3-2-1-aus!

Mein Mann kann während des Vorlesens einschlafen. Also, nicht wenn ich vorlese, sondern wenn er selber den Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Wie geht denn das?! Ich habe ihn dazu verdonnert, darüber einen Gastpost zu schreiben. Hier kommt er: Und ich habe nichts!! geändert oder hinzugefügt. Alles original „Papa Mia“. Viel Spaß!

Jeder von uns kennt das: es gibt Elemente, die jeweils isoliert betrachtet harmlos, friedlich und neutral sind. In der Kombination allerdings lösen sie etwas ganz unerwartetes drittes aus. So verhält es sich mit Kaliumpermanganat und Sanitärreiniger. Das eine ist blau, das andere macht sauber. Vermischt man beides allerdings in einem Topf, entsteht etwas Neues, Unerwartetes und Furchterregendes nämlich eine Stichflamme.

Anderes Beispiel: ein harmloses Kinderbuch, zwei müde und überdrehte Jungs und ein Vater der beides in einem Kinderzimmer nach 19:00 Uhr zusammen fügt….

Ach, eins noch: Warum ich trotzdem immer wieder vorlese, obwohl ich weiß, dass ich wahrscheinlich wieder einschlafen werde? Kennt Ihr das, wenn Ihr von der Arbeit nach Hause kommt, und mitten in eine „Familienaktion“ platzt?  Die Kinder freuen sich: „Juhu, der Papa ist da!“ und schon ist man mittendrin. Meine Frau hat mir schon manchmal gesagt, es sei einfacher, wenn ich erst nach Hause komme, nachdem die Kinder schon schlafen, als wenn ich mitten im Zu-Bett-bringen zur Tür hineinkomme. Aber soll ich so lange im Auto sitzen bleiben? Das fände sie sicher auch nicht gut. Und die Kinder und ich, wir freuen uns ja auch, wenn wir noch ein paar gemeinsame Minuten haben. Sobald ich  im Haus bin, habe ich also natürlich meine Rolle und deshalb bringe ich die Kinder mit ins Bett. Und dann passiert ganz oft das:

„Am besten nehmen wir den Grüffelo-der ist spannend!“ sagte ich den Jungs, während wir die Bücherkiste auf der Suche nach der Gute Nacht Lektüre durchstöberten und meinte dabei: Den haben wir unzählige Male gelesen. Den kenne ich fast auswendig. Sollte mich der Schlaf beim Vorlesen übermannen, habe ich immer noch die Chance, die letzten Passagen in die Außenwelt des Kinderzimmers hinein zu sprechen, ohne dass dies von meinem Bewusstsein gesteuert würde. Die Kinder würden es sicherlich nicht merken.

Also flugs Maxi und Mini auf den Schoß drapiert, die feierliche Ankündigung ausgesprochen, dass der Papa jetzt mit dem Lesen beginnt und schon startet der Sinkflug aus dem Tag in den Abend.
Ich weiß nicht, woran es liegt. Ob es da irgend eine chemische Verbindung gibt, die durch berühren des Deckblattes eines Kinderbuchs nach 19:00 Uhr ausgelöst wird. Aber schon beim Vorlesen des Titels fühlte ich eine gewisse Schwere, die aus den Tiefen des Kinderzimmers ihren Weg zu mir fand.

Ich versuche einmal zu beschreiben, was offensichtlich in meinem Kopf in dieser Phase passiert sein muss: Grüffelo, Maus, Eule, Fuchs und Schlangen fahren auf einem sich wild drehenden Karussell und verschwimmen dabei zu einem großen bunten Ganzen, in dessen Mitte ich sitze und aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

„Die Maus spazierte im Wald umher der Fuchs sah sie kommen… „begann ich – Mist! Der Kollege Fuchs – ich habe ihn nicht angerufen!

„…. und freute sich sehr. Hallo kleine Maus, wohin geht die Reise?“ – herrje, ich wollte noch die Reise nach Hamburg buchen! Wieder vergessen!

„…. bei mir im Büro, äh im Bau gibt’s Götterspeise!“ Oh Weia ! auch das noch! Jetzt hatte ich vergessen, den Tisch für das Weihnachtsessen mit meinem Team zu reservieren!

Und dann schlägt gnadenlos der physiologische Verfall zu, das Unerwartete entsteht:

Spätestens zu dem Zeitpunkt, wenn beim Grüffelo die Schlange lispelnd ihren Text herausbringt, fällt das rechte Auge zu und verweigert sich jeder weiteren Aufnahme von Realität. Auch von Kinderbuch-Realität.

Hätten wir den Grüffelo nicht unzählige Male vorher bereits gelesen, Maxi, Mini und auch ich hätten an diesem Abend nicht erfahren, wie die Geschichte zu Ende gegangen ist.

Als ich gegen Mitternacht aufwachte, saßen Maxi Mini fröhlich spielend im hell erleuchteten Kinderzimmer. Maxi las Mini den Grüfelo vor und Mini lauschte hingebungsvoll.

Da wusste ich: ihr werdet es einmal besser machen als ich, wenn ihr euren Kindern die Gutenachtgeschichte vorlest!
Gute Nacht Jungs!