Geschwister. Liebe

Ihr fragt: „Dürfen wir etwas malen?“, und habt schon die Stifte auf dem neuen Parkett im Wohnzimmer ausgebreitet. Ihr habt den Kleber schon in der Hand während ich rufe: „Ja, aber nehmt Euch eine Unterlage!“ Aber das mit der Unterlage hab Ihr nicht gehört und deshalb bekommt der Boden neben die blauen Filzstiftstriche heute noch einen schwarzen und es klebt ein Stück von der Rechnung meiner neuen Schuhe, die ich heute bezahlen wollte, auf Eurem Bild (wer lässt sowas auch auf dem Küchentisch liegen?!).

Ihr seid ein Absrisskommando. Wenn Ihr zu zweit seid, kann ja niemand mehr so genau sagen, wer eigentlich schon wieder mit dem Fußballspielen im Wohnzimmer angefangen hat, und noch weniger, wer dabei wieder ein Stück Putz von der Ecke am Kamin abgerockt hat. Wenn Ihr ganz leise seid, dann sieht Euer Kinderzimmer danach aus, als sei es ein verwüstetes Hotelzimmer, durch das mindestens drei berüchtigte Rockbands gleichzeitig getobt sind. Und noch während ich fluchend  die gröbsten Aufräumarbeiten unternehme, habt ihr längst im Flur die Ritterburg auseinandergenommen.

Geschwisterstreit

Ihr seid ein spitzen Team. Der Größere kommt an viel mehr Schränke, als der Kleinere, er kann mehr Schubladen öffnen und mehr Türen. Der Große Bruder sorgt dafür, dass Ihr zur Not auch ganz alleine Netflix einschalen könnt, weil Mama ja bestimmt sowieso nein sagt aber die telefoniert ja auch gerade mit Oma. Oder dass Ihr Euch kichernd einfach mal ein Brot schmieren könnt, weil das Fußballspielen im Garten Euch hungrig gemacht hat aber Mama meint, Abendessen gibt´s erst in einer halben Stunde- und so lange kann ja kein Mensch warten!
Der Kleinere von Euch ist dafür furchtloser. Ihn kann man vorschicken, wenn etwas so richtig verboten ist und es schon von weitem nach Ärger riecht. Dem Kleinen ist das egal, er würde alles tun für diese wunderbare Anerkennung, die dann in den Augen seines großen Bruders liegt. Und weil der Kleine ja noch so klein ist, gibt es dann auch nur ein kleines Donnerwetter von Mama.

Geschwisterstreit

Ihr seid Partner in Crime. Niemals würdet Ihr einander verraten- und ich gehe zu Euren Gunsten davon aus, dass das nicht daran liegt, dass Ihr Euch dann jedes Mal auch selber verraten müsstet. „Lass meinen Bruder in Ruhe!“, war vermutlich der erste vollständige Satz, den der Mini gesprochen hat, denn niemand, NIEMAND! darf jemals den Bruder auch nur schief angucken. Jedenfalls niemand außerhalb Eurer Zweier-Beziehung.

Ihr heizt Euch gegenseitig an und hinterher wisst Ihr nicht, ob Ihr schnell alles abstreiten oder Euch doch lieber mit Euren Taten brüsten sollt. Also lacht Ihr Euch nur verschmitzt an und ich weiß, dass ich mir gerade jede Frage schenken kann, wie ihr mich in solchen Momenten nicht seht und nicht hört.

Ihr seid Brüder. Ihr haltet zusammen wie Pech und Schwefel. Ihr stürzt Euch aufeinander, wenn Ihr Euch ein paar Stunden nicht gesehen habt. Ihr denkt bei jedem Gummibärchen, bei jedem Brötchen und bei jeder Scheibe Wurst, die ihr unterwegs geschenkt bekommt, aneinander: „Darf ich zwei? Eins ist für meinen Bruder.“ Ihr lacht Euch kaputt, bis ihr längst nicht mehr wisst, worüber. Ihr tobt durchs Haus, wie junge Hunde, ihr rauft Euch, Ihr umarmt Euch, Ihr braucht ständig den Körperkontakt des anderen. Ihr liebt Euch.
Geschwisterstreit

Ihr streitet Euch. Wie die Kesselflicker. Ihr gönnt einander nicht das schwarze unter den Fingernägeln. Immer hat der andere mehr in seinem Glas, mehr auf seinem Teller, das schönere Stück Kuchen, den schöneren neuen Pullover. Ihr prügelt Euch und ihr beschimpft Euch. Wieso eigentlich? Ihr liebt Euch doch so.

Und ich? Ich bin genau so verrückt wie Ihr. Ich sage, ich werde noch wahnsinnig mit Euch. Ich raufe mir die Haare. Wie soll ich Euch jemals gutes Benehmen beibringen? Wie soll ich überhaupt bis zum Abend durchhalten mit Euch zwei Terroristen?

Und dann sehe ich Euch an und ich bin so verrückt nach Euch. Ich sage Euch 100 Mal am Tag, wie sehr ich Euch liebe. Ich unterbreche mich manchmal selber mitten im Satz, um Euch zu sagen, wie schön Ihr seid. Ich bin so stolz auf Euch zwei, meine zwei Söhne, oh mein Gott, ich habe zwei Söhne- und was für welche! Ich nehme zwei Stufen auf einmal, wenn ich in der Kita ankomme und Euch nach einem langen Tag abhole und wenn ich auf den Schulhof komme und endlich das kleine Köpfchen entdecke, das zu mir gehört, dann lächle ich. Glücklich.

An manchen Tagen habe ich Euch satt, aber ich kriege nie genug von Euch. Ihr macht mich so müde, aber ich werde nie müde, Euch anzusehen. Ich brauche mal einen Tag für mich, aber Tage ohne Euch sind so langweilig.

Ihr macht mich verrückt, ich bin verrückt nach Euch, Ihr seid verrückt, ich liebe Euch wie verrückt!

Und  jetzt gehe ich und hänge das Bild mit den Schnipseln meiner unbezahlten Schuhrechnung auf. Ehrenplatz, versteht sich.

Mama

 

 

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7 Kommentare

  1. Mama Mia, ich liebe deine Texte! Sie rühren zu Tränen, sie lassen einen lachen, sich selbst erkennen und glücklich sein! Danke!
    Mein Abrisskommando ist ebenfalls eine super Kombination aus kreativen Ideen (6-jährige Tochter) und furchtloser, begeisterter Umsetzung (3-jähriger Sohn). Beim nächsten Mal werde ich mehr auf das anschließende schelmische Grinsen achten und weniger auf das Chaos, das sie angerichtet haben. Und hoffentlich lachen.

  2. Ist das rührend. Mein kleiner Sohn ist erst 3 Monate alt, aber mein großer hat ihn schon ins Herz geschlossen, das merkt man. Ich bin gespannt, was da noch auf uns zukommt!

  3. Motherofthree

    Grandios! Hier ist es ebenso! Jungs sind toll! Ich hab 3…nenne sie Bärenbrüder, weil sie so herumtollen und raufen wie junge Bären und auch so stark sind und zusammenhalten- komme was wolle! Und weil sie aussehen wie Bären, einer wie der andere-ein Gesicht! Sie gleichen sich und sind doch ganz unterschiedlich und jeder ist auf seine Weise wunderbar! Liebenswert! Anstrengend! Wunderschön! Sie anzusehen und ihnen beim Großwerden beiseite zu stehen ist das Größte! Sie sind bezaubernd! Toll, dass Du es auch so empfindest und so zutreffend aufgeschrieben hast!

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