Ein altes Foto

Beim Aufräumen fällt mir ein altes Foto in die Hände. Es zeigt mich und meine Familie, als ich etwa 8 Jahre alt bin. Meine Eltern stehen nebeneinander hinter mir und meinen Schwestern. Mein Vater hat einen Arm um mich gelegt und meine Mutter einen um meine Schwester. Unsere kleinste Schwester steht vor mir und meiner mittleren Schwester und ich habe einen Arm um jede Schwester gelegt.
Meine Mutter hat das Foto auf eine Weihnachtskarte geklebt: „Schau Dir mal dieses Bild an“, hat sie auf die Rückseite geschrieben. „In dieser Familie stehen alle fest zusammen und einer hält schützend die Hand  über den anderen. Ich wünsche Dir ein gesegnetes Weihnachtsfest in dieser Deiner Familie, die Dich so sehr liebt. Deine Dich liebende Mama“

Da stehe ich nun in meinem Arbeitszimmer mit Tränen in den Augen. Obwohl ich dieses Foto schon seit Jahren kenne, ist es dieser Moment, in dem der Text und das Bild mich so tief berühren, mehr als all die Male zuvor. Was ist anders?

Ich erinnere mich, wie meine Mutter mir vor vielen Jahren diese Karte zu Weihnachten geschrieben hat und ich weiß noch genau, dass sie damals eine ganz andere Seite in mir berührt hat. Ich fand eigentlich hauptsächlich die riesige Zahnlücke lustig, die meine Schwester ziert. Und den schelmischen Blick, den meine andere Schwester und ich austauschen, als hätten wir kurz vor der Entstehung des Fotos noch etwas angestellt. Ich fand das Foto lustig; ich sah ein witziges Dokument vergangener Zeiten. Wir waren eine richtige Rasselnde, das weiß ich noch und so erinnere ich mich an meine Kindheit in meinem lauten, wilden, fröhlichen Elternhaus. Als mir das Foto heute in die Hände fällt, sehe ich in dem Foto  plötzlich viel mehr als nur einen Schnappschuss, für den wir Kinder für ein paar Sekunden still standen, bevor wir wieder losstürmten. Und die Zeilen meiner Mutter sind plötzlich mehr als ein paar warme Weihnachtsworte. Ich sehe, nein ich spüre genau das, was meine Mutter schreibt:

„In dieser Familie hält jeder schützend den Arm über den anderen.“ Damals konnte ich es nicht sehen, aber heute sehe ich (auch ohne den Text zu lesen) in diesem Bild mein Fundament. Aber das ist nicht das, was mir die Tränen in die Augen treibt.  Was mich so tief berührt ist, dass ich in diesem Moment etwas über die Mutterliebe begreife. Es ist nicht so, als hätte ich es nicht schon gewußt, aber in diesem Moment fühle ich es.

Ich fühle in diesem Moment, was meine Mutter gefühlt haben muss, als sie das Foto auf die Weihnachtskarte klebte und diese Zeilen für mich auf die Rückseite schrieb. Damals hat es ihr viel mehr bedeutet als mir. Heute verstehe ich es. Denn heute kann ich es auch spüren: Die Liebe zu meiner Familie ist alles für mich!

Viele Dinge kann ich erst heute verstehen, wo ich selber eine Mutter bin. Während ich darüber nachdenke und ich gedanklich  in meinen Kindheitserinnerungen krame, fallen mir noch mehr Fotos ein, die ich plötzlich mit andere Augen sehe. So wie  diese beiden Fotos von meiner Mutter, am Tag von Maxis Geburt:

Sie hat sich einen Moment Zeit genommen und sich von meinem Vater fotografieren lassen, bevor sie mein Zimmer im Krankenhaus betrat. Der Moment, kurz bevor sie ihr erstes Enkelkind zum ersten Mal in den Arm nahm. Der letzte Moment, in dem sie „nur“ Mama war, bevor ich, ihr erstes Kind, sie zum ersten Mal auch zur Oma machte. Ich hielt es damals für eine witzige Idee, diesen Moment festzuhalten. Erst heute verstehe ich die Dimension dieses Augenblicks für meine Mutter. Für sie endete in diesem Moment ein Abschnitt ihres Mutterseins. Das war sie schon gewohnt, sie hatte ja schon Übung im Loslassen. Doch in diesem Moment schloss sich gleichzeitig ein Kreis und ein neuer Abschnitt begann. Der Mensch, der sie zur Mutter gemacht hatte, ihr Kind, das sie vor vielen Jahren zum ersten Mal im Arm hielt, war nun selber eine Mutter geworden und hielt hinter dieser Tür nun ihr erstes Baby im Arm, so wie sie viele Jahre zuvor und seit diesem Tag sind meine Mama und ich im Muttersein vereint. Wie bewegend muss dieser Moment für sie gewesen sein!

Das zweite Foto zeigt sie und meinen Vater ein paar Minuten später nebeneinander in meinem Zimmer auf der Geburtsstation. Meine Mutter hält den Maxi an ihre Wange gedrückt. Sie hat die Augen geschlossen und lächelt. Ich glaube, dieses Foto habe ich verstanden. Oder nicht? Wahrscheinlich kann ich es erst richtig verstehen, wenn mich einer meiner Söhne zum ersten Mal zur Oma machen wird.

Meine Mama und ich hatten immer eine innige Beziehung, aber für mich war sie immer selbstverständlich einfach da, ich habe mir gar keine Gedanken darüber gemacht. Ich habe nichtmal ansatzweise begriffen, wie sehr diese Beziehung, meiner Mama, bedeutete. Wir waren einander immer sehr nahe, aber dennoch war da über viele Jahre auf meiner Seite ganz viel Abgrenzung und demgegenüber,  auf der Seite meiner Mutter, immer nur bedingungslose Mutterliebe.

Heute, wo ich in meiner Familie nach vielen anstrengenden Babyjahren zur Ruhe komme, ist mein Blick geschärft für den Wert „Familie“. Aber heute liegt mein Schwerpunkt so sehr auf meiner eigenen Familie, dass ich gar nicht mehr so viel an meine Mama zurückgeben kann. Damals habe ich sie gebraucht, ohne es zu verstehen. Heute verstehe ich, was wir beide aneinander haben und ich kann Danke sagen für die Liebe und die Familie, die sie mir gegeben hat. Wie schade, dass ich erst heute den Wert so richtig begreife und bestimmt in jüngeren Jahren manchmal ganz schön verletzend war.

Das liegt wohl in der Natur der Sache. Das macht die Mutterliebe vielleicht gerade so besonders, dass sie ohne einen schmerzlichen Teil nicht auskommt, aber dass der schmerzliche Teil Ausdruck von etwas Gutem ist und Mütter ihn deswegen ertragen. „Glückliche Kränkung“ nenne ich dieses Gefühl, mit dem ich manchmal auch meine Söhne betrachte, wenn sie mich wegschicken oder der Große am liebsten hätte, dass ich im Auto warten würde, anstatt ihn direkt am Sportplatz abzuholen. Voller Stolz, weil sie so selbständig geworden sind. So traurig, weil ich immer weniger wichtig werde.

Dieses alte Foto mit all den Gefühlen, die mich beim Betrachten überkommen, führt mir auch vor Augen, wie meine Jungs mich sehen: Die haben natürlich genau so sehr nur ihre Flausen im Kopf, wie meine Schwestern und ich damals. Aber wie ich so dasitze, mit diesem Familienfoto aus alten Zeiten, bin ich gleichzeitig absolut sicher, dass egal was für Jahre vielleicht vor uns liegen, auch meine Söhne erkennen werden, was ich heute in Bezug auf meine Mutter erkenne: Die Liebe und die Familie, die mir gegeben wurden, sind das Wertvollste das ich habe und das Beste, das ich an meine Söhne weitergeben kann. Und das tue ich jeden Tag. Ich gebe dieser Familie meine bedingungslose, unbändige, endlose Mutterliebe.

Das alte Foto habe ich eingerahmt. Es steht jetzt in unserem Wohnzimmer und schaut meiner eigenen Familie zu.

 

 

MerkenMerken

16 Kommentare

  1. Dein Text hat mich wahnsinnig berührt, ich musste gleich heulen. So habe ich Mutterliebe noch nie betrachtet. Meine Töchter sind schon 23 und 21 und ich hoffe sehr, dass ich irgendwann Oma werde. Mir war klar, dass dann ein neuer Abschnitt anfängt, nicht jedoch, dass ich dann nicht mehr nur Mutter sein werde.

  2. Ein wunderbarer Text. Schöner Gedankenmacher.
    Ich genieße sehr die Omaliebe meiner Mutter zu meinen beiden Söhnen. Sie hat ein enges Verhältnis und wir leben glücklichweise nur 1h von „Opaoma“ (so nennt der Kleine sie, und verehrt den Opa damit) entfernt. Häufig sind sie bei uns, auch über Nacht und umgekehrt die Buben bei ihnen mehrere Tage. Toll für uns alle sechs.
    Erstaunt bin ich, wie intensiv sie sich trotzdem für mich interessiert (Gesundheit, Arbeit usf. ) Anscheinend potenziert sich die Liebe 😉

  3. So ein wunderbarer Text! Du schaffst es immer wieder, mich tief zu berühren, zu inspirieren und meinen Blick auf Aspekte zu lenken, die ich zuvor nicht so beachtet habe. Danke für Deinen tollen Blog!

  4. Oh, was für ein wunderbarer Text.
    Ich habe gleich meine Lieblingsmama und beste Omi der Welt angerufen.
    Oh wie schön, dass es sie gibt!

  5. Was für ein wunderschöner Text, er hat mich sehr berührt! Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße
    Märtha

  6. Auch mich hat dieser Text sehr berührt, insbesondere weil meine Mama vor ca. einem Jahr starb und ich in wenigen Tagen unser zweites Kind erwarte. Die Tränen begannen einfach so zu laufen. Danke für Deine Gedanken. Vielleicht werde ich eines Tages auch den Moment festhalten dürfen, in dem ich zur Oma werde. Du und Dein Text werden dann noch bei mir sein.

    • Oh nein, das tut mir sehr Leid. Ich glaube ja daran, dass sie noch bei Dir ist, ganz bestimmt besonders dann, wenn dein Baby kommt!

  7. Wow, was für ein Text! So berührend und einfach nur schön geschrieben!!! Vielen lieben Dank dafür!!!
    Kerstin

  8. Ich konnte vor lauter Tränen nicht weiterlesen! Schöner Text. Und wie cool, dass deine Mutter das so bewusst macht mit den Fotos, auch mit dem eigenen vor der Krankenhaustür!
    Ich habe mich jahrelang ungeliebt gefühlt, warum weiß keiner so genau – und natürlich wusste ich, dass meine Familie mich liebt und ich im Großen und Ganzen tolle Eltern habe (wir sind eine völlig normale, tolle Mittelschichtsfamilie). Richtig verändert hat dieses Gefühl meine eigene Schwangerschaft und das Mutterwerden. Ich weiß jetzt wirklich zutiefst innerlich, dass ich vom ersten Augenblick an geliebt wurde und wie sehr meine Mutter sich über mich gefreut hat, noch bevor inch überhaupt auf der Welt war. Und ich bin ihr heute viel näher, einfach nur durch dieses Selbsterleben. Das ist neben dem eigenen Kind ein unfassbar schönes Geschenk.

  9. Liebe Mia,
    meine erste Hebamme beendete den Geburtsvorbereitungekurs mit dem Hinweis, das nicht nur ein Kind geboren wird, sonder eben auch eine Mama , ein Papa, eine Oma, ein Opa, ein großer Bruder…die Liste lässt sich sehr weit fortsetzen.
    Ich habe das schon an mehrere Bekannte weiter gegeben und alle brachte das zum Nachdenken und schenkte ihnen dieses warme Gefühl, ja die Geburt eines Kindes ist so einzigartig und verändert unglaublich viel.
    Alles gute dir und deiner Groß-Familie…

  10. ich fühle deinen text total. im nachhinein (meist wenn man eigene, schon etwas ältere Kindert hat, die nicht mehr so völlig abhängig sind) versteht man oft erst die bedeutung von vielen dingen, die unsere mütter getan oder gesagt haben … ganz oft frage ich mich, ob für meine kinder die familie auch irgendwann so wichtig sein wird, wie sie es für mich, je älter ich werde, ist. eine familie, in der man sich liebt, respektiert und unterstützt ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. ich habe übrigens 5 geschwister, jede menge neffen und nichten, tanten und onkel, cousins und cousinen und ich finde es großartig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.