Kinderaugen müssen glänzen

„Kinderaugen müssen glänzen.“ Meine Urgroßmutter hat das gesagt.

Sie hat ihren fünf Kindern immer wieder die Geschichten aus ihrem Elternhaus erzählt, in dem sie mit ihren 10 Geschwistern glücklich aufwuchs. 1939 hat sie angefangen, diese Geschichten aufzuschreiben.

(Ich bin ein bißchen stolz darauf, dass ich mit meinem Blog fortführe, was Frauen in meiner Familie schon immer taten: Schreiben. Meine Urgroßmutter mit ihren Aufzeichnungen, meine Großmutter hat ebenfalls ihre Geschichten aufgeschrieben und meine Mutter ist Journalistin- und ich finde, wir haben alle den gleichen Stil. Außerdem es ist ein wundervolles Gefühl zu spüren, dass die Liebe all dieser Frauen zu ihren Kindern von Mutter zu Mutter an mich weitergegeben wurde.)

Immer wieder nehme ich mir die Aufzeichnungen meiner Urgroßmutter aus dem Regal. Immer wieder fließen Tränen und immer wieder denke ich, dass dieses kleine Buch besser ist, als jeder Ratgeber, den ich je gelesen habe. Und weil ihre Worte so schön sind, weil sie so voller Liebe sind und weil meine Urgroßmutter es damit schafft, in Worte zu fassen, was heute genauso wichtig ist, wie damals, möchte ich ihre Worte heute mit Euch teilen und ihre klugen Gedanken aus einer vergangenen Zeit im Hier und Jetzt verbreiten:

Im Kriegsjahr 1941 schrieb sie:

„Liebe Kinder,

da hatte ich in der vergangenen Nacht einen Traum, über den ich heute am Tag immer nachdenken muss. Ich will Euch davon erzählen, trotz Krieg und Bombennächten.

Im Traum war ich wieder ein Kind, auch ihr und meine Geschwister, wir alle waren Kinder im gleichen Alter. Wir tummelten uns mit lautem Jubel im Garten Müngersdorf, hielten uns an den Händen, drehten uns im Kreise und riefen dabei froh und laut: „Ich bin sooo glücklich, so ganz glücklich.“

Darüber wurde ich wach und es dauerte eine ganze Weile, bis ich in die Wirklichkeit zurückfand. Ich bin sooo glücklich, so ganz glücklich- darüber musste ich nachdenken.

Welcher Erwachsene kann wohl, selbst in den glücklichsten Lebenstagen, mit voller Überzeugung sagen, dass er ganz glücklich ist. Wohl gibt es Momente tiefsten Glücksgefühls, aber immer ist eine kleine Wehmut oder Sorge mit dabei. Ganz unbeschwert, aus tiefster Seele, kann nur ein Kind glücklich sein. Daher sollte jeder, der Kinder zu betreuen hat, zumal die Eltern, immer bemüht sein, ihnen immer- solange als möglich, ihre unbekümmerte Fröhlichkeit zu erhalten. Es ist nicht gut, ein Kind mit Spielzeug und Nascherei zu überhäufen, auch bedarf es keiner übertriebenen Zärtlichkeiten. Ein Kind braucht verstehende Liebe, braucht frohes Spiel unter Kindern und Verständnis für seine Freude und sein Kinderleid. Nie darf man über die kleinen Anlässe, die ein Kind betrüben, lächelnd hinweggehen oder gar über die schnell fließenden Tränen hinweggehen oder gar böse sein. Immer sollte man Zeit haben, zu forschen, was in der Kinderseele vorgeht.

Kinderaugen müssen glänzen. Wir Erwachsene müssen darin lesen: „Ich bin sooo glücklich, so ganz glücklich.“

Die Worte stammen aus einer Zeit, in der man meist nach dem Grundsatz lebte, dass man Kinder zwar sehen, aber nicht hören dürfe. Es war nicht die Zeit für die Bedürfnisse von Kindern und Attachement Parenting war damals noch nicht erfunden. Aber es gab auch damals schon Mütter, die ihre Kinder einfach mit Liebe großzogen. Egal, welches Label wir heute der Art und Weise geben, wie wir unsere Kinder erziehen und egal, wie sehr man darüber zwischen Unerzogen und Attachement Parenting und was es sonst noch alles gibt, diskutieren mag: Wer seine Kinder mit dem Herzen sieht, der wird es schon gut machen- und in glänzende Kinderaugen sehen.

 

 

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

13 Gedanken zu “Kinderaugen müssen glänzen

  1. Liebe Mia, das ist für mich ein bisher schönster Post. Deine Uromi war eine tolle Frau. Genau wie du. Danke. Diesen einen Satz, du weißt schon, den werde ich wohl nie mehr vergessen.

  2. Ich war total überrascht, denn das Foto zeigt meina Großmutter, an die ich mich sehr gut erinnere und das Buch ist von ihrer Tochter Kaethe, meiner Tante geschrieben worden. Wo kann man es finden?

    1. Liebe Angela, das gibt es ja alles gar nicht! Du hast uns mal besucht, als ich noch ein Kind war. Die Aufzeichnungen waren alle in Sütterlin und meine Oma Käthe, Katharinas Tochter hat sie in lateinischer Schrift abgeschrieben und meiner Mama übergeben. Ich lasse Dir gerne eine Abschrift zukommen.

      1. Liebe Mia,
        als meine Tochter julia mich gestern Abend ganzaufgeregt anrief, konnte ich kaum glauben, was sie mir alles von Dir erzählte, und als ich das schöne Foto meiner Grossmama sah,stockte mir der Atem ! Inzwischen sind wir, dank Julchen aus LA alle miteinander verbunden, was ich wunderbar finde, gerade in Zeiten, in denen Werte wie Familie und Fürsorge etwas verloren gehen ! Danke, dass du hilfst, dass das nicht passiert ! Ganz herzliche Grüsse, Gisela Wolff

  3. Wow, ist das schön. So weise, warmherzig und ehrlich – in einer Zeit, als genau gegenteilige Ziele bei der Kindererziehung hochgehalten wurde. Wie alle vor mir, bin ich zutiefst beeindruckt und berührt. Danke, dass Du das mit uns geteilt hast!

  4. Ich erinnere mich noch an das Foto, das Du an Weihnachten mit eben diesem Buch und einem Zitat daraus auf Instagram gepostet hattest, denn ich war damals schon begeistert davon. Es hat mich berührt und ich habe irgendwie immer gehofft, dass Du vielleicht irgendwann einmal darüber schreiben würdest. Es hat mich zum einen an meine eigene Großmutter erinnert, die für mich enorm wichtig war und die immer in dieser liebenden Weise für uns Kinder da war – leider hat meine Großmutter aber ich Gedanken und Erlebnisse als Mama nicht schriftlich festgehalten. So sind mir nur meine eigenen Erinnerungen geblieben und die Sammlung ihrer Koch-und-Backrezepte, denn die hat sie aufgeschrieben : ) Aber es hat mich außerdem an meinen verstorbenen Großonkel erinnert. Da er katholischer Pfarrer war hatte er keine Kinder und hat Elternschaft nicht selber erlebt, aber er hat oft und viel über seine Kindheit erzählt und er hat uns zur Taufe unseres ersten Kindes einen wundervollen Text geschenkt mit seinen Gedanken über Kinder, Erziehung und die Liebe. Diesen Text lese ich immer und immer wieder, weil es mir hilft, mich auf das wirklich wichtige und wesentliche zu konzentrieren. Einer der Punkte lautet: „Versuche nicht, den Willen deines Kindes zu brechen. Du brichst ihm das Rückgrat. Wer liebt, schlägt nicht. Wer liebt schafft einen Raum, in dem andere sich nicht mehr kümmern muss. Wer nicht gebeugt wird, sieht das Weite. Und wer das Weite sieht, verliert die Angst. Und wer die Angst verloren hat, ist ein Segen für seine Mitmenschen.“ Lieben Dank, Mia, für das Teilen dieser Worte und es ist wunderbar, was sich daraus alles für Dich ergeben hat!

  5. Das ist von so zeit- und bedingungsloser Wahrheit! Nicht die Menge an ,,Lernspielzeug“ und der xte Förderkurs macht uns zu guten Eltern, sondern die Liebe und das Verständnis für Freud und Leid unserer Kinder. Das wird immer und überall so sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.