Abschied auf Raten

Ein Wohnzimmer mitten in Deutschland. Rufen. Kreischen. Zanken. „Ich bin dran, Papa, ich bin dran!“

Zwei kleine Jungs hängen am Bein ihres Vaters und streiten darum, wer als nächster auf seinem Rücken Rodeo-Reiten spielen darf. Der Vater lacht, eins der Kinder weint vermutlich gleich, weil es den Ellenbogen des anderen ins Auge bekommen hat oder ähnliches. Es ist so laut und so wild. Es ist mein Wohnzimmer.

Die meisten meiner Blogposts entstehen in Situationen wie diesen. Weiterlesen

Wie man entspannt muttert

Wer mit Kindern lebt, der weiß, dass sie voller Ideen sind, über die man nur staunen kann.

Kaum habe ich mich umgedreht, machen meine Söhne genau das, was sie eigentlich gerade nicht tun sollen. In dem Moment, in dem ich den Raum verlasse, haben sie wohl vergessen, dass sie nicht im Wohnzimmer Fußball spielen sollen. Sie erinnern sich nicht mehr daran, dass  das Sofa keine Hüpfburg ist und sie wissen auch nicht mehr, dass ich Nein zu noch einem Keks gesagt hatte. Weiterlesen

Hallo Glück!

Ich höre Stimmen, viel zu laut. Ich ziehe mir das Kissen über den Kopf, aber die Stimmen werden lauter. Wer redet denn so laut, mitten in der Nacht? Ach, die Kinder natürlich. Jetzt bin ich wach. Irgendein Geräusch kann ich nicht zuordnen, es klingt ein bißchen, als würden sie einen Schrank aus Massivholz zimmern, aber das kann doch nicht… einer schimpft, der andere schreit zurück. Sie streiten, dann fliegt die Tür zum Schlafzimmer auf: Mama, der Maxi hat zu mir A*sch gesagt! Dahinter der große Bruder: Ich habe Hunger, kann ich ein Nutellabrot? Und dürfen wir fernsehen? Sie poltern die Treppe runter. Mama komm doch endlich! Ich schaue auf die Uhr. 7:10 Uhr. Hallo Sonntag! Weiterlesen

Du brauchst mich- und ich brauche Dich!

Zu der Zeit, als mein Kinderwunsch, der immer schon da gewesen war, in mir langsam aber sicher lauter wurde, habe ich oft Mütter mit ihren kleinen Kindern angesehen und gedacht, wie wunderschön es sein muss, so sehr gebraucht zu werden.

Eines Tages, so dachte ich bei mir, möchte ich auch für jemanden der Mensch sein, der alles wieder gut machen kann. Ich werde der Mensch sein, zu dem ein Kind gelaufen kommt, wenn es weint. Ich werde der sichere Hafen sein, an den sich mein Kind ankuschelt, weil es müde ist, weil es Angst hat oder weil es sich verletzt hat. Oder weil es einfach nur im Arm gehalten werden will.

Und der Tag kam, an dem sich diese Sehnsucht erfüllte. Natürlich war ich überglücklich. Ich war verrückt nach meinem Baby, verliebt bis über beide Ohren und ich hielt es, verbrachte Stunden und Tage damit, ein kleines Wunder anzusehen und war durch all die Müdigkeit und die Erschöpfung eine glückliche junge Mutter.

Es dauerte nicht lange, da keimte eine neue Sehnsucht in mir auf: Ach, wäre das schön, wieder ein bißchen mehr Zeit nur für mich zu haben! Nachdem ich noch ein zweites Wunder auf die Welt gebracht hatte, und täglich von früh bis spät und auch in der Nacht gebraucht wurde, wurde mir klar, dass dieses Gebraucht-Werden doch furchtbar anstrengend war.

Mehrere Jahre lang schleppte ich Kinder und deren Zeug durch die Gegend, bis mein Rücken sich anfühlte, als sei ich mindestens 100 Jahre alt. Ich erledigte alles mit einer Hand, und hielt mit der anderen ständig ein Kind auf meiner Hüfte fest. Ich wusch täglich Berge von Wäsche, wickelte, kochte, fütterte, fuhr die Kinder durch die Stadt und kaum war ich abends erschöpft eingeschlafen, wurde ich von einem der Kinder auf 30 Zentimeter Matratze verdrängt, wo ich ein paar Stunden kauerte, bis ich aufstehen und den Kindern ihr Frühstück zubereiten durfte.

Ich beobachtete jetzt nicht mehr die Mütter mit den kleinen Kindern, dafür hatten es mir die Mütter größerer Kinder angetan. Wie unsere Nachbarin alleine das Haus verlässt! Beneidenswert! Eines Tages würde auch ich mich wieder frei bewegen können, eines Tages wenn ich nicht mehr so sehr gebraucht werden würde.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag wachte ich gegen 3:30 Uhr auf. Kein Kind lag neben mir. Ich ging ins Bad und als ich am Kinderzimmer vorbeiging, stand dort die Tür offen. Die Rolläden waren nicht heruntergelassen und das Licht der Straßenlaterne fiel auf die Betten meiner Söhne. Sie waren leer. Die Kinder waren verschwunden und das war gruselig, obwohl ich sie eigenhändig hatte verschwinden lassen.

Der Mann und ich hatten die Jungs schon am Samstagmorgen zu meinen Eltern gebracht, damit wir am Abend auf eine Geburtstagsfeier gehen konnten. Wir fühlten uns irgendwie sehr erwachsen, als wir ohne unsere Söhne nach Hause fuhren. Beim Einkaufen sagte der Mann alle Dinge zu mir, die er sonst zu den Söhnen sagt:
„Du darfst dir schon eine Brezel holen gehen.“
„Bleibst Du bitte bei mir?“
„Du kannst hinter der Kasse warten aber bitte nicht rauslaufen!“
„Vorsichtig, hier fahren Autos!“

Wir lachten und hatten wirklich Spaß dabei, aber es fühlte sich auch merkwürdig an. Als die Jungs plötzlich verschwunden waren, stellten wir fest, wie sehr alle unsere Alltagshandlungen mit den Kindern verbunden sind und auch wenn wir sie in den paar Stunden nicht allzu sehr vermissten, fehlten sie uns doch bei jedem Schritt.

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Als der Mini am nächsten Abend wieder zu Hause neben mir im Bett lag, mit seinen kleinen Fäustchen neben dem Kopf und dem pulsierenden Schnuller in seinem Gesichtchen, da sah ich ihn wieder an, wie ich es im Laufe der letzten Jahre immer seltener getan hatte. Ich sah ihn an, wie ich ihn in seinen ersten Tagen auf dieser Welt angesehen hatte. Ich sah ihn an und freute mich wieder darüber, dass ich so sehr gebraucht werde, auch in der Nacht.

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Bald, dachte ich, wird es immer öfter so sein, dass ich Zeit für mich habe, während meine Söhne irgendwo unterwegs sind, und ihr Leben ohne Mama an der Hand leben. Eines Tages werde ich sehnsüchtig an die Zeit zurück denken, in der sie sich mehrmals täglich an mich kuschelten, weil sie ihre Mama brauchten. Dann werde ich sie mehr aus der Ferne lieben müssen- zurückhaltend, beobachtend, und bestimmt werde ich sie oft vermissen.

Und da wurde mir klar, dass ich meine Kinder in Wahrheit selber mindestens genauso sehr brauche, wie sie mich.

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Elternpubertät

Heute Morgen wachte ich auf und war eine Mutter.

Okay, ich bin seit fast fünf Jahren Mutter, das weiß ich! Ich fange nochmal an:

Heute Morgen wachte ich auf und stellte fest, dass ich eine Mutterrolle habe. Na gut, das ist eigentlich auch nicht neu. Ich hab´s:

Heute Morgen wurde mir klar, dass ich eine ganz bestimmte Sorte Mutter bin.

Ja! So ist das! Nach fünf Jahren als Mutter lässt sich sagen, was für eine Mutter ich eigentlich bin. Die Krux ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mir so gefalle. Ich glaube, ich könnte auch noch zu einer anderen Mutter werden, noch ist es bestimmt nicht zu spät. Aber zu welcher? Hilfe, ich stecke in der Elternpubertät!

Es ist nämlich so: Im ersten Jahr, ist Elternsein einfach. Na klar, da ist der Schlafmangel, die körperliche Anstrengung und die Unsicherheit und all das, aber es gibt auch einen einfachen Leitfaden, an dem man sich orientieren kann: Beziehung aufbauen!

Es geht im ersten Jahr mit Kind hauptsächlich um die Beziehung. Wir stillen und tragen und reagieren auf das Weinen und Schreien unserer Babys mit all unserer Liebe und unserem Einfühlungsvermögen.

Eine ganze Weile bleibt das auch so. Es gibt ja noch nicht so viel zu erziehen. Man sagt vielleicht das erste Mal „Nein“ und gibt sich Mühe, dabei ein ernstes Gesicht zu machen, aber das war´s dann auch schon.

Dann wacht man eines Morgens auf und stellt fest, dass man da in etwas hineingeraten ist: In eine Mutterrolle. Und ich meine eben nicht, dass man dann plötzlich merkt: „Oh, ich bin ja Mutter“; es ist viel schlimmer: „Ich bin eine bestimmte Sorte Mutter!“

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Es passiert schleichend. Anfangs kann man ja noch viel herumprobieren. Wenn das Baby neuerdings schreit, wenn man es im Arm hält, versucht man halt mal den Flieger- Problem gelöst. Je größer die Kinder werden, umso weniger kann man herumprobieren und umso mehr muss man sich festlegen. Einem Fünfjährigen kann man schlecht heute sagen, Fernsehen ist nichts für Kinder, und ihn morgen vor eine Folge Ritter Rost setzen. Also entstehen im Lauf der Jahre Regeln, bis man feststellt: Krass! Das sind also die Spielregeln, die mein Mutter-Ich aufgestellt hat und nach der wir in dieser Familie leben.

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Nun kann man Regeln brechen und ändern, aber aus der bestimmten Mutterrolle kommt man dadurch trotzdem nicht so leicht heraus. Es geht nämlich nicht bloß um ein paar Regeln, sondern um viel mehr:

Im Laufe vieler Kita-Parkplatz-, Pekip- und Spielplatzgespräche kann man sich selber als Mutter irgendwo einordnen. Man hat sich zu den gängigen Erziehungstrends und den großen Erziehungsfragen positioniert: Wollen wir eine religiöse Erziehung? Was halten wir von veganer Ernährung für unsere Kinder? Finden wir (Früh-)Förderung gut? Sport? Musik? Es geht also um ein Gesamtbild.

Dieses Gesamtbild kreist eigentlich nicht so sehr um die Kinder, sondern hat vor allem viel mit mir zu tun. Denn meine Mutterrolle fülle ich als der ganze Mensch aus, der ich bin. Ich bin emotional, aufbrausend, ungeduldig, unordentlich, liebevoll, begeisterungsfähig, perfektionistisch, lustig, kuschelbedürftig, vergesslich. Wie könnte ich als Mutter anders sein?

Anfangs, ja, da geht das. Da reicht man seinem Baby auf der Krabbeldecke lächelnd ein Spielzeug und selbst ich, der ungeduldigste Mensch der Welt, konnte dabei die Welt um mich herum vergessen und stundenlang nichts anderes tun. Das war nicht wirklich typisch ich, das war nur ein klitzekleiner Teil von mir.

Je älter meine Kinder werden, umso mehr werde ich für sie nun nicht mehr nur Mutterfigur, sondern auch ihre Mutter, der Mensch. Dieser Mensch ist unter anderem wenig konsequent, und so werden hier eigentlich keine Grundsätze hochgehalten, sondern immer mehr einfach so gelebt, wie der Mann und ich eben leben möchten. Und genau deswegen frage ich mich plötzlich: Mache ich das eigentlich gut mit den Kindern? Ist alles im Lot? Oder habe ich mir nicht viel zu sehr erlaubt, ich selbst zu sein? Bin ich zu wenig Mutterfigur? Bin ich als Mutter ein gutes Gesamtbild?

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Von Jesper Juul (der schon wieder) und seinen Kollegen haben wir gelernt, dass wir als Eltern authentisch sein sollen. Also glaube ich daran, dass es falsch wäre, mich hinzusetzen und mir ein neues Gesamtkonzept auszudenken, das ich den Kindern ab morgen vorsetze. Ich glaube daran, dass es richtig ist, mich ihnen so zu zeigen, wie ich bin und ihnen im übrigen vor allem meine Werte vorzuleben. Allerdings: Dann werden sie am Ende so wie ich. Und ich bin nicht sicher, ob das das Beste ist, was aus ihnen werden kann.

Ich sagte ja, es fühlt sich ein bißchen an wie Pubertät. Elternpubertät. Hoffentlich auch nur so eine Phase!

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