Man könnte ein Buch lesen

Man könnte ja ein Buch lesen.

Meine Güte, es ist so ruhig hier, man könnte wirklich glatt ein Buch lesen!

Okay, es ist nicht ruhig im Sinne von still, aber ich habe meine Ruhe und das schon seit einigen Minuten. Es sieht auch nicht so aus, als würde ich in den nächsten Minuten gebraucht werden. Ich sollte wirklich ein Buch lesen.

Aber was mache ICH? Ich sitze bloß hier rum. Schon ziemlich lange jetzt. Ich denke, ich hole mir jetzt echt mal ein Buch, ich kann schließlich die Zeit nicht so vertrödeln.

Habe ich gerade „Zeit vertrödeln“ gesagt? Ich wußte ja gar nicht, dass diese Wörter noch in meinem Wortschatz vorhanden sind. Na gut, das stimmt nicht ganz, ich benutze sie eigentlich häufiger, aber nur in Bezug auf meine Kinder und mit dem Ziel, dass sie gerade das nicht tun sollen. Wisst Ihr eigentlich, wie lange Kinder brauchen können, um sich die Schuhe und die Jacken anzuziehen? Oder wie lange sie für den Weg zwischen dem Wohnzimmer und dem Esszimmer brauchen, wenn ich dort mit dem Essen warte? Meine Güte, die können Zeit vertrödeln!

Ja, die können das, aber ICH?! Ich glaube, das letzte Mal, dass ich Zeit vertrödelt habe, war, als ich mit dem Maxi schwanger war und in den letzten Wochen vor der Geburt im Mutterschutz zu Hause saß. Da saß ich manchmal stundenlang auf dem Sofa und habe in den Garten geguckt. Gab ja nichts zu tun. Verdammt, ist das lange her!

Seit ich Kinder habe, habe ich eigentlich immer etwas zu tun. Immer! Und nie reicht die Zeit. Schnell, schnell belädt man zwischendurch mal die Waschmaschine, aber oft vergesse ich dann, sie auch einzuschalten, weil nämlich plötzlich irgendein Kind brüllt: „Mamaaa, Popo abwischen!“ oder etwas anderes, wichtigeres als die Wäsche. Am nächsten Morgen heißt es dann: „Wo ist mein Batman-Wendeshirt?!“- „Oh, Mist, das ist noch in der Wäsche. Mache ich heute.“ Dabei weiß ich in dem Moment schon, dass heute ja Hockey ist und wir erst spät nach Hause kommen. Danach müssen wir kurz zum Optiker, weil die Brille so locker sitzt und dann haben auch schon alle Hunger. Essen, Schlafanzug anziehen, Zähne putzen, Vorlesen, vorlesen und noch mehr Vorlesen und zack! Ist der Tag um. Oh, und ich darf auf keinen Fall vergessen, den Zettel für die Waldtage der Kita noch auszudrucken und auszufüllen und die Rechnung für den Kinderarzt zu bezahlen und…da war noch irgendwas… ach, ich vergesse irgendetwas, aber ich weiß nicht, was es ist…!

Dabei lese ich ja so gerne. Und ich lese auch eigentlich immer irgendetwas. Abends, bevor ich einschlafe, lese ich immer noch ein bißchen im Bett. Da ich aber, sobald ich liege, eigentlich auch schon so gut wie eingeschlafen bin, schaffe ich meistens nur so 3-5 Seiten. Für ein durchschnittlich dickes Buch brauche ich auf diese Weise Monate! Auf Twitter gibt es immer so Challenges. #50bookschallenges oder so, und wisst Ihr was? Die meinen damit nicht, dass man 50 Pixibücher an einem Tag vorlesen muss, oder dass man 50 Bücher gelesen haben soll, bis das jüngste Kind 10 Jahre alt ist oder so. Die meinen 50 Bücher in einem Jahr! In einem einzigen Jahr! Das geht doch gar nicht! Jedenfalls nicht, wenn man kleine Kinder hat, oder?

Jedenfalls bin ich Ruhephasen mitten am Tag nicht mehr gewohnt! Hier ist eigentlich immer Geschrei. Alle brüllen durcheinander, die Kinder rennen die Treppe rauf und runter, toben durchs Wohnzimmer und ich betreibe den ganzen Tag Schadensbegrenzung. Und wenn mal kurz Ruhe ist, dann reicht das gerade für einen Espresso, vielleicht für einen Cappuccino, aber auf keinen Fall fürs Lesen. Obwohl, die Headlines in der Tageszeitung, die ich aus Nostalgiegründen immernoch abonniert habe, die scanne ich manchmal nachmittags bei einem Kaffee. Aber ein Buch? Da für braucht man Ruhe. Musse! Das geht tagsüber nicht.

Ging nicht, muss ich wohl sagen, denn die Jungs sind immernoch mit sich selbst beschäftigt. Ich hätte jetzt schon auf Seite 20 sein können, hätte ich mir ein Buch zur Hand genommen. Aber ich sitze hier ja nur rum.

Diese neuen Phasen treffen einen aber auch immer so unvorbereitet. Woher soll man wissen, dass man irgendwann wieder am helllichten Tag Bücher lesen kann? Kaum hat man sich daran gewöhnt, dass man immer im Dienst ist, dass man den halben Nachmittag Freunde Bücher ausfüllen muss, Pflaster aufkleben, Streit schlichten, Fernsehen verbieten oder beim Einkleben von Fußballbildern helfen muss, kaum hat man also resigniert alle eigenen Bedürfnisse beiseite geschoben, da fangen sie plötzlich an, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

„Mamaaaa, der Maxi hat die Ritterburg kaputtgemacht!“

Ah! Ein Glück! Die Playmobil Ritterburg zusammenbauen ist mein Spezialgebiet. Ich gehe dann mal.

Aber nächstes Mal nehme ich mir vielleicht ein Buch.

Eure Halima

9 Kommentare

  1. Patrizia

    Sehr gelungen!
    Auch ich entdecke langsam wieder ungewohnte Freiräume. Herrlich!

  2. Jungsmama

    Oh, was habe ich beim Lesen geschmunzelt 🙂 Denn genuso ungläubig habe ich in den Weihnachtsferien auf dem Sofa gesessen. Und bin seit dem das Lesen außerhalb des Bettes tatsächlich wieder angefangen. Aber bis zu den 50 Büchern im Jahr ist es noch ein sehr weiter Weg!

  3. Schöner Beitrag! Prima, der Winter ist vorbei – der Frühling beginnt und mit ihm eine neue Phase 🙂

  4. Das klingt nach einer tollen Aussicht! Meine beiden Jungs sind etwas jünger als Deine…aber vielleicht in einem Jahr wirklich mal wieder TAGSÜBER ein Buch lesen…wie herrlich! Sehr schön geschrieben!
    Liebe Grüße

  5. Schön geschrieben! Ja genau so läuft das, wir haben hier auch so einen Flohzirkus zu Hause. Langeweile kommt nie auf.

  6. Wirklich schön geschrieben!
    Und es ist ja immer so bei neuen Freiräumen: man muss erstmal eine Weile ungläubig und leeren Blickes vor sich hin starren und darauf warten, dass man doch noch gebraucht wird, bis man sich umgestellt hat (ich denke an selbstständig essen, unbegleitet einschlafen, Mittagsschlafstop mit viel früherer Abendschlafzeit, erstes selbstständiges Spiel etc pp.). Die Kunst ist dann auch, das auszuhalten und sich nicht aufzudrängen, und das hat ja offensichtlich bei dir auch super geklappt.
    Und wie sagt man immer: Kinder brauchen Langeweile? Eltern vielleicht auch ab und zu.

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