Wenn Du losgehst

„In 10 Minuten findet oben ein Rockkonzert statt!“ Huh, Rockstars können sehr laut brüllen, das kann ich Euch sagen!

Der Maxi jedenfalls träumt von einer Karriere auf der ganz großen Bühne und hat neuerdings ein entsprechendes Spielzeug in seinem Zimmer: Einen Bass. Es versteht sich von selbst, dass diese Idee auf Maxis und Papas Mist gewachsen ist. Ich hätte ihm niemals einen echten Bass ins Kinderzimmer gestellt, ich wohne schließlich in diesem Haus. Aber der Mann, selber Bassist in einer Band, war wohl so begeistert von dem Wunsch seines Sohnes, dass er flugs eines seiner vielen Modelle für Maxis Übungsgerät erklärt hat. Nebst Verstärker!! Jaa, jetzt könnt Ihr Euch vorstellen, wie gemütlich wir es hier haben.

Was mich betrifft, ich finde sowieso, der Maxi ist ein Rockstar. Das Leben mit ihm rockt! Gerade im Moment wünsche ich mir so sehr, ich hätte mehr Zeit, um sie mit ihm zu verbringen. Ich bin fasziniert von diesem Zwischenstadium, in dem er sich zu befinden scheint, irgendwo zwischen einem kleinen und einem wirklich, wirklich großen Jungen. Jeden Tag versuche ich zu verstehen, wo er eigentlich gerade steht, das ist so interessant. Manchmal liege ich voll daneben, mit meiner Vorstellung von dem, was ihm gefällt: Es gibt Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass er da noch Lust drauf hätte, aber er liebt sie und unerwartet  sehe ich einen kleinen Jungen in himmlisch kindlicher Freude erstrahlen. Und dann gibt es Dinge, da hätte ich schwören können, dass er total begeistert reagieren würde und ernte statt dessen nur ein: „Bor nee, Mama, das ist voll peinlich, das mache ich auf keinen! Fall!!“

Ach Maxi,  immer dann, wenn Du meine Vorschläge ablehnst, fühle ich mich auch ein kleines bißchen abgelehnt. Das macht mir wenig aus, ich habe immer gewußt, dass Du Dich eines Tages von mir abgrenzen würdest, um Deinen ganz eigenen Weg gehen zu können. Aber ist es schon so weit?

Wohin geht mein Sohn? Und wann? Ich muss wieder oft an einen meiner liebsten Posts von Berlinmittemom denken, in dem sie schrieb, dass ihr Sohn auf dem Weg in eine Welt sei, die sie nicht betreten kann, und wenn, dann nur in seinem Gefolge. Ich selber habe im Moment eher das Gefühl, dass Maxi sich sehr für meine Welt interessiert. Ich bin nämlich eine Frau und Maxi möchte gerade sehr genau wissen, wie Frauen so ticken, wenn Ihr versteht, was ich meine. Wir sind uns so nahe wie eh und je und ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass er auf dem Weg in eine eigene, mir verschlossene Welt ist. Aber ich spüre eine Ahnung davon, dass es wohl irgendwann so kommen muss. Gar nicht, weil er ein Junge ist, sondern weil er mir eben nicht gehört und weil er seinen eigenen Weg gehen wird. Nur wann zieht er los?

Und dann sitze ich in seinem Zimmer auf dem Platz, den er extra für mich in die richtige Position in Richtung Bühne gebracht hat und lausche seinem Rockkonzert. Ich sehe ihm zu und plötzlich durchzuckt mich die Erkenntnis: : Er ist schon unterwegs.

Das, was er da macht, das habe ich ihm nicht gezeigt. Der  Papa vielleicht, aber sooo ein Rocker ist der Papa ja jetzt auch wieder nicht. Wir haben ihn nicht zum Gitarrenunterricht geschickt und den Klavierunterricht zum Schulbeginn wieder eingestellt. Und doch steht er jetzt jeden Tag da und“übt“ Bassspielen. Weil er sich selber gerade als Musiker sieht.

Ist es ein wildes Kind? Oder eher ein ganz stilles? Wird er ein Draufgänger, oder eher schüchtern? Wird er sensibel, musikalisch, sportlich, fröhlich, nachdenklich- wir wussten es ja nicht. Wir hatten keine Ahnung, was für ein Mensch da zu uns gekommen war, als der Maxi uns an seinem Geburtstag in den Arm gelegt wurde. Aber nach ein paar Tagen kam dieses Baby mit zu uns nach Hause, in unser Haus, zu uns als seinen Eltern.

Wir haben verstanden, dass es wohl unsere Aufgabe sein wird, ihn zu erziehen. Also haben wir ihm die Welt gezeigt, so wie wir sie sehen. Wir haben ihm die Dinge erlaubt, die wir okay finden und wir haben an den Stellen Nein gesagt, an denen wir dachten, das geht jetzt aber wirklich nicht. Wir sind mit ihm in die Länder gereist, die wir lieben und haben ihm das Essen gekocht, dass wir mögen. Wir haben ihn in Klamotten gesteckt, die uns gefallen und die Musik vorgespielt, die wir gerne hören.

Irgendwie haben wir ihn in den letzten Monaten dabei immer mehr als Sportler gesehen. Hockey ist sein Ding und er ist fit wie ein Turnschuh. Mit der ganzen Familie stehen wir an den Wochenenden am Rande der Hockeyfelder in der Gegend, feuern den Maxi an und jubeln bei jedem Tor, als wären wir im Stadion bei der Fußballweltmeisterschaft. Halbfinale! Mindestens! Gegen Holland!

Maxi identifiziert sich auch sehr mit dem Hockey. Das Trikot wird stolz auch beim Schulsport getragen, die Aufkleber mit dem Clubemblem werden überall hingeklebt und die Jungs von den 1. Herren haben momentan mehr Idolpotential als es Spiderman jemals hatte.

Aber so ein Kind ist ja viel mehr als nur das, was seine Eltern in ihm sehen. Kinder sind  viel mehr als ein Ergebnis dessen, was wir ihnen mitgeben. Und manchmal kriegen deshalb zwei Juristen eben einen Rockstar.

Was mir so durch den Kopf schießt, während ich Maxis (mittelmäßigen) Basskünsten lausche, ist aber nicht nur der Gedanke, dass ich seinen Weg nur bedingt beeinflussen kann. Es ist auch die Erkenntnis, wie sehr ich ihn eigentlich schon losgelassen habe. Vorbei sind die Zeiten, in denen ich das Nachmittagsprogramm bestimmt habe und vorbei sind auch die Zeiten, in denen ich immer ein Teil davon war. Er sucht sich seine Freunde selber aus, verabredet sich selbständig und wenn wir die Nachmittage mal alleine zu Hause verbringen, macht er eben das, wozu er gerade Lust hat. Ich gehe nicht mehr voraus, ich gehe jetzt hinter meinem Sohn her. Ich nehme manchmal seine Hand und vielleicht springe ich auch manchmal hervor um ihn zu beschützen, aber wir gehen jetzt auf seinem Weg und nicht mehr gemeinsam auf meinem.

Ich betrachte den Rockstar und denke, was für ein großartiges Geschöpf da vor mir steht. Dieser Junge, das bin nicht ich. Er ist ein Teil von mir, aber wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem er auch mich beeinflusst und nicht mehr nur ich ihn. Er hat mir neue Welten und neue Einblicke eröffnet und plötzlich finde ich den Moment so sinnbildlich: Maxi steht auf der Bühne und ich schaue zu. Ich bin zwar noch sein Ehrengast, aber er bestimmt die Playlist. An diesem Tag, während dieses Rockkonzerts habe ich wieder etwas verstanden. Im Alltag entwickeln sich die Dinge ja einfach und man braucht manchmal einen kleinen besonderen Moment, um zu sehen, dass man eine neue Ära erreicht hat. Ich sehe es an diesem Nachmittag auf dem Konzert meines Sohnes. Ich atme einmal tief ein und lasse in diesem Moment mein Kind wieder ein kleines bisschen mehr los. Dann lehne ich mich zurück  und freue mich.

Welche Bühne wird er wohl wählen? Welche Konzerte wird er spielen? Eins steht fest: Mich wird er immer irgendwo Backstage finden, wenn er mich braucht.

 

 

 

 

8 Gedanken zu “Wenn Du losgehst

  1. Mann Mann, du schaffst es echt mir jedes Mal Tränen in die Augen zu treiben.. so treffend und schön geschrieben… Auch wenn ich wirklich froh bin, dass meine Jungs noch so klein sind.. ich brauche noch ein bisschen 😉 liebe Grüße!!

  2. Wow, so ein schöner und ehrlicher und guter Text!!! Vielen Dank dafür!!!
    Das sind so wahre und warme Worte, die du da gewählt hast!
    Alles Liebe weiterhin auf eurem Weg!
    Kerstin

  3. Meine Söhne sind genauso alt wie deine und es gelingt dir immer wieder das in Worte zu fassen, was ich hier auch beobachte, aber eben nicht in Worte fassen kann.

  4. Liebe Mia, ich verfolge Deinen Blog schon länger und ich muss sagen, für mich ist das einer Deiner besten Beiträge. Viele Texte können berühren oder zum lachen bringen aber mit Deinen Worten schaffst Du es, zum nachdenken anzuregen und das nicht nur für die kommenden 5 Minuten. Ich habe eine 4-jährige Tochter und selbst in dem Alter bemerkt man bereits, dass sie sich lösen und ihre eigenen Wege gehen. Sie finden ihre ersten Freunde, die wiederum unsere Kinder ganz anders sehen als wir es tun. Als Mama empfinde ich es als sehr schwer loszulassen und trotzdem ist es beeindruckend zu sehen welche großartigen Persönlichkeiten da heranwachsen. Alles Gute weiterhin für Deinen Blog. Mach‘ weiter so. Liebe Grüße Sonja

    1. Vielen Dank für Deine Worte! Ein bißchen Festhaltenwollen habe ich auch immer in mir, aber der meistens überwiegt der Stolz auf diese unabhängigen Geister und ich finde es großartig, ihnen beim Weggehen zuzusehen. LG Mia

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