Für immer in deinem Herzen

Letzte Woche habe ich für eine Nacht mein zweijähriges Patenkind gehütet. Die ganze Nacht hat sie immer wieder meine Hand in ihrer geknetet und sich in meinen Arm gekuschelt.  Auf der anderen Seite neben mir lag der Mini und schlief selig.

„Es ist noch gar nicht lagen her, da habe ich jede Nacht so mit dem Mini verbracht,“ dachte ich, als ich meinen Jüngsten betrachtete. Denn der Mini hat drei Jahre lang nicht durchgeschlafen.

Neben mir im Beistellbett zu liegen war ihm in seinen ersten Monaten noch viel zu weit weg von mir. Er schlief lieber auf mir, fast als wollte er zurück in den Mutterleib kriechen. Jede Stunde wurde er wach und während die Monate vergingen, dachte ich immer, jetzt müsse er doch langsam mal ein bißchen längere Schlafphasen entwickeln. Er ließ mich lange warten. Insgesamt fast drei Jahre lang hat er jede Nacht zum Tag gemacht. Ich kuschelte mich mit ihm durch die Nacht. Ich hielt seine Hand, ich hielt ihn im Arm.

Auch tagsüber hatte der Mini ein großes Bedürfnis nach körperlicher Nähe (hat es auch heute noch mehr als sein Bruder). Manchmal war das alles sehr anstrengend für mich. Tag und Nacht hatte ich meinen Jüngsten an mir. Mir schmerzten die Schultern und ich war so! unendlich! müde! Aber ich gab dem Mini alle Zuwendung, die er brauchte (und genoss es ja auch- jedenfalls denke ich rückblickend, dass es sehr schön war).

Und da lagen wir nun, in dieser Nacht mit meinem zweijährigen Patenkind. Ich hatte uns ein großes Matratzenlager auf dem Boden ausgebreitet und ich lag zwischen dem Patenkind und dem Mini. Ich betrachtet den Mini.

„Weißt du noch, wie wir beide jede Nacht so aneinandergekuschelt geschlafen haben?, fragte ich ihn in Gedanken. „Wir waren lange Zeit noch wie eins. Als hättest Du die Schwangerschaft um ein paar Jahre verlängert. Du und ich. Tag und Nacht. Ich habe Deine Hand gehalten und ich habe Dich getragen. Anfangs habe ich Dich noch gestillt, manchmal gefühlt die halbe Nacht. Weisst Du das noch?“

Nein, das weisst Du nicht mehr. Du bist größer geworden, Du hast Dich abgenabelt. Zum Einschlafen brauchst Du mich noch, aber danach reicht Dir Dein Kuscheltier und das Wissen, dass Dein Bruder im selben Zimmer liegt. Wenn Du nachts aufwachst (wachst Du nachts eigentlich noch auf?) dann schläfst Du alleine wieder ein. Nur manchmal kommst Du nachts auf deinen kleinen Füßen patschend zu uns hinübergelaufen. Du kuschelst Dich an und schläfst weiter. Oft merke ich das erst am nächsten Morgen.

Auch tagsüber holst Du Dir gelegentlich eine Portion „Mamawärme“ ab, wie wir beide sagen. Du kommst mitten im Spiel auf meinen Schoß gelaufen, als müsstest Du zwischendurch kurz auftanken. Im nächsten Moment bist Du auch schon wieder weg.

Nein, Du weißt nicht mehr wie wir beide Tag und Nacht Arm in Arm verbracht haben. Ich weiß es noch und wenn ich daran denke, während ich Dich betrachte wie Du so friedlich schläfst, dann muss ich lächeln. Ich wußte damals natürlich, dass die Zeit kommen wird, in der Du mich nicht mehr so sehr brauchen wirst, und sogar eine Zeit, in der Du mich gar nicht mehr an Dich heranlassen wirst. Manchmal hielt ich Dich im Arm und dachte an diese Zeiten, die kommen werden und dann habe ich mir den Moment ganz besonders eingeprägt, damit ich ihn nie vergesse.

Aber Du? Du hast es vergessen, stimmt´s? Ja, das hast Du. Du wirst es immer mehr vergessen. und das ist auch gut so. Denn Du bist nicht ein Teil Deiner Mutter, Du bist Du.

Ich verstehe meine Aufgabe als Mutter so, dass ich Dich auf Deinem Weg in die Welt begleite, in der wir leben. Ich finde diese Welt gerade leider häufig traurig und brutal, aber vielleicht ist es gerade deshalb so wichtig, dass Du Deinen Platz in dieser Welt findest. Vielleicht kann ich Dir zeigen stark und mutig genug zu sein und an das Gute im Menschen zu glauben. Ich will Dir ein Vorbild darin sein, in Deinem Herzen Platz für alle Menschen zu haben, ganz egal welcher Religion oder Rasse sie angehören, denn ich glaube, dass die Welt das gerade gut gebrauchen kann.

Und ist nicht der erste Schritt dazu, als Kind zu erfahren, wie sich Liebe und Geborgenheit anfühlt? Wenn Du Dich Schritt für Schritt in Dein eigenes Leben da draußen begibst, wenn Du Dich erst aus meinen Armen, dann aus meiner Rufweite und eines Tages aus meinem Haus löst, dann wünsche ich mir, dass Dein Herz so voller Liebe ist, dass sie für ein ganzes Leben reicht. Ein ganzes Leben, in dem Du unerschütterlich durch die Welt gehen, ihr die Stirn bieten und sie mit Deiner Liebe besser machen kannst.

Ich glaube daran, dass die Liebe und Geborgenheit, die ich Dir in den Nächten Deiner ersten Jahre gegeben habe, Dich zu dem wunderbaren Menschen macht, der Du immer sein wirst. Ein Gefühl, ganz tief verankert in Dir, das Dir Sicherheit gibt. Eine Liebe, die zu Dir gehört und die dich stark macht, weil sie wie eine zusätzliche Person an Deiner Seite ist. So wie ich in diesen Nächten an Deiner Seite war und so als wäre ich immer noch da und Du bei mir in Sicherheit, egal wo Du hingehst.

Ich werde diese besonders innigen Nächte mit Dir nie vergessen. Du bist dabei sie zu vergessen, aber Du trägst sie in Dir. Sie geht für uns beide nie verloren. Sie wird immer da sein.

Für immer in meinem Kopf. Für immer in Deinem Herzen.