Ich bringe Dich durch die Nacht

In meiner Hand liegt eine Kinderhand. Sie ist winzig. Eifrig und unermüdlich knetet die kleine Hand meine große. Der kleine Mensch, dem diese Hand gehört ist unruhig. Er ist müde, aber er kann nicht schlafen. Dann, langsam (nach 10 Minuten oder waren es 20?) kommt er zur Ruhe. Die winzige Hand legt sich ruhig in meine, der Atem des Kindes wird langsamer und der kleine Mensch schläft ruhig weiter.

Ich habe mir endlich mal wieder eine Nacht mit einem Kleinkind um die Ohren geschlagen. Die kleine Tochter meiner Freundin schläft seit zwei Jahren keine Nacht durch und als meine Freundin mit einer fiesen Erkältung am Ende ihrer Kräfte war, habe ich angeboten: „Lass sie doch eine Nacht bei Mini und Maxi übernachten! Ich kümmere mich in der Nacht um die Kleine und Du schläfst Dich mal schön aus.“

Gesagt, getan. Meine Söhne waren von der Idee einer Übernachtungsparty sofort begeistert und da ich mit der Kleinen sehr vertraut bin (sie ist mein Patenkind), legte auch sie sich am Abend ohne zu zögern zu uns auf das Matratzenlager. Maxi wurde das schnell zu unruhig und er verzog sich nach kurzer Zeit ins Schlafzimmer. Eine Nacht neben Papa in Mamas Bett, das war für den ruhigsten Schläfer im Haus verlockender, als eine Übernachtungsparty.

Als der Mini und unser kleiner Übernachtungsgast eingeschlafen waren, betrachtete ich ihre kleinen Gesichter. Auch nach all den Jahren, in denen ich schon jeden Abend vor den Betten meiner schlafenden Kinder stehe, berührt mich der Anblick schlafender Kinder immer und immer wieder. Am Tag haben sie herumgetobt wie die Wilden. Halbstark haben sich meine Söhne vor unserem kleinen Gast mit ihren Fähigkeiten gebrüstet, mutig hat sie jede Herausforderung angenommen. Und nun liegen sie da in ihren Betten und diese ganze kindliche Unschuld umgibt sie wie eine beinahe sichtbare Aura, der ich mich nicht entziehen kann.

In dieser Nacht ist es eine selbstgewählte Aufgabe für mich, das mir anvertraute Kind durch die Nacht zu bringen. Vielleicht kann ich sie deshalb so ganz und gar selbstlos ausführen? Ich erinnere mich an die Nächte, in denen der Mini jede Stunde aufwachte und mich an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit brachte. Manches Mal war ich entnervt aus der Haut gefahren, war wütend auf ihn gewesen und konnte es nicht mehr ertragen, wie er an meinen Haaren herumspielte. Dann habe ich ihn seinem Vater übergeben, der bis dahin seelenruhig geschlummert hatte und meine Aufgebrachtheit gar nicht verstehen konnte. Einmal habe ich mir ein Glas Wein eingeschenkt und mich ins Wohnzimmer gesetzt, weil ich in dieser Nacht einen echten Cut gebraucht habe, so aufgewühlt war ich und so dünn war mein Nervenkostüm von all den schlaflosen Monaten bis dahin. Da saß ich dann und fand mich selber schrecklich. 30 Minuten später übernahm ich den Mini wieder vom Mann, der inzwischen auch seine Gelassenheit eingebüsst hatte.

Ich hatte über Wochen und Monate kaum Schlaf bekommen, die Müdigkeit wurde immer zermürbender und jede Nacht zur Geduldsprobe, bis ich irgendwann immer öfter richtig wütend war. Ich war auf den Mini nur nachts manchmal wütend. Tagsüber war ich zwar müde, aber nie auf so eine ungeduldige Art müde wie mitten in der Nacht. Wenn er mich tagsüber anstrahlte, tat es mir oft Leid, dass ich in der Nacht so wütend gewesen war. Ich fand die Nächte damals so kräfteraubend, dass es kaum auszuhalten war.

Heute sind meine Nächte nicht mehr schlaflos und meine Ressourcen reichen locker für eine Nacht mit der süßen Tochter meiner Freundin.

Da liegt sie neben mir. So klein. Gerade mal zwei Jahre auf der Welt. So vieles hat sie schon gelernt, so vieles erlebt sie jeden Tag. Und jede Nacht wird sie ein kleines bißchen größer, während sie schläft; beschützt von ihren Eltern. Was für eine wunderbare Aufgabe das ist!

Ich bin ganz für sie da in dieser Nacht. Aber es ist nicht mein Kind und es ist nur diese eine Nacht. Und mit dieser Distanz wird mir plötzlich viel klarer als jemals zuvor, wie schön es ist, einem Kind in der Nacht die Geborgenheit zu geben, ohne die es nicht schlafen kann. Liebe, Vertrauen, Geborgenheit, Nähe all das ist zwischen uns, während sie in meinem Arm schläft. Für den ganz besonderen Zauber dieser Nächte war mir damals der müde Blick verstellt.

Ich halte ihre Hand in dieser Nacht. Beinahe stündlich wacht sie auf. Ich flüstere ihr ins Ohr, wo sie ist und zeige ihr den Mini neben uns: „Alles gut, Du bist bei Mini und Maxi, siehst Du, da liegt der Mini und schläft.“ Sie blickt mich kurz an, dann schließt sie erleichtert wieder die Augen und kuschelt sich an mich. Sie knetet meine Hand ein paar Minuten, dann schläft sie tief und fest weiter. Sie rührt mich bis auf den Herzensgrund. Wie sie mir so vertraut und wie sie sofort weiterschlafen kann, wenn sie nur weiß, dass da ein Mensch ist, der ihren Schlaf bewacht.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie weiß, wer da in dieser Nacht auf sie aufpasst. In ihrer Unruhe kann ich ihr Bedürfnis spüren, sich behütet und beschützt zu fühlen und es kommt mir so vor, als ginge es ihr nur darum, dass überhaupt jemand da ist, der ihren Schlaf bewacht. „Wenn ich schlafe, passt Du dann auf mich auf?“ scheint ihr unruhiger Körper zu sagen und meine Hand in ihrer sagt ihr: „Alles gut! Ich bin da, schlaf ruhig weiter. Ich bringe Dich durch die Nacht.“

Es war ein langer, aufregender Tag. Woher soll sie auch wissen, dass der Trubel nun für ein paar Stunden angehalten ist? Dass wir alle schlafen und sicher in unseren Betten liegen? Während sich in ihrem Kopf die Eindrücke des Tages überschlagen, legt sie ihre kleine Hand wie einen Anker in meine. Ich gebe ihr Halt und das Gefühl von Geborgenheit, das sie braucht, um zur Ruhe zu kommen und zu schlafen. Obwohl die Nacht so unruhig ist, bin ich am nächsten Morgen die Ruhe selbst. Ich fühle mich wie verzaubert.

Am nächsten Morgen steht meine Freundin in der Tür und Mutter und Tochter fliegen sich entgegen. Eine Nacht nur waren sie getrennt und man kann sehen, wie sehr meiner Freundin ihr Kind in der Nacht gefehlt hat- auch wenn der Schlaf natürlich gut getan hat.

Ich gehe an dem Abend ein bißchen früher ins Bett, denn ich habe kaum geschlafen. Dafür habe ich aber eine neue Erkenntnis gewonnen: Ich habe meine Kinder durch viele schlaflose Nächte gebracht, mal sehr liebevoll aber oft auch sehr genervt. Dabei habe ich es immer als meine Aufgabe empfunden. Manchmal fand ich die Aufgabe schön, manchmal nur anstrengend. Aber ich war immer zu müde, um es als ein Geschenk zu sehen. Jetzt ist die Zeit der schlaflosen Nächte vorbei und ich bin wirklich heilfroh darüber. Aber ich bin auch froh, dass ich in der letzten Nacht verstanden habe, wie wichtig es war, dass ich in all diesen Nächten für meine Kinder der sichere Hafen war.

Mütter und Väter: Es wird besser, versprochen. Nicht mehr lange, dann könnt Ihr wieder durchschlafen. Vielleicht noch ein paar Monate, vielleicht aber auch nur noch diese eine Nacht. Diese eine Nacht, durch die Ihr Euer Kind bringen dürft. Genießt es!

 

 

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