Wie man entspannt muttert

Wer mit Kindern lebt, der weiß, dass sie voller Ideen sind, über die man nur staunen kann.

Kaum habe ich mich umgedreht, machen meine Söhne genau das, was sie eigentlich gerade nicht tun sollen. In dem Moment, in dem ich den Raum verlasse, haben sie wohl vergessen, dass sie nicht im Wohnzimmer Fußball spielen sollen. Sie erinnern sich nicht mehr daran, dass  das Sofa keine Hüpfburg ist und sie wissen auch nicht mehr, dass ich Nein zu noch einem Keks gesagt hatte.

Manchmal bin ich wütend, wenn sie so völlig ungerührt von meinen Worten durchs Haus toben, eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und mich gar nicht beachten. Aber hin und wieder gibt es einen Moment, der mir die Augen dafür öffnet, was in ihren kleinen Köpfen vorgeht. Dann kann ich für längere Zeit überhaupt gar nicht mehr wütend sein und staune endlich wieder.

So einen Moment hatte ich in unseren Herbstferien. In der Ferienwohnung am Meer empfingen uns zwei Fliegen. Zwei von der lästigen Sorte, die sich offenbar immer dort am wohlsten fühlten, wo sie am meisten störten: Auf einem von uns. Am ersten Tag wedelten wir alle ständig mit den Händen in der Luft herum, aber sie ließen sich nicht verscheuchen.

Am zweiten Tag regnete es und wir mussten in der Wohnung bleiben. Die Fliegen begannen uns zu nerven. Der Mann und ich begannen, die Wohnung nach einer Fliegenklatsche oder einem dazu geeigneten Gegenstand absuchten. Meine Söhne hatten eine bessere Idee.

Wahrscheinlich lag es daran, dass ich vergessen hatte, Spielzeug einzupacken. Die Jungs hatten das Meer und den Strand vor der Tür, aber in der Wohnung hatten sie nichts. Ein paar Bücher und Kuscheltiere steckten in ihren kleinen Kinderkoffern, aber nichts, mit dem man an diesem einen Regentag in unserer Urlaubswoche in der Wohnung hätte spielen können.

Und aus der Langeweile und den nervigen Fliegen entstand wieder mal etwas so wunderbares, wie es nur Kindern einfallen kann:

Als ich mit einer Zeitung ins Wohnzimmer zurück kam, und ausholte, um diese lästigen Fliegen loszuwerden, rief Maxi entsetzt: „Mama! Nicht! Das sind unsere Freunde!“

Ich ließ die Zeitung sinken.  „Das ist Mary“, sagte Maxi. „Die gehört zu mir, und die andere heißt Joe. Das ist Minis Freund.“

Ich musste lachen, weil ich allein die Namen Mary und Joe so witzig fand. Während ich lachend den Mann herbeirief und die Kinder mich mit ernsten Gesichtern anschauten, hatte ich eines dieser Aha-Erlebnisse. Ich sah dieses verrückte Spiel mit den Fliegen und wußte:

So viel Kraft steckt in dieser kindlichen Kreativität. Kinder stellen einfach alles in Frage und finden so auf alles ihre eigenen Antworten. Fliegen sind lästig. Die nerven! Aber was interessiert das meine Söhne?! Die machen es sich einfach schön mit den Biestern. Sie machen aus etwas Nervigem etwas Schönes und dabei entsteht mal eben ein neues Spiel, das sich beliebig erweitern und variieren lässt.

Das ist es, wie Kinder die Welt sehen: Mit eigenen  Augen, vollkommen unvoreingenommen. Und das ist es, wie wir unsere Kinder und das was sie machen sehen sollten: Unvoreingenommen. In den ersten Wochen nach ihrer Geburt, da konnten wir das alle noch. Unsere Babys lagen auf unserem Bauch oder in unserem Arm. Sie sagten nichts und machten nichts weiter als zu trinken und zu schlafen und manchmal ein bißchen zu schreien. Und wir sahen sie den lieben langen Tag verliebt und geradezu ehrfürchtig an und waren überzeugt davon, dass wir das tollste, schönste, großartigste Kind der Welt bekommen hatten. Ein paar Jahre später hören wir uns manchmal den halben Tag mit diesem tollsten, schönsten, großartigsten Kind nur schimpfen.

Natürlich machen Kinder viel Blödsinn und natürlich ist das manchmal ärgerlich. Besonders wenn etwas dabei zu Bruch geht oder sich jemand verletzt. Aber dahinter steckt ja nie eine böse Absicht, sondern ein hungriger Entdeckergeist. Da sind so viele Ideen in diesen kleinen Köpfen und anders als unsere Erwachsenen-Ideen, kennen ihre Ideen keine Grenzen und erst recht keine Regeln. Wenn wir sie lassen, reiten sie auf der Sofalehne bis nach Australien. Leider verträgt das das Sofa nicht so gut, daher endet die Reise dank Mama meistens noch im Wohnzimmer, wie schade. Irgendwann haben sie dann gelernt, dass sie die Dinge nicht zweckentfremden dürfen und kurz darauf kommen sie sowieso gar nicht mehr auf solche Ideen.

Natürlich geht es nicht ganz ohne ein paar flankierende Regeln, aber insgesamt glaube ich nicht, dass wir einen wertvollen Beitrag zur Erziehung unserer Kinder leisten, wenn wir von ihnen erwarten, sich wie kleine Erwachsene zu benehmen.

Eines Tages arbeiten sie vielleicht in einem großen Konzern und es wird ein neuer Chef gesucht. „Wir brauchen einen Kandidaten von außen“, wird der Vorstand vielleicht sagen. „Jemanden, der die Dinge mit unvoreingenommenen Augen sieht, der die Dinge anders und neu denkt!“ Und hunderte Mitarbeiter werden traurig aus der Wäsche gucken; hunderte Mitarbeiter, die vor vielen Jahren einmal den lieben langen Tag die Dinge anders gedacht haben- bis man es ihnen abgewöhnt hat.

Mary und Joe bleiben den ganzen Urlaub bei uns. Mary saß gerne auf der Deckenlampe, Joes Lieblingsplatz war das große Fenster, wie die Jungs mir erklärten. Beim Essen durften sie nicht am Tisch bleiben und abends schliefen sie im Wohnzimmer. Jeden Tag gab es neue Geschichten von den beiden Fliegen.

Ob unsere Nachfolger in der Ferienwohnung Mary und Joe noch kennengelernt haben? Oder ob sie…? Egal. Ich werde mich noch lange an die beiden erinnern. Vielleicht mache ich sie zu meinem neuen Mantra, mit dem ich entspannt Muttern kann: „Atme tief durch und denk an Mary und Joe!“

Mamablog Mama Mia

 

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Wie man entspannt muttert

  1. Lustig, bei uns waren es zwar keine Fliegen, dafür heißen die Kinder selbst manchmal Mary und Kai oder aber Lisa und Jimmy, je nachdem, was gespielt wird…und die wissen ganz genau, wer wann welchen Namen haben soll 🙂

  2. Liebe Mia,

    ich lese deinen Blog nun seit ca einem Jahr und er bereichert in vielerlei Hinsicht mein Leben. Ich habe selbst zwei Söhne – 4 und 2 Jahre – und es geht ähnlich wie bei euch meist drunter und drüber. Oft habe ich den Eindruck, die Kontrolle komplett zu verlieren und dass sämtlich Erziehungsversuche ins Leere laufen. In allen andern Familien scheint alles reibungslos zu funktionieren, nur bei uns ist der Wurm drin. Wie frustrierend.
    Dann lese ich deinen Blog, in dem du so natürlich und vor allem ehrlich erzählst und ein Lächeln zaubert sich in mein Gesicht. Es gibt tatsächlich noch andere Familien, wo nicht alles perfekt zu sein scheint, wo mal was daneben geht, wo man seine Prinzipien auch mal über Bord wirft. Gleichzeitig schreibst du mit so einer Begeisterung und Liebe von deinen Kindern, dass ich mich jedes Mal freue. Du bringst mich zum Nachdenken und zeigst mir immer wieder, dass man sieben auch mal grade sein lassen muss und dass Kinder eben Kinder sind und es auch sein sollen. Ich habe leider nicht die gleiche Gelassenheit wie du, aber ich arbeite daran. 🙂 in diesem Sinne, Dankeschön!

    1. Oh, wie sehr freue ich mich über so einen schönen Kommentar! Danke!Und falls es Dich beruhigt: Ich bin auch nicht die Gelassenheit in Person, ich arbeite ebenfalls dran 🙂 LG Mia

  3. Liebe Mia,
    Ich verfolge deinen Blog nun schon seit gut zwei Jahren und freue mich jedes Mal darauf, einen neuen Beitrag von dir zu lesen. Ich selbst habe zwar zwei Mädels, aber ich kann so manche Parallelen zwischen den Kindern entdecken
    Deine Artikel sind so wunderbar herzlich geschrieben, dass sie mir oft ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn ich das Gefühl hatte, die Nacht wieder überhaupt nicht geschlafen, oder tagsüber viel zu viel geschimpft zu haben…mach weiter so!
    Liebe Grüße, Elisabeth

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