Das gäb´s ja bei mir nicht? Von Konsequenz in der Kindererziehung

Die besten Erziehungstipps kommen ja immer von Menschen, die keine Kinder haben. Prägnant und klar fassen sie die Grundregeln der Kindererziehung in so einfache Worte, man fühlt sich da immer schnell gedemütigt, weil man selber so wenig Ahnung hat.

Ich habe das große Glück, einen dieser Menschen zur Kollegin zu haben und will ihr Wissen gerne mit Euch teilen.

Den Ausführungen meiner Kollegin zu Folge liegt das Problem vor allem bei den Eltern. Denen fehlt es nämlich an Konsequenz in der Kindererziehung. Ganz schlimm sei das heute mit den Eltern, meint sie. Sie hat das nämlich schon mehrfach im Supermarkt beobachtet, deswegen weiß sie das so genau.

Auch die 25jährige Dame, die mir immer die Nägel macht, hat da schon echt viel erlebt. Die erzählte mir kürzlich von einer Kundin, die ihren dreijährigen Sohn zum Termin mitbrachte und der hätte dann die ganze Zeit rumgeqängelt. „Das gäb´s ja bei mir nicht,“ hat sie kopfschüttelnd gesagt.

Endlich weiß ich, warum meine Söhne manchmal so furchtbar störrisch sind. Dieses ständige Kuscheln, Abknutschen und diese ewigen Liebeserklärungen an meine Söhne, das kann ja zu nichts führen. Zum Glück gibt es Menschen mit ungetrübtem Blick von außen, die einem die Augen öffnen.

Konsequenz! Dass ich da nicht von alleine drauf gekommen bin!

Ein paar Mal habe ich ja bereits versucht, konsequent zu sein. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn die Kinder auf dem Sofa herumhüpfen, aber sie machen es trotzdem immer. Eine Zeitlang habe ich dann jedes Mal geschimpft, aber gebracht hat es eigentlich nichts. Meistens endete mein Rügen damit, dass die Jungs und ich uns auf dem Sofa gegenseitig durchkitzelten. Ich hatte aber eigentlich nicht das Gefühl, dass das erzieherisch gesehen ein Moment des Versagens gewesen ist.

Konsequenz in der kindererziehung

Von außen betrachtet und für Menschen, die ohne Kinder leben, mag es manchmal nicht klar sein, wie man seinem zeternden Kind auch noch gut zureden kann. „Das gäb´s bei mir nicht!“- vielleicht habe ich so etwas früher auch mal gedacht.  Aber das brüllende Kind im Supermarkt hat vielleicht einen langen Kita-Tag hinter sich und möchte nach Hause, statt dessen muss es einen langweiligen Einkauf hinter sich bringen. Das quängelnde Kind im Nagelstudio möchte einfach nur mit seiner Mama spielen, aber die hat schon den ganzen Tag andere Termine. Mama weiß das und sie weiß, dass lautstarkes Schimpfen gerade mal so gar nichts bringt. Ihr liebevolles Trösten entspricht ihrer liebevollen Beziehung, das IST konsequent.

Manchmal kann man auch einfach nicht so konsequent sein, wie es andere von uns erwarten. Wenn ich einen anstrengenden Tag im Büro hatte und mich erstmal an meiner Kaffeetasse festhalten muss, während ich mit einer Freundin quatsche, dann lasse ich zu, dass die Kinder sich wie die Räuber aufführen. Solange keiner verletzt wird, blende ich alles aus. Geht manchmal nicht anders. Aber ich kann mir vorstellen, wie andere Menschen vor lauter „Das-gäb´s-bei-mir-nicht“ nahezu platzen.

Ehrlich gesagt habe ich mir meine Kinder früher auch anders ausgemalt, als sie heute manchmal sind. Und ich habe auch gedacht, dass man sie nur „erziehen“ muss, dann werden sie logischerweise zu gut erzogenen Kindern. Heute ist mein Glaube an Erziehung stark erschüttert. Die Kinder sind, wie sie sind. Ich lenke sie ein winziges bißchen hier und da, aber der Hauptbestandteil der sogenannten Erziehung liegt darin, dass ich mit den Kindern lebe, so wie ich bin. Und ich bin übrigens so inkonsequent, dass ich mir manchmal inkonsequenterweise vornehme, konsequent zu sein und dann fehlt mir wieder die Konsequenz dazu.

Wir sind hier eine Knutsch- und Kuschelfamilie. Wir sagen uns ständig, wie lieb wir uns haben und wie süß wir uns finden. Wenn meine Söhne auf dem Sofa herumhüpfen, obwohl sie wissen, dass ich das nicht möchte, und sie dabei aber so herrlich lachen, dann muss ich einfach zu ihnen sagen, dass sie die süßesten Rabauken der Welt sind, anstatt zu brüllen „Das habe ich verboten! Geht in Euer Zimmer!“ Mit Konsequenz hat das nichts zu tun, aber die wäre in dem Fall auch nicht authentisch.

Und genau das ist der Punkt: Es gibt ein paar Dinge, die sind wirklich verboten. Im Wohnzimmer steht eine Lampe, die darf auf keinen Fall kaputt gehen und deshalb darf kein Kind sie anfassen. Das habe ich, weil es mir wichtig ist, immer so konsequent verboten, dass ich den Eindruck habe, die Kinder nehmen diese Lampe gar nicht mehr wahr. Zähneputzen mag vor allem der Mini gar nicht. Trotzdem muss er da jeden Abend durch, das geht nicht anders. Und der Maxi darf mit seinem Fahrrad immer nur so weit fahren, wie ich ihn noch sehen kann, bevor er um eine Ecke biegt, muss er anhalten und auf mich warten.

Solche Regeln sind bei mir nicht verhandelbar. In allen anderen Fällen finde ich „Konsequenz“ ehrlich gesagt ziemlich sinnlos. Und abgesehen davon ist vor allem der Mini noch viel zu klein, um einen nennenswerten Lerneffekt aus „Konsequenz“ zu ziehen.

Von Jesper Juul liest man immer wieder Sätze wie den, dass es darauf ankommt, wie wir mit unseren Kindern umgehen, und wie sie uns im Umgang miteinander und mit anderen Menschen erleben. Solche Sätze klingen so einfach wie die meiner Kollegin, aber sie sind viel einleuchtender. Ich glaube daran, dass ein Kind, das seinen Eltern vertrauen darf und das eine liebevolle Beziehung zu ihnen hat, zu einem netten Menschen wird, der die vorgelebten Werte in sich trägt und diese auch entfaltet. Zu einem gegebenen Zeitpunkt halt. Ein Kind, dessen Willen ständig von seinen Eltern gebrochen wird, und das nur, weil sie finden, man muss seinen Teller leer essen, beim Essen stillsitzen oder immer seine Jacke aufhängen hat dann weniger schöne Dinge, die es an seine Mitmenschen weitergeben kann.

Mir gefällt es, dass meine Kinder einen eigenen Willen haben und wissen, wie sie ihn durchsetzen. Und es gefällt mir, dass sie irgendjemand zu so freundlichen Menschen erzogen haben muss, dass sie ihrer Mutter ihre dummen Ideen immer wieder verzeihen. Wenn ich mir manchmal vornehme, konsequent zu sein und plötzlich neue Regeln aufstelle, an die ich mich selbst nie halte, dann schauen sie mich mitleidig an und hüpfen weiter auf dem Sofa herum, aber sie schimpfen nie mit mir. Und ich? Ich kitzele sie dann umgehend durch und knutsche sie ausgiebig ab. Ja, immer.

Meine Kollegin wäre stolz auf mich!

Mamablog Mama Mia

 

 

Ich will nicht in die Kita oder: Müssen wir konsequent sein?

Heute morgen um 8:20 Uhr hat mein Sohn gut gelaunt mit seinem Vater das Haus verlassen. Um 8:41 Uhr erhielt ich von meinem Mann folgende SMS:

„Super, M. ist total hysterisch, er schreit und will nach Hause. So habe ich ihn noch nicht erlebt- vollkommen paralysiert. Keine Lust auf Kita…“

Ich schrieb sofort zurück: „Dann bring ihn mir wieder nach Hause.“

Etwa 15 Minuten später rief mein Mann an. Die Lieblingserzieherin meines Sohnes hätte ihn schließlich beruhigt, alles gut.

Ich fand überhaupt nichts gut. Am Telefon begann ich eine Diskussion mit meinem Mann darüber, ob es in Ordnung war, den Sohn gegen seinen Willen in der Kita zu lassen, oder ob es besser gewesen wäre, ihn wieder nach Hause zu bringen. Leider hatte mein Mann um 9:00 Uhr den ersten Termin und wir mussten die Diskussion abbrechen. Ich sitze also alleine mit meinen Gedanken zu Hause und habe das Gefühl, mein Sohn müsste jetzt bei mir sein.

Die große Überschrift über Situationen wie diese lautet ja: Konsequenz! Mein Mann und ich haben oft das Gefühl, wir müssten konsequenter in der Kindererziehung sein und sind schließlich selbst in dieser Überzeugung nicht konsequent, denn wir fragen uns immer wieder, ob Konsequenz denn eigentlich so wichtig ist.

Ich denke, man muss zwei Arten von Konsequenz unterscheiden:

Auf der einen Seite steht die Konsequenz hinsichtlich der Werte, die man seinem Kind vermitteln will. Ich kann meinem Sohn z.B. nicht predigen, dass ich gemeinsame Familienmahlzeiten wichtig finde und möchte, dass er mit uns am Tisch sitzen bleibt, aber dann selber jedesmal wenn das Telefon klingelt jedesmal für eine halbe Stunde verschwinden.

Konsequenz macht auch da Sinn, wo ich zuvor eine Ansage gemacht habe. Damit sich meine Kinder auf mein Wort verlassen können, muss ich mich auch an die Parolen halten, die ich selber ausgegeben habe.

Beide Arten von Konsequenz beinhalten, dass ich meinen Kindern etwas vorlebe, und sie durch mein Vorbild erziehe.

Konsequenz um der Konsequenz willen lehne ich ab.

So eine „wir müssen um jeden Preis konsequent sein sonst tanzt er uns auf der Nase rum“ Situation war das meiner Meinung nach heute morgen in der Kita.

Warum soll mein Sohn nicht auch mal entscheiden dürfen, dass er zu Hause bleiben möchte? Gestern hatte er das auch entschieden und wir haben es erlaubt. Heute hat er die Entscheidung erst getroffen, als er schon in der Kita angekommen war, aber da wir nicht weit weg von der Kita wohnen, hätte mein Mann ihn problemlos wieder nach Hause bringen können. Außerdem kann ich von meinem 2,5jährigen nicht erwarten, dass er immer schon lange vorher weiß, was er will. Er hat eben erst in der Kita gemerkt, dass er lieber zu Hause geblieben wäre.

Hat er nicht das Recht, zu entscheiden, was er will? Mein Sohn hat längst gemerkt, dass ich im Moment nicht ins Büro gehe und mit seinem Bruder zu Hause bin. Warum soll er nicht auch bei uns bleiben dürfen?

Was hat mein Sohn denn heute gelernt? Dass seine Eltern die Ansagen machen und er sich fügen muss? Dass sein eigener Wille niemanden interessiert? Im Trotzalter, in dem Kinder ihren eigenen Willen entdecken und ihre Grenzen austesten, scheint es mir grundfalsch, ihren Willen zu brechen, indem man sich um jeden Preis konsequent gibt, weil man das aus erzieherischen Gründen für angebracht hält.

Jesper Juul schreibt dazu in seinem Buch „Dein kompetentes Kind“:

„Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Jede Methode ist nicht nur überflüsig, sondern kontraproduktiv, weil sie die Kinder für ihre Nächsten zu Objekten macht.“

Für mich fühlt es sich tatsächlich so an, als wäre mein Sohn heute morgen ein „Erziehungsobjekt“ gewesen. Er wollte nicht in die Kita, und da Mama zu Hause ist, hätte er auch nicht gemusst. Der Wille und die Idee von Konsequenz der Erwachsenen ist ihm aufgedrängt worden, das fühlt sich für mich falsch an. Ich finde es gut, dass mein Sohn sagen kann: Ich möchte das heute nicht!

Wenig später rief die Erzieherin mich an und meinte, mein Sohn wollte mir etwas sagen. Ein zuckersüßes Stimmchen kam durchs Telefon: „Alles gut Mama!“ Das brach mir fast das Herz. Ich fand auch diesen Anruf nicht richtig. Jetzt muss mein Sohn auch noch seine Mutter beruhigen, und somit nochmal artikulieren, dass er sich morgens falsch verhalten hat.

Mir hat der Vorfall von heute morgen vor Augen geführt, dass Konsequenz in der Kindererziehung überbewertet wird. Wäre ich in der Situation dabei gewesen, hätte ich vielleicht genau so gehandelt. Nun aber schaue ich vonaußen auf eine Situation und sehe nur mein verzweifelt weinendes Kind. Mein Mutterherz sagt mir da instinktiv, dass das nicht gut war. Ich möchte meinem Sohn eigene Entscheidungen und einen eigenen Willen zugestehen. Man kann den eigenen Willen nicht immer durchsetzen, aber heute wäre das problemlos möglich gewesen, wenn nicht die Erwachsenen sich verpflichtet gefühlt hätten, konsequent zu sein.

Ich denke, wir Eltern müssen unseren Kindern auf Augenhöhe begegnen, wenn wir wollen, dass aus ihnen selbstbewußte, verantwortungsvolle Erwachsene werden. Auch wenn der Wille der Kinder uns nicht in den Kram passt, müssen wir uns damit auseinandersetzen und ihn nicht mit Macht abbbügeln.

Als Wiedergutmachung könnte ich ja vielleicht heute nachmittag dem üblichen Drängen des Sohnes nach einem zweiten Eis nachgeben. Dann dürfte ich ja auch zwei Eis essen. Das passt zwar nicht zu meinem Plan, mein altes Gewicht wiederzuerlangen, aber den Plan kann ich ja morgen weiterverfolgen. Dann aber ganz konsequent!

So ein Glück, dass ICH das selber entscheiden darf 😉

Eure Mia