Superman? Der alte Langweiler!

Wenn ich am Wochenende meinen Geburtstag feiere, kann ich eine sehr gute Bilanz ziehen: Ich habe ein paar graue Haare und bin  nicht mehr so knackig wie mit 20, aber davon abgesehen bin ich in der Form meines Lebens. Ich bin so effizient und leistungsstark wie nie zuvor.

I´m a Mom-what´s your superpower?

Ich funktioniere immer und überall. Am Morgen schlage ich die Augen auf und schon auf dem Weg ins Bad räume ich Schleichtiere, Klamotten und gesammelt Steine aus dem Flur auf- noch bevor meine Augen vollständig geöffnet sind.

In der Küche bereite ich 6 Frühstücke vor- 4 zum sofortigen Verzehr, 2 zum Mitnehmen, während ich gleichzeitig 4 verschiedene Getränke serviere.

Aus der Dusche heraus gebe ich Kommandos an die ganze Familie, und sorge so dafür, dass alle angezogen sind und alles eingepackt haben, was an dem Tag benötigt wird. Ich habe diese Dinge selbstverständlich im Kopf. Vielleicht kann ich auch durch die geschlossenen Taschen der Kinder sehen, was fehlt; es kommt mir manchmal so vor, aber ich habe diese Superkraft noch nicht verifiziert.

Kurz bevor wir das Haus verlassen schminke ich mich vor dem Spiegel im Flur und helfe dabei den Kindern, ihre Schuhe anzuziehen. Zwischen dem ersten und dem zweiten Schuh gieße ich dabei im Garten schnell die Blumen. Zwischen dem zweiten und dem dritten Schuh werfe ich eine Maschine Wäsche an und zwischen dem dritten und dem vierten Schuh räume ich die Spülmaschine aus.

Wenn ich schließlich um 8:15 Uhr an meinem Schreibtisch im Büro sitze, habe ich bereits mehr geschafft als der Student von gegenüber in einer ganzen Woche.

Superkräfte

Es sind übrigens genau diese Studenten und auch unsere AuPairs, die mir bewusst gemacht haben, dass ich Superkräfte besitze. Die sind nämlich ständig müde. Wovon eigentlich? Wenn die eine Nacht durchgefeiert haben, schlafen sie halt danach einen Tag durch. Ich hingegen schlafe zwar neuerdings wieder durch, aber seit fünf Jahren nicht mehr AUS und ich spüre die Müdigkeit seit mindestens zwei Jahren nicht einmal mehr. Mich über Müdigkeit zu beklagen? Fiele mir nicht ein! Was für eine Zeitverschwendung. Ich muss Bücher vorlesen!

Das war nicht immer so. Ich erinnere mich an Studentenzeiten, in denen ich regelmäßig für alles mögliche zu müde war. Deswegen war die Bude auch immer unaufgeräumt und der Kühlschrank immer leer. Ich musste mich zwischen den Vorlesungen vorm Fernseher ausruhen. Oder im Biergarten. Aber nur, wenn es nicht zu heiß war.

Ja, wenn ich ehrlich bin, gehen mir die jungen Mädels, die ich gerade um mich herum habe, mit ihrer vor sich hergetragenen Erschöpfung von was auch immer ein bißchen auf den Keks, aber ich war auch mal so. Damals, als ich noch Zeit im Überfluss hatte. So viel Zeit, dass ich meine Bedürfnisse ganz in den Vordergrund schieben konnte und Müdigkeit nur deswegen zum Problem werden konnte, weil ich sonst keine hatte. Als ich allein der Mittelpunkt meines Universums war und ich das Zurückstellen von Bedürfnisse höchstens daher kannte, dass ich gelegentlich vor der WG-Toilette 3 Minuten warten musste.

Heute bin ich eine hocheffiziente Organisationsmaschine, eine Mischung aus Superman, Inspektor Gadget und Mary Poppins oder so, die ständig supertolle Dinge ganz nebenbei macht. Das haben die Kinder aus mir gemacht.

Superkräfte3

Die Kinder haben mich so oft an meine Grenzen stoßen lassen, dass es heute keine Grenze mehr bei mir gibt. Ich bin nie zu müde, um weiterzumachen, nie zu erschöpft, um Fußball zu spielen, nie zu beschäftigt, um im Kinderzimmer den Kaufladen leerzukaufen, nie zu schlecht drauf, um eine Wohnzimmerparty zu feiern. Ich mache immer weiter, nicht weil ich muss, sondern weil ich es kann.

Ich kann mich, seit ich Mutter bin, während der Aufgabenerledigung von der Aufgabenerledigung erholen. So etwas abgefahrenes lernt man, wenn die  Aufgaben besonders süß sind. Ich bin so glücklich mit meinen Kindern, dass es dafür eigentlich ein neues Wort geben muss. Ich sitze da und schaue sie an und könnte platzen vor Glück. 30 Minuten später möchte ich sie zum Mond schießen, weil sie mit ungebremster Energie mal wieder etwas kaputt gemacht haben. Dann könnte ich ausflippen und tue das auch ein bißchen und während sie über meine Wut hinweglachen, werde ich erst noch wütender und dann bin ich es plötzlich gar nicht mehr und muss mitlachen.

So oder so ähnlich geht das den halben Tag und inzwischen kann mich gar nichts mehr aus dem Takt bringen. Nicht nur meine Kinder nicht. Ich mache immer weiter und ich habe Freude dabei. Denn meine Kinder (und ja, diesen schmalzigen Satz muss ich noch loswerden) pumpen mich so voll mit Liebe, und die sorgt dafür, dass ich mich nicht mehr frage: „Und wo bleibe ich dabei eigentlich?“ Manche Mütter sagen, sie hätte irgendwann resigniert, aber ich glaube, es ist keine Resignation, es ist eine Horizonterweiterung, eine neue Superkraft, eine Art Update: Jetzt noch stärker!

Superkräfte2

Ich werde am Samstag 38 Jahre alt und ich bin so leistungsfähig wie nie zuvor. SO ist Mamasein. Vielleicht auch für sie interessant, liebe Arbeitgeber!

Mamablog Mama Mia

 

11 Gedanken zu “Superman? Der alte Langweiler!

  1. Genial!!! Und sooo wahr!
    Ich unterschreibe alles (gerade 40 geworden und Mama von drei Kindern unter 6) nd die Pointe ist leider gleichzeitig so wahr wie auch den meisten nicht bewusst….!
    Ps: dein Blog ist toll, lese ihn sehr gerne.

    1. Dankeschön, das freut mich sehr!! Und: drei Kinder unter sechs? Der (ausgeschlafene) Student von gegenüber würde nach 5 Minuten erschöpf zusammenbrechen 🙂

  2. Super!
    So habe ich es noch gar nicht gesehen, aber du hast recht!
    Ich werde demnächst 34, drei Kinder (4 Jahre, 2 Jahre, 14 Wochen) und kenne das Wort müde gar nicht mehr. Aber auch ich war mal Student und habe es nicht geschafft mein Geschirr abzuwaschen, weil ich so zu müde war…

  3. Das kann ich so unterschreiben. Bin 45 und fast in der Blüte meiner Jugend…hahaha, naja, nicht ganz aber fast doch. Ich hab mich nie so wohl gefühlt. Irgendwie angekommen und wie Du richtig schreibst, mit Superkräften. Klar, ist man auch mal erschöpft, genervt oder müde, das war ich aber mit Mitte 20 auch…Also ganz ehrlich, jeder Arbeitgeber müsste sich doch die Finger nach uns Müttern lecken…oder? Liebe Grüße Kerstin

  4. Wow – ich hatte schon sehr darüber nachgedacht, wie ich meinen aktuellen Zustand und vor allem die Veränderung von der dauermüden, immmerauschlafen müssenden Lexi meinen Freunden zu erklären. Du hast das Phenomen super beschrieben. Ich hatte aber ein bisschen den Eindruck, dass du von den Aupairs/Studenten auch erwartest, dass sie das anerkennen, und das hätten wir damals doch auch nicht, oder?

    Super Artikel! Vielen Dank!

    Liebe Grüße Lexi

  5. Liebe Mia, dein Text hat mir sehr gut gefallen, und ich werde dein Blog direkt unter meinem Artikel #Elternmachenaufstand verlinken. Danke dir für deine Worte. Beim Lesen wurde auch ich richtig stolz auf mich. Liebe Grüße, Laura

  6. Die wertvolle Ressource: “Mutter“. Genauso empfinde ich es auch- im Club der Mütter mit drei Kindern unter 6, 80%-Stelle, (leider) ohne Putzfrau und von kleinen Unzufriedenheiten oder Jammereien abgesehen- glücklich. Eine ehrliche, schnörkellose, tiefempfundene Zufriedenheit. Danke, meine großartigen Jungs!!!

  7. Ich schließe mich den anderen Kommentaren an. Das ist ein toller Blogeintrag und so muss man das Leben und den Alltag mit Kindern sehen!

  8. Liebe Mia,

    mit meinen (fast noch zarten) 28Jahren und 2Kindern (3,5 und 7Monate) ist mein Studentenleben noch nicht ganz so lange her und zwischen den Kindern war ich nur 9Monate arbeiten (vor dem Großen dafür ein paar Jahre). Und bis jetzt frag ich mich immernoch ein bissel (o.k. es ist für mich ein riesiges Geheimnis und ich hab auch ganz schön Angst davor), wie das wohl werden wird, wenn ich wieder irgendwann mal (wie lange das dauert verdränge ich immer einfach am liebsten) auf Arbeit gehen muss. Vor allem, weil dann der Lärmpegel und Stress zu Hause die Entspannung sein werden (arbeite als Erzieherin).
    Aber du hast mir wieder einmal Mut gemacht, dass man (Frau) da einfach rein wächst – und Superkräfte wachsen doch einfach mit, richtig?
    Und auch, wenn ich es jetzt schon nicht mehr immer schaffe, den tollsten Blog der Welt (der heißt glaube ich irgendwas mit „mamamia“ oder so ;p ) zu lesen, wenn ein neuer Eintrag da ist, bin ich trotzdem stolz Mama von zwei so tollen Kindern zu sein. Und deine Texte – dieser auch wieder ganz besonders – helfen mir da ganz sehr, auch die tollen Seiten und Zeiten zwischen „ICH WILL ABER“ vom Großen und Zahnwachsschmerzen der Kleinen zu sehen und schätzen zu lernen.

    DANKE!

  9. Hey „Mia“,
    ich bin durch Zufall auf Deinen Blog gestossen als ich Anregungen für meine zukünftige Vaterschaft suchte. Inzwischen bin ich seit bald drei Wochen Pflegevater eines zuckersüssen knapp Zweijährigen, der mir in den wenigen Tagen unseres Zusammenlebens viel Freude bereitet, aber auch schon deutlich gezeigt hat, dass ruhig bleiben in der Theorie viel einfacher ist als in der Praxis…

    Ihr seid eine unheimlich hübsche Familie, und es macht Spaß Deine Berichte zu lesen und die vielen tollen Fotos anzusehen!

    Ich werde demnächst meine Frau bei der Elternzeit ablösen und gaaanz lange mit dem Kleinen Zuhause sein. Deine Geschichten machen mir manchmal ein kleines bisschen Angst, aber auch sehr viel Neugier und Freude auf die kommenden Monate und Jahre!

    Euch 4en alles Gute. Ich freue mich auf weitere Eindrücke aus Eurem Leben.

    Mario

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