Nur die Liebe zählt

Um mich herum stehen alle auf. Links und rechts von mir erheben sich die Leute, ungefähr 200 Menschen im Raum stehen auf. Nur ich bleibe sitzen. Ich bin der einzige Mensch, der sitzenbleibt, denn ich kann nicht aufstehen.

Es war am Silvesterabend. Silvester gehen wir immer in die Kirche, alte Familientradition. Die Kinder waren nicht unbedingt begeistert, sie waren ja gerade erst zu Weihnachten in der Kirche, das musste nach ihrer Vorstellung jetzt erstmal reichen. Sie sind ein bißchen durch die Bänke geklettert, haben sich gegenseitig in die Seite geboxt und mit den Liederzetteln verhauen. „Kinder, die anderen Leute möchten das hier in Ruhe genießen, könnt Ihr denn nicht mal ein paar Minuten ruhig sitzenbleiben?“, haben der Mann und ich ihnen mit steigender Nervosität ins Ohr geflüstert, aber das hat natürlich nichts genützt.

Der Mini rutscht mit einem dramatischen Seufzer unter die Bank. Der Maxi kichert begeistert. „Soll ich mit denen rausgehen?“ fragt der Mann. „Nix da!“, antworte ich und setze mich zwischen die zwei kletternden, kichernden Kinder. Endlich kehrt ein bißchen Ruhe ein.

Nach einer Weile merke ich, wie Minis Kopf an meiner Seite lehnt und immer schwerer wird. „Dein Bruder ist eingeschlafen“, flüstere ich dem Maxi zu. Maxi findet das anscheinend richtig cool. Er legt seinen Kopf in meinen Schoß und macht ebenfalls die Augen zu. Plötzlich sitze ich also da und meine zwei Söhne schlafen an mich gekuschelt.

Und dann stehen um mich herum alle auf. Links und rechts von mir erheben sich die Leute,  nur ich bleibe sitzen. Ich bin der einzige Mensch, der sitzenbleibt und normalerweise ist es mir total unangenehm, aus der Reihe zu tanzen, aber in diesem Moment bin ich ganz entspannt.

Der Mann schaut uns an und lächelt. Ich lächle zurück.

Ich bin an diesem Abend in die Kirche gekommen, um das alte Jahr zu verabschieden. Es gibt vieles, für das ich dankbar bin und diese Messe im Kerzenschein mag ich wirklich jedes Jahr sehr. Mir ist also ohnehin feierlich zumute. Und außerdem sind Kuschelmomente mit meinen Söhnen inzwischen ganz schön selten geworden. Sie jetzt beide friedlich schlafend mit ihren kleinen entspannten, wunderschönen Gesichtchen in meinen Armen zu haben überzieht mich mit einem Glücksgefühl.

Also sitze ich in diesem Moment im Kerzenschein und bei Musik mit meinen schlafenden Söhnen neben meinem Mann, lasse das Glücksgefühl wirken und bin nach ein paar Minuten so tiefenentspannt wie seit Monaten nicht mehr. Um mich herum sind nur Mäntel zu sehen. Mäntel und Rücken. Ich sehe nicht die Gesichter der Menschen, ich sehe nicht, was vorne passiert, ich sitze einfach nur da, unabgelenkt und ganz bei mir und meinen Kindern. Ach, wie ich sie liebe! Ich atme ruhig ein und aus und lächle glücklich. Ich spüre, wie ich das pure Glück ausstrahle. Ich bin eine glückliche Mutter.

Ja. Genau das bin ich. An diesem Punkt und in dieser Rolle bin ich genau in meiner inneren Mitte. Das klingt jetzt etwas esoterisch, aber diese paar Minuten, bevor meine Söhne wieder aufwachten und sich umgehend weiter gegenseitig piesackten, in diesen paar Minuten, da habe ich mich einfach so als Mutter gefühlt und gemerkt: Ich bin glücklich damit. Ich bin glücklich als liebende Mutter.

Mutterliebe ist aber auch eine gigantische Kraft. Auch wenn wir gar nichts dafür können, weil Mutterliebe eben einfach so existiert, können wir Mütter doch alle auch ein bißchen Stolz auf das sein, was wir mit dieser Kraft alles bewirken. Wir schaffen mit unserer Liebe ein Fundament für unsere Kinder, es ist die Mutterliebe, die unsere Familie zusammenhält und egal wie kaputt wir uns manchmal fühlen, egal wie sehr uns die Dinge über den Kopf zu wachsen scheinen, egal wie wütend wir manchmal auf unsere Kinder sein können: Wir haben diese unerschütterliche Kraft in uns, die uns am Abend jedes noch so anstrengenden Tages doch wieder glücklich an den Betten unserer schlafenden Kinder stehen lässt, um dann, kurz bevor wir erschöpft ins Bett sinken, noch schnell einen supertollen Kuchen für den Basar in der Schule zu backen. Lächelnd!

Ich weiß überhaupt nicht mehr, worüber meine Mutter und ich uns damals gestritten haben, als ich selber noch ein Kind/ Pubertier war. Ich erinnere mich natürlich an ein paar Diskussionen, aber die sind sooo weit weg. Was ich aber weiß und immer wußte war, dass meine Mama mich liebt. Jeder Streit ist vergessen; ich kann heute verstehen, dass ich zu bestimmten Uhrzeiten zu Hause sein musste, und ich bin auch nicht mehr sauer, weil ich mit 17 nicht mit einer Freundin übers Wochenende zum Zelten nach Rennesse durfte. Aber ich darf heute durchs Leben gehen als ein Mensch, der behütet und geborgen aufwuchs, und der nie auch nur den geringsten Zweifel daran haben musste, dass er geliebt wird. Und ich bin sicher, dass es auch meinen Kindern so gehen wird: Wenn sie eines Tages aus diesem Haus ausziehen, dann werden sie mit meiner Liebe im Gepäck für das Leben da draußen gewappnet sein.

Gerade noch habe ich darüber geschrieben, wie anstrengend unser Alltag ist- und in dem Artikel ging es nur um unsere Termine. Da ist ja noch das ganze Chaos zu Hause, Wäscheberge, Staub, ein leerer Kühlschrank. Da sind Krankheiten, Sorgen, Streits, Diskussionen und die ständigen Brüderkämpfe. Aber da ist eben vor allem auch die Liebe. Und wenn es hier eines Tages mal wieder etwas ruhiger wird, dann ist die Liebe das, was übrig bleibt und das, was in Erinnerung bleiben wird, wenn wir zurückdenken.

Als ich aus der Kirche hinaustrete weiß ich, dass es ein gutes Jahr werden wird. Denn egal, was kommt, das Wichtigste habe ich: Meine Familie und ganz viel Liebe. Wenn ich es schaffe, hin und wieder alles andere auszublenden, so wie in diesem Moment zwischen all den stehenden Mänteln,  wenn ich mich nur darauf konzentriere, wie sehr ich meine Familie liebe (und sie mich), dann habe ich alles, was ich brauche, um auch am nächsten Silvesterabend wieder glücklich zurückzuschauen.

Eure Halima

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10 Kommentare

  1. Doris Schwarzbauer-Scherr

    So schön! Spricht mir aus der Seele. Ich bin auch grad so richtig angekommen in meinem Leben mit meinen zwei Jungs (4 und 6)!
    Der Blog bestätigt mich immer wenn wieder mal Gegenwind von außen kommt!!
    Vielen lieben Dank dafür!!
    Ganz liebe Grüße aus Österreich

  2. Klingt nach einem super schönen Ereignissen. Du hast schon recht, manchmal müssen wir den ganzen Rest ausblenden und das Wesentliche im leben sehen, mal einen Gang zurückschalten oder stehen bleibe um einfach nur den Moment zu genießen und wie die Beatles es schon gesagt haben, „all you need is love“
    Viele liebe Grüsse und noch ein frohes neues Jahr

  3. Britta Wagner

    Hach, liebe Halima,
    ist das wieder schön geschrieben.
    Mir laufen gerade die Tränken nur so runter, meine 7 Jährige sitzt Yoghurt löffelnd neben mit auf dem Sofa und schaut eine alte S/W Fassung von Peterchens Mondfahrt und gackert sich gerade weg. Das Leben ist schön.
    Auch ich bin eine glückliche Mutter.
    Ich danke Dir sehr.
    Britta

    • Oh, wie schön. Wir haben in den Weihnachtsferien auch ein paar alte Filme gesehen. „Das fliegende Klassenzimmer“ hat meine Jungs total begeistert!

  4. Ganz viel Liebe und vielleicht war auch ein bisschen heiliger Geist im Spiel als du dich so gefühlt hast. Seid gesegnet

  5. Sehr schöner Text.

    Wobei…. nachts noch todmüde einen supertollen Kuchen für den Schulbasar backen…..? Nee, das würde ich sicher nicht tun 😉 Wenn ich müde bin, MUSS ich schlafen.

    Und jeder Streit mit der eigenen Mama lange her und vergessen??? Aber nein, gar nicht vergessen. … und immer wenn wir uns sehen, zanken wir aufs Neue, und zwar heftig. Mutter – Tochter – Liebe hin oder her.

  6. Wunderschön! Die Liebe aber ist die Größte! !!
    Diese Kraft, die uns alles schaffen und überwinden lässt. Ich bin in diesem Moment, als ich den Text lese, so dankbar dafür, Mutter sein zu dürfen. Wir haben ein ganz besonderes Privileg. Ein Hoch auf die Mutterliebe!

  7. Liebe Halime,
    Das hast Du so richtig schön geschrieben, denn ganz genau so ist es! Liebe kann so Vieles bewirken und läßt so Vieles überwinden, macht stark und läßt vergessen und vergeben, und die Mutterliebe ganz besonders!
    Mir ging’s in der Kirche übrigens ziemlich genau, wie Dir – bloß sind meine Beiden letzten Endes nicht eingeschlafen, sondern haben irgendwann begonnen (leider erst kurz vor dem Ende der Messe) zu lesen, bzw. Bilder zu schauen und anschließend haben wir uns beim „Dinner for One“ alle kaputt gelacht : )
    Liebe Grüße und alles Gute für das neue Jahr! Katrin

  8. Eine sehr schöne Darstellung von Mutterliebe! Ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Es ist eine der schönsten Erfahrungen als Mutter, wenn man diese stillen und glückseligen Momente erlebt. Es erfordert zwar auch manchmal viel Geduld, aber Mutter sein ist trotzdem das schönste Gefühl der Welt. Ich würde für keine Party der Welt meine Kinder hergeben. Es ist aber für Familien mit Kindern alles nicht mehr so einfach heute . Manchmal hat man das Gefühl, gemobbt zu werden. Ob beim Einkauf oder wenn man mit den Kindern essen geht. Manch einer guckt dann schon mal komisch rüber. Aber ich blende die schiefen Blicke auch immer aus.

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