Verstaubt und vergessen aber immer noch da

Ich war in Gedanken schon immer eine Mutter. Ich wusste immer, dass ich eines Tages Kinder haben würde und es kam der Tag, an dem ich wußte, mit welchem Mann ich diese Kinder bekommen möchte. Wir heirateten, ich wurde schwanger, doch als mein Sohn schließlich in meinen Armen lag, fühlte es sich nicht direkt so an, als wäre ich am Ziel meiner Träume. Das Muttersein brach vielmehr so unvorbereitet über mein Leben herein, als hätte ich mir nie zuvor auch nur einen Gedanken darüber gemacht.

Alles war neu und alles, was alt war, war erstmal weg. Ich hatte es mir immer wieder vorgestellt, mein ganzes Leben lang gewünscht, aber was das Muttersein dann schließlich mit mir machen würde, das hätte ich bei aller Vorbereitung nicht erahnen können.

Und es begann eine Anpassung an ein neues Leben.

Ich musste mit wenig Schlaf auskommen und wollte für lange Zeit gar nicht mehr abends ausgehen oder überhaupt rausgehen. Weil ich viel zu Hause war und mir ein Baby ständig über (und auf) die Schulter spuckte, war es sinnlos, sich ein Seidenblüschen und Pumps anzuziehen- wenn es überhaupt Sinn machte, sich anzuziehen. Und so veränderte ich mich mit meinem Leben.

Ich schrieb Blogposts darüber, dass früher Kerzen auf dem Badewannenrand standen und heute dort die Klobürste steht. Ich schrieb darüber, dass man merkt, dass man Mutter ist, wenn einem im Büro gerade noch rechtzeitig einfällt, dass man dort die Toilettentür ja immer zu macht. Ja, mein Leben war jetzt- anders und ich musste meine neue Rolle finden.

Manche Veränderungen mit mir vollzogen sich allerdings nicht nur als Anpassungsleistung an neue Umstände. Man verändert sich ja nicht nur  einfach so, von ganz alleine. Manche Veränderungen sind nicht passiert, sondern die habe ICH forciert. Ich habe aufgehört, hohe Absätze zu tragen und ich habe aufgehört, am Wochenende um die Häuser zu ziehen und vielleicht habe ich sogar diesen Mamablog angefangen, um der Verwandlung Nachdruck zu verleihen: „Seht her, ich bin eine Mama!“

Denn über diesem neuen Leben stand in großen Buchstaben in ganz fett geschrieben: MAMA.

Ich bin seit sechs Jahren eine Mama. Von der Sekunde, in der ich geweckt werde, bis zu dem Moment, in dem ich mir wenigstens noch ein kleines Eckchen in meinem eigenen Bett erobern muss. Am Wochenende und im Urlaub. Am Nachmittag auf dem Spielplatz, aber auch morgens im Büro, wenn jeden Moment das Telefon klingeln kann, weil ein krankes Kind abgeholt werden muss. Ich bin eine Mama. Immer.

Alles andere in meinem Leben habe ich irgendwo dahinter einsortiert; das Mamasein ist immer Prio Nummer 1. Ich meine das gar nicht negativ. Mutter dieser Kinder zu sein ist für mich von ganz alleine das Wichtigste in meinem Leben; das einzige, von dem ich immer überzeugt bin, dass es richtig ist. Aber vielleicht war es in den letzten Jahren hier und da wichtig für mich, mein Mamasein  auch durch Äußerlichkeiten und einen anderen Lebenswandel zu betonen, damit ich mich ganz auf die neue Rolle einlassen konnte.

Denn sind wir mal ehrlich, Mütter, , das Mamasein verkraftet nunmal keine großen Ausbrüche aus der Rolle. Wir Mütter jonglieren täglich mit Bedürfnissen und Terminen: Wir müssen pünktlich an der Schule sein und pünktlich im Büro erscheinen. Wir müssen an die Abschnitte für die Kita denken und daran, dass das Kind neue Turnschuhe braucht. Wir müssen dringend den Termin für die U8 vereinbaren und dürfen nicht vergessen, den Kuchen für den Basar in der Schule zu backen. Und wehe, wenn das Auto kaputt geht, oder jemand krank wird!

Wir organisieren und kümmern und trösten und motivieren…und das alles mit einer unglaublichen Müdigkeit in den Knochen. Kein Wunder, dass wir Mama bis in die Haarspitzen sind.

So wurde aus Mia Mama Mia.

Dann kam der Tag, an dem ich morgens die erste war, die aufwachte. Die Kinder schliefen noch und als ich so im Bett lag und mich gemütlich reckte und streckte, fiel mir auf, dass meine Nächte eigentlich schon lange wieder entspannt sind. Tagsüber hängt auch nicht mehr ständig mindestens ein Kind an meinem Bein und während ich noch vor ein paar Jahren dachte, es müsste ein ewig unerfüllter Wunsch bleiben, mal wieder 10 Minuten Ruhe für eine Tasse Kaffee zu haben, ist es nun so dass ich längst nicht mehr so sehr gebraucht werde, wie noch vor einem Jahr.

Das bedeutet noch lange nicht, dass ich mir mal eben den Babybrei von der Schulter wische, in die Hände klatsche und zu einer Tagesordnung übergehe, wie sie war, bevor ich Kinder hatte. Aber es ist klar, dass die unsichtbare Nabelschnur länger geworden ist und sowohl meine als auch die Bewegungsräume der Kinder immer größer werden.

Und was passiert jetzt mit mir? Habe ich mich so sehr verwandelt, dass von mir nichts mehr übrig geblieben ist? Nein, da ist noch etwas. Ein bißchen verstaubt, ein bißchen vergessen, aber es ist noch alles da.

Ich bin ich. Ich bin immer ich gewesen. In den letzten Jahren war ich hauptsächlich Mutter, aber ich bin ja nicht für jeden da draußen die Mutter. Ich bin auch Freundin, Arbeitnehmerin, Kollegin, Schwester, Tochter und natürlich Ehefrau. Ich bin eine Frau mit ganz vielen Facetten. Und ich finde es wichtig, sich bei allem Spaß an Wickeltaschen, Pekip Kursen und den vielen unbekannten Dingen, die das Mamasein mit sich bringt,  nie selbst zu verlieren.

Ich fühle, dass sich Dinge wieder verändern. Die Babyjahre sind vorbei, meine Söhne (vor allem das Schulkind) leben schon ein ganzes Stück eigenes Leben. Und in mir drin erwacht ein Teil von mir wie aus einem Winterschlaf. Ja, Mamasein verändert, aber im Moment gefällt es mir besser zu sagen, es erweitert. Die Kinder haben mein Leben um eine wunderbare Facette erweitert und sie haben mein Ich erweitert. Aber alles, was mich bis dahin ausgemacht hat, ist auch noch da und bekommt jetzt wieder mehr Raum.

Es fühlt sich gut an, wieder ein bißchen mehr auf eigene Bedürfnisse zu hören und mit Blick nach vorn als ein neues und ein altes Ich von mir in die Zukunft zu gehen.

Ich bin Mutter. Ich bin nicht nur Mutter. Ich bin viele.