All die Nächte

„Tschüüs, bis morgen“, rufe ich meinen Kollegen im Großraumbüro zu, stoße die schwere Tür zum Flur auf und stehe vor dem Aufzug.

Manchmal denke ich, dieser Aufzug kann zaubern. Auf dem Weg in die Tiefgarage verwandele ich mich nämlich nachmittags in diesem Aufzug in einen anderen Menschen. Es hat etwas von der Mini Playback Show (kennt das noch wer?). „Eben noch Business Partner und jetzt auf unserer Showbühne- äh, und jetzt Mutter!“

Wenn ich das Büro verlasse und mich auf den Weg in den Nachmittag mit meinen Kindern mache, staune ich manchmal selber darüber, wie schnell ich umschalten kann. Später am nachmittag, beschäftige ich mich zwar meistens schon nochmal mit dem Job, aber in dem Moment, in dem ich mit dem Aufzug in die Tiefgarage fahre, denke ich voller Vorfreude an meine Kinder und an sonst nichts!

Eine Viertelstunde später stehe ich auf dem Schulhof. Meine Augen brauchen einen kurzen Moment, um sich an das Gewusel zu gewöhnen. Alles schreit, rennt und fährt mit diversen Fahrzeugen durcheinander. Wo ist Maxi? Ich suche den Schulhof ab.

Muttersein ist eine verrückte Sache. So viele Hochs und Tiefs, die so nahe beieinander liegen. So viel Glück, das mich überkommt, von einem Moment auf den anderen und so viel Erschöpfung, die trotzdem am Ende eines so glücklichen Tages über mich hereinbrechen kann. Unendliche Begeisterung für die kleinsten und eigentlich alltäglichen Dinge, und manchmal doch so viel Genervtsein von den beiden Wundern, die ich am meisten auf der Welt liebe.

Ja, Liebe ist vermutlich die beste Erklärung dafür, warum ich jeden Nachmittag fröhlich in der Tiefgarage aus dem Aufzug steige, egal wie der Tag bis zu diesem Moment gewesen ist.

Jeden Tag freue ich mich auf diesen Augenblick, in dem ich meine Kinder am Nachmittag in die Arme schließe, als hätte ich sie tagelang nicht gesehen. Jeden Tag sind diese Minuten mein Highlight, mein Glücklichmacher. Ich suche auf dem Schulhof unter den Kindern das vertraute Gesichtchen vom Maxi. Und da ist er. Mein wunderbarer, wunderschöner, unglaublich süßer und toller Sohn.

Er ist so groß und selbständig. In der Schule hat er schon so viel eigenes Leben- ich kenne nicht einmal annähernd alle Namen der Kinder, mit denen er täglich in der OGS zusammen spielt. Ja, er ist groß geworden und doch gehört er immernoch zu mir. In diesem Augenblick entdeckt er mich auch und rennt auf mich zu. Was für ein Glücksmoment!

Ich spüre sechseinhalb Jahre in einem einzigen Moment. Ich sehe in diesem Jungen, der da gerade einem Mädchen nachjagt, mein neugeborenes Kind. Wie ein Blitz durchfahren mich die Gefühle von sechseinhalb Jahren im Zeitraffer. Liebe und Stolz ergreifen mich in einer einzigen Millisekunde. Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, aber ich weiß, dass dieser Hüpfer, den mein Herz macht, als mein Sohn auf mich zugelaufen kommt, dass der die Summe all der gemeinsamen Momente zwischen uns ist, die liebevolle Beziehung, die wie ein unendliches Puzzle mit jedem Teil, das hinzukommt, noch größer wird. Es ist unsere ganze Beziehung in einem einzigen Augenblick zusammengefasst, als er mir in die Arme läuft.

Jede Minute, die ich ihm liebevoll zugewandt war, steckt noch in uns und macht unsere Beziehung zu dem, was sie heute ist. All die Nächte, in denen ich ihn völlig erschöpft im Arm gehalten habe, in der Hoffnung, er würde endlich zur Ruhe kommen, damit ich ein Stündchen Schlaf finden könnte- doch unermüdlich blitzte das weiße in seinen weit offenen Augen durch die Dunkelheit. All die Stunden, in denen ich ihn Runde um Runde um unseren Küchentisch getragen habe, in der Hoffnung, er möge endlich einschlafen, damit ich ihn ablegen und mir wenigstens kurz etwas zu essen machen könnte …101, 102, 103 Runden… und schließlich aß ich nur schnell mit einer Hand, und hielt in der anderen mein Baby. All die Morgende, an denen wir nach beiderseitigen Tobsuchtsanfällen schließlich doch mit einem roten und einem blauen Gummistiefel im Hochsommer das Haus verlassen haben.

Und all die Zeit für mich, die ich nicht gehabt habe, alle Nächte, die ich nicht geschlafen habe, alle Feierabende, die ich auf dem Teppich vor seinem Bett verbracht habe, alle Traurigkeit und Wut über den Verlust der Dinge, die er zerstört hat: All das war nie so wichtig, weil die Liebe das alles immer wieder in Luft auflöste..

Als Mutter wäge ich nicht ab, als Mutter frage ich auch in Zeiten von größter Erschöpfung nicht, ob sich das alles eigentlich überhaupt lohnt. Nicht, weil ich solche Gedanken beiseite schiebe, sondern weil sie gar nicht erst da sind. Als Mutter liebe ich einfach drauflos. Wie verrückt, jeden Augenblick. Aber es gibt diese Momente, da bekommt man ohne danach gefragt zu haben, alles zurück. Da sehe ich mein  Kind an und kann das Band, das ich in all den Jahren geknüpft habe, beinahe sehen.

Und ich liebe weiter. Ich halte weiter die ganze Nacht eine kleine Hand, so lange sie die meine braucht. Ich trockne Tränen und klebe Pflaster auf Wunden, die ich gar nicht sehen kann. Ich bin immer da, wissend, dass jede gemeinsam verbrachte Minute wichtig ist und dass keine davon je verloren geht.

 

 

 

 

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22 Kommentare

  1. Und schon sitze ich heulend vor dem Notebook.
    Danke Mia, Du hast es so wunderbar beschrieben.
    ich bin ganz bei Dir und bewundere Dich für die Fähigkeit, diese Gefühle und Gedanken in so klare, wunderschöne Tote zu fassen.

  2. Und schon sitze ich heulend vor dem Notebook.
    Danke Mia, Du hast es so wunderbar beschrieben.
    ich bin ganz bei Dir und bewundere Dich für die Fähigkeit, diese Gefühle und Gedanken in so klare, wunderschöne Worte zu fassen.

  3. Was für ein wunderschöner und ergreifender Beitrag. Schön wie du das in Worte gefasst hast. Diese Augenblicke die uns mehr Liebe,Kraft und Zuversicht auf alles Kommende geben und uns trotz Fehlern in unserem Tun bestärken. Gerade heute echt schön – bei uns war es nämlich ziemlich turbulent heute.
    Deine Worte kommen genau immer zum richtigen Zeitpunkt für mich um sich wieder auf das wichtige zu besinnen und einen Gang runterzuschalten. Danke

  4. Sehr schön geschrieben. Unsere Kleine ist nun ein Jahr alt und aktuell stecke ich in dieser Erschöpfungsfalle. Nächtliches Stillen und Job funktionieren nur mäßig gut zusammen. Aber wenn sie dann auf meinem Arm ist und mich mit ihren kleinen Ärmchen fest umarmt, dann ist das alles egal. 🙂

  5. „Als Mutter liebe ich einfach drauflos. Wie verrückt, jeden Augenblick.“

    Was für wunderschöne Sätze in einem so berührenden Text. Danke!

  6. Susanne

    Am schlimmsten finde ich die Tatsache, dass du in einem Großraumbüro sitzen musst.

    Ansonsten lese ich deinen Blog sehr gern, auch wenn mir manchmal Dinge, die du schreibst, fremd sind. Ich habe zwei inzwischen erwachsene Töchter, kann mich aber nur teils mit deinen Gedanken identifizieren. Aber wie jeder Mensch anders ist, ist auch jede Mutter anders.

    Ich habe den gleichen Job wie du, mache auch Arbeitsrecht und ich habe leider die Nüchternheit der Juristen in der Wiege eingeatmet….

  7. Martina

    Gefühle und Gedanken, die nur Mamas empfinden und nachvollziehen können – du schreibst mir aus der Seele! Volltreffer!

  8. Liebe Mia,
    vielen Dank für den wunderschönen Text- die Liebe zu deinen Kindern springt einem förmlich zwischen den Zeilen entgegen!
    Wir sind hier noch mittendrin in den durchgestillten Nächten mit dem Baby und den Wutanfällen beim Kleinkind… Und dazwischen immer wieder diese wunderbaren Momente voller Glück und Mamaliebe in denen meine Kinder mich anlachen, sich an mich schmiegen oder ich sie mit müden Augen ansehe und alles andere nebensächlich wird.
    Liebe Grüße,
    Anne

  9. Wieder ganz toll geschrieben! 🙂
    Und ja so sehr man im Alltag manchmal wütend ist, kraftlos oder vor Glück schwebend die Liebe zu unseren Kindern endet nie!

    Mein Sohn schrie mir im Streit letztens entgegen „Mama wenn Du sauer auf mich bist dann hast Du mich gar nicht lieb!“ „Ja mein Schatz ich bin sauer auf Dich“ habe ich erklärt „aber ich könnte nie aufhören Dich zu lieben.“ Wir haben uns dann vertragen und die Wut danach weggekuschelt.
    Da das bei einem fast 8 Jährigen langsam seltener wird und genieße ich es umso mehr ihn noch mal so nah im Arm zu halten und ja dann kommt auch bei mir die Erinnerung an die Babyzeit! 🙂

  10. Katharina

    Wunderschön und so wahr! Dein Text hat mich gerade zu Tränen gerührt, während ich neben meinem kleinen Babysohn liege, der auch am besten schläft, wenn die Mama ganz nah ist. Vielen Dank!

  11. Mamastisch

    Puh, eigentlich wollte ich nur leichte Lektüre zum Zerstreuen. Plötzlich sitze ich heulend auf dem Klo. Ein zu Herzen gehender Text. Besser kann man Mutterliebe nicht beschreiben.

  12. Wie immer ein ganz wunderbarer Text!

    Und heute zusätzlich noch: Meeeensch, hast Du gerade die Haare toll!!! (passt nicht ganz hierher, musste aber raus :-))

    • Oh, lieben Dank! Ich bin aber selber ganz unglücklich mit der Frisur 😉 Aber sie wachsen ja wieder… LG

  13. Und wieder zaubern deine Worte ein Lächeln auf mein Gesicht und ich möchte laut rufen- ja Genau!
    Danke

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