Auch an blöden Tagen

Ich habe es einfach so hingeschrieben, als wäre es das einfachste der Welt: Wie einfach Familie sein kann! Dabei ist es in Wahrheit längst nicht immer einfach. Im Gegenteil.

Natürlich hatte ich in meinem letzten Post von Familie im Urlaub gesprochen, und das ist eine ganz andere Geschichte als die von der Familie im Alltag. Dennoch musste ich über mich selber und meinen eigenen Text schmunzeln, als sich schon am nächsten Tag meine Söhne so sehr und so ausdauernd in den Haaren hatten, dass ich am liebsten laut fluchend abgereist wäre.

Also erzähle ich Euch heute die andere Geschichte meiner Familie. Die, in der ich ständig aus der Haut fahren möchte und in der meine innere Unruhe von Stunde zu Stunde größer wird, bis ich am Abend beinahe jede Frage ungehört mit einer ungeduldigen Handbewegung wegwische, weil meine Ohren beim allerbesten Willen nicht mehr in der Lage sind, auch nur eine einzige weitere Information an mein Hirn zu transportieren- zu vieles ist den ganzen Tag auf mich eingeprasselt. Zu viele Fragen, zu viele Beschwerden, dazu Musik und mit jedem Gegenstand im Haus erzeugter Lärm. Und all die Gefechte!

Oh ja, sie stürzen sich von Gefecht zu Gefecht, meine Söhne, und das ist vielleicht die größte Belastung für mich im Moment. Es gibt rein gar nichts, über das es sich nicht vortrefflich streiten ließe. Sie bewegen sich durchs Haus, als wären sie eins, ineinander verkeilt und wütend auf den anderen bis in die Haarspitzen. Jede Auseinandersetzung endet in einem Scharmützel und kaum ist eines ausgefochten, stürzen sie sich schon in das nächste. Es ist zum Haareraufen (aber das tun die Jungs ja schon) und einfach, wie ich schrieb, einfach ist das wirklich nicht!

Ja, es ist eine andere Geschichte meiner Familie, als die, die ich Euch über den Urlaub erzählt habe, und doch ist es eigentlich dieselbe.

Denn auch das ist meine Familie. Und auch so liebe ich sie.

Jede Familie ist ein eigenes Konstrukt, jede einzigartig in ihrer Form, so wie die Schneeflocken, von denen keine der anderen gleicht. Meine Familie, das sind meine drei Männer. Das ist mein Mann, der mich heute noch immer wieder so fasziniert, wie damals, als ich ihn das erste Mal traf. Das ist der Maxi, der mir so ähnlich ist, dass es manchmal weh tut, weil ich seine größten Stolpersteine schon kenne, die er sich selber  vermutlich sein ganzes Leben lang in den Weg legen wird, und weil er mich mit einem einzigen Blick bis in den Herzensgrund berührt. Das ist der Mini, ohne den ich die extrovertierte Seite der Familie niemals entdeckt hätte, und der…ach, der Mini verdient längst mal einen eigenen Blogpost. Das sind die meinen, meine verrückte Crew, meine laute, wilde, anstrengende Familie.

Und ja verdammt, sie machen mich wahnsinnig und wir streiten uns und wir nerven uns , und manchmal ist es zum Weglaufen. Und doch stehe ich als Mutter mitten in diesem Wahnsinn und liebe sie alle wie verrückt. Immer. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich in jeder Minute das Familienleben genieße, aber immer und immer und mit jeder Faser liebe ich diese Familie. Manchmal mit weniger Herzchen in den Augen, aber selbst im größten Chaos, wenn ich am liebsten feuerspeiend aus dem Haus rennen würde, kann all mein Frust und all meine Erschöpfung nichts daran ändern, dass es diese Familie ist, die das Kunststück vollbringt, mich vollkommen glücklich zu machen, auch an richtig blöden Tagen.

Eine Leserin kommentierte mal unter einen meiner Posts: „Klingt für mich, als müsstet Ihr ach so glücklichen Mütter Euch Euer Leben schönreden.“ Also, ich will Euch nicht verheimlichen, wie genervt ich manchmal bin. Ich kann auch schreien und Türen knallen, mindestens genau so gut wie meine Söhne. Das hier ist ein lautes Haus! Aber oh wie weit weg ist dieser Kommentar von meiner Realität!

Meine drei Männer sind gleichzeitig der Boden unter meinen Füßen und das Dach über meinem Kopf. Ohne sie wäre ich nicht ich. Ohne unsere Auseinandersetzungen wären wir nicht wir. Diese drei gehören zu mir und ich halte es für das größte Glück, wenn man Menschen in seinem Leben hat, über die man das sagen kann.

Nein, in meiner Familie herrscht nicht Friede, Freude, Eierkuchen- oder jedenfalls nicht immer. Das geht aber auch nirgendwo, wo Menschen zusammenleben. Und wenn man das akzeptiert, kann Familie eben doch so einfach sein. Nicht nur im Urlaub.

 

 

 

9 Gedanken zu “Auch an blöden Tagen

  1. So lange man sich reibt, ist alles in Ordnung! Sogar in bester Ordnung. So anstrengend es auch ist, es bedeutet, dass man sich gegenseitig ernst nimmt und man sich nicht egal ist.
    und eigentlich sollte doch jedem klar sein, der Mama Blogs oder was auch immer liest, dass es immer Momentaufnahmen sind und der Verfasser seinen Beitrag ja in einer bestimmten Stimmung schreibt. Ihr Blogger seid ja auch nur Menschen, ne? Spannend, dass es so fiese Kommentare gibt.
    Liebe Grüße

    1. Absolut richtig! Hier wird auch viel gestritten, aber trotzdem lieben wir uns alle und das wissen wir auch im Streit. Wenn wir uns nichts mehr zu sagen hätten, wäre das viel viel schlimmer.

      Die fiesen Kommentare gibt es doch immer und überall. Aber vielleicht sind auch das nur Momentaufnahmen einer gestressten Mutter, der das Glück anderer gerade massiv auf die Nerven geht

  2. Bei uns ist es auch sehr oft, sehr chaotisch. Und wenn ich daran denke, wie ich als Kind mit meinem Bruder umgegangen bin, da wird mir Angst und Bange um meine Jungs 😀

    Und ja, auch Eltern dürfen sich mal streiten. Das ist völlig normal und gehört irgendwie dazu. Wie langweilig wäre es, wenn alle die gleiche Meinung, dieselben Vorlieben usw. hätten? 😉

    Ein Kinderhaushalt hat die absolute Berechtigung laut, chaotisch und auch mal unaufgeräumt zu sein.

    Ich denke, Du machst da Einiges richtig.

    LG,
    Mattes

  3. Gleiche Konstellation, gleiches Alter der Kinder, gleiches Gefühl in vielen Situationen. Ich kann den Blogpost so unterschreiben. Du zeigst ja nur einen Teil deines Familienlebens und der andere gehört genauso dazu. Aber wer zeigt schon gern Streit, Kampf und Klopperei. Gerade im Urlaub bekomme ich immer wieder mir, dass es in anderen Familien ganz genauso zugeht. Nur will keiner drüber reden. Liebe Grüße Kerstin

  4. Ich habe Deinen Blogeintrag sehr gerne gelesen!! Ja, Familie ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen, doch wenn sie sich trotz allem Chaos, allen Reiberein und Nervenproben RICHTIG anfühlt, dann ist sie das auch! Jede Familie hat ihr eigenes Konstrukt wie Du schreibst, das stimmt!
    Ich selbst habe gerade einen ähnlichen Beitrag zum Thema Familie geschrieben, kannst ja mal reinlesen wenn Du magst:
    https://mammamiamitzweimaeusen.wordpress.com/2017/08/30/wir-sind-reich-oder-sind-kinder-eine-zumutung/
    Viele Grüße! Claudia

  5. Unser Großer ist gerade gut 4,5 Jahre alt. Die Mittlere gut 1,5 und die Kleine gerade eine gute Woche. Die beiden Großen kommen jetzt langsam da hin, dass sie sich „streiten“ (sofern das mit einer kleinen Schwester geht, die noch nicht richtig reden kann – dafür aber kreischen und quieken), weil der Große ihr gern in ALLEM helfen möchte, sie aber diese Hilfe fast NIE will. Also noch andere Themen.
    Aber ich hätte nie gedacht (und wollte das auch nie), dass ich die gleichen Sätze heraus sage (*schreie* – *schäm*), wie meine Eltern, wenn der Große partout nicht ans hören auch nur denken will. Da kommen „Nein“ und „aber“ und „nein, aber“ oder ich werde ganz ignoriert. Und ich komme mit genau den Sätzen daher, die ich als Kind am meisten gehasst habe – und ich hasse mich selbst heute auch dafür und könnte mit weinen, wenn er dann unter der angedrohten Konsequenz leidet und sich zum hundertsten Mal an dem Tag entschuldigt und mir hoch und heilig versichert, dass er das „nie nie wieder“ machen will und ab jetzt seine „Ohren klappen“ (wenn die nur bruchteilhaft so gut gehen würden, wie der Mund)… und er sein Versprechen keine 5 Minuten später wieder vergessen hat.
    Und trotzdem liebe ich ihn und alle, die zu unserer Chaostruppe gehören. Und etwas anderes würde auch ich in einem Post/Blog nicht schreiben wollen, weil ich sooo stolz auf meine zwei Männer und die beiden Mädels bin.
    Und auch ich denke, dass da jemand an dem Tag einfach nur nicht den Blick AUS seiner Suppenschüssel heraus nehmen konnte, um mal AUF seine Schüssel zu sehen und zu kapieren, wie viel Glück wir alle mit unseren völlig verdrehten Familien haben, die uns von oben bis unten sooo lieb haben.
    (eine Freundin sagte mal: weißt du, warum unsere Kinder zu/bei uns manchmal so am Rad drehen? – Weil sie wissen, dass wir sie trotzdem immer und ewig lieben!)

  6. Vielen Dank für Deine ehrlichen Worte. Du sprichst mir aus der Seele.
    Nach 3 Wochen Urlaub (für meine 2 Kinder sogar nach 4 Wochen) sind wir jetzt seit 3 Tagen wieder im Alltag zurück und der ist so chaotisch, anstrengend und launisch – ich kann es selbst kaum glauben. War doch unser Urlaub dagegeben so harmonisch. Schön zu hören, dass es anderswo genauso ist…die Worte kamen genau zum richtigen Zeitpunkt.
    Ich hoffe, dass sich unserer Alltag wieder etwas mehr einspielt und dann wieder etwas harmonischer wird.
    Alles Guten…weiterso mit allen Höhen und Tiefen des Lebens.
    Viele Grüße
    Yvi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.