Du störst ein bißchen, Mama: Auszug aus dem Elternbett

Ich höre Schritte. Sofort sitze ich kerzengerade im Bett. Da geht das Licht im Flur an. Jemand schleicht sich die Treppe hinunter. Wie der Blitz springe ich aus dem Bett und husche in den Flur. Mist, zu spät! Ich sehe gerade noch, wie die Tür zum Badezimmer geschlossen wird.

Leise klopfe ich an die Tür: „Maxi, bist Du das?“

„Ja, Mama.“

„Alles gut?“

„Jahaa. Aber ich will noch weiterschlafen.“

Das ist gut! Das ist sehr gut! So eine gute Chance hatte ich lange nicht mehr.

„Dann komm doch zu uns ins Bett“, säusele ich und lausche gespannt auf die Antwort.

Es ist nämlich so: Was das Schlafen angeht, habe ich ein paar Fehler gemacht. Ich habe den Kindern die schönsten Kinderzimmer mit den gemütlichsten Betten hergerichtet und als sie entschieden haben, dass sie nun alleine in diesen Zimmern schlafen wollen, da habe ich das erlaubt. Und jetzt habe ich natürlich den Salat!

In den Weihnachtsferien hörte ich die beiden morgens die Treppe hinunter „schleichen“. Nach dem Aufwachen gingen sie immer  ins Wohnzimmer, um mit ihren Weihnachtsgeschenken zu spielen.  „Kommt Ihr einmal kurz zu uns? Einmal Guten Morgen sagen?“ rief ich ihnen zu. Der Mini bewegte sich schon auf unser Schlafzimmer zu, da raunt ihm der Maxi zu: „Nicht! Dann wollen die wieder kuscheln und dann kommen wir nie zum Spielen!“

Ich nehme an, sie haben irgendwo gehört, dass man Eltern nicht verwöhnen darf. Wenn sie nur kurz guten Morgen sagen, so wohl die Befürchtung, klammern sich die Eltern an ihnen fest und dann kommen sie nicht nur nicht zum spielen, sondern man kann mit so einem Eltern am Bein ja auch sonst keinen normalen Alltag mehr führen. Wenn es ganz schlimm kommt, gewöhnt man die Eltern daran und dann wollen sie einen jede Nacht im Elternbett haben. Deswegen hatten sie wohl beschlossen, mich einfach rufen zu lassen, in der Hoffnung, ich würde irgendwann schon von alleine wieder damit aufhören.

Ich hörte aber nicht auf und rief vom Bett aus weiter nach meinen Söhnen. Die beiden kamen kurz rein und der Mini war so lieb und drückte mir einen nassen Kuss auf die Wange, aber dann verschwanden sie wieder. Am nächsten Morgen rief ich wieder nach ihnen. Erst nach zwei Minuten kam der Mini zu mir, tätschelte aber nur kurz meinen Fuß- der Maxi kam gar nicht mehr rein. Am dritten Morgen musste ich vier Minuten lang nach ihnen rufen und am vierten Morgen rief ich unglaublich lange sechs Minuten erfolglos nach meinen Söhnen, bis mir klar wurde, dass die längst im Wohnzimmer verschwunden waren.

Foto: Johannkraemer.com

Ich kam mir unfair behandelt vor. Vier Jahre lang hatte der Mini jede Nacht in unserem Bett geschlafen. Alle hatten mir prophezeit, dass das sicher bis zu seinem 17. Lebensjahr so weitergehen würde und ich hatte mich darauf gefreut. Und nun ist er einfach abgehauen, genau wie sein Bruder, obwohl ich immer sehr lieb zu ihnen gewesen war.

Dem Mann ging es nicht viel besser als mir. Wir beide vermissten die Kinder sehr in unserem Bett. In unserer Verzweiflung brachten wir uns einen Fernseher im Schlafzimmer an. Manchmal ließen wir ihn die ganze Nacht laufen, um die Stille zu füllen und morgens schalteten wir ihn über eine Zeitschaltuhr bereits um 5:30 ein, aber es war nicht dasselbe. Wir fühlten uns seltsam ausgeschlafen, unzufrieden, nutzlos, verwirrt.

Eine Weile habe ich versucht, mich einfach in die Betten der Kinder zu legen. Das funktionierte ganz gut; vielleicht auch deshalb, weil ich zu groß und zu schwer bin, so dass sie mich nicht einfach hinauswerfen können. Ich machte mich dann auch extra klein, um möglichst wenig zu stören. Manchmal ließen sie mich dann dort liegen, bis sie eingeschlafen waren. Bis neulich. Da hörte der Mini  vorm Einschlafen noch eine CD. „Du kannst gehen, wenn Du willst,“ sagte er zu mir. Ich blieb. „Du kannst wirklich jederzeit gehen“, wiederholte er und sah mich aufmunternd an. Ich blieb. Nach ein paar Minuten sagte er vorsichtig: „Du stört auch ein bißchen, Mama.“  Da ging ich und sah endlich ein, dass meine Kinder jetzt in ihren eigenen Betten schlafen. Allein.

Aber manchmal hat man Glück: „Also was ist?“ fragte ich den Maxi durch die Badezimmertür. „Möchtest Du zu uns ins Bett kommen?“

„Darf ich da auf dem iPad Netflix gucken?“

„Aber natürlich!“

„Und einen Kakao?“

„Ja, klar!“

Sie sind clever. Und verdammt groß geworden.

Eure Halima

 

MerkenMerken

MerkenMerken

21 Kommentare

  1. Liebe Halima,
    bis eben war ich stiller Mitleser, habe mich in vielen Blogeinträgen, gerade als Dein Mini kleiner war, wieder gefunden. Unser Zwerg ist 18Monate, schläft bei uns im erweiterten Elternbett und wird zur Zeit alle 1,5 – 3h wach und braucht dann neue Einschlafbegleitung. Wir gehen beide voll arbeiten und ich hangel mich von Nacht zu Nacht und frage mich, wann das enden wird oder on ich im Büro demnächst über die Augenringe stolpere??
    Aber nun … habe ich Angst …
    Ich beschließe, die Zeit wieder mehr zu genießen, schlafen kann man ja wohl später …

    Vielen Dank für den Eintrag und alles Liebe
    Jule

    • Genau so war es bei uns auch. Der Mini hat uns echt eine harte Zeit beschert, ich hätte wirklich ständig vor lauter Müdigkeit in Tränen ausbrechen können. Aber Du siehst: Es gibt Hoffnung 🙂 Bis dahin: Geniessen 🙂 LG

  2. Hach Mia,
    hier wird nachts noch gekuschelt und wir genießen das, wenn wir vor Unruhe nicht gerade getreten werden.
    Bald zieht unser Krümel hier ein. Ein letztes Mal die Baby Zeit genießen…unglaublich dass der Mini und der Käfer schon 4 sind, die Zeit fliegt einfach davon.
    Liebe Grüße ❤️

    • Geniess es! In vollen Zügen! Und ja, wirklich unglaublich, dass die Große schon 4 ist; ich weiß noch, wie Du mir damals zum ersten Mal schriebst, als sie noch klitzeklein war. Herzliche Grüße <3

  3. Jungsmama

    Dem 4jährigen haben wir gerade mit einer kleinen Belohnung davon „überzeugt“, nicht mehr jede Nacht in unser Bett zum kommen (und schlafraubend wild um sich zu treten). Und dass, obwohl er ein paar Tage vorher noch erklärt hat, dass er da gar nichts für kann, da nachst immer ein Zauberer zu ihm kommen würde, der ihn von seinem in unser Bett zaubert 🙂 Seine gelegentlichen nächtlichen Besuche kann ich nun genießen!

    Und als der 6jährige Anfang der Woche nachts nach Ewigkeiten mal wieder vor meinem Bett stand, war ich schon dabei, ihn wieder wegschicken, da ich einen wirklich wichtigen beruflichen Termin am nächsten Morgen hatte (vielleicht den Wichtigsten des Jahres), habe mir dann aber gedacht „Nee, der kommt dann nie wieder“ und ihn quasi zurückgerufen und mich an ihn gekuschelt…

  4. Unser 7 jähriger kommt immernoch jede Nacht. Er schläft sowieso auch eher schlecht ein am Abend, weil er immer noch ganz viel grübeln muss… („Mama, im großen Bett riecht es nach dir, und das vertreibt die schlechten Gedanken!“), dafür kommt der Kleine recht selten und eher mal gegen Morgen zum Aufwachkuscheln. Also die Besuche vom Großen genießen!! Leider merke ich es ganz oft gar nicht, weil er so geschickt zwischen uns schlüpft, dass wir gar nicht aufwachen 🙂

  5. Kuddelmuddelmum

    Wie schön du schreibst! Ich muss immer wieder mindestens ein Tränchen vergießen, wenn ich deine Texte lese. Du bist eine tolle Mutter. Kinder werden sooo schnell groß, deshalb geh ich dann mal meine schlaflosen Nächte genießen, habe mich auch schon so ziemlich daran gewöhnt =)

  6. Hihi. Bin sonst hin und wieder mal still hier, aber jetzt hab ich mal Hoffnung für Dich:

    Wenn sie älter werden, gehts wieder. Manchmal.
    Meine Mädchen sind jetzt 8 und 11 und je nach Situation (OK, der Weihnachtsmorgen gehört eher nicht dazu) kann man mit ihnen jetzt viel besser kuscheln. Weil: sie zappeln nicht mehr so und man kann sich dabei mit ihnen RICHTIG unterhalten! Ha. Mit der Kleinen geht das sogar nachts, falls mal wieder ein Tiger in ihren Träumen auftaucht und sie Mamalöwenschutz dagegen braucht. Da muss man richtig aufpassen, dass das mit dem Wiedereinschlafen klappt!

    Übrigens habe ich mir angewöhnt, mich zum Wecken in der Schulzeit (!) jeden morgen vor dem Frühstück 7 Minuten mit Eieruhr bei jedem Kind zum Wachkuscheln ins Bett zu legen, erst bei der Großen, dann bei der Kleinen. Das finden wir alle ganz prima! Und ich kommte zu schlafwarmen, unzappeligen, gemütlichen Kindern. JEDEN Morgen! Nur am Wochenende… naja. Da freu ich mich kuscheltechnisch dann doch öfter mal auf den Montag. Obwohl wir ja alle wissen, wie schön Ferien sind, nicht wahr? 😉

    Liebe Grüße,
    Juliane

    • Oh, das klingt schön! Und YEAH! Es gibt in jeder Phase Licht am Ende des Tunnels 😉 Danke für diesen Kommentar <3

  7. Beim Lesen hab‘ ich mich weg geschmissen vor Lachen! Ich wünschte, Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth von“Jedes Kind kann schlafen lernen“ würden diesen Text lesen. Vielleicht sollten sie den Titel des Buches ändern: „Jede Mutter kann schlafen lernen“
    Ich darf zum bis jetzt zum Glück noch kuscheln kommen zu meinem 5-jährigen (und auch zur 10-jährigen)

    • Dankeschön, und weißt Du was? Ich habe beim Schreiben auch meinen Spaß gehabt und vor mich hin gekichert 😀

  8. Alexandra

    Hallo!
    Ich lese seit ein paar Jahren gerne von dir und deiner Familie und bin oft aber nicht immer deiner Meinung das ist ja auch nicht nötig oder erstrebenswert – ganz im Gegenteil sogar oft inspirierend im Sinne von sinnvoll mal darüber nachzudenken. Ab und zu äußerst du dich zu dem Buch „jedes Kind kann schlafen lernen“. Deine Meinung dazu sei dir gegönnt.
    Allerdings finde ich die Be- und Verurteilung die da mitschwingt nicht okay.
    Ich ärgere mich sogar darüber, denn wir haben gute Erfahrungen damit gemacht.

    • Man kann natürlich nicht immer einer Meinung sein, das möchte ich auch gar nicht, dass mir meine Leser immer nur Beifall spendieren. Je mehr Austausch, umso besser finde ich. Deswegen erstmal Danke für Deinen kritischen Kommentar und Danke, dass Du nicht beim ersten Post, der nicht Deine Meinung wiederspiegelt nie wieder vorbei gekommen bist 🙂 Das finde ich wirklich toll.
      Auch Dir sei Deine Meinung gegönnt, aber zu diesem Buch ist das bei mir mehr als nur eine Meinung, mehr als ein persönliches Gefühl. Wir wissen heute, dass diese Methode schadet. Wir wissen, was das Schreien Lassen bei Babys auslöst, wir wissen, wie wichtig die prompte Bedürfnisbefriedigung für die Resilienz ist und deswegen geht es mir dabei nicht nur um das Gefühl, ein armes Baby nicht weinend ertragen zu können, sondern ich lehne die Methode ab, weil ich überzeugt davon bin, dass sie dem Kind schadet. Dass sie andererseits funktioniert stelle ich gar nicht in Frage. LG

  9. Einfach wunderbar dieser Perspektivwechsel. Ich erinnere mich noch gut als die kleine Lady beschloss zum ersten Mal in ihrem eigenen Zimmer zu schlafen. Ich war stolz wie nur was. Den ganzen Familienbett-Kritikern hatten wir es gezeigt. Sie war so weit. Von heute auf morgen. Doch ich nicht! Denn nach dem ersten Höhenflug von Mutterstolz kam der Abschiedsschmerz. Trotz der kleinen Maid, die natürlich noch bei uns lag, war das Zimmer plötzlich so leer geworden. Ich hatte doch gar keine Abschiedsnacht. Wie würde das erst werden, wenn die Kinder eines Tages ausziehen? Inzwischen schläft sie mal bei uns mal in ihrem Zimmer. Puh! Aber man weiß ja nie wann wirklich das letzte Mal ist…

  10. Hey,
    Ja es ist so schönste groß werden zu sehen und dann ist alles doch zu schnell vorbei.
    Der Große mag im Radius von 500m ab dem Schultor nicht mehr Händchenhaltend mit der Mama gesehen werden, die Kleine (3,5) schmeißt mich auch nach 5min Kuscheln abends aus dem Bett , Mama du kannst jetzt gehen…
    Ich wünsche dir noch viele Kuschelrunden mit den beiden tollen Jungs!

  11. Liebe Halima,
    nun, ich denke, Deine Kinder haben Dich einfach zu sehr verwöhnt! Hätten sie dich mal direkt alleine schlafen lassen, dann wäre es nie so weit gekommen! Auch Eltern brauchen Grenzen!

    Im Ernst: ein ganz wunderbarer Artikel, vielen Dank!

  12. Du rettest meinen Tag! Das war der Artikel den ich nach 1.5 Jahren wilden Familienbettes brauchte 🙂
    Ich hab deinen Blog gerade gefunden und freue mich auf das Durchstöbern.

    Viele Grüße aus Frankfurt,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solve : *
33 ⁄ 11 =