Weil sie es können! Warum wir manchmal einfach weggucken müssen

„Natürlich kannst Du das!“, sage ich und weiß für einen Moment gar nicht so genau, zu wem eigentlich.

Der Maxi ist auf einen Baum geklettert, hoch, so hoch, dass er wohl nicht mit einem gebrochenen Bein davonkommen würde, wenn er runterfiele. Maxi sieht ungerührt aber zufrieden aus. Meine Schwester, Mutter eines Einjährigen steht sichtlich nervös neben mir und stöhnt: „Wenn das mein Kind wäre, das könnte ich nicht aushalten!“ Und ich? Ich habe mich an solche Situationen gewöhnt, aber ein bißchen unbehaglich ist mir trotzdem.

„Natürlich kannst Du das!“, sage ich also irgendwie zu uns allen dreien.

Ich weiß, dass der Maxi das kann.

Es ist so wow, wie sich Kinder einfach so entwickeln. Egal wie nah wir an ihnen dran sind, egal wie sehr wir sie zu erziehen versuchen, sie machen ja doch alles , so wie sie es für richtig halten. Und wenn sie es machen, dann können sie es auch.

Wenn sich ein Baby zum Ende des ersten Lebensjahres zum ersten Mal hochzieht und auf seinen Beinen steht, dann muss ich als Mutter nicht daneben stehen, und es festhalten. Der Moment ist gut geplant, perfekt vorbereitet und es ist der genau richtige Augenblick, es das erste Mal zu versuchen. Es ist nicht zu früh dazu und auch nicht zu spät. Es ist der richtige Moment und niemand weiß das so genau, wie das Kind.

Es ist genau dieser Moment, an den ich immer wieder denken muss, wenn mir mal wieder der Atem stockt, weil eins meiner Kinder auf seiner Entdeckungsreise ein Risiko eingeht. Ich will schreien: Halt Dich fest! Pass auf! Lass das lieber! Aber im selben Moment weiß ich, dass ich das nicht darf.

Kinder sind so voller Tatendrang. Sie scheuen kein Risiko; nicht nur, weil sie Risiken nicht einschätzen können, sondern weil sie diese Welt entdecken wollen und ihre Neugierde sie immer weiter vorantreibt.

Gleichzeitig sind die Risiken, die sie eingehen kontrolliert. Ein eigener Kontrollmechanismus gleicht die Unfähigkeit aus, Risiken richtig einschätzen zu können: Kinder sind noch in der Lage, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen. Der Mini klettert nie so hoch auf den Baum, wie der Maxi und der Maxi fährt nie so schnell mit dem Fahrrad, wie der ältere Nachbarsjunge. Und wenn der Maxi eines Tages genau wie der Nachbarsjunge die Hände vom Lenker nehmen und freihändig fahren wird, dann weil er´s kann!  Der Wind wird ihm ins Gesicht wehen, es wird in seinem Bauch kribbeln und danach wird er glücklich lachend vom Fahrrad steigen und sich selbst wieder ein kleines bißchen mehr selbst entdeckt haben.

Und selbst bestätigt. Ist es nicht wichtig, ein Ziel vor Augen zu haben, auf dieses Ziel hinzuarbeiten und dann, wenn man das Gefühl hat, der Moment ist gekommen, den Sprung zu wagen? Das ist eine persönliche Risikoabwägung, etwas ganz Individuelles. Wer bin ich, dass ich sage: „Ja bist Du denn wahnsinnig, hör sofort damit auf?!“

Meine beiden Söhne sind so unterschiedlich und  genauso unterschiedlich ist deswegen auch die Kraft, die sie antreibt. Der Mini denkt nicht darüber nach, dass er sich verletzen könnte, der rennt dem Leben entgegen und ist glücklich wenn er am Ende des Tages verschwitzt und dreckig ist. Schürfwunden? Gehören dazu!

Der Maxi hat schon immer alle Risiken zuerst abgewägt. Zu gefährlich? Dann schaue ich lieber erstmal nur zu. Bis heute analysiert er jeden Baum erst, bevor er auf ihn klettert- aber dann weiß er auch genau, wo er welchen Fuß aufsetzt und wo er sich am besten festhält und ist dann wieselflink ganz oben angekommen, als hätte er das schon 100 Mal gemacht.

Als Mutter habe ich gelernt, mich zurückzuhalten. Um mich geht es nicht. Es kann ja gar nicht um mich gehen, denn dann würde ich ja beiden Kindern dieselbe Risikoabwägung vorwegnehmen, und das wäre einfach falsch. Es versteht sich von selbst, dass ich die Kinder nicht mit geschlossenen Augen über die Straße laufen lasse oder Messerschlucker spielen lasse oder sowas, aber da, wo es darum geht, sich selber und seine Fähigkeiten zu entdecken, da habe ich gelernt, meinen Kindern zu vertrauen und sie auch mal eine Schramme riskieren zu lassen.

Es geht ja nicht nur darum, sie nur irgendwie sicher großzuziehen, es geht darum, sie auf der Entwicklung zu dem Menschen zu unterstützen, der sie sind. Ich muss sie vor Schlimmem bewahren, aber ich darf sie nicht abschirmen. Sie brauchen Raum, um sich entdecken zu können und sich so zu entwickeln, wie sie sind- der eine wild und stürmisch, der andere ruhig und bedächtig. Ich darf dabei nur ihr Netz und doppelter Boden sein, aber sie nicht am Händchen führen.

Ich kenne meine Kinder und ich weiß, dass der Mini die Dinge lernt, indem er sie spürt und oft tut das richtig weh, aber das gehört für ihn dazu. Er provoziert den Schmerz geradezu und geht immer weiter, bis zu dieser Grenze. „Kann ich vier Treppenstufen auf einmal runterspringen? Auch fünf? Yeah! Sechs? Oh, aua, sechs geht nicht.“ Am Ende muss dieses Kind mit dem Kopf durch die Wand und meine Aufgabe besteht darin, immer genügend Kühlpads im Eisfach zu haben.

Der Maxi zögert manchmal einen Augenblick zu lange und dann besteht die Gefahr, dass er sich selber um eine praktische Erfahrung bringt. Ihn kann ich gelegentlich ein bisschen ermutigen, aber auch da muss ich mich zurückhalten. Denn er gehört zu der Sorte Mensch, die ihre Erfahrungen eben machen, indem sie lernen, dass man nicht getane Dinge auch bereuen kann.

Und so habe ich meine Aufgabe darin erkannt, auf meine Kinder zu vertrauen. Das ist manchmal schwierig, aber immer wundervoll, weil es bedeutet, meine Kinder so zu verstehen, wie sie sind. Und wenn sie spüren, dass ich in ihre Fähigkeiten vertraue, dann können sie das selber wiederum umso besser.

Denn da draußen in der Welt, werden sie die Fähigkeit brauchen, die richtige Entscheidung im richtigen Moment zu treffen. Und die Welt da draußen braucht Menschen, die noch in der Lage sind, eigene Entscheidungen nach vernünftiger Abwägung aber nicht ohne kalkuliertes Risiko zu treffen. Wer mit “ Komm sofort da runter“ aufwächst, wird diese Fähigkeit vermutlich nicht gut entwickeln können.

Ich muss wirklich sagen, dass ich es hasse, wenn meine Söhne ständig irgendwo hochklettern  Ich kann da kaum hinsehen und war heilfroh, als der Maxi am Ende wieder vom Baum heruntergeklettert war.

Als ich mich umdrehte, winkte mir der Mini fröhlich vom Dach des Spielhauses zu. Man hat es nicht leicht als Mutter!

Eure Halima

5 Kommentare

  1. Genau so ist es. Und es ist echt schwierig, dabei zuzusehen. Aber so wichtig, die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Wie sollen sie sonst später Entscheidungen treffen!

  2. Hui. Das tat gut.
    Ich bin das Gegenteil von waghalsig und finde dieses Abwägen und Verzichten bei meinem Großen genau wieder. Dann fürchte ich, ihn zu einem analytischen Angsthasen zu erziehen. Doch mein Zweiter ist vom Typ Versuch oder Irtum und steckt viel ein. Dessen Mama bin ich auch, und oft erstaunt, woher er die Furchtlosigkeit nimmt. Vermutlich gehen beide ihren Weg. Danke für den Text.

  3. Du sprichst mir aus der Seele! Ich drehe mich meist um und schaue nicht hin, sonst würde ich vor Angst sterben. Aber sie können es und müssen es tun, da bin ich ganz bei Dir!
    Liebe Grüße
    Johy

  4. Schön geschrieben und sehr nah an meinem Empfinden – Danke 🙂 liebe Grüße, Alexandra

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