Lasst die Zeit nicht einfach so vorbei gehen

Meine Freundin sitzt mir gegenüber und lacht. Ich liebe es, mit ihr zu lachen und ich liebe es vor allem, dass wir über dieselben Dinge lachen können. Überhaupt sind wir uns sehr ähnlich und sie ist eine meiner wenigen richtig guten Freundinnen. „Weißt Du, dass es diesen Monat genau 5 Jahre her ist, dass wir uns das erste Mal gesehen haben?“, fragt sie. „Stimmt,“ sage ich und habe sofort diesen Moment vor Augen, als ihr Sohn und der Maxi sich vor fünf Jahren auf dem Spielplatz in die Wolle bekamen. Unsere Blicke trafen sich damals und ich wusste nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte. Sollte ich eingreifen? Oder war das nicht nötig? Und an ihrem Blick konnte ich sehen, dass es ihr genau so ging, wie mir. Damals haben wir uns zum ersten Mal mit Blicken verständigt und zum ersten Mal gemeinsam gelacht. Zwei Frauen, ganz neu im Mütter-Business hatten sich gefunden.

Was für ein Glück, dass wir beide uns an diesem Tag auf den Weg zum Spielplatz gemacht hatten! Denn damals, als der Maxi noch ein Baby war, kannte ich keine anderen Mütter. Meine Freundinnen hatten noch keine Kinder, meine Kolleginnen hatten keine kleinen Kinder mehr und manchmal kam ich mir sehr alleine vor.

Ich tat, was viele Mütter tun: Ich besuchte Babykurse. Beim Pekip saß ich plötzlich mit ganz vielen Müttern im Halbkreis auf dem Boden und redete über Schlafen, Stillen, Wickeln- ich war nicht mehr alleine. Yeah!

Die Pekip Runden wurden mein Wochenhighlight und schnell entwickelte es sich, dass wir Mütter uns auch außerhalb der Pekip Kurse trafen. Gemeinsam mit unseren Babys trafen wir uns regelmäßig auf Spielplätzen oder bei einer von uns zu Hause zum Frühstück. Kein Wunder also,  dass ich auch mit dem Mini wieder einen Pekip Kurs besuchte.

Im Laufe der Zeit habe ich auf diese Weise viele Mütter getroffen. Ich saß in Kindercafes oder auf Turnmatten auf dem Boden irgendwelcher Gemeinderäume und war Teil einer Gruppe von Frauen, die eines gemeinsam hatten: Unser Leben kreiste um unsere Babys.

Als ich neulich mit einer befreundeten Bloggerin ein neues Kindercafe in der Stadt besuchte, sah ich die jungen Mütter mit ihren Kindern auf dem Schoß dort sitzen und dachte, wie witzig das eigentlich ist. Diese 5 Mütter die dort gemeinsam saßen, hätten sich vielleicht niemals zusammengefunden, wenn sie nicht zufällig im selben Pekip- oder Geburtsvorbereitungskurs gelandet wären. Vielleicht könnten sie sich nicht einmal leiden, wenn sie sich ohne die Kinder getroffen hätten. Denn was sie dort zusammenführt, ist genau eine Gemeinsamkeit: Ihre Babys.

In meinen Kursen wurde schnell klar, dass wir Mütter ganz unterschiedliche Modelle lebten:

„Was, du gehst schon wieder arbeiten? Also ICH habe erstmal drei Jahre Elternzeit beantragt!“

„Was, Du stillst gar nicht mehr? Also ICH werde so lange stillen, wie möglich!“

„Was? Der schläft noch im Elternbett?“

„Was?! Der schläft nicht im Elternzimmer?“…

Heute sind mir aus den Pekip Jahren nur wenige Freundschaften geblieben. Denn heute sind Kinder nicht mehr als verbindendes Element ausreichend. Ich bin (zurück) auf meinem eigenen Weg.

Mein Fokus sind nicht mehr so sehr Kinder allgemein. Mein Fokus sind meine eigenen Kinder.

Und ganz viel wieder ich selber. Ich als Mensch, nicht ausschließlich als Mutter.

Das fühlt sich wunderbar an. Wenn ich meine beiden Schwestern mit ihren noch ganz kleinen Kindern sehe, oder wenn ich versuche, mit ihnen zu telefonieren, wenn es die Kinder gerade zulassen, dann fühle ich mich, als hätte ich etwas Großes bewerkstelligt: Ich habe meine Kinder durch die sehr anstrengenden Babyjahre begleitet und darf heute gemeinsam mit ihnen in unserer wundervollen Familie leben, in der auf der Basis tiefer Verbundenheit jeder seine Freiräume hat.

Doch so sehr ich das genieße, ein bisschen trauere ich den vergangenen Zeiten hinterher. Ich sehe diese Mütter in dem Kindercafe und ich sehe, wie sie ganz in ihrer Mutter-Kind Welt sind. Alles andere ist ausgeschaltet. Ihr Job spielt in den nächsten Monaten keine Rolle, sie werden eher nicht mit ihren kinderlosen Freunden nächtelang um die Häuser ziehen, die Weltreise muss verschoben werden und die empfindliche Seidenbluse bleibt noch eine ganze Weile im Schrank. Der Fokus liegt ganz auf ihren Babys und auf allem, was in diesem Kosmos wichtig ist.

Diese Babyjahre sind ein bißchen, wie Verliebtsein  (als ich damals den Mann kennenlernt dachte ich, es müsste Sonderurlaub für Verliebte geben, weil man sich doch frisch verliebt unmöglich auf die Arbeit konzentrieren kann). Wie Frischverliebte hat man ein paar Monate lang nur Augen und Ohren und Verstand für sein Baby und alles andere ist zweitrangig. Gut, die schlaflosen Nächte trüben das junge Glück ein wenig (andrerseits, frischverliebt sind die Nächte ja auch nicht unbedingt zum Schlafen da ;-)).

Ich bin glücklich darüber, dass ich mit jedem meiner Kinder eine ausgiebige Elternzeit geniessen durfte. Auch wenn ich mich zwischendurch gelegentlich nach mehr Freiheit gesehnt habe, wenn ich es manchmal kaum erwarten konnte, wieder ins Büro zu gehen- diese Zeit, die man wie unter einer Glaskuppel verbringt, die ist so innig. Heute wünsche ich mir manchmal, ich könnte mich nochmal so ohne jede Ablenkung nur auf mein Muttersein und auf meine Kinder konzentrieren.

Irgendwann kehrt Alltag ein. Man kommt unter der Glaskuppel hervorgekrochen und taucht wieder ein in ein Leben, in dem andere Dinge mehr Zeit einnehmen, als das eigene Kind. Eine Welt, in der man den halben Tag getrennt von seinen Kindern verbringt, um sie schließlich mit vollem Kopf aus der Kita abzuholen, nur um zu Hause sagen zu müssen: „Ich muss noch kurz eine Mail schreiben.“ Das sind nicht die besten Tage, aber wir verkraften sie und spätestens, wenn ich abends die Kinder ins Bett bringe, ich dem Mini noch so lange eine Geschichte vorlese, bis er einschläft und ich mich dann noch kurz zu Maxi ins Hochbett lege, dann haben wir wieder ein paar Glaskuppelmomente.

Dass wir die Zeit nicht anhalten können, dass wissen wir schon, wenn wir unsere drei Monate alten Babys ansehen und uns fragen, wo nur das winzige Baby geblieben ist. Nein, wir können die Zeit nicht anhalten, aber rückblickend glaube ich, dass die Zeit im ersten Babyjahr ein kleines bißchen langsamer lief.  Die Tage waren ruhiger und die Nächte endloser. Nicht, dass es nicht stressig war, aber alle Aufregung drehte sich nur um ein Thema, um das Allerwichtigste: Mein Kind. Heute, wo so viele Dinge gleichzeitig auf mich einprasseln, dass die Momente, in denen ich ganz auf ein Kind konzentriert bin, seltener geworden sind, denke ich, wie gut es ist, dass es dieses Babyjahr gab.

Es ist auch gut, dass sich der Fokus wieder verschiebt und Raum gibt für den Menschen, der man neben der Mutterrolle ja auch noch ist. Aber allen, die sich gerade im Babykosmos befinden, möchte ich sagen: Lasst Euch drauf ein. Das Büro läuft nicht weg, die Parties auch nicht und die Weltreise macht hoffentlich in ein paar Jahren sogar wieder mehr Spaß, als sie es heute tun würde. Lasst Euch darauf ein, den halben Tag auf einer Krabbeldecke zu verbringen, findet einen Sinn darin, Türmchen aus drei Bauklötzen zu bauen. Liebt es! Lasst diese Zeit nicht einfach vorübergehen.

 

 

 

10 Kommentare

  1. Ich kann nur zustimmen, das erste Babyjahr ist das Fundament für die darauffolgende Zeit. Beim zweiten Kind konnte ich diese Zeit auch viel mehr schätzen und genießen. Vielleicht, weil ich schon besser wusste, worauf ich mich da einlasse.
    Wenn die Kleinen größer werden, kommt der Punkt den du so treffend beschreibst: Wieder mehr Zeit für sich. Arbeiten gehen. Sich selbst ausleben. Ich hoffe, dass sich Arbeit und Familie in Zukunft noch besser vereinen lassen werden, denn deine Sätze machen mich ein wenig traurig. Besorgt auch. Bald gehts nämlich los mit der Arbeit.
    Ich hoffe, dass wir das gut schaffen können. Und an den schlechten Tagen besinnen wir uns dann auf unser schönes, stabiles Fundament 🙂
    Danke für den Artikel!
    Liebe Grüße
    Stacia

    • Es ist schön, wieder zu arbeiten. Das wird super, bestimmt! Manchmal muss man nur aufpassen, dass man das eine vom anderen trennt, sonst gerät die Work Life Balance aus dem Gleichgewicht. Alles Gute!

  2. Danke für die schönen Worte.. Das fasst alles total gut zusammen. Sitze jetzt hier und weine weil ich mit meinem zweiten Kind gerade zuhause bin und ganz oft sentimental werde. Es ist so wunderschön.

  3. Wie sehr hätte ich beim ersten Kind jemanden gebraucht, der mir sagt: Lass dich drauf ein, denn so wie jetzt (dass dich ein kleiner Mensch so sehr braucht, so fixiert ist auf dich), so bleibt es nicht, es wird wieder anders, von ganz allein! Beim ersten hat mich diese intensive Zeit sehr überrumpelt am Anfang, ich fühlte mich eingesperrt und dachte ich mache was falsch, weil mein Baby mich so braucht. Beim zweiten konnte ich es viel mehr genießen, weil ich wusste: Die Rückkehr in den Job wird kommen, das wird klappen, dann dreht die Welt sich weiter. Ich konnte mich beim zweiten viel mehr einlassen, weil ich wusste, dass es von allein wieder anders wird. Das finde ich manchmal ein bisschen schade, dass ich das beim ersten nicht so konnte, aber Eltern sind eben auch blutige Anfänger 🙂

    Ich kann allen Neu-Mamas nur sagen: Lasst euch voll auf euer Baby ein, taucht in diesen Kosmos ab, und wenn es Zeit ist, wieder aufzutauchen, lasst euch keine Angst machen: Das wird alles gut, wenn sich die Tür zu dieser Baby-Baby-Zeit schließt, öffnet sich eine neue, Kinder bleiben keine Babys, auch wenn man die Zeit noch so ausdehnen möchte. Und wenn man das Ende herbeisehnt (soll es auch geben, ist völlig berechtigt): Mit all den Sachen, die man gefühlt wieder mehr „nur für sich“ macht, nicht fürs Kind, gibt man dem Kind indirekt genauso wieder eine neue Facette: Mehr Energie einer gelasseneren weil zufriedeneren Mama. Alle haben was davon. Nur vom andauernden „Sich-nach-einem-anderen-Zustand“-Sehnen, davon hat auf Dauer keiner was 🙂

    Danke für diesen tollen tollen Text!

  4. Mamastisch

    So eine Mutterfreundin habe ich auch. Diese Familienblase ist herrlich. Ich befinde mich gerade am Übergang zum „echten Leben“. Irgendwie verspüre ich dezente Verharrungskräfte an mir ziehen. Ich versuche mir aber immer diese schöne Zeit zu vergegenwärtigen und ziehe daraus unendlich Kraft.

  5. Hallo, dieser Text kommt genau zum richtigen Zeitpunkt…ich bin gerade mit meinem 2. Baby zuhause und die ersten 6 Monate sind rum. Ich sehne mich zwar noch nicht an den Schreibtisch zurück und an den damit verbundenen Zeitdruck, aber ich merke dass ich immer öfter ungeduldiger mit dem Baby werde und schnell genervt bin… aber die Zeit vergeht wirklich zu schnell! Ich will mich wieder mehr darauf einlassen. ☺️
    Danke für diesen Text!

    LG

  6. Hallo, ich lese schon lange deinen Blog und heute muss ich mal kommentieren. Denn ich befinde mich gerade (seit 4 Monaten) in diesem Babykosmos. Seit ich den Text heute morgen gelesen habe, habe ich eine komische Stimmung… Es ist sooo unglaublich schön in diesem Babykosmos zu leben. Du schreibst auch von dem Leben “danach“ – und irgendwie will und kann ich es mir noch gar nicht vorstellen :-/ Ich musste auch ein bisschen weinen (Hormone und so 😉 ) und vergegenwärtige mir immer wieder, dass man den Moment genießen muss. Aber in den vorherigen Kommentaren wurde ja schon geschrieben, dass man keine Angst haben braucht. Denn das ist ja eigentlich meine Frage: Wie kommt man damit dann klar, nicht mehr so ein kleines Baby zu haben und 24 Stunden mit ihm zu verbringen!? Aber die Zeit wird es zeigen 😉
    Und dein Verliebtheits-Vergleich kann ich so nur unterstreichen. Bisher konnte ich noch mit niemandem über diese Gefühle sprechen 😉 Danke dafür!

  7. Hallo,

    ich habe 3 Kinder. Bei den ersten beiden Kindern war ich jeweils 3 Jahre zu Hause. Nachdem sie in den Kindergarten gekommen sind, war ich dann wieder halbtags arbeiten. Nach unserem 3. Kind war ich jetzt 5 Jahre zu Hause. Jetzt merke ich aber auch, dass ich wieder mehr für mich tun möchte. Raus aus der „Mama-Blase“ und wieder mehr Mensch und Frau sein. Meine Kinder sind nun 11 Jahre, 6 Jahre und fast 5 Jahre. Ich bin meinem Mann sehr dankbar, dass er es uns als Familie ermöglicht hat, dass ich mich so ausgiebig und lange um die Kinder kümmern konnte. Jetzt freue ich mich aber auch, bald wieder in den Arbeitsalltag einzusteigen und wieder einen eigenen Namen zu bekommen und nicht nur die Mama von … zu sein. 😉

    Vielen Dank für den tollen Text.

    LG Tabea (AnMoMi Blog)

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