Der Neue

Stell Dir vor, Du bist der Neue! Du fühlst Dich, als würden Dich alle angucken, wenn Du morgens auf den Schulhof kommst, dabei gucken sie in Wahrheit gar nicht. Warum auch? Sie sind beschäftigt, sie unterhalten sich gerade so nett und lachen miteinander. Der Neue wird dabei kaum bemerkt.

Niemand hat auf Dich gewartet, sie sind doch schon vollständig. Sie kennen sich seit Jahren, weil sie sich schon in der Kita täglich begegnet sind. Sie sind Freunde, haben sich in Gruppen zusammengefunden, und sie haben es schön, auch ohne Dich.

Genau so geht es mir, seit der Maxi in der Schule ist. Ja, mir. Nicht dem Maxi, der hat schon nach zwei Tagen neue Freunde gefunden, aber ich, ich bin die Neue auf dem Schulhof und ich fühle mich manchmal wie ein Erstklässler.

Einschulung

Es ist nicht so, als wären sie nicht alle total sympathisch. Das sind wirklich nette Kinder und nette Eltern auf dem Schulhof. Sie sind bloß einfach noch Fremde für mich.

In der Kita war das anders. In der Kita hatte ich meinen Platz. Ich kenne die Eltern dort und ich kenne die Erzieherinnen und sie kennen mich. Alle wissen, wer ich bin und was ich mache, nachdem ich die Kinder dort abgeliefert habe. Die anderen Eltern sehen auch so ähnlich aus wie ich: Sie tragen Business Kleidung und fahren von der Kita genau wie ich weiter ins Büro, wo ich sie oft in der Kantine treffe. Auch meinen Mann kennen sie. Ja, in der Kita haben wir unseren Platz.

In der Schule kennt uns keiner. Unser Sohn war nicht wie die meisten anderen Kinder in der Kita auf der anderen Straßenseite. Noch nie war eines der Kinder bei uns zu Hause oder der Maxi bei einem von ihnen. Noch nie haben sie ihr Kind bei uns zu Hause abgeholt, sie wissen rein gar nichts über uns. Sie sehen uns nur morgens in unseren Büroklamotten und fragen sich vielleicht: „Was sind das eigentlich für welche, wo kommen die denn plötzlich her?“

Einschulung

Also gehe ich morgens an den Eltern vorbei, von denen viele in kleinen Gruppen zusammenstehen und fühle mich, als gehörte ich nicht dazu. Ich könnte mich natürlich dazu stellen. Manchmal mache ich das auch, und dann sind sie tatsächlich sehr nett, aber das ist einfach nicht so meine Art und ich finde das anstrengend und aufregend, einfach fremde Leute anzusprechen. Wenn der Maxi im Schulgebäude verschwunden ist, gehe ich alleine zurück zum Auto. In der Kita habe ich immer mit irgendwem vor der Tür noch ein kurzes Schwätzchen gehalten.

Und dann ist da mein Sohn. Der ist nicht nur wie ich morgens für ein paar Minuten der Neue. Der ist den ganzen Tag der Neue. Eigentlich ist er wie ich und geht nicht einfach so auf fremde Leute zu (anders als sein Bruder). Aber in der Schule, da hat er sich wohl selber die Aufgabe gestellt: Du musst neue Freunde finden. Und das hat er dann auch gemacht. Er blieb morgens nicht in Mamas sicherem Windschatten stehen; er ging mutig auf die neuen Klassenkameraden zu und fing an, zu erzählen. In all den Stunden, die zwischen Schulbeginn und Ende liegen, hat er sich bestimmt immer wieder in eine Gruppe von Kindern einsortiert, um Anschluss zu bekommen. Wow! Ich finde das beeindruckend, wie Kinder das machen.

Da ist es dann ja auch kein Wunder, wenn so ein Erstklässler hin und wieder etwas „anstrengend“ ist. Alles läuft super, einen besseren Schulstart hätte ich mir für ihn nicht wünschen können. Aber während ich so ganz alleine auf dem Schulhof stehe wird mir klar, wie anstrengend so ein Schultag für ihn sein muss. Auch wenn alles schön ist und er Spaß in der Schule hat: Alles ist neu, und das ist verdammt anstrengend.

Da muss man zwischendurch schon mal ein bißchen Druck ablassen. Man muss ein bißchen rumschreien, schimpfen, fluchen und scheinbar grundlos weinen. Zu Hause, wo man das einfach machen kann. Zu Hause. Dort, wo man seinen festen Platz hat.

Mamablog Mama Mia

 

 

8 Gedanken zu “Der Neue

  1. Ich wünsche Dir, dass Du Dich bald nicht mehr „neu“ und „fremd“ fühlen wirst!!!

    Ich kann gut nachvollziehen, wie es Dir da aktuell geht – Wir sind vor 3 Monaten zugezogen. Und auch wenn ich selbst schon vor einer gefühlten Ewigkeit genau die gleiche Grundschule besucht habe wie zwei meiner Kinder jetzt, so fühle ich mich die meiste Zeit einfach nur sehr, sehr fremd und absolut nicht zugehörig. Man könnte auch einfach wieder verschwinden und keinem würde es auffallen…

  2. Genauso sieht’s aus. Ist hier bei uns nicht anders. Der Großen geht’s gut in der Schule, aber für mich ist es anstrengend das Dampf ablassen nachmittags auszuhalten

  3. Du hast dieses Gefühl so gut beschrieben! Und ich frage mich immer, liegt das an mir oder geht es allen anderen Leuten auch so? Ich denke, es gibt die, die sich gut zusammenfinden, denn es gibt ja immer die Grüppchen, die zusammen stehen und quatschen. Und dann gibt es uns. Wir schreiben vielleicht lieber.
    Wie wertvoll, dass der Maxi Dich hat und Du ihn so gut verstehst.

    Liebe Grüße Julia

  4. Liebe Mia,
    genauso wie Dir geht es mir gerade im Kindergarten meiner großen Tochter. Sie hat vor 4 Wochen den Start super gemeistert. So stolz war ich auf sie, als sie am zweiten Tag beschloss, dass sie Mama nicht mehr braucht, um sich in ihrer neuen Welt zurecht zu finden. Ich dagegen brauche sie noch sehr, um mich im Kindergarten zurecht zu finden. Ich frage sie jeden Tag wie es dort war, mit wem sie gespielt hat, was die Erzieherinnen so sagen und machen. Aber auf Nachfrage kommt da nicht viel. Manchmal erzählt sie erst von ihrem Tag, wenn wir abends im Bett liegen. Wenn ich schon das Gefühl habe, ich könnte mich eventuell rausschleichen…dann kommt plötzlich: „Au Backe, sagt das Wildschwein.“ Und ich so: „Hä?“ Und sie so: „Haben wir heute gelesen, im Kindergarten, Mama.“
    Und so erfahre ich immer mehr über die neue Welt meiner Tochter :-).
    Es muss wahnsinnig anstrengend sein, groß zu werden. Ist es nicht so, dass die Kleinen von Geburt an immer wieder neue Welten betreten? Sind sie nicht immer DER NEUE? Zuerst lernen sie die Welt nur ganz dunkel kennen, mit einem blinzelnden Auge, dann wird plötzlich alles viel heller und schärfer. Später merken sie, dass die kleinen Dinger, die immer so lustig vor ihrem Gesicht herumwedeln ihre eigenen Ärmchen sind. Dann kommen sie irgendwann in die aufrechte Position. Schon wieder sieht die Welt ganz anders aus. Sie lernen sich fortzubewegen mit Händen und später mit Füßen. Sie krabbeln, laufen, fahren Laufrad, Roller, Fahrrad. Sie lernen brabbeln, einzelne Wörter, ganze Sätze, viiiieeeellleee Sätze, Geschichten, Bücher. Sie lernen ihre Sprache zu benutzen, um Bedürfnisse auszudrücken und verstanden zu werden. Zwischendruch lernen sie so viele neue Leute kennen, immerzu. Alle sind so unterschiedlich und stehen in unterschiedlichem Verhältnis zu einander und zu den Eltern. Sie gehen in die Krippe, zur Tagesmutter in den Kindergarten, in die Schule, haben Hobbys. Manche bekommen mitten in diesem ganzen Entwicklungswahnsinn noch einen Bruder oder eine Schwester. Damit verändert sich dann auch noch die Welt Zuhause. Manche müssen nebenbei noch einen Umzug meistern oder einen Verlust betrauern. Und der Wahnsinn an all dem ist: Sie schaffen es! Sie schaffen es sogar, dabei oft fröhlich zu sein. Wissbegierig, neugierig, aufgeschlossen und mutig gehen sie an die meisten Dinge heran. Davon könnte sich jeder Supermanager eine dicke, fette Scheibe abschneiden.
    Übertragen auf unser Erwachsenenleben würden solche Entwicklungsaufgaben nämlich bedeuten, dass wir in ein Land reisen, dessen Sprache wir nicht kennen, dessen Leute wir nie sahen, deren Kultur wir erst begreifen müssen. Wir müssten uns vorstellen, uns dort zurecht zu finden. Arbeiten zu gehen in einer Firma, wo wir die Räume nicht kennen, die Kollegen nicht und wo wir manchmal erst am Morgen erfahren, welche Aufgaben wir heute zu erledigen haben. Nach der Arbeit sollen wir dann noch eine neue Sportart erlernen. Eiskunstlaufen zum Beispiel oder Synchronschwimmen.
    Wie toll wäre die Vorstellung, jemand würde uns auf dieser Reise in das fremde Land begleiten. Jemand, der die Sprache in dem Land beherrscht, der die schönen Plätze kennt, der uns hilft uns zurecht zu finden. Jemand, der uns lobt, wenn wir etwas erreicht haben, der Nachsicht hat, wenn wir nicht so schnell voran kommen, wie wir es uns wünschen. Jemand der uns in den Arm nimmt, wenn die Eindrücke zu viel werden und der uns schimpfen lässt wenn uns alles überrollt. Einfach Jemand, der uns bedingungslos liebt und bereit ist, diese Reise mit uns zu gehen, egal was passiert.

  5. Liebe Mia,

    Hihi ich musste paar mal schmunzeln beim Lesen. Du schreibst so ehrlich und amüsant. Köstlich! 😀 Mein Sohn geht zwar noch zur Kita, aber ich kann mir das gut vorstellen. Auf deinen Sohn kannst du ja wohl mächtig stolz sein. Ein toller Schulstart! 🙂 Wie schnell geht die erste Klasse um und wie aufregend die Zeit doch ist finde ich.

    Alles Liebe,
    Birte
    http://show-me-your-closet.de/

  6. Liebe Mia,
    ich glaube auch, dass so ein neues Umfeld gar nicht so einfach wegzustecken ist, wie wir uns das vielleicht immer wünschen. Meiner ist ja erst in 2 Jahren dran, aber ich habe jetzt schon ein wenig Angst, ob er sich da zurecht finden wird. Gott seid dank haben wir noch ein bisschen Zeit. Im Kindergarten fühlt er sich nämlich super wohl.
    UND ICH MICH AUCH! 😉
    LG Steffi

  7. Hallo, es ist so lustig, obwohl wir auf einem ganz anderem Schulgelände in einer ganz anderen Stadt sind, geht es mir ganz genauso. Alle kennen sich und da stehe ich dann und gehe auch ganz alleine wieder. Mein Sohn ist auch gerade in die erste Klasse gekommen und auch er hat gleich Freunde gefunden. Ist ja auch das Wichtigste, dass er sich wohlfühlt. und ich denke, bei uns kommt es dann ganz schnell und auch wir haben wieder die Mama-Freunde. Viele liebe Grüße Christine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.