Abschied auf Raten

Ein Wohnzimmer mitten in Deutschland. Rufen. Kreischen. Zanken. „Ich bin dran, Papa, ich bin dran!“

Zwei kleine Jungs hängen am Bein ihres Vaters und streiten darum, wer als nächster auf seinem Rücken Rodeo-Reiten spielen darf. Der Vater lacht, eins der Kinder weint vermutlich gleich, weil es den Ellenbogen des anderen ins Auge bekommen hat oder ähnliches. Es ist so laut und so wild. Es ist mein Wohnzimmer.

Die meisten meiner Blogposts entstehen in Situationen wie diesen. Es ist nämlich manchmal so, dass ich in einer Situation plötzlich ein Gefühl ganz stark empfinde. Dann konzentriere ich mich darauf und es ist, als würde ich in eine Beobachterposition wechseln. Als würde jemand die Zeit anhalten und ich die Szene nicht mehr nur im Hier und Jetzt sehe, sondern wie in einem Gesamtzusammenhang.

So ist es auch jetzt. Um mich herum tobt das Leben mit Kindern. Ich hatte mir gerade einen Kaffee gemacht und wollte eigentlich mal 5 Minuten Ruhe haben, um ihn zu genießen, da kommen meine Männer hereingestürmt. Ich habe den Mund schon geöffnet und will gerade sagen: „Könnt Ihr nicht draußen weitertoben?“, da muss ich über die Situation lachen und finde meine Söhne so niedlich, weil sie zwar längst keine Babys mehr sind, aber doch noch so klein und wie sie „Papa, Papa!“ rufen.

In den letzten Wochen kam mir der Maxi so groß vor. Die vergangenen Monate als Schulkind haben zu einem unglaublichen Entwicklungsschub geführt. Da prasseln aber auch so viele neue Dinge auf ihn ein und vor allem so viele neue Situationen, in denen er sich zu behaupten hatte, die er irgendwie verpacken musste. Klar, dass das ein Kind verändert und dass es in kurzer Zeit über sich hinaus wächst, wie bislang noch in keinem anderen Lebensjahr. So ist aus dem kleinen Kindergartenkind ein wirklich großer Junge geworden. Auch klar, dass ich das als Mutter mit gemischten Gefühlen beobachtet habe.

Ich bin unendlich stolz auf meinen Großen. Ich finde es fantastisch, zu sehen, was aus dem Baby geworden ist, das ich vor gut sechs Jahren zum ersten Mal im Arm hielt. Wenn ich aber seinen kleinen Bruder neben ihm sehe, der vom sogenannten „Ernst des Lebens“ noch nicht den blassesten Schimmer hat, dann finde ich es traurig, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Maxi gänzlich unbekümmert, von niemandem bewertet durch seine (damals noch viel kleinere) Welt ging.

Und als ich in diesem Moment mit meiner Kaffeetasse in der Hand mitten in der Szene sitze, und als plötzlich die Zeit stehenzubleiben scheint und ich die Szene wie ein Gemälde betrachte, da ist da auf einmal so ein Gefühl von Abschied. Diese wilde laute Situation mit zwei kleinen Jungs, die an ihrem Papa hängen und sich um dessen Aufmerksamkeit streiten, die fühlt sich auf so zerbrechliche Art vergänglich an. Jeder Augenblick ist nur hier und jetzt, jeder Augenblick ist vergänglich, das ist klar, aber was ich in diesem Moment spüre, ist ein Abschied von einer ganzen Ära: Abschied von der Zeit, in der meine Söhne kleine Kinder waren. Dieser Abschied liegt für einen Moment spürbar in der Luft.

Ein wehmütiges Gefühl ist für mich als Mutter ja schon ein alter Bekannter. Zum ersten Mal kam es bei mir vorbei, als ich die ersten Strampler in Größe 50/56 aussortiert habe- gerade mal 4 Wochen nach Maxis Geburt! „Was? So schnell geht das? Wie schade!“ dachte ich damals.  Aber das Gefühl von Abschied, das ich jetzt spüre, ist größer, schwerer als die Wehmut. In diesem Moment kommt es mir vor, als sei mein Leben mit den Kindern auf Abschied angelegt:

Babyjahre: vorbei!
Kitazeit: vorbei!
Schulzeit: vorbei!
Zeit, in der sie in unserem Haus gewohnt haben: Vorbei!

So geht es immer weiter, sie werden groß, sie gehen jedes Jahr mehr ihre eigene Wege. Es ist ein Abschied auf Raten.

Kurz bevor ich anfange, in meine Kaffeetasse zu heulen, kriege ich wieder die Kurve! Wow, was sind das für fabelhafte Kinder! Sie sind mein ganzer Stolz. Hier, bei mir und meinem Mann, sind sie zu sie von Babys zu selbstbewussten Kindern geworden. Das ist ein tolles Gefühl und ich bin glücklich mit meiner Familie.

Das Leben mit meinen Kindern scheint mir in diesem Moment, als sei es inniger gewesen, als sie noch kleiner waren, aber das war es eigentlich nicht. Es war nur körperlich enger. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte sie nochmal einfach stundenlang halten. Ich würde sie gerne nochmal auf meinem Bauch liegen haben und nichts anderes zu tun haben. Diese Zeit, in der ich ihnen den ganzen Tag einfach nur nahe war, ihre kleinen Hände bestaunt und ihnen beim Atmen zugesehen habe, die war wunderbar und ja, manchmal habe ich das Gefühl, sie ging zu schnell vorbei, oder ich habe sie nicht genug genossen. Jetzt ist diese Zeit unwiederbringlich vorbei. Aber ich finde nicht, dass wir es jetzt weniger schön haben, als vor zwei Jahren. Oder vor sechs.

Ja, vielleicht liegt mit jedem Schritt, den sie machen, ein kleiner Abschied in der Luft. Aber genau darum geht es ja letztlich. Wenn sich unsere Kinder selbstbewusst, offen und frohen Mutes jeden Tag ein bisschen mehr in ihr eigenes Leben trauen, dann haben wir unsere Sache als Eltern gut gemacht. Also genießen wir einfach jeden Moment. Jetzt ist die Zeit, jetzt sind wir gemeinsam hier. Der Moment vergeht, aber nicht die Gemeinsamkeit, die wir in diesem Moment empfinden. Und die durch all diese gemeinsam genossenen Momente wird unsere Verbindung immer größer, so dass wir uns zwar voneinander entfernen, aber immer beieinander sein werden.

 

 

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5 Kommentare

  1. Du sprichst mir mal wieder so aus der Seele! Der Große wird diesen Sommer eingeschult, der bisher Kleine wird jetzt 4 und ich schwanke gefühlsmäßig jeden Tag zwischen dem „Abschied auf Raten“ und dem Platzen vor Stolz. Da es aber in ca. 3 Wochen dann einen „neuen Kleinen“ geben wird, wird mir momentan umso bewusster, wie groß die beiden sind und dass es doch noch gar nicht so lange her ist, dass ihre Geburt kurz bevor stand.
    Danke für den schönen Artikel liebe Mia ♥

  2. Liebe Mia,

    ich verstehe Dich so gut. Unsere Tochter geht auch seit letztem Jahr in die Schule und ich musste so sehr lernen loszulassen. Schon der Kontakt zu den Lehrern ist längst nicht mehr so eng wie zu den Erziehern im Kindergarten. Immer mehr muss ich mich darauf verlassen, was mir mein kleines, großes Kind erzählt. Zum Glück erzählt sie viel und gerne, so dass ich meistens gut informiert bin ;). Außerdem bin ich froh, dass sie noch so gerne kuschelt und gerne für einen Moment auf meinen Schoß kommt, wenn wir beide nach Schule und Arbeit zu Hause ankommen. Ihren Duft einatmen, ihre Wärme spüren, gemeinsam durchatmen, bevor es dann sofort mit neuem Schwung in den restlichen Tag geht. Vielen Dank für Deine so treffenden Texte. Sei ganz herzlich gegrüßt von Stine

  3. Tränchen im Auge… Mir geht’s genauso. Im Sommer geht die Schule für den Großen los, und ich frage mich so oft wo die Zeit geblieben ist. Wie oft war man vom „Mamaaaaa, kannst du mal xyz…machen/holen/helfen“, „Mamaaaaa, bleib bei meinem Bett sitzen“ genervt, und dann ist es plötzlich vorbei und man fängt an es zu vermissen. Aber das ist das Los der Mamas…und der Jungsmamas angeblich noch mehr. Ich sauge grade das abendliche kuscheln und vorlesen mit den beiden auf, solange es noch nicht uncool ist.

  4. lausanima Corindilin

    Genau so…. und dann kommt der Große in die weiterführende Schule und der Kleine den ersten Zahn …. schluchz …. genau so!

  5. Das hast du schön gesagt 🙂
    Manchmal weiß man gar nicht wo die Zeit geblieben ist. Mir fällt es auch schwer los zu lassen und zu verstehen das ein neuer Abschnitt im Leben begonnen hat. War es doch nicht erst gestern als wir aus dem Krankenhaus nach Hause kamen? Das ist leider der ewige Kreislauf 🙂

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