Kann Kind Einschulung- ja oder nein?

Die erste Etappe ist geschafft: Morgen ist der letzte Schultag vor den Herbstferien und wir blicken auf die ersten Wochen in der Schule zurück. Es ist super gelaufen, und weil in den nächsten Wochen ganz viele Eltern überall in Deutschland ihre Kinder für das Schuljahr 2017/18 anmelden müssen, kommt hier ein Bericht über unsere Erfahrungen mit der Kann-Kind -Einschulung. Eins vorweg: es ist ein erster und persönlicher Erfahrungsbericht. Er ist durchaus als Entscheidungshilfe gedacht, aber wir wissen ja selber noch nicht, was noch alles kommt und jedes Kind ist anders.

Kann Kind Einschulung

Was ist eine Kann Kind Einschulung?

Wann ist man überhaupt ein Kann Kind? In NRW werden alle Kinder in dem Schuljahr eingeschult, in dem sie bis zum 30.09. sechs Jahre alt werden. Üblicherweise bezeichnet man Kinder, die nach dem 30.09. bis zum Ende des Jahres geboren wurden, als  Kann-Kinder. Sie können, müssen aber nicht eingeschult werden. Alle Kinder können aber auf Antrag  früher eingeschult werden, egal wie alt sie sind

Ein Kann Kind Einschulen- warum eigentlich?

Ja, es stimmt: Mit dem Schuleintritt beginnt ein erstes Stück „Ernst des Lebens“. Muss man seinem Kind das früher als nötig antun? Nein, wenn man das Gefühl hat, ihm etwas anzutun. Dann ist es bestimmt besser noch ein Jahr in der Kita/bei der Tagesmutter/zuHause… aufgehoben. Manche Kinder kann man aber nicht damit „abspeisen“, noch etwas länger in der Kita (oder zu Hause oder sonstwo) zu bleiben; manche Kinder wollen nicht mehr „nur“ spielen,  sie wollen mehr lernen im Sinne von direkter Wissensvermittlung. Manchmal kann es eine gute Idee sein, diesen Kindern andere Herausforderungen zu bieten, zum Beispiel ein Instrument zu erlernen. Manchmal reicht das aber auch nicht aus.

Die Entwicklungsunterschiede im Einschulungsalter sind einer Langzeitstudie von Remo Largo zu folge gewaltig: Drei Jahre interindividueller Entwicklungsunterschied sind demnach durchaus normal. Wie sinnlos ist es vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis, alle Kinder nach einem Stichtag einzuschulen? Ich bin froh, dass die Kann-Kind-Einschulung möglich ist und somit den unterschiedlichen Entwicklungsständen ein Stückweit Rechnung getragen wird.

Was heißt hier schulreif?

Ist ein Kind, das im kognitiven also dem Stand eines durchschnittlichen Sechsjährigen entspricht automatisch schulreif? Ich meine nein. Ich glaube, dass ein Kind sehr schlau sein kann und seine kognitiven Fähigkeiten sehr weit entwickelt, aber dieses Kind möglicherweise trotzdem nicht schulreif sein könnte. Ebenso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger ist nämlich meines Erachtens die sozial-emotionale Reife. Denn in der Klasse  sind die kognitiven Fähigkeiten nicht die einzige „Währung“ und auf dem Schulhof gilt das Recht des Stärkeren. Das klingt dramatisch, so dramatisch ist es nicht, aber fürs Kind kann es dramatisch werden.

Kann Kind Einschulung

Mein Sohn bringt schon viel Wissen in die erste Klasse mit. Das ist gut, das beruhigt mein Mutterherz, denn er kann sich somit ganz auf den sozialen Teil konzentrieren. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass ihn die Geschehnisse auf dem Schulhof weitaus mehr beschäftigen, als die Dinge die im Klassenraum geschehen. Da sind zum Einen die eigenen Klassenkameraden und zum Anderen die größeren Kinder. Sich gegen einen Viertklässler durchzusetzen, ist eine ziemliche Hausnummer. Das wird im Zweifel nicht gelingen, muss es auch nicht. Aber was gelingen muss ist, dass man den (verbalen oder körperlichen) Seitenhieb des Viertklässlers wegsteckt. Körperlich und emotional. Ich erlebe, dass Maxi gerade oft seinen kleinen Bruder anfährt, weil der in seinen Augen noch so klein ist und so vieles nicht versteht und nicht kann und falsch macht. Ich mutmaße, dass da viel Druck abgelassen wird, der auf dem Schulhof in Konflikten mit älteren Schülern aufgebaut wurde. Die Stimmung auf dem Schulhof scheint mir übrigens sehr nett zu sein. Die Schule arbeitet zum Beispiel die mit einem Patensystem und der jeweilige Pate aus der 3. Klasse ist wirklich eine Anlaufstation für die Kinder. Ich bin mir sicher, dass es nicht an allen Schulen so ein (hauptsächlich) friedliches Miteinander gibt.

Die kognitiven Fähigkeiten kann man messen, aber im sozial-emotionalen Bereich können nur die Eltern (vielleicht in Absprache mit anderen Betreuungspersonen) abwägen, ob das Kind bereit ist, Druck auszahlten, den es so noch nicht kannte.

Den muss es übrigens alleine aushalten. In der Kita lief das so: Erzieherinnen standen fast wie die Linienrichter überall auf dem Außengelände und griffen bei Konflikten sehr schnell ein. In der Schule ist viel weniger Personal auf dem Schulhof, da geht das gar nicht. Ich persönlich finde das toll! Ich bin froh, dass die Kinder sich endlich mal frei im Sozialverhalten üben dürfen, ohne dass sofort ein Erwachsener parat steht. Aber das ist eben nur etwas für Kinder, die mit Konflikten schon sehr gut umgehen können.

Und dann sind da noch die Klassensprecherwahl, auf der das Kind vielleicht keine einzige Stimme bekommt, die Wahl der Fußballmannschaften, bei der das eigene Kind vielleicht immer als letzter gewählt wird und noch viele Dinge mehr, die es in der Kita nicht gab. Wenn man gar nicht in einer Kita war, kommt noch die Umstellung auf einen festen Zeitplan dazu. Viele Dinge prasseln da auf die kleinen I-Dötzchen ein.

Und was spricht dann für die Kann Kind Einschulung?

Klingt, als sei der Schulalltag ziemlich anstrengend. Das ist er auch, trotzdem erlebe ich die Schule als etwas sehr Positives für den Maxi. Er ist regelrecht aufgeblüht und ich bin sicher, dass es die richtige Entscheidung war.

Kinder wollen ja lernen und irgendwann kommt der Zeitpunkt, da sind die meisten nicht mehr ausgelastet, wenn sie nicht genügend Input bekommen. Na klar, Kinder lernen immer, auch alleine und vielleicht sogar besonders effektiv und fürs Leben, wenn sie ganz unabhängig auf Entdeckungstouren gehen können. Aber irgendwann wollen sie eben mehr Wissen vermittelt bekommen und das können weder die Kitas noch die berufstätigen Eltern leisten. So war es jedenfalls beim Maxi.

Und nun sitzt er stolz wie Oskar jeden Tag an seinem Schreibtisch und will unbedingt Hausaufgaben machen, die er aber schon in der OGS fertig gemacht hat. Der größte Gefallen, dem die Lehrerin ihm machen könnte, wären Hausaufgaben für zu Hause.

Kann Kind Einschulung

Er hat neue Freunde, er geht seit dem zweiten Schultag alleine in den Klassenraum, er will morgens oft alleine auf den Schulhof gehen. Nachmittags will er meistens noch gar nicht mitkommen, weil er gerade irgendetwas Wichtiges macht, wie Tischtennis spielen oder mit seinen Freunden eine Schatzkarte malen (und Schreiben). Ich erlebe ein aufgeräumtes, zufriedenes Kind, das gerne in die Schule geht.

Ich habe letztes Jahr gewußt, dass der Maxi kognitiv mehr als schulreif sein würde, aber ich war mir nicht sicher, wie es sozial-emotional sein würde. Ich habe ihn daher angemeldet und mich erkundigt, wie lange ich die Anmeldung noch zurückziehen kann (das ging bis sehr kurz vorher, entscheidend war im Grunde das Datum, zu dem ich die Kita kündigen musste). In der verbleibenden Zeit (von November bis Mai) wollte ich ihn beobachten und am Ende zur Not aus dem Bauch heraus entscheiden. So habe ich es dann auch gemacht.

Ich habe gesehen, wie der Maxi plötzlich immer selbstbewusster wurde. Er forderte auf einmal viel Selbständigkeit ein, wie zum Beispiel alleine zum Bäcker zu gehen. In der Kita gab es erste richtige Freundschaften und damit auf der anderen Seite auch erste richtige Konflikte. Ich konnte beobachten, wie solche Konflikte ihn zwar beschäftigten, aber nicht wirklich an ihm kratzten. Diese und viele andere Dinge haben mich zu der Entscheidung gebracht, dass er auch sozial- emotional bereit für die Schule ist.

Ich erlebe die Schule als einen guten Ort für mein Kind und sehe, dass die Entscheidung richtig war. Ich verstehe, wenn man Bauchschmerzen vor der Kann-Kind Einschulung hat, aber wenn man Anhaltspunkte dafür hat, dass es für das Kind richtig ist, finde ich nicht, dass man Sorgen haben muss. Wir wissen natürlich nicht, wie sehr wir die Schuhe eines Tages vielleicht mal verfluchen werden. Aber das liegt dann sicher nicht daran, dass wir ein Kann-Kind eingeschult haben.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

 

12 Kommentare

  1. Christine

    Hallo Mia!

    Mich würde es interessieren, wie es in Deutschland ist, wenn ein Kind knapp vor dem Stichtag 6 wird und die Eltern möchten noch nicht, dass das Kind eingeschult wird – gibt es da Möglichkeiten?

    LG, Christine

    • Ja, man kann die Kinder auch zurückstellen lassen. Soweit ich weiß, ist das aber nicht so einfach.

      • Pflicht-Kinder zurückzustellen ist total kompliziert: Du brauchst Gutachten und Therapieberichte und, und, und… Ich kenne drei Familien, die da anstrebten – und bei keiner hat es geklappt.

      • mag von Bundesland zu Bundesland verschieden sein, aber hier in Berlin ist es schon ganz einfach.

    • Maike Bladt

      Zurückstellen geht genauso problemlos. Sollte aber auch mit Schule und Kita besprochen werden.

  2. Vielen Dank für Deinen Erfahrungsbericht!

    Vielleicht ist es noch zu früh, für ein „abschließendes“ Urteil? Mir haben Pädagogen gesagt, dass zum Einschulungszeitpunkt häufig noch keine großen Unterschiede festgestellt werden, dann aber später in der Pubertät gerade die Jungs doch hinterherhängen. Letztlich sind das wohl Einzelfallentscheidungen. Wir haben uns bei unserem jüngeren Sohn (Geburtstag im Oktober) auch sehr schwer getan, uns dann aber doch dagegen entschieden. Es sprach alles für eine frühere Einschulung (auch die Erzieher und Lehrer, wir hatten ihn schon angemeldet). Ich hatte aber ein ungutes Gefühl damit, dass er ewig der Jüngste und Kleinste sein würde.

    • Klar, wir wissen nicht, was noch alles kommt, das habe ich ja auch geschrieben. Der Kleinste ist Maxi zum Glück bei Weitem nicht, er ist sehr groß, immer schon gewesen. Und wann Kinder in die Pubertät kommen, ist ja auch ganz unterschiedlich, das passiert ja nicht auf Knopfdruck bei allen mit genau 11,4 Jahren. Es bleibt einem also nichts übrig, als eine Einzelfallentscheidung zu treffen. Wenn Dein Bauchgefühl nein sagt, wird das schon richtig sein. Meins hat ja gesagt, aber zu einem weiteren Kita-Jahr ganz laut NEIN geschrien. Ob man alles richtig gemacht hat, weiß man ja immer erst, wenn es zu spät ist, und wir wissen nicht, was gewesen wäre, wenn wir uns anders entschieden hätten. Gar keine Probleme gibt es wahrscheinlich nie. Also freue ich mich einfach, dass mein Kind glücklich ist. Wenn es der ganz falsche Platz für ihn wäre, hätten wir das sicher längst festgestellt. LG

  3. Bei uns genau die selbe Erfahrung – es war richtig unser Kann-Kind einzuschulen. Die finale Bestätigung dafür hatte ich, als ich unseren „Kleinen“ sah, als er sich in vollster Lautstärke mit einem 3. Klässler anschrie. Heute schon behauptet er sich super. Falls es irgendwann Probleme geben wird, dann ist das eben so. Wenn wir ihn nicht eingeschult hätten, hätte es sofort Probleme gegeben.

  4. Jedes Kind ist anders – bei manchen Kindern wird es dir richtige Entscheidung sein, sie früh einzuschuhlen, bei anderen hingegen ein Fehler.

    Was man aber niemals machen sollte ist es, das Kind gegen seinen Willen einzuschulen. Auch wenn ich sonst die Ansicht vertrete, dass der Wille des Kindes nicht immer an erster Stelle stehen sollte, sondern das was am besten ist.

  5. Hi,

    ein sehr schöner Bericht. Wir hätten unseren Großen auch als Kann-Kind einschulen dürfen (in Niedersachsen ist das auch bis 31.12. möglich) aber haben uns dagegen entschieden. Bei uns entscheidend war, das er sehr schüchtern ist und lieber mit den Kleinen als mit den Großen spielt. Wir hoffen, das er dieses letzte Jahr noch einen richtigen emotionalen Sprung schafft 🙂

    Übrigens habe ich interessanterweise auf meiner Seite fast zur gleichen Zeit einen Artikel mit dem gleichen Thema verfasst (sogar fast der gleiche Titel). Wenn du nichts dagegen hast, würde ich deinen Artikel als Erfahrungsbericht verlinken, ok? Wenn du magst, darfst Du meinen Artikel natürlich auch gerne verlinken 🙂

    VG,

    Thomas

  6. Hallo Mia!
    Ich finde es gut, dass du so entschieden hast, wie du es für richtig hälst. Du kennst deinen Sohn ja am besten. Ich als Lehrerin muss sagen, dass ich eher für eine spätere Einschulung bin. Gerade beim Eintritt ins Gymnasium merkt man doch große Unterschiede zwischen den früh und später eingeschulten. Der Großteil ist selbstständiger und sozial integrierter. Unabhängig von den Schulnoten, die wie du sagst gar nicht ausschlaggebend sind.
    Ich weiß aber nicht, wie ich bei meinem eigenen Sohn da entscheiden würde. Ich bin einfach froh, dass er im Januar geboren ist und ich mir darum gar keinen Kopf machen muss. Mit 5 würde ich ihn nie einschulen, das kommt nicht in Frage.
    Ich bin gespannt, was du so berichten wirst später.
    LG Steffi

    • Liebe Steffi, ich würde grundsätzlich auch eher abraten. Man muss sich das jeweilige Kind schon sehr genau ansehen. Ich bin vielen Leuten auf den Keks gegangen (de Direktorin, der Schulärztin (die habe ich sogar noch 2x angerufen), die Erzieherinnen, befreundete Lehrerinnen, die Kinderärztin- einfach alle) und habe genau nachgefragt und alle haben gesagt: machen! Mal sehen, was wir in eine paar Jahren dazu sagen. LG

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