Ein Lied für Dich

Es ist vielleicht nur ein Zufall, aber meine Kinder gehen genau so durchs Leben, wie sie in eben dieses hineingekommen sind.

Maxis Geburt dauerte 18 Stunden. Eine Ewigkeit. Kommt er oder müssen wir ihn holen? Ich wusste es zwischendurch wirklich nicht.

Minis Geburt dauerte genau zwei Stunden. Fruchtblase geplatzt, ins Krankenhaus gefahren, 20 Minuten im Kreißsaal- hallo Mini!

Es kommt mir so vor, als hätten meine Söhne dem Mann und mir mit der Art ihrer Geburt direkt ihre Visitenkarten überreicht. Auf Maxis steht: Bitte drängt mich nicht. Ich muss mir immer erstmal alles in Ruhe angucken und sorgfältig überlegen, ob ich dazu schon bereit bin, oder nicht. Ich will es außerdem richtig machen, deswegen übereile ich nichts, sondern prüfe erstmal alle Optionen. Ich lasse mir Zeit.

Und so geht Maxi durchs Leben und lässt jede neue Situation erstmal auf sich wirken. Wie machen das eigentlich die anderen so? Ist das auch was für mich? Ich weiß noch nicht, ob ich das gut finde, ich überlege erstmal. Manchmal dauert es Monate, bis er in einer Situation so richtig angekommen ist und er selbst sein kann.

Auf Minis Visitenkarte steht: Hallo, hier bin ich! Hier gibt´s was Interessantes für mich? Cool, ich bin dabei, lass mich mal ran! Ich kann´s kaum erwarten!

Dieses Kind kennt keine Furcht, keine Scheu, keine Bedenken.Immer rein ins Vergnügen.

Ob es nun Zufall ist oder nicht, fest steht, dass meine Kinder so sind, wie sie eben sind. Sie waren schon in meinem Bauch so. Wer bin ich, dass ich sie ändern dürfte?

Das Leben sieht das leider weniger milde. Es ist ein großes Glück, wenn man im Leben einen Platz gefunden hat, an dem er ganz er selbst sein kann. Selbst, wenn das gelingt, muss man sich doch auf dem Weg dahin ständig und immer wieder anpassen.

Mein Mann ist übrigens auch so, wie er ist. Dazu gehört, dass er Emotionales eher  als seine Privatsache betrachtet. Das führt dann zu Situationen wie dieser:

Am letzten Wochenende lief Musik im Wohnzimmer und der sonst eher zurückhaltende Maxi fing an zu tanzen. „Ach guck“, sagte ich zum Mann, „das scheint ihm ja zu gefallen!“

„Ja klar“, antwortet der Mann, „das ist j auch sein Lied!“

„Wie, das ist sein Lied?“ fragte ich.

„Ja, ich habe für jedes unserer Kinder ein Lied. Ein Lied, das zu ihnen passt, dass sie charakterisiert und das so ist wie sie.“

Da war ich baff. Tatsächlich hat der Mann schon ein paar Wochen nach ihrer Geburt für jedes Kind ein Lied im Kopf gehabt.

Wir haben uns an diesem Nachmittag beide Lieder noch mehrere Male hintereinander angehört. Ich war begeistert. Nicht nur, dass ich finde, dass das eine total liebevolle Betrachtung der Kinder ist, sondern sie brachte mich zu einem schönen Gedanken:

Jedes Kind ist, wie es ist. So unverkennbar, wie die Melodie eines Liedes. Man könnte auch sagen, jedes Kind hat seine eigene Melodie. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben, und so wie eine Melodie nicht mehr stimmig ist, wenn man eine Note ändert, lässt sich auch ein Kind nicht einfach so in seinen Eigenschaften verändern, ohne dass es große Auswirkungen hat.

Ich mag es, mir dieses Sinnbild als Erinnerung im Hinterkopf zu behalten. Mein Kind ist keine Sportskanone? Vielleicht nicht seine Melodie.

Das Kind ist ein Träumer? Dann ist das wohl seine Melodie.

Das Kind geht noch nicht aufs Klo? Der Teil kommt bei ihm erst in der zweiten Strophe.

Als Eltern ziehen und zerren wir ganz schön oft an unseren Kindern herum. Immer mit den besten Absichten natürlich, aber dennoch. Das tut auch die Kita, die Schule und der Sportverein. Ich finde, wir sollten unsere Kinder öfter einfach so sein lassen, wie sie sind.

Ich kenne meinen Song. Ich höre meine Melodie seit 38 Jahren. Ich bin erwachsen und ich kann auch mal die Zähne zusammenkneifen und Dinge tun, die von mir erwartet werden, obwohl ich sie nicht mag oder nicht gut kann. Ich weiß ja, dass es Dinge gibt, die mir nicht liegen. Mir macht es nichts aus, wenn ich in dieser Sache dann nicht glänze. Gerade komme ich von einem Teamevent, bei dem wir eine Olympiade veranstaltet haben. Ich musste weitspringen, torwandschießen, seilhüpfen und andere Dinge tun und ich sah nicht bei allem besonders gut aus. Aber das hat mir überhaupt nichts ausgemacht, schließlich weiß ich nach 38  Jahren mit mir genau, was ich gut kann und was ich nicht gut kann. Ich fühle mich nicht schlecht oder falsch, wenn ich nicht kann, was andere können. Weitsprung? Nicht mein Fall. So what? Ich weiß, was ich kann.

Kinder haben diese Erkenntnis noch nicht. Wenn Erwachsene an ihnen herumerziehen, dann geraten sie ins Straucheln.

Wenn wir versuchen, ihnen unsere persönliche Vorstellung von ihnen aufzudrücken, wenn wir versuchen, sie so zurechtzubiegen, dass sie in jede Form passen, die das Leben mit Kita oder Schule oder sonstiger Einrichtung vorgibt, dann verlieren sie die Orientierung.

Dabei sind unsere Kinder doch perfekt, so wie sie sind. Sie machen natürlich nicht alles perfekt, aber sie sind perfekt als sie selbst. Solange sie klein sind,  probieren alles aus, aber wenn sie merken, dass sie in den Augen anderer etwas nicht gut machen, dann tun sie es nicht mehr, auch wenn es ihnen bis dahin Freude gemacht hat. Kritik kratzt an ihrem Selbstbewusstsein. Sie werden verunsichert. Und dann hören sie vielleicht auf, auf ihre Melodie zu hören. Wie traurig.

Spätestens in der Pubertät werde ich wahrscheinlich nur schwer verhindern können, dass das passiert. Meine Söhne werden sich an neue Vorbilder hängen, sie werden anderen nacheifern und vielleicht erst nach einigen Jahren wieder im eigenen Takt sein. Aber auch in dieser Zeit sind sie die, die sie immer waren und auf der Suche danach, was das bedeutet. Vielleicht werde ich die einzige sein, die ihre Melodie noch hören kann. Ein Grund mehr, die Kinder einfach zu lassen und mich darauf zu beschränken, da zu sein. Da sein, Zuhören und keinen Zweifel an ihnen zulassen.

Als Mutter habe ich von Anfang an gespürt, was für Menschen meine Kinder sind. Ich habe schon während der Schwangerschaft gespürt, dass der eine lebhafter als der andere ist. Ich habe in den ersten Tagen und Nächten ihr Temperament wahrgenommen und ich habe über die Jahre zwar immer wieder Neues über mein Kind erfahren, aber dabei auch immer festgestellt, dass es einen roten Faden gibt. Wie eine eigene Melodie. Und dieser Gedanke hilft mir, immer daran zu denken, dass ich die letzte sein sollte,  die an den beiden herumzerrt. Ich bin nicht die, die sie zu noch besseren Leistungen antreiben oder ihnen irgendwelche Eigenschaften abgewöhnen sollte. Ich bin die, die immer hinter ihnen steht und leise ihre Melodie summt, wenn sie selbst sie zwischendurch nicht hören können.

 

 

 

Das ist übrigens Minis Melodie:

Und das ist Maxis:

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8 Kommentare

  1. Total süßer und liebevoller Beitrag : ) Mußte irgendwie wieder schmunzeln, weil ich wiedermal das Gefühl hatte „is ja wie bei uns“. Denn unser Großer ist ganz genauso: Abwarten, Gucken, Abwägen, bloß kein Risiko, der Kopf muss erstmal mit allem klarkommen und alles sortieren. Er ist auch der sensiblere und der zierlichere. Kein Sportler, sondern ein Künstler. Seine Geburt hat summa summarum etwa 6 Stunden mit allem Drum und Dran gedauert und die unserer Tochter nur etwa 40 Minuten, dann wir sie da und genauso ist sie seither: Keine Angst, kein Hören, kein Überlegen, kein Abwarten, einfach immer drauf los. Keine Künstlerin, sondern Akrobatin. Diese Unterschiedlichkeit ist so umwerfend und ich bewundere sie immer wieder aufs Neue und bin so dankbar dafür. Alles Gute und liebe Grüße und vielen Dank für das Teilen dieser schönen Gedanken : )

  2. Sonnenscheinchen

    Ein wirklich wunderschöner Beitrag! Ich weiß nicht, ob aus Übermüdung nach einer 1h Abstands-Nacht oder Mütter-Sentimentalität, aber mir sind eben tatsächlich die Tränen in die Augen geschossen. Mein Mini (der im Übrigen auf den Namen Maxi hört ), schläft irgendwie von Monat zu Monat schlechter, isst kaum noch bzw wenn nur direkt von Mama (und das mit 10 Monaten) und nimmt mich auch sonst irgendwie komplett und vollständig in Beschlag – 24h! Aber wer wenn nicht ich sollte ihn genau so lassen wie er ist und seine Melodie mitsummen. Ein schönes Bild (so ähnlich ja auch in Michael Endes „Momo“ und auch da hat es mich schon so berührt ☺)…

    Danke!

  3. Ein wunderschöner Text!
    Ich musste schmunzeln, weil es bei uns genau so ist.
    Die Geburt der Grossen dauerte 15 Stunden…zögerlich, zurückhaltend, abwartend. Sie liess sich Zeit. Genau so ist sie heute mit vier Jahren auch noch… Sie beobachtet, wartet ab, ist vorsichtig und konzentriert.
    Die Geburt meines Sohnes dauerte gerade mal eine Stunde. Er steckt voller Energie und Tatendrang, probiert aus vibriert vor Neugierde auf das Leben.
    Ich habe immer schon gesagt, dass unsere Kinder uns schon bei der Geburt ihr Temperament offenbart haben.
    Ich will nie vergessen, ihren Melodien zuzuhören!

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