Mütter wie wir

Es war schon später Nachmittag und ich saß ganz alleine im Wartezimmer beim Arzt. Lustlos blätterte ich in einer Zeitschrift und sah alle paar Sekunden auf die Uhr, die dort an der Wand hing. Normalerweise beobachte ich gerne die anderen Patienten im Wartezimmer. Andere Menschen finde ich viel interessanter als Klatsch und Tratsch aus europäischen Königshäusern, aber leider war ich wohl die letzte Patientin an diesem Tag.

Da ging die Tür auf und ich dachte schon, das Warten hätte ein Ende, aber es war nicht die Sprechstundenhilfe, sondern eine alte Frau, die sich langsam durch den Raum an die andere Seite des Wartezimmers bewegte.

Ich blickte kurz auf, dann sah ich wieder in meine Zeitschrift. Doch, ich beobachte gerne andere Menschen, aber nicht alle interessieren mich gleichermaßen.

Kleine Kinder sind immer toll zu beobachten. Sie zaubern mir ein Lächeln auf die Lippen und sofort vermisse ich meine eigenen beiden und freue mich auf sie. Frauen in meinem Alter schaue ich mir gerne an; manchmal inspiriert mich ihr Style- ein besonderer Nagellack, tolle Schuhe oder eine interessante Frisur. Männer beobachte ich gerne, weil , naja, ich mag halt Männer. Aber Frauen über 80?

Bei dieser alten Frau gab es für mich auf den ersten Blick nichts zu gucken. Äußerlich war sie keine Inspirationsquelle und weil sie schon so viel älter war als ich, gab es da keine Verbindung, nichts, was mich neugierig machte. Mein Unterbewusstsein  ordnete die alte Frau als so weit weg von mir und meiner Art zu leben ein, dass sie mich nicht tangierte. Sie war für mich fast unsichtbar.

Die alte Frau war inzwischen ganz langsam durch das Zimmer gegangen und als sie sich auf einen Stuhl schräg gegenüber von meinem setzte, hob ich noch einmal den Blick.

Da sah ich es. Und plötzlich war sie mir ganz nah.

Ich sah ihren Bauch, der sich unter dem ziemlich engen T-Shirt abzeichnete und in dem Moment, in dem sie sich nach vorne beugte um sich zu setzen, fiel er richtig nach vorne. Das war ein sehr ausgeleierter Bauch, das stach mir ins Auge und wie ein Blitz durchfuhr mich der Gedanke: Sie ist eine Mutter! Wie ich!

Ob sie viele Kinder hat, fragte ich mich und plötzlich fand ich diese alte Frau viel spannender, als jeden Mann, der mir dort hätte begegnen können. Wo sind ihre Kinder jetzt? Wohnen sie weit weg? Hat sie Enkel? Warum kann sie niemand zum Arzt begleiten?

Vielleicht sitzt sie den ganzen Tag alleine in ihrer Wohnung und weiß nicht viel von der Welt, in der ich lebe. Bestimmt kann sie nicht mit einem Smartphone umgehen und einen Facebookaccount hat sie auch nicht, aber da, wo es darauf ankommt, sind sich unsere Welten ganz nah: Wir sind Mütter.

Wie hatte ich bloß denken können, wir hätten nichts gemeinsam? Wir haben vermutlich sehr vieles gemeinsam,  zwischen unseren ganz ähnlichen Erfahrungen und Gefühlen als Mütter liegen nur viele, viele Jahre. Ich dachte an meine Großeltern und in diesem Moment vermisste ich sie auf eine ganz neue Weise: Sie haben nicht mehr erlebt, dass ich Kinder bekommen habe, aber ich glaube, es wäre schön gewesen, wenn ich damals schon diese Seite an ihnen gesehen hätte.

Meine Oma und ich an meiner Erstkommunion 1988

Meine Oma und ich an meiner Erstkommunion 1988

Ich überlegte, ob ich die alte Frau einfach ansprechen sollte: „Haben sie Kinder?“, aber da wurde ich aufgerufen und die alte Frau blieb alleine im Wartezimmer sitzen.

Ich glaube, sie hätte sich gefreut.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Liebe Mia,
    das ist eine interessante Vorgehensweise, die du da praktizierst – ich mach das nämlich genau andersrum: Grad Menschen, mit denen ich augenscheinlich erst mal nix gemein hab, versuche ich Kontakt aufzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, auf andere Blickwinkel, andere Sichtweisen der Welt, andere Prioritäten und Mentalitäten zu stoßen ist schlicht am Größten. Und meine Neugierde darauf ist nach wie vor ungebrochen. 😉

    Liebe Grüße aus dem Norden,
    Steffen

  2. Liebe Mia, du hast mich zum nachdenken angeregt. Ich habe Respekt vor alten Menschen und sie haben schon so viel erlebt über das sie erzählen können. Als Jugendliche haben mich steht Geschichten genervt, die mein Opa erzählte. Was interessiert mich früher?
    Heute denke ich, dass ich viel öfter hätte zuhören sollen, denn jetzt kann er nicht mehr davon erzählen. Und ich weiß zu wenig, wie er früher gelebt hat und wie es früher war.
    Und noch ein anderer Aspekt kommt mir in den Kopf. Denn dieser Mensch, den du gesehen hast, könnte meine Mutter sein. Sie ist zwar erst 57, aber einsam und körperlich gebrechlich. Und niemanden hat sie, der sie begleiten kann zum Arzt. Sie muss nächste Woche ins Krankenhaus und ihr Hund muss in eine Pension. Sie fährt selbst hin unter Schmerzen. Und tagsüber Ist sie allein. Meine Geschwister sind voll berufstätig und ich habe 2 kleine Kinder und 130 km entfernt. Mir Kommen die Tränen wenn ich daran denke dass diese einsame Frau auch meine Mutter sein könnte und eben nicht über 80, sondern über 50. was denken die anderen Patienten die im Wartezimmer oder Krankenhaus mit ihr zusammen sind?
    Und da kommt es leider wieder: mein schlechtes Gewissen, dass ich eine schlechte Tochter bin.

    Ich danke dir für den Artikel mit dem du mir in gewisser Weise die Augen geöffnet hast dass ich trotz allem was vorgefallen ist, so viel Zeit wie möglich mit meiner Mutter verbringen sollte, damit auch meine Kinder (wie ich es hätte) ein gutes Verhältnis zu ihrer Oma haben.

    Liebe Grüße
    Renate

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