Havaneser

    Ich weine ein bisschen. Bin wehmütig.
    Und auch dankbar.
    Dein Text rührt mich – daher die Tränen.
    Meine Kinder sind schon 9 und fast 12. Meine Große ist schon (vor-) Pubertär und muss sich abgrenzen. Ich weiß wie wichtig und richtig das ist, bin aber noch nicht so weit und reagiere oft falsch. Dann ärgere ich mich und wünsche mir, sie wäre noch klein und anhänglich und alles was sie braucht wäre von mir getragen (und nicht gefahren) zu werden.
    Aber ich hatte diese Zeit schon, durfte es genießen, mir wünschen es sei bald vorbei und mich fragen, ob ich alles richtig mache und warum ausgerechnet mein Kind noch immer nicht durchschläft. Wenn ich meine Freundinnen mit kleinen Kindern sehe, sehe ich auch, welche Freiheiten ich wieder habe, wieviel mehr Paar man ist …
    Auch die Frage nach dem richtig machen stelle ich mir nicht mehr (so oft). Denn ich weiß, ich mache vieles, sehr vieles falsch. Irgendwer hätte bestimmt was zu meckern.
    Und eines lernt man sehr schnell mit Kindern: es wird nicht besser, es wird nur anders.

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