Er war´s!

„Mama, Mama“, kommt ihr Jungs angelaufen, die Wangen gerötet, die Stimmen überschlagen sich fast vor Aufregung, „dürfen wir im Wohnzimmer zu Abend essen? Wir haben eine gaaanz tolle Höhle gebaut!“

„Okay, aber passt auf, dass…“ versuche ich noch, Euch hinterherzurufen, aber ihr habt schon keine Zeit mehr, mir zuzuhören, ihr seid schon unterwegs und mit Vorbereitungen zum Höhlenessen beschäftigt.

Eine echt beeindruckende Höhle habt ihr da gebaut mit meinen weißen Decken und Kissen. Manchmal ist Ruhe eben doch kein Grund zur Sorge, manchmal spielt ihr ja echt richtig schön miteinander.

Kurz darauf reiche ich zwei Teller mit Abendessen durch den Höhleneingang. Ich drehe mich um, und ich bin noch nicht wieder in der Küche angekommen, da höre ich Geschrei.

„Aber hier saß ich zuerst.“

„Das ist aber meine Höhle, die habe ich gebaut!“

„Aber ich hatte die Idee zuerst, das ist meine Höhle.“

„Aber das hier ist meine Seite, geh weg da!“

„Bor, jetzt hast du die kaputt gemacht.“

„Du bist doof!“

„Du bist saudoof!“

Geschrei. Dinge fliegen durchs Zimmer. Handgemenge.

Und ich so: Hä? Jungs, ihr habt gerade eine Stunde lang die schönste Höhle gebaut, ihr wolltet dort zusammen Abendessen. Beste Freunde, Partner, Kumpel und so! Was ist passiert?

Und eigentlich ist natürlich nichts passiert. Außer Geschwisterliebe.

Geschwisterliebe! Vielleicht finde ich sie bei Euch so besonders faszinierend, weil ihr einfach komplett unterschiedlich seid.

Maxi hat gerne seine Ruhe. Dann kann man nämlich besser nachdenken, über die wichtigen Fragen der Welt. Warum zum Beispiel in Amerika Mörder mit der Todesstrafe bestraft werden. Dann müssten schließlich diejenigen, die die Todesstrafe vollziehen, auch wieder getötet werden, zur Strafe. Das würde dann aber zum Ende der Menschheit führen. Ja, Maxi, die Welt ist ein seltsamer Ort, und Dank Dir sehe ich sie immer wieder mit neuen Augen. Und so grübelst Du noch abends in deinem Bett und während ich ein paar auf dem Boden verteilte Klamotten aufhebe und in den Schrank räume, bist Du schon eingeschlafen.

Dann gehe ich rüber in Minis Zimmer und der übt gerade Kopfstand im Bett. „Ich kann nicht schlafen, ich bin kein bißchen müde!“ Nein, DU bist nie müde. Du warst noch nie müde und Du wirst niemals müde sein. Du bist immer auf Sendung, wie wir sagen. Du brauchst ungefähr 2,5 Stunden weniger Schlaf als Dein großer Bruder und von morgens früh bis abends spät denkst Du Dir irgendwelche Späße aus und manchmal denke ich: Wenn ich schon sehe, wie Du läufst, muss ich lachen. Wo Du hinkommst, findest Du neue Freunde und überall kennt man Dich. Die Lehrer in der Schule begrüßen Dich mit Namen, die Kellner in unseren Lieblingsrestaurants und Cafés und Maxis Klassenkameraden sind auf der Weihnachtsfeier der Schule in der Kirche begeistert aufgestanden, als Du durch den Mittelgang schrittest und dich zu ihnen setztest, weil es Dir bei deinen Eltern zu langweilig war.

Weil ihr so unterschiedlich seid, kommt Ihr Euch ständig in die Quere mit Euren unterschiedlichen Bedürfnissen. Der eine will Clown spielen, der andere will ein Buch lesen. Der eine will ein riesiges Gebäude aus Kapla Steinen bauen, der andere braucht den Platz um zu Headbangen.

Aber es gibt da ein unsichtbares Band, das Euch verbindet. Eine Verbindung, die alle Eure Unterschiedlichkeit zu einer Gemeinsamkeit umwandelt. Ihr trefft Euch irgendwo in der Mitte Eurer Charaktere und seid plötzlich beide gleich, wie eine einzige Person.

Jeden Tag beobachte ich das bei Euch. Ihr tobt als ein Bündel durchs Haus, ineinander verkeilt, immer in Körperkontakt. Wenn man ein Stromkabel an Euch anschließen würde, könntet Ihr mit der Energie, die da zwischen Euch fließt, eine ganze Stadt versorgen, ach, was sage ich, das Thema Atomkraftwerke wäre durch!

So sehr ihr einander manchmal nicht leiden könnt, so wenig könnt ihr Euch voneinander trennen. Ihr prügelt Euch wegen nichts, die Wut steht Euch beiden ins Gesicht geschrieben, ihr brüllt Euch an und schlagt nacheinander. Ich sage: „Vielleicht geht einfach mal jeder für fünf Minuten in sein Zimmer.“ Und schon auf der Treppe höre ich Euch wieder gemeinsam kichern.

„Ich will nicht ohne den Maxi in die Schweiz fliegen“, sagt der Mini. „Ich habe dann Angst im Flugzeug.“ Ich bin zwar dabei, aber hey- ich bin halt nur die Mutter, nicht der große Bruder!

„Komm Du kannst ein Kuscheltier von mir haben“, sagt der Maxi, als der Mini verzweifelt im Bett sitzt, weil die Kuscheltiere noch mit Papa unterwegs im Auto sind. Er deckt seinen kleinen Bruder zu, er bietet an, bei ihm zu schlafen und ihm noch etwas vorzulesen. Eigentlich ist der Mini der Lautere, Wildere, Präsenter. Aber hin und wieder zeigt sich seine zerbrechliche Seite und immer ist der Maxi dann zur Stelle und greift sie auf.

Ihr würdet alles füreinander tun. Es gibt Euch nicht ohne den Anderen. Jeder von Euch trägt einen Teil seines Bruders in sich, wie ein Puzzelstück, ohne das ihr nicht komplett seid. Jeder von Euch IST ein bißchen sein Bruder. Es ist verrückt. Es ist irgendwie magisch. Das ist Liebe.

Ja, das ist Liebe, aber das wisst Ihr nicht. Ihr denkt meistens, ihr braucht den anderen gar nicht. Höchstens, um ihn vorzuschieben: „Er war´s“. Ohne mit der Wimper zu zucken schiebt der eine die Schuld auf den anderen. Jemand hat die Türen Eurer beiden Kinderzimmer angemalt. „Er war´s“, sagt der Maxi. „Er war´s!“ sagt der Mini. Ihr macht mich wahnsinnig.

Wisst Ihr eigentlich, was für ein Schatz Eure Geschwisterliebe ist? Ich weiß das, ich habe zwei Schwestern und ich empfinde sie als das größte Geschenk, das meine Eltern mir je gemacht haben. Freunde werden kommen und gehen (und Freundinnen erst). Euer Bruder wird bleiben, immer da sein.

Was wird wohl sein, wenn Ihr erwachsen seid? Werden Eure Unterschiede sich weiter verfestigen und werdet ihr eines Tages voller Unverständnis auf den jeweils anderen blicken und Euch fragen, wie es möglich ist, dass ihr aus demselben Hause kommt? Oder werdet Ihr trotz Eurer Unterschiede dieses unsichtbare Band nie loslassen und für immer so eng miteinander verbunden sein, wie heute und wenn ihr Euch trefft, fangt ihr an zu kichern und ich werde Euch wie eh und je liebevoll augenrollend anblicken und sagen: „Diese Brüder!“?

Ich glaube, so wird es sein. Ihr könnt einander nicht mehr verlieren. Das, was ihr habt, ist zu groß- und ja, ich glaube, dass ihr euch jeden Tag streitet  und anbrüllt ist ein wichtiger Teil. Diese Auseinandersetzungen knüpfen das Band zwischen Euch genauso jeden Tag ein Stückchen enger, wie die ganzen Kuscheleinheiten, die es auch gibt (in den Bauch knuffen zählt als Kuscheln, ne?!). Und wenn ihr an Eure Kindheit zurückdenkt, und man Euch fragt, was das Beste an Eurer Kindheit war, dann werdet Ihr vielleicht sagen: „Mein Bruder. Er war´s!“

Eure Halima

 

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9 Kommentare

  1. Liebe Halima,
    vielen Dank für deinen Artikel.
    Mich würde mal interessieren, warum du deine Meinung geändert hast und nun deine Kinder doch öffentlich per Foto zeigst? Du hast doch früher sogar mal einen Artikel darüber geschrieben. Was hat deine Meinung geändert?
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Zeiten ändern sich und Einstellungen auch 🙂 Ich sehe es inzwischen einfach nicht mehr so kritisch. Liebe Grüssse

  2. Liebe Halima, das ist so ein wundervoller Text,vielen Dank dafür. Mir schossen echt die Tränen in die Augen. Man spürt beim Lesen richtig die Liebe zwischen deinen Jungs aber auch deine Liebe zu ihnen. Meine kleinen Rabauken hauen sich ständig die Köpfe ein, aber sind auch sofort zur Stelle wenn es dem anderen nicht gut geht. Ich wünsche Ihnen, dass dieses Band immer bestehen bleibt. Und deinen Jungs natürlich auch.

  3. Ich weiß gar nicht was ich schreiben soll. Das ist sooo toll geschrieben und hat mich richtig stark berührt. Ich habe auch zwei Jungs, 6 und 8, und alles was du schreibst kenne ich natürlich auch. Nur habe ich bisher nicht geschafft das gute in den Streitereien zu entdecken. Mich macht es wahnsinnig und es löst enormen Stress in mir aus. Ich fühle mich hilflos, und denke ich müsste irgendetwas tun, weiß nicht was. Und am Ende kichern die beiden wieder.

    Danke! Liebe Grüße Claudia von Family, Life, Love & Cooking

    • Mich treiben sie auch manchmal in den Wahnsinn damit. Was bei uns immer los ist… Aber ich muss dann immer an mich und meine Schwestern damals denken und dann sehe ich, wie wertvoll das Gestreite eigentlich auch ist.

  4. Danle für den wunderschönen Artikel. Meine Jungs sind zwar erst knapp zwei und vier, ich kann aber schon alles unterschreiben was du schilderst. Wahnsinm wie unterschiedlich Geschwister sein können und noch unglaublicher wie sie sich die Köpfe einschlagen können und fast im selben Moment dann miteinanander kuscheln. Das mit dem Bündel das durch die Wohnung rennt, so sehe ich meine Beiden auch. Der Artikel trifft es auf den Punkt und mitten ins Herz:-)

  5. Steffi CS

    Wie schön geschrieben. Und das werden deine Söhne in einigen Jahren wenn sie diesen Text lesen auch finden und die Liebe zueinander wieder bewusst wahrnehmen. Und zu dir.

  6. Wunderschön geschrieben, hab Pippi in den Augen…
    Ich selbst habe Zwillingsjungs im Alter von 3,5 Jahren und es ist hier genauso wie du es beschreibst.
    Meine zwei sind auch so unglaublich unterschiedlich, ob Aussehen oder der Charakter, aber wenn man sie fragt wer ihre Freunde sind fällt neben 8-10 Namen auch immer der Name vom Bruder. Ein Band, so unzertrennlich. Geschwisterliebe, wenn einer für den anderen einen Keks vom Bäcker mitbringt; wenn mal nur einer bei der Oma ist und der der bei der Mama ist fragt, aber wann kommt denn der T. wieder; wenn der T. krank auf dem Sofa liegt und der L. zu mir kommt und mir sagt, dass er sich zu T. zum Aufpassen aufs Sofa setzt. Aber oft vergisst man diese schönen Momente im Alltag, nimmt sie nicht wahr, das ist oft so schade…

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