Kinderseelen im Urlaub

Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Die Mittagssonne brennt unerbärmlich und die einzige Bewegung, zu der man noch fähig ist, ist gelegentlich ein kühles Eis zum Mund zu führen. Die Kinder scheinen die Hitze gar nicht zu bemerken. Vielleicht, weil ein kühler Wind vorne am Meer weht, vielleicht aber auch, weil sie so beschäftigt sind. Die bauen nämlich einen Staudamm gegen die Wellen. Es ist ein sinnloses Unterfangen, aber das ist ihnen egal. Sie bauen und bauen und brechen in eine Mischung aus Jauchzen und Schimpfen aus, wenn eine große Welle den Staudamm schon wieder einreisst. Und dann fangen sie von vorne an, wieder und wieder.

Wir sind in den Sommerferien in Italien am Meer. Maxi hat gleich am ersten Tag Freunde gefunden und ist von Morgens bis Abends am Strand unterwegs. Ich sitze im Liegestuhl und beobachte Ihn. Ihn und all die anderen Kinder. Meine Leben ist so einfach in diesen Tagen. Die Kinder sind eine einzige Freude, ich habe endlich mal wieder Zeit zum Nichtstun und eine entspannte Stimmung liegt auf unseren Urlaubstagen.

Den Eltern um mich herum scheint es genau so zu gehen. Das Meer spielt eine sanfte Hintergrundmusik, während überall Eltern in ihren Liegestühlen sitzen, Kaffee trinken und ihren Kindern beim Spielen zusehen. Wie einfach Familie im Urlaub ist!

Im Urlaub habe ich immer das Gefühl, dass wir vier wie Zahnräder ineinander greifen. Wie die unterschiedlich großen Zahnräder einer Uhr drehen wir uns, jeder in seinem Tempo, jeder für sich und doch alle perfekt aufeinander abgestimmt, so dass es nirgendwo hakt.

Zu Hause hakt es eigentlich ständig. Da muss ein Kind früher abgeholt werden, da muss ich länger arbeiten als geplant, der Papa ist kurzfristig auf Geschäftsreise, einer bekommt Fieber, einer hat seine Hockeytasche liegen lassen- und alles gerät in eine Art Troubleshooting-Modus. Plötzlich ist die Stimmung gereizt, ich schimpfe mehr, als ich jemals wollte und am Abend sinken wir alle erschöpft ins Bett, bevor am nächsten Morgen viel zu früh der Wecker klingelt.

Jetzt liege ich dösend auf meiner Liege am Strand und beobachte die spielenden Kinder. Da ist ein Kind, das sich nicht so richtig traut, den Maxi anzusprechen und immer um ihn herumschleicht. Da ist ein ganz kleines Kind, das Mamas Flipflops im Sand vergräbt, so dass sie in ein paar Minuten wohl nicht mehr auffindbar sein werden. Aber die Eltern sitzen gerade so gemütlich im Sand, deswegen lassen sie sie wohl einfach machen. Ein Kind ist besonders wild, eines spielt seit einer Ewigkeit hingebungsvoll auf einem einzigen Quadratmeter Sand und eines liest mit seinem Papa im Liegestuhl ein Buch. Jeder macht, was ihm Spaß macht. Jeder ist, wie er ist.

Genau darin liegt vermutlich der Schlüssel für diese Urlaubszufriedenheit: Jeder kann sein, wie er ist und machen was er will. Kinder würden ja am liebsten jeden Tag so leben, aber außerhalb des Urlaubs lassen wir sie so selten.

An einem normalen Tag bei uns, sind wir morgens schon spät dran und treiben die Kinder an, und wenn wir nachmittags zu Hause sind, dann haben wir alle bis dahin schon so viele Dinge tun müssen, obwohl wir eigentlich lieber etwas anderes getan hätten, so dass wir von entspannt so weit weg sind wie Donald Trump vom Verfassen eines intelligenten Tweets. Ich lasse Druck und Frust beim Sport aus, die Kinder lassen alles an mir aus. Manchmal möchte ich sie dann gerne zum Mond schießen. Mit all ihren überall im Haus verteilten Spielsachen.

Aber jetzt sehe ich sie am Strand herumlaufen. Frei und glücklich. Maxi spielt inzwischen in einer Gruppe von sechs Kindern. Wenn man sie einfach nur beobachtet, wie sie spielen, dann kann man ihre Einzigartigkeit sehen. Man sieht, wie unterschiedlich sie alle sind und wie jedes von ihnen sich in dieser Atmosphäre, in der das Zeitkontingent so endlos zu sein scheint, wie das Meer,  immer mal wieder in einen eigenen Gedanken verliert und seinem eigenen Spiel hingibt.

Für einen Moment denke ich, dass solche Momente eine kostbare Gelegenheit sind, ganz, ganz tiefe Einblicke ins eigene Kind zu bekommen . Wenn alles das fehlt, was sie im Alltag davon abhält, ganz sie selbst zu sein, wenn sie sich gegen nichts wehren müssen, das sie einengt, dann sind sie einfach so, wie sie eben sind.So wie sie sein wollen. Und wenn wir Erwachsenen ganz genau hinschauen, dann können wir geradewegs in ihre Kinderseelen blicken.

Alltag ist immer eine Herausforderung. Die Tiefenentspannung dieser Urlaubstage werden wir vermutlich nicht mehr als ein paar Tage in die erste Woche nach den Sommerferien hineinretten können. Aber ich nehme mir fest vor, nicht so schnell die Nerven zu verlieren, wenn die Kinder am Nachmittag unausstehlich sind. Ich möchte den Maxi vor mir sehen, wie er  stundenlang in Ruhe einen Staudamm gebaut hat- ohne dass ein Viertklässler ihn wieder eingerissen hat. Ich möchte den Mini vor mir sehen, wie er den halben Tag lang einen Felsen rauf- und runtergeklettert ist- ohne dass ein kleineres Kind ihm den Weg versperrt hat oder jemand gesagt hat, jetzt sei aber Zeit zum Mittagessen. Wenn ich mir auch im Alltag ein bisschen von dem Blick auf sie bewahren kann, wie ich sie im Urlaub gesehen habe, dann werde ich ihnen den Stinkstiefel und den Giftzwerg nicht mehr übelnehmen. Dann werde ich hoffentlich durch allen Stress hindurch sehen, was für wunderbare Kinder das sind, wenn man ihnen nur Raum und Zeit genug gibt, ihre Kinderseelen baumeln zu lassen.

 

 

 

10 Gedanken zu “Kinderseelen im Urlaub

  1. genau, genau, genau.
    Wir starteten grad in die 2. Woche nach 3 Wochen Holland-Strand. Ich sah durch das Lesen eben kleine Urlaubsmomente vorm inneren Auge. Erinnert, wie jeder von uns seine Zufriedenheit fand und wie leicht das Leben sein kann.

  2. Ein schöner Text und Du hast so recht. Ich würde mich total freuen, wenn Du bei Gelegenheit verraten würdest, wo auf Elba Ihr urlaubt. Und falls Ihr Eure Unterkunft empfehlen könnte, wäre ein Tip auch ganz großartig
    Noch einen schönen Resturlaub!

  3. Liebe Mia, genau diese besonderen Momente braucht man als Familie um an schwierigen Tagen davon zehren zu können. Ein ganz wunderbarer Text. Danke.

  4. Wow, ganz toller Post. Ich kommentiere selten, aber diesmal nehm ich mir die Zeit. Hab Tränen in den Augen.
    Und… die Antwort auf meine Frage warum mein Sohn und ich im Italien-Urlaub so wunderbar harmoniert haben, während ich mich grade erst vor 10 min schon zum gefühlt 100. mal heute gefragt habe, warum dieses Kind denn grundsätzlich erstmal das Gegenteil von dem macht, was Mama sagt…

    Danke für die tollen Worte, du hast es wohl auf den Punkt getroffen und ich werde versuchen mich immer daran zu erinnern, wenn mich der Stress mit Kleinkind im Alltag mal wieder überkommt 😉

    Lg Leni

  5. Ein sehr schön geschriebener Text – Kompliment!
    Für uns geht es erst nächstes Jahr wieder ans Meer – also heißt es für die Kids noch ein wenig abwarten. Aber auch diesen Sommer in Südtirol war’s schön und zwischen Klettern, Wandern und Plantschen im Pool hat niemand das Meer vermisst 😉 Für mich immer wieder wunderschön zu sehen, wie Kinder im Urlaub über sich hinauswachsen und neue Dinge dazulernen!

  6. Ja, bei uns ist alles noch so frisch (genau wie mein eigener kleiner Blog), da ist an Urlaub noch nicht wirklich zu denken, aber deine lebhaften Urlaubseindrücke machen wirklich schon Lust auf „Meer“.
    Liebe Grüße
    Manu

  7. Mit vier Kindern kann ich die beschriebenen Alltagsgefühle sehr gut nachempfinden und auch den Urlaubsgedanken: danach lasse ich mich nicht mehr so schnell stressen und doch vergeht es erfahrungsgemäß immer wieder so schnell. Der Alltagsmodus ist eingeschaltet und jeder in der Familie in seiner eigenen kleinen Welt.

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