Zeit für Euch::: Warum Mutterliebe nicht in Minuten abgerechnet wird

„Was arbeitest Du eigentlich?“, fragt mich die Mutter vor der Schule, während wir auf die Kinder warten. „Du arbeitest viel, oder? Jeden Tag? Du kommst hier immer so chic an!“

Ich antworte ihr, dass ich ja nur Teilzeit arbeite. Nicht viel also. Da kommt Maxi angerannt, ich verabschiede mich und wir fahren davon.

Zu Hause spiele ich mit beiden Kindern eine Runde „das verrückte Labyrinth“, dann habe ich noch eine kurze Telefonkonferenz und das AuPair spielt weiter mit den Kindern. Als ich nach der Telefonkonferenz ins Wohnzimmer zurück komme und die Kinder mit dem AuPair spielen sehe, hallen die Worte dieser Mutter in mir nach: „Du arbeitest viel, oder?“

Was sie wohl gerade mit ihren Kindern macht? Während ich telefoniere und meine Kinder „fremdbetreut“ werden, sitzt sie bestimmt mit ihren Kindern bei selbstgebackenem Apfelkuchen auf der Terrasse, und ihre Kinder strahlen sie mit roten Bäckchen glücklich an. Manchmal reicht ein harmloser Satz, um eine Mutter in die „Ich bin eine Rabenmutter“ Schleife zu schicken.

Zum Glück bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Abendessen, Duschen, Zähneputzen, Bett. Dann beginnt ein neuer stressiger Morgen.

„Los, los, Beeilung“, treiben wir die Kinder ungefähr 137 Mal an, bis wir eilends das Haus verlassen. Ich bringe den Maxi zur Schule und fahre weiter zur Kita. An der Bahnschranke ist heute eine ewig lange Schlange. Vier Mal geht die Schranke auf, ehe wir endlich auch über den Bahnübergang fahren.

Während wir so an der Schranke stehen, erzählt mir der Mini, dass er ja früher im Auto immer geweint hat. Stimmt, Autofahren war eine Katastrophe mit Dir, erzähle ich. Das einzige, was manchmal geholfen hat, war Dir etwas vorzusingen. Darauf sind wir gekommen, als Du bei Deiner Taufe in der Kirche alles zusammengeschrien hast- bis wir anfingen zu singen. Da hast Du sofort ganz erstaunt geguckt. Du hast Dein Köpfchen gehoben und Dich aufmerksam umgesehen, um den Gesang ganz aufnehmen zu können. Da haben wir gemerkt, dass Du es magst, wenn man Dir etwas vorsingt…

Der Mini strahlt mich an, während ich ihm die Geschichte über sich erzähle. Ich strahle automatisch zurück. Schön, so ein Moment! Wie wir uns ansehen und es um uns herum nichts anders gibt. Nur wir zwei in diesem Auto, nur dieser Moment und eine schöne, geteilte Erinnerung. Die Schranke geht hoch und wir fahren entspannt wie lange nicht mehr weiter zur Kita- dabei komme ich jetzt zu spät zum ersten Termin.

Am Nachmittag will ich genau so einen schönen Moment mit dem Maxi genießen. Das AuPair spielt mit dem Mini eine Runde „Mausefalle“ und ich nehme mir Zeit für Maxi. Ich sitze mit ihm auf dem Teppich in seinem Zimmer. Maxi freut sich, seine Mama mal wieder ganz für sich alleine zu haben. Er lacht und für einen Moment denke ich, ich sehe in das Gesicht des Einjährigen Maxis. Mein kleines Mäxchen! Damals gab es jeden Tag nur Dich und mich und jede Menge Zeit.

Und da verstehe ich, warum uns das alle so glücklich macht, wenn wir uns in die Augen sehen: Es versetzt uns zurück in die Zeit, in der unser Band noch viel enger geknüpft war. Damals, als ich mich jeden Tag und jede Minute ganz meinem Baby zugewendet habe. Wir sind spazieren gegangen und mein Baby guckte im Kinderwagen in meine Richtung und wir haben uns unterhalten. Ich habe ihm die Welt gezeigt und den ganzen Spaziergang über mit ihm geredet und ihn angeschaut.

Auf dem Wickeltisch habe ich meine Söhne angeschaut und mit ihnen Quatsch gemacht. Ich habe ihre kleinen Füßchen geküsst (auch wenn es Käsefüße waren)  und ihnen Lieder vorgesungen (obwohl ich schrecklich singe).

Ich habe mich 30 Mal hinter einem Tuch versteckt, um dann „Kuckuck“ rufend dahinter wieder aufzutauchen- und ich hatte in diesen Momenten nichts Wichtigeres  und schon gar nichts Schöneres zu tun. Ich habe sie mit ins Bad genommen und mit in die Küche und immer ich habe mit ihnen geredet und immer habe ich mein Baby dabei angeschaut.

Und immer hat mein Baby mich angeschaut, weil ich damals der Mittelpunkt seiner kleinen Welt war. Und während wir beide aufeinander konzentriert waren, ist unsere Beziehung gewachsen und zu dem schönen Bündnis geworden, das wir heute genießen.

Natürlich haben sich inzwischen diese ehemaligen Babys beide längst auf ihren eigenen Weg gemacht. Die Welt besteht nicht mehr nur aus Mama, Papa und Zuhause, das haben sie schon herausgefunden. Und auch meine Welt besteht jetzt nicht mehr nur aus Ihnen. Morgens gehen sie in die Schule und in die Kita und ich gehe ins Büro. Am Nachmittag spielen sie mit Freunden und ich sitze oft am Rechner und schreibe.

Natürlich sind mit der Zeit die Kreise, die wir umeinander ziehen, größer geworden und das Band, das uns verbindet, ist länger geworden. Dabei hat sich auch die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen verändert. Wir schauen uns nicht mehr jedes Mal tief in die Augen, wenn wir miteinander reden. Die Jungs rennen an mir vorbei während sie mir eine Frage zurufen und ich antworte, ohne aufzuschauen. Wir sind oft in einem Raum, aber jeder macht sein Ding.

Es reicht meinen Söhnen meistens, wenn sie wissen, dass ich in der Nähe bin. Sie schauen mich nicht mehr stundenlang an und sie kommen nicht mehr mit ihrem Gesicht an meines, so wie sie es früher getan haben, als sie sehen, hören und fühlen wollten, dass ich da bin. Mein Gesicht hat sich ja nun auch ein bisschen erledigt für meine Söhne. Sie müssen mich nicht mehr aufmerksam ansehen, um meine Bewegungen nachzuahmen und das Sprechen von mir zu lernen. Daher ist heute ein Star Wars Sammelalbum einfach interessanter für sie, als meine Nase.

Das ist okay.  Ich glaube nicht, dass jemandem etwas fehlt. Wenn ein Kind mehr Aufmerksamkeit braucht, dann holt es sich die, so gut kenne ich meine Söhne. Trotzdem stelle ich fest, wie gut es tut, wenn wir uns gelegentlich so intensiv miteinander beschäftigen, wie damals, als wir noch Mama und Baby waren.

In den folgenden Tagen verbringe ich zwar nicht mehr Zeit mit den Kindern, als sonst, aber ich achte mehr als sonst darauf, dass es viele Momente gibt, in denen es nur jeweils Mama und Kind gibt. Keine Ablenkung, kein Zuhören zwischen Tür und Angel. Keine „Hmm“-Antworten mit Smartphone in der Hand, kein abwesendes „Wirklich?“ während ich mir Gedanken übers Abendessen mache. Ich schaue in ihre kleinen Gesichter, während ich mit ihnen rede. Meistens lächeln wir uns dann an und für einen kurzen Moment schlagen unsere Herzen im Gleichklang.

Ich würde mir ja mehr Zeit nehmen, aber meine Söhne haben gar nicht so viel Zeit für mich. Schon rennen sie weiter und lassen mich zurück mit dem schönen Gefühl, dass unser Band zwar immer länger, aber niemals dünner wird.

Die Zeit, in denen wir als Mutter für unsere Kinder da sind, wird nicht in Minuten abgerechnet. Es geht nicht darum, gemeinsam Zeit in einem Raum verbracht zu haben. Es geht darum, schöne Momente miteinander zu teilen. Es geht um Liebe füreinander, die für ein paar Herzschläge, in denen man sich in die Augen sieht, zum Greifen nah ist.

Als wir ein paar Tage später nachmittags nach Hause kommen, rennen die Kinder sofort die Treppe hoch in ihr Zimmer. Maxis Kopf erscheint oben an der Treppe: „Kommst Du gleich unsere Aufführung angucken Mama?“ „Ja, klar!“ Er lacht glücklich und sieht mich an, als wollte er nicht etwas sagen. Ich lächele zurück. Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe mir die chicen Klamotten aus. Natürlich bin ich eine gute Mutter.

Ich wünsche Euch eine Woche voller schöner Momente mit Euren Kindern.

 

 

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Zeit für Euch::: Warum Mutterliebe nicht in Minuten abgerechnet wird

  1. Liebe Mia,
    ich habe gar keinen Zweifel daran, dass du eine ganz tolle Mama bist!! Ich lese schon lange still mit – tatsächlich schon bevor ich schwanger wurde und jetzt habe ich hier schon ein Kleinkind neben mir schlummern
    Man spürt das doch schon aus der Ferne in so vielen deiner Posts, dass du voller Liebe für deine Lütten bist. Aber dass so eine Bemerkung einen mal kurz ins Grübeln bringt, ist vermutlich total normal. Ich glaube, mir ginge es da genauso. Da ich zufällig auch Juristin bin, bist du mir tatsächlich in vielem Inspiration und Vorbild. Insofern muss ich jetzt einfach mal ein großes Danke loswerden, dass du uns an deinem Leben teilhaben lässt ❤

  2. Liebe Mia,
    man braucht nicht arbeiten zu gehen um sich so zu fühlen! ich bin noch in Elternzeit und denke auch oft darüber nach,wie oft ein „gleich“ oder ein „ich muss nur noch schnell…“ raus rutscht und am Ende aus dem „gleich“ ein „bald“ oder aus der einen Sache noch unzählige mehr werden. manchmal schäme ich mich dafür und frage mich dann,wie andere das wohl auf die Reihe bekommen.
    darum vielen Dank für die aufmunternden Worte und den kleinen Denkanstoß…wie immer ist es nicht zwingend die Quantität sondern die Qualität…
    vielen lieben Dank!

  3. Liebe Mia,

    was für ein schöner Text, als bisher stille Leserin hast du meine Gefühle auf den Punkt gebracht und mir Mut für die kommende Zeit gemacht hat.

    Ich bin nur noch wenige Wochen in dem so intensiven ersten Jahr zuhause und gehe bald auch chic 😉 als HRlerin in Vollzeit wieder arbeiten.

    Ich versuche oft nach Gesprächen aus der Schublade zu flüchten, in die man so leicht hüpft/gesteckt wird. Der Text hat mir geholfen, danke 🙂

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