Kinder suchen sich ihre eigenen Challenges

Zu Beginn meines Lebens als Mutter wurden mir drei Dinge in die Wiege gelegt: Ein automatisch einsetzender Scanner zum Vergleichen anderer Babys mit meinem, ein unterschwelliges Gefühl, alles falsch zu machen- ach ja, und ein Baby natürlich.

Letzteres ist ein Traum, aber was die ersten beiden Gaben angeht, bin ich froh, dass ich mich im Laufe der Jahre langsam aber sicher von ihnen verabschiedet habe. Dachte ich. Aber dann sah ich, dass das Kind von „Das gewünschteste Wunschkind…“ ganz alleine mehrere Blocks durch Berlin gelaufen war, um der Mama schonmal einen Kaffee zu bestellen, während die noch auf der Suche nach einem Parkplatz durch die Hauptstadt kurvte.

WAAAS?, dachte ich. Alleine? Echt jetzt? Krass, das würde der Maxi nicht machen. Der will ja auch nicht alleine mit dem Bus zur Schule fahren. Wieso eigentlich nicht? Helikoptere ich zu viel? Vielleicht sollte ich ihn da jetzt echt mal langsam ein bißchen heranführen. Und zack! Da waren sie wieder. Alle beide.

Ich weiß gar nicht, welches dieser Mama-Gimmicks ich blöder finde. Warum bloß vergleichen wir ständig unsere Kinder mit Gleichaltrigen? Wenn sie gerade geboren sind, sind wir uneingeschränkt begeistert von der Vollkommenheit dieses kleinen Wesens, aber drei Monate später betreten wir den ersten Pekipkurs und stellen fest, dass das Baby auf der Krabbeldecke links von uns sich schon mühelos drehen kann und das Baby auf der Krabbeldecke rechts von uns übt auch schon fleißig.

Sofort haben wir das Gefühl, unser Kind ist etwas hinterher und deshalb fangen wir an, zu Hause zu üben. Das führt allerdings dazu, dass man uns vorwirft, wir Eltern würden ja heutzutage viel zu viel an unseren Kindern ziehen und zerren, weil wir nämlich alle Helikoptereltern sind. Wir müssten mal loslassen.

„Lasst die Kinder alleine zur Schule gehen.“

„Wie sollen Kinder heute selbständig werden?“

„Eltern wollen heute immer genau wissen, wo sich ihr Kind aufhält. Das gab´s ja früher nicht.“

Zeitungen und Diskussionsrunden sind voll mit diesen Sätzen, und irgendwo zwischen „Ich habe mein Kind nicht genug gefördert“ und „Ich lasse meinem Kind zu wenig Raum“ stehen wir dann da mit dem Gefühl, alles falsch zu machen. Ich dachte, ich hätte das alles hinter mir gelassen. Schließlich habe ich gesehen, dass die Kinder irgendwann schon alles hinbekommen, wenn die Zeit für sie reif ist. Der Maxi konnte unwahrscheinlich früh sprechen. Bestimmt hat das die Mütter seine Freunde manchmal ein bißchen beunruhigt („Krass, meiner sagt gerade mal Mama und der Maxi verkauft seinen Kumpels schon Versicherungen!!“), aber wenn er sich heute mit seinen Freunden unterhält, bringt es ihm überhaupt keinen Vorteil, dass er schon früher sprechen konnte. Die anderen haben es halt inzwischen auch gelernt. Der Mini hat erst mit 14 Monaten angefangen zu laufen. Das merkt ihm heute aber auch keiner mehr an, wenn er über den Spielplatz düst.

Und weil ich das alles weiß, vergleiche ich heute nicht mehr und mache mir auch keine Sorgen. Normalerweise. Ein paar Tage später las ich auf Twitter, dass die liebe Sarah von Mamaskind fragte:

Und ich dachte: Echt jetzt, nächste Woche üben wir das mal mit dem Busfahren! Später las ich nochmal die Antworten zu Sarahs Tweet. Zwischen „Ab dem zweiten Tag“ und „erst im dritten Schuljahr“ war alles dabei. Und der Papa mit Hut schrieb zu seiner Antwort dazu: „Irrelevant für Dich“. Er meinte nämlich, dass alle Eltern ihr eigenes Bauchgefühl haben und nur darauf kommt es an. Während ich mich über diesen Tweet freute, fiel mir noch ein wichtiger Aspekt ein: Es kommt nämlich auch aufs Kind an! Mein Aha- Erlebnis hatte ich am Wochenende bei ein paar Erledigungen. Maxi besteht neuerdings darauf, Dinge in Geschäften selber zu regeln. Er möchte selber zum Beispiel nach einer neuen Batterie für seine Armbanduhr fragen und sie auch alleine mit dem Geld aus meinem Portemonnaie bezahlen. Dann steht er da und konzentriert sich aufs Geldabzählen und sagt freundlich vielen Dank und auf Wiedersehen und kommt dann stolz zurück zu mir. Das gleiche machen wir beim Bäcker, in der Apotheke und an der Tankstelle. Findet Ihr nicht besonders beeindruckend? Sein kleiner Bruder auch nicht. Der quasselt nämlich schon immer ständig mit den Leuten in den Geschäften und kennt keine Scheu. Der hat dafür seine eigenen Challenges.

Und genau darum geht es. Keine zwei Kinder sind gleich. Die sind vielleicht gleich alt, aber nicht gleich. Und so ist jeder Versuch, Vergleiche zu ziehen, von Anfang an sinnlos. Genau so sinnlos wie alle Bemühungen, unsere Kinder zu mehr Selbständigkeit drängen zu wollen. Selbstständig werden sie nämlich von alleine. Die suchen sich ihre Challenges selbst, und sie tun das viel klüger als wir, nämlich immer dann, wenn sie so weit sind und nicht dann, wenn das gleichaltrige Nachbarskind es gerade gelernt hat und Mama jetzt meint, das eigene Kind müsse nun dringend aufholen.

Das heißt natürlich nicht, dass ich gedenke, mein Leben damit zu verbringen, meinen Kindern irgendwelche Turnbeutel überall hinterherzutragen und ungefragt Dinge für sie zu übernehmen, die sie längst alleine tun würden, wenn ich sie nur lassen würde. Aber ich glaube einfach nicht, dass es nötig ist, sie in Aufgaben hineinzuschubsen, für die sie noch nicht bereit sind. Wir lesen ständig, dass wir Eltern heutzutage übervorsichtig sind. Wir trauen unseren Kindern nichts zu, heißt es, wir überwachen sie zu sehr und lassen sie nicht los. Da mag etwas Wahres dran sein, aber wenn ich  jetzt deswegen im Gegenteil ständig sage: „Das musst Du jetzt aber mal langsam alleine können,“ und meine Kinder zu einer Summe aller Nachbarskinder machen möchte, dann würde ich damit mein Kind aus den Augen verlieren.

Dabei glaube  ich, das ist das einzige, das wirklich wichtig ist: Das Kind als das Individuum zu  sehen, das es ist. Es setzt seine eigenen Schwerpunkte und arbeitet seinen eigenen inneren Lehrplan ab. Die lernen alle laufen! Die lernen alle sprechen! Die lernen sogar alle lesen! Weil sie es nämlich wollen. Und irgendwann wollen sie auch lieber alleine zur Schule gehen, anstatt von Mama vorgefahren zu werden.

Als Mutter muss ich deswegen eigentlich nur Vertrauen haben- übrigens auch dann, wenn das Kind Dinge tun will, für die ICH noch nicht bereit sind. „Das kannst Du noch nicht“ durchkreuzt die eigene Timeline meines Kindes genau so wie „Das musst Du jetzt aber alleine können“.

Legen wir uns doch einfach zurück und entdecken, was unseren Kindern so alles in die Wiege gelegt wurde. Ich bin gespannt.

 

 

 

 

 

12 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Text. Und noch viel besser : es zeigt mal wieder das Kinder keine „Gen-Tomaten“ sind und nach Norm sich zu entwickeln haben.

  2. Michaela Jurk

    Liebe Mamamia ich sage wieder (v.a. aber oft im Inneren) Danke für deinen wundervollen Beitrag. Und gebe dir aus tiefsten Herzen recht. Auch wenn jede Mama weiß, dass der Gedanke doof ist, siegt doch die eigene Unsicherheit und das eigene Kind wird mit anderen verglichen. Und wie sauer ich bin, wenn mein Mann (und das meint er nicht böse oder abwertend) feststellt, dass ein anderes Kind dies und das bereits kann, während unser Sohnemann sich da noch motorisch grob an stellt. Oder mein Herz leidet, weil unser Knirps mit 2 noch sehr klein und zart ist.. Nicht dass dies so bleibt und er keine Frau bekommt . Will sagen, wir Mamas sind da nicht allein mit unseren Ängsten und doch machen wir uns untereinander gern auch selbst das Leben schwer, oder?
    Ganz liebe Grüße von einer eher stillen, aber begeisterten Leserin

  3. Jungsmama

    <3 Ein wunderbarer Text mal wieder zur richtigen Zeit.

    Ich kämpfe gerade mit dem Loslassen und richtigem Maß an zum eigenen Glück stupsen beim fast 6jährigen Fastschulkind. Ob Schwimmkurs, wöchentliche Schnupperstunde in der Schule, Waldabenteuer-Tag der Maxikinder in der Kita – überall erst einmal "Will ich nicht und schon gar nicht ohne Mama" und hinterher dann ein "Boarr, war eigentlich schon ganz cool…" Neben der Challange an sich steht bei ihm also auch noch das "sich selber im Weg stehen". Und da sagt zwar mein Bauchgefühl dann, ruhig ein wenig schupsen, auch wenn ich der Grundschullehrerin erst mal ein bitterlich weinendes Kind überlassen muss, aber Mamis-Beschützerinstinkt wird hart auf die Probe gestellt… Das wird sie wohl sein, diese Sache mit dem Loslassen.

    • So schön, dass Du immer noch da bist! Das ist das beste Kompliment für meinen Blog <3

      • Jungsmama

        Klar bin ich immer noch da 🙂 Und mit solchen Texten wirst du mich auch so schnell nicht los 😉

  4. Vielen Dank für den schönen Artikel!
    Das mit dem Vergleichen und dem Zweifeln kenne ich auch nur zu gut. Und besonders emotional aufgeladen ist das Ganze ja bei den Entwicklungsschritten, die auch die Eltern entlasten (Durchschlafen, trocken werden, Dinge alleine machen etc.).
    Bei meinem Kleinen (3 Monate) ist es schon besser als bei der Großen (2 3/4 Jahre) Obwohl ich natürlich theoretisch auch bei ihr weiß, dass sie alles schon irgendwann lernen wird, ist es doch auch für mich immer ein erstes Mal…

  5. Danke dafür, liebe Mia! Ich bin mit diesen Gimmicks ja auch besonders gesegnet. V.a. da mein Großer ein sehr ängstliches Kind ist und ich mich doch oft dabei ertappe, dass ich mir wünsche, er würde doch mal ein bisschen mehr wie seine Freunde… und schwups, schon merke ich, wie ich ihn unmerklich unter Druck setze. Ich werde mir das wieder versuchen bewusst zu machen und ihn einfach mehr machen lassen – in seinem Wohlfühltempo 🙂

  6. Danke! Das hast Du toll geschrieben!!! 🙂 Darüber habe ich in letzter Zeit auch schon oft nachgedacht und werde es mir jetzt noch mehr zu Herzen nehmen. Man sitzt halt doch oft zwischen den Stühlen und weiß nicht, wie und ob man es als Eltern richtig macht… Liebe Grüße und einen sonnigen Tag! 🙂

  7. Liebe Mia,
    sehr schön geschrieben und so wahr!
    Mit meinem Mukkel war ich eine Mutter, deren Kind recht früh mit allem war. Im Delfi (so heißt Pekip im Norden 😉 ) war er das einzige Kind, dass bereits durch den Raum robbte. Ich war zwar etwas stolz aber auch immer schweißgebadet und hab die Mütter beneidet, die vernünftige Gespräche führen konnten.

    Dann wurde ich nochmal Mutter. Die Kröte brachte ein Extra mit und dies verlangsamt alles etwas. Er machte seine ersten freien Schritte z. B. erst mit 18 Monaten. Im Grunde macht er alles wie sein großer Bruder, nur langsamer.

    Ich bete meine beiden Söhne an und finde sie perfekt, genauso wie sie sind. Und diese fiese Stimme im Hinterkopf wird immer leiser. Auch wenn sie hin und wieder mal laut aufschreit.

    Viele herzliche Grüße
    Simona

  8. Liebe Mia,

    das hast Du wieder wunderbar in Worte gefasst. Manche Dinge sind auch Situationsabhängig, die können gar nicht sein wie bei anderen. Die Schule unserer Tochter ist mit dem Auto 30 Minuten entfernt. Sie müsste erst mit der Regionalbahn fahren, dann an einem großen Bahnhof in die S-Bahn umsteigen und dann noch 15 Minuten laufen. Auch das wird sie irgendwann können und schaffen, aber noch nicht jetzt in der ersten Klasse. Dafür sucht sie sich ihre Selbständigkeit woanders: letzte Woche als ich mit ihr zum Einkaufen gefahren bin und erst in die Drogerie wollte, nahm sie mir meinen Einkaufszettel weg und erklärte mir, dass sie schon mal im Supermarkt anfängt. Ich habe sie gehen lassen und 10 Minuten später bei der Milch eingeholt. Da hatte sie alle Dinge, die bis dahin auf dem Einkaufszettel standen schon in den Wagen gepackt. Zusätzlich war nur Müsli dazugekommen – mit dem Kommentar:“Mama, das haben Papa und ich heute Morgen leer gemacht.“ Großes Kind – stolze Mama. Alles zu seiner Zeit.

    Sei herzlich gegrüßt von Stine

  9. Toller ausführlicher Artikel 😉

    Ich weiß genau wie du dich fühlst… Das war bei mir auch so ein riesen Problem. Gerade am Anfang will man natürlich seinem Kind die Entscheidungen abnehmen und es beeinflussen. Aber hin und wieder bin ich selbst erstaunt wie selbstständig Kinder schon sein können.

    Liebe Grüße Birgit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.