Zeugnistag

Ich erinnere mich an eine Nacht vor vielen, vielen Jahren. Ich war in der 10. Klasse und es ging mir gar nicht gut in dieser Nacht, denn am nächsten Morgen sollte es Zeugnisse geben. Ich stand aus dem Bett auf, lief durch das dunkle Haus meiner Eltern und setzte mich ins Wohnzimmer. Dort fand mich meine Mutter. Ich hatte mir aus dem Regal das Erinnerungsalbum genommen, das meine Mutter für jede ihrer Töchter führte und ich blätterte darin herum. „Was machst Du denn hier mitten in der Nacht?“ fragte meine Mutter und ich antwortete verzweifelt: „Ich versuche herauszufinden, an welchem Punkt in meinem Leben alles anfing schief zu laufen.“

Sicher klingt es dramatischer, als es wirklich war. Ich war ein Teenie und nachts ist sowieso alles viel schlimmer, aber ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat damals. Dieses Gefühl, eine Mischung aus Wut und Traurigkeit.

Mein Problem war, dass ich im Unterricht die Zähne nicht auseinander bekam. Ich meldete mich nie und wenn ich aufgerufen wurde, sagte ich kein Wort mehr als gerade nötig. So wurden meine Noten immer schlechter, obwohl ich den Stoff drauf hatte. Eine schlechtere Note als eine 2- habe ich nie geschrieben (außer in Mathe) aber auf dem Zeugnis gab es nur Dreien und Vieren. Ich wußte genau, wie ich das ändern könnte: Ich musste mich einfach bloß ein paar Mal in jeder Stunde melden. Aber das konnte ich irgendwie nicht.

Ungefähr 23 Jahre später hatte ich diese Woche ein Feedbackgespräch mit meinem Chef. Ein sehr schönes Gespräch war das, aber einen kleinen Kritikpunkt hatte er doch: Er würde sich wünschen, dass ich öfter auch in großen Runden mal meine Meinung sage. Tja, da ist es wieder (oder immernoch), mein ewiges Defizit.

Auch in dieser Nacht nach dem Gespräch konnte ich nicht schlafen. Aber statt Wut und Verzweiflung war da dieses Mal eine große Zufriedenheit. Denn ich habe meinen Weg gemacht und ich bin ich Selbst dabei geblieben. Mag sein, dass es hier und da besser wäre, ich könnte diese Introvertiertheit ablegen, aber ich zweifle heute nicht mehr an mir.

Heilfroh, dass der Maxi noch keine Zeugnisse bekommt, überlege ich mir in dieser Nacht, dass wir unbedingt am nächsten Tag alle zusammen essen gehen müssen. Wir feiern den Abschluss des Halbjahres. Dafür braucht man kein Zeugnis. Und schon gar kein gutes.

Ich hoffe sehr, dass ich mir diesen Gedanken bewahren kann. Denn es ist ja heute so, dass der Druck schon auf Grundschulkinder gewaltig ist. Man braucht gute Noten, um eine Empfehlung für die passende Schule zu bekommen. Man braucht neben guten Noten am besten noch vorzeigbare Hobbys, mit denen man im „Vorstellungsgespräch“ für die Wunschschule punkten kann. Und eines Tages sitzt man nachts verzweifelt im Wohnzimmer und glaubt nicht mehr an sich selbst.

In diesem Schuljahr bleibt mein Sohn von all dem Druck noch verschont und darf einfach der Junge sein, der manchmal zu viel Quatsch macht, aber ansonsten schon sehr viel gelernt hat in seinen 1,5 Jahren Grundschulzeit. Wenn es nächstes Jahr Zeugnisse gibt, wird er zum ersten Mal bewertet. Ist er gut oder schlecht? Besser als Felix? Schlechter als Maja? Schwarz auf weiß wird es auf seinem Zeugnis stehen.

Ich wünsche mir die Gelassenheit, meine Söhne immer, durch alle Schuljahre hinweg,  als die wunderbaren Kinder zu sehen, die sie sind. Ein Zeugnis mag sagen: „Du könntest besser sein“, aber ich als Mutter möchte immer sagen: „Du bist perfekt, so wie Du bist!“

Foto: Johannakraemer.com

Vielleicht liegt es daran, dass wir Eltern uns heute viel mehr sorgen, als früher. Wir möchten sie vor allem bewahren, auch vor der Schule. Aber mein Eindruck ist schon auch, dass es die Kinder heute ganz schön hart haben. Leistungsdruck, Bewertungen, ein enges Regelwerk und vor allem viel längere Tage, als wir Schüler sie vor 20 Jahren hatten. Ja, ich weiß, dass sie das packen, aber mein Mutterherz spürt auch, dass es nicht jeden Tag so einfach ist, sich auf dem Schulhof zu beweisen. Das geht nur, wenn man einen Ort hat, an dem man niemandem etwas beweisen muss, und den man mit Menschen teilt, die einen bedingungslos lieben.

Ich wünsche mir natürlich, dass meine Kinder in der Schule gut zurecht kommen, aber ich wünsche mir vor allem, dass das hier nie das wichtigste Thema sein wird. Unser zu Hause soll der Ort sein, an dem jeder von uns spürt, dass er geliebt wird, so wie er ist. Früher liefen meine Söhne immer zu mir, wenn sie hingefallen sind oder sich weh getan haben, wenn sie Hunger oder Durst hatten, wenn sie müde waren oder sonst irgendein Bedürfnis hatten. Heute kommen sie mit vielen dieser Dinge gut alleine klar und wenn sie mal nicht klar kommen, dann brauchen sie nicht immer Mamas Schoß, damit alles wieder gut wird. Aber sie brauchen jemanden, der ihnen den Rücken stärkt und der immer zu ihnen hält, komme was da wolle- auch mal ´ne fünf!

Sie brauchen einen Fels in der Brandung und das wird sich niemals ändern. Dieser Fels bin ich und ich werde dastehen und ihnen zeigen, wie stolz ich auf sie bin, egal wie schlecht ihre Noten sein mögen.

Meine Mutter musste damals gar nicht viel sagen, sie war einfach da und gab mir genau dieses Gefühl, bis ich wieder einschlafen konnte. Ein paar Tage später hat sie mich aufschreiben lassen, was mein größter Wunsch für meine Zukunft ist und das Jahr, in dem ich denke, dass sich dieser Wunsch erfüllt haben könnte. In einem verschlossenen Umschlag bewahrte sie ihn für mich auf. Vor zwei Jahren hat sie mir den Zettel in zurückgegeben.  Ich riss den Umschlag auf, las den Zettel und rief: „Alle meine Wünsche haben sich erfüllt!“ Sie lächelte, als hätte sie es immer gewusst.

Eure Halima

 

13 Kommentare

  1. Liebe Mia, deine Mama ist eine tolle Frau und eine wundervolle Mama. Schon lange vor AP hat sie euch das gegeben. ❤️
    Und jetzt muss ich schon wieder weinen

  2. Du bist in NRW zur Schule gegangen, oder? Dort wurde ich nämlich in der Berufsschule damit konfrontiert, dass 50% der Note aus mündlicher Mitarbeit bestand :-O Das kannte ich aus Sachsen nicht… Wenn es in einem Fach überhaupt eine mündliche Note gab, dann zählte sie genauso viel wie alle anderen Noten oder noch weniger, sodass ich mir meinen 2-er Schnitt damit nicht hätte versauen können.

    (In der Kölner Berufsschule nutzte ich das System aus und laberte mich vom 2-er Schnitt zu einem Zeugnis mit Notenschnitt 1,1. Ich finde das übrigens total unverdient, denn mein Know How entspricht doch trotzdem einer 2 und keiner 1, egal wieviel ich mitmache.).

    Zum Thema an sich: Ich habe noch keine Schulkinder, aber ich hoffe irgendwie, dass wir entspannt durch die Schulzeit kommen und die Kids wegen Noten keinen Stress haben werden. Hm… Das hoffen wahrscheinlich alle Eltern… Leider tragen wir Eltern aber auch nur einen kleinen Teil zum Stress bei; der größte Druck kommt dann doch aus der Schule und aus dem Vergleichen mit anderen Kindern – Hoffentlich werden wir als Eltern das irgendwie abfedern können.

    Danke für deinen Beitrag & viele Grüße
    Schokominza

    • Ja, genau, ich bin in NRW zur Schule gegangen. UNd ich finde das System nur gut, wenn es nur zur Vebesserung führt. Dass mündliche Mitarbeit den Schnitt so versauen kann, finde ich bis heute unfair.

  3. Liebe Halima,

    das ist der schönste Text, den ich seit langem gelesen habe. Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße aus Berlin
    Sabine

  4. Du wirst mir immer sympathischer;-) mir ging es genauso in meiner Schulzeit: schriftlich super, mündlich ganz schlecht. Im Zeignis immer eine Note schlechter als in den Klassenarbeiten. Manchmal war ich so frustriert und neidisch auf die „mutigen“ Labbertaschen. Ich hatte den Stempel „fleißig und schlau“ ABER „zu schüchtern und zu still“. Das prägt mich bis heute. Schule hatte ich auch immer viel zu wichtig genommen. Das bereue ich im Nachhinein etwas. Mein großer Sohn kommt im Herbst in die erste Klasse und ich hoffe, dass er die Schule nicht zu ernst nehmen wird. Ich bin gespannt.

    • Wie schön 🙂 Hätten wir damals schon Social Media gehabt, hätten wir uns in einer Facebookgruppe zusammentun können 😀

  5. Du schreibst einfach immer so schöne Texte. Das ist genau der Geund, warum ich G9 bevorzuge. Kinder sollen auch noch Zeit für was anderes als Schuld haben. Und das sage ich als Lehrerin. Ich weiß noch, dass es für mich viel wichtiger war, mich wieder mit meiner Freundin zu verstehen als im Unterricht aufzupassen. Ich war in den Naturwissenschaften immer super. Die Laberfächer, wie wir sie genannt haben, waren gar nicht meins. Ich hab einfach nicht verstanden, warum ich mich melden soll, um einen Text zusammen zu fassen, den doch eben alle gelesen haben.
    Lg Steffi

    • Hach, genau so ging es mir auch. Am schlimmsten fand ich Bildbeschreibungen. Soll ich mich enrsthaft melden um zu sagen, was ich auf einem Bild sehe?! 😀 Und ich bin froh, dass wir ja wohl zu G9 zurückkehren. Zumal ich ja auch noch ein Kann-Kind habe… LG Halima

  6. Mir geht es ähnlich, wenn jemand meint, mein kleines Mädchen müsse endlich lernen mal zurück zu schubsen, wenn sie jemand auf dem Spielplatz ärgert. Weder mein Mann noch ich sind große schubsende Wortführer. Und auch wir gehen glücklich und beruflich erfolgreich durchs Leben. Die ruhigen Netten gewinnen eben auch mal…

    Viele Grüße,
    Lisa

  7. Liebe Halima,

    ich kann alles was du schreibst bestätigen. Heute, mit 35 Jahren, weiß ich, dass Schulnoten so sehr überbewertet werden. Wen interessiert es heute, ob ich in der 6. Klasse eine 1 oder 4 geschrieben habe. Keinen. Das Abizeugnis? Für manches Studienfach sicher wichtig. Aber was zählt , ist herauszufinden, was einem im Leben wirklich wichtig ist.

    Ich habe mir mit 18 Jahren darüber leider keine Gedanken gemacht, war immer darauf bedacht, gute Noten zu schreiben, habe mich in einer Laune unbedacht für ein Studienfach eingeschrieben und dieses auch abgeschlossen, im Wissen, dass es mich eigentlich nicht befriedigt. Vor einem Jahr habe ich ein Fernstudium begonnen, das mir Spaß macht und mir das Gefühl gibt, nun endlich das Richtige zu tun.

    Ich habe zwei Jungs, 3,5 und 5,5, der Große kommt im September in die Schule. Ich habe mir fest vorgenommen, alles zu tun, um sie zu unterstützen, aber sie weder wegen schlechten Noten zu kritisieren, noch sie in irgendeine Richtung zu drängen. Einzig werde ich fördern und fordern, dass sie sich rechtzeitig Gedanken machen, was will ich – oder noch mehr: was will ich nicht! Ich hoffe, es gelingt mir.

    Liebe Grüße
    Laura

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solve : *
25 − 18 =