Internet ist gut- Bauchgefühl ist besser

Ein Video spaltete am Wochenende die Nation:

Robert Kelly ist Politikwissenschaftler und gibt ein Live Interview im Fernsehen. Direkt aus seinem Arbeitszimmer zu Hause. Als er gerade so schön referiert, kommt eins seiner Kinder fröhlich ins Zimmer marschiert. Wer´s nicht gesehen hat, googlet es mal. Ich finde das Video herrlich, aber es gab auch ganz gegenteilige Ansichten..

In meiner Timeline wurde das Video mindestens genau so oft mit den Worten „großartig“ oder „so lustig, ich lache mich schlapp“ geteilt, wie mit den Worten „unmöglich“ oder „wie unsympathisch“.

Als die Vertreter der einen Seite bemerkten, dass es eine jeweils gegenteilige Meinung gab, entbrannte eine wilde Diskussion auf mehreren Kanälen. Ich verdrehe dann normalerweise nur die Augen und mache Twitter/Facebook  einfach wieder zu. Dieses Mal beschäftigte mich die Diskussion allerdings noch lange weiter und dabei ging es gar nicht um die Frage, wie ich das Video oder das Verhalten des Mannes finde, sondern vielmehr um die Diskussion als solche.

Es ist ja nichts Neues, dass in den sozialen Medien immer ganz schnell drauflos gemeckert wird. In den sozialen Medien, heißt es, kann man ja so schön anonym seine Meinung zu allem posten, heisst es. Leider haben die meisten Leute, die durch die verschiedenen Medien hindurchwüten aber gar keine Meinung. Es geht vielmehr darum, etwas gegen ein Bild, ein Video, eine erzählte Geschichte eines anderen zu sagen und das ist noch viel schlimmer, finde ich.

Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass diese Motz-Manier immer mehr um sich greift. Mir hat vor allem Twitter immer viel Spaß gemacht, aber inzwischen stelle ich auch in meiner Timeline dort immer mehr fest, wie sich eine Meute auf ein bestimmtes Thema stürzt. Gefällt mir nicht!

Aber obwohl das alles bekannt und nichts Neues ist, bin ich mir nicht sicher, ob sich eigentlich alle im Klaren darüber sind, was das mit uns macht. Das hier ist ein Mamablog und ich habe mich deswegen gefragt, was diese Art des Umgangs in Social Media für Elternschaft bedeutet.

Nehmen wir wieder das Video mit Robert Kelly: Der Mann hat sein größeres Kind mit dem Arm versucht aus dem Bild zu schieben. Und das Netz diskutiert. Über alles! Da sind diejenigen, die finden, nicht jede Situation ist ein Kindergeburtstag. Da sind diejenigen die finden, die Bedürfnisse von Kindern sind immer wichtiger und wenn das Kind gerade mit seinem Papa reden möchte, dann muss das eben Vorrang haben. Da sind diejenigen, die finden, dass es unmöglich ist, sein Kind in so eine Gehlernhilfe zu packen, mit der das kleinere Kind hereingerollt kommt. Da sind diejenigen, die die Reaktion der Nanny unmöglich finden und diejenigen, die wissen, dass das die Frau ist und die sich darüber aufregen, dass man die Frau für die Nanny hielt. Und nicht zu vergessen diejenigen, die sich über den Zustand des Arbeitszimmers aufregten. Kein Witz!

Es gab sogar welche, die ihre Ansicht im Verlauf der Diskussion komplett geändert haben. Da wurde zuerst gegen den unsympathischen Vater gewettert, um dann festzustellen, dass er sich ein Grinsen verkneifen musste und ja eigentlich wohl doch gar kein Unmensch ist! Als ich das gelesen habe, kam ich tatsächlich aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Denn das zeigt, wie einige Menschen Social Media nutzen: ganz schnell einen wertenden Beitrag zum Thema beizusteuern, ohne nachzudenken. Zack, raus mit dem Kommentar! Wenn dann viele Antworten kommen, war´s schon ein Erfolg. Dass man kurze Zeit später diese Ansicht selber nicht mehr vertritt, ist nicht weiter schlimm- war ja keine Doktorarbeit sondern nur 140 Zeichen auf Twitter.

Am Besten verdreht man also wirklich einfach nur die Augen und schließt Twitter (oder Facebook) wieder, aber das Problem ist ja, dass immer ein bißchen hängen bleibt und zwar besonders bei solchen Menschen, die sich im Netz aufhalten, weil sie den Erfahrungsaustausch suchen. So wie frischegebackene Eltern.

Jede Mutter oder jeder Vater, der sich in sozialen Netzwerken bewegt, begibt sich in diesen Zirkus von Meinungen (oder eher Kommentaren). Wenn man noch nicht so lange in der Elternrolle ist und seinen eigenen Weg noch sucht, kann einen das ganz schön verunsichern. Denn man findet immer Kritiker: gegen Kinderwagen, gegen Langzeitstillen, gegen Impfen, gegen Kitas, gegen Mediennutzung, gegen Familienbetten- gegen alles!  „Ab wann habt Ihr denn Eure Kinder im eigenen Zimmer schlafen lassen?“ fragt man harmlos in die Runde und erntet 47 „WAAAS?! Im ersten Jahr auf gar keinen Fall!!“ Zack! Shitstorm.

Das Wissen darüber, dass jedes Staubkorn einen Shitstorm auslösen kann, kann leider auch Elternblogger beeinflussen. Diejenigen also, die als Multiplikatoren zum Thema Elternschaft im Netz viele Eltern erreichen, verzichten dann vielleicht lieber auf alles, was anecken könnte- und ich nehme mich da gar nicht aus. Ich will keinen weichgespülten, realitätsfernen Blog schreiben, aber auch ich habe begrenzte Kapazitäten für Diskussionen, daher verzichte ich manchmal darauf, meinen Senf zu Reizthemen dazuzugeben.

Das ist dann gleich doppelt bedenklich: Wenn Elternblogs kritische Themen ausklammern und lieber verschweigen, dass die eigenen Kinder zum Beispiel viel zu viel fernsehen, viel zu viele Süßigkeiten essen und Mama außerdem manchmal total überfordert ist, dann wird zum einen ein verwässertes Bild von Elternschaft gezeichnet, zum anderen fühlen sich diejenigen, die auf der Suche nach Inspiration oder sogar Vorbildern ins Netzt geschaut haben, so richtig verunsichert und schweigen sich dann auch lieber über die kritischen Themen aus.

Deswegen habe ich dieses Mal nicht einfach nur Twitter zu gemacht. Dieses Mal möchte ich meinen Senf dazu geben und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese Art von Kommunikation vieles verändert, auch und vielleicht gerade Elternschaft.

Weil wir immer sofort ganz viele Kritiker zur Stelle haben, egal, welche Frage oder welches Bild oder Video wir gerade von unseren Kindern gepostet haben (überhaupt: Fotos von Kindern im Netzt! Tse! Geht ja gaaaar nicht!): Irgendeiner entdeckt die Reiswaffel in der Hand des Kindes und muss sofort (natürlich in bester Absicht) auf die enormen Gesundheitsgefahren hinweisen. Der nächste postet einen link zu aktuellen Erkenntnissen dazu darunter und der übernächste muss sich nur noch einreihen und dann sind es auch nur noch zwei weitere Kommentare bis zum Shitstorm.

In diesen Zeiten von Echtzeit-Meinungsäußerung und unmoderierten und unredaktionierten Beiträgen ist es unmöglich, es allen Recht zu machen. Aber darum darf es auch gar nicht gehen! Es geht darum, den richtigen Weg für sich und sein Kind zu finden.

Ich bin ein großer Fan von Social Media, ich schätze den Austausch und die Informationsmöglichkeiten. Ich finde täglich inspirierende und hilfreiche Dinge im Netz und dafür bin ich dankbar. Aber ich finde es wichtig, dass man eine gewisse Distanz zu der Informationsflut wahrt und nicht verlernt, sich gerade in Bezug auf seine Elternschaft auf sein gesundes Bauchgefühl zu verlassen. Der Kern für alle Eure Fragen rund um Euer Kind liegt in Euch selber, nicht im Internet! Ihr seid die Experten für Euer Kind, ihr wisst am Besten, was Euer Kind braucht. Auch wenn 27 Profile im Expertenforum etwas anderes behaupten und Euch in die entgegengesetzte Richtung schicken wollen. Die haben im Zweifel mal wieder gar nicht nachgedacht, bevor sie auf „Senden“geklickt haben.

 

 

 

 

8 Gedanken zu “Internet ist gut- Bauchgefühl ist besser

  1. Wow! Ich finde das Thema wirklich sehr spannend. In jeder Filterbubble sieht es dann auch gleich ganz unterschiedlich aus. Ich selbst sortiere viel aus. Facebook-Gruppen, Twitter-Timeline und frage mich dann, ob ich mich zu wenig Kritik und gegenteiliger Meinung stelle. Da aber die Art und Weise dieser Kritik allerdings selten fruchtbar ist, mag ich meine Zeit nun auch nicht mit „den falschen Menschen“ im Netz vertun.

    So kommt es, dass ich viele Shitstorms verpasse. Auf der anderen Seite wird auch oft als Streit oder Shitstorm betitelt, was ich noch durchaus als Austausch verstehe. Da sagt eine Mutter ich mache es so, eine andere, sie mache es genau anders und eine dritte schreit: „Geht das wieder los, immer diese Streiterei.“ Und ich frage mich, wo bleibt der Austausch, wenn wir uns eben nicht mehr trauen, auf senden zu klicken, weil wir auch mal falsch liegen könnten? Wenn wir die Unterschiede nicht mal mehr benennen wollen, wenn wir nur noch Konsens als gut empfinden?
    Ich bin durchaus harmoniesüchtig und dazu geneigt zu denken, keiner da draußen sei gemein oder gewalttätig seinen Kinder gegenüber. Ist natürlich großer Quatsch. Aber würde mir der Austausch mit schlagenden Eltern etwas „bringen“?

    Bisher bleibe ich dabei, mir die Menschen gut auszusuchen, mit denen ich mich austauschen will, an manchen Stellen wegzulesen und mich rauszuhalten und vor allem all die Unterstützung, guten Ideen und Impulse mitzunehmen. Da sind übrigens auch welche dabei, die Dinge ganz anders machen als ich, die bei gleicher Faktenlage, vollkommen andere Entscheidungen treffen, weil sie anders sind und ihre Kinder auch. Aber es sind insgesamt wohlwollende, umsichtige Menschen, die mir nichts Böses wollen. Und ich habe für mich beschlossen, dass mir das Social Media vor allem gut tun soll.
    Wie gesagt: Spannend! Danke für die Anregung.

    Liebe Grüße
    Julia

    1. Sehe ich wie Du! Diskussionen sind super, ich liebe Diskussionen. Aber wenn es unsachlich wird ist es für mich nicht mehr interessant, denn interessant sind nur die Argumente. Diese auszutauschen finde ich total wichtig, und dieses weichgespülte Internet auf der anderen Seite gefällt mir daher auch nicht. Es ist also wie im „echten“ Leben und es ist an uns allen, an einer guten Diskussionskultur zu arbeiten. Danke für Deinen Anstoß!!

  2. Liebe Mia,
    dazu kann ich nur sagen „Genau!“
    Es geht mir oft ebenso (auch im echten Leben) und ich finde es schade, wie sehr wir einander bewerten. Wir sollten damit aufhören und uns auf die postiven Eigenschaften und Themen konzentrieren.
    Danke für deinen Artikel/ deinen Kommentar/ deine Meinung 😉

  3. Stimmt, sehe ich genau so, das mit dem Bauchgefühl und Internet! Ich hatte das besagte Video zwar auch gesehen, aber gar nicht mehr weiter auf die hinterher entstandenen Diskussionen und Kommentare geachtet (was zum größten Teil ganz einfach daran lag, dass mein Mann am WE arbeiten mußte und ich daher kaum zum online-sein gekommen bin). Auch ich finde Social Media, das Bloggen und den damit verbundenen Austausch gut und suche diesen auch, allerdings sollte es authentisch sein, wirklich sein und es muss zu mir passen. Ich kann auch mal ganz gut wieder „abschalten“, so habe ich mich z.B. bisher gegen Twitter entschieden, weil ich gemerkt habe, ich möchte nicht immer mal wieder in zeitraubende Diskussionen, die zu nichts führen verwickelt werden. Zudem bleibt bei solchen Diskussionen ohne wirkliche Argumente immer irgend etwas im Kopf hängen, was einen auch schonmal „negativ“ beschäftigt, manchmal kränkt es vielleicht sogar und man fragt sich oft nach dem WARUM. Oder aber man bekommt auf der anderen Seite das Gefühl, nur bei mir geht auch mal was schief, nur ich kriege manchmal nicht alles, so wie ich will auf die Reihe? Insofern: Ja, man sollte allem mit einem gesunden Bauchgefühl begegnen, und auf der anderen Seite offen sein und Empathie haben, das macht das Miteinander allgemein, aber auch das Miteinander im Netz einfacher und schöner ; ) Denn letztlich kann man ja bei allem nur LERNEN, denn ein gesunder Austausch ist IMMER bereichernd für alle Parteien : )

  4. Suuuuuper Beitrag liebe Mia! 🙂
    Einfach auf den Punkt getroffen.
    Ich finde Social Media auch toll, aber es gibt einfach zu viele Menschen, die es zu extrem nutzen und sich darin „verlieren“. Generell sollten wir weniger auf die Meinung anderer und mehr auf unsere Intuition hören.
    Danke für den tollen Text <3
    Liebe Grüße
    Marina von ideas4parents

  5. Oh man und wer bekommt von allem wieder gar nichts mit. Ich! Also habe ich mir das Video erstmal angesehen und musste lachen. Sich über sowas aufzuregen ist echt albern. Jeder kennt das, wenn man gerade eine Situation hat, in der die Kinder gerade nicht so passen. Ist ja auch nichts Schlimmes passiert.
    Am schlimmsten geht es in so Elternforen bei Facebook zu, die über Erziehungstipps reden. Wie manche Mütter da angegriffen werden, weil sie ihr Kind in den Kindergarten schicken, weil sie arbeiten gehen, weil sie zu lange stillen, weil sie nicht stillen, weil sie den falschen Autositz nehmen, … Ich könnte jetzt glaube ich noch Stunden weiter schreiben. Ich halte mich da immer möglichst raus und verfolge das höchstens still und lache darüber. Warum sich immer alle woanders einmischen wollen, das ist mir nicht klar.
    LG Steffi

  6. Hallo,
    Ich finde den Beitrag super! Obwohl ich noch garkeine Mama bin, sondern Grad in der Hälfte meiner Schwangerschaft, war ich sehr überrascht über die Flut an Vorwürfen und fiesen Kommentaren, die einem so im Internet zum Thema Kinder/Erziehung/Schwangerschaft begegnen.
    Bevor ich selber Schwanger war, muss ich zugeben, ist diese Welt völlig an mir vorbeigedriftet. Solche Reaktionen kannte ich vorher eher von Menschen, die extrem Leben, sei es in ihrer Ernährung, Umweltschutz, Tierschutz. Ich denke da an Farbbomben im Echtfellmantel oder Festketten an Gleisen des Castortransport. Nun kommen extreme Wortmeldungen von Nachbarn, der Wurstfachverkäuferin von Nebenan oder Frauen in der Bahn.
    So wollte ich mich zur genaueren Planung meines weiteren Studiums informieren, was es nach dem Elterngeld gibt, ob Betreuungsgeld noch existent ist usw. Die Kommentare eines Forenbeitrages, den ich dann fand, brachten mich teilweise zum heulen. Da brach eine ganze Welle darüber aus, wie man nur darüber nachdenken kann vor 3 Jahren nicht wieder oder wieder arbeiten zu gehen, Kita Gegnerinnen und Befürworterinnen beleidigten sich bis aufs Äußerste, und vor allem wurde die Fragenstellerin angegriffen, warum sie dem Staat noch weiter auf der Tasche liegen wolle und sie solle sich gefälligst bewegen und arbeiten, wie andere auch.
    Ich bin die erste meiner Familie seit etwa 20 Jahren, die schwanger ist, und seien wir mal ehrlich: gerade wenn es um Gesetze und Leistungen geht, sind 20 Jahre alte Informationen nicht gerade der Quell aller Zuverlässigkeit.
    Manchmal kann einen eine solcher „Shitstorm“ dann eiskalt erwischen, auch wenn man selbst nicht wirklich damit gemeint ist.
    Ganz verstehen, warum sichgerade Mütter im Internet so fertig machen müssen, kann ich nun wirklich nicht. Da sind mir Umweltschützer wirklich lieber, die tun einem wenigstens nix…

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