Schulkinder sind auch nur Menschen

Manchmal ist es zum Verzweifeln. Noch nie fand ich die Bezeichnung „mit dem falschen Fuß aufgestanden“ so einleuchtend wie seit ich Kinder habe. Genauer gesagt: Ein Bald-Schulkind.

An manchen Tagen kommt er mir so verdreht vor, als hätte er eigentlich linksherum laufen wollen, was jedoch der rechte Fuß leider nicht mitbekommen hatte und nun sind die Beine verknotet. Dem Kind bleibt dann nichts anderes übrig, als durch den Tag zu stolpern, aber bis am Abend endlich wieder beide Beine ruhig nebeneinander liegen, ist eben immer alles falsch. Mit dem falschen Fuß aufgestanden- kann man nix machen!

Das geht natürlich nicht nur den Schulkindern to be so, auch schon der Mini hat gelegentlich solche Tage, aber mir erzählen gerade auch viele andere Mütter, dass ihnen ihre beinahe-Schulkinder gerade eine harte Zeit bescheren. Nun sind die natürlich nicht wirklich mit dem falschen Fuß aufgestanden- irgendwas ist ja. Nur was?

Schulkind

Ich erinnere mich, dass ich in den vergangenen Jahren immer die Vorschulkinder in der Kita in ihren letzten Wochen so anstrengend fand. Ich unterhalte mich ja so gerne auch mit den anderen Kindern, wenn ich meine Söhne aus der Kita abhole, aber die Fast-Schulkinder, die wirkten in den letzten Wochen irgendwie immer schon so rausgewachsen. Sie kamen mir unausgelastet vor, sie sprengten regelrecht den Rahmen der Kita und ich dachte immer: Wird Zeit, dass die Schule beginnt, dann wird es hier wieder gemütlicher.

Schulkind

Vielleicht ist das tatsächlich so ein Phänomen, dass sie in den letzten Kita-Wochen einen Durchdreher bekommen, aber so anstrengend das für die Eltern sein mag: Man kann es den Kindern nicht übel nehmen. Was prasselt da alles in diesen Wochen vor dem Schulstart auf sie ein! Sie sind aufgeregt bis in die Haarspitzen (auch wenn sie es nicht zugeben würden). So viele Unbekannte irren in ihrem Kopf umher: Werde ich neue Freunde finden? Werde ich meine Lehrerin mögen? Muss man vor den Viertklässlern Angst haben? Wann kann ich dann überhaupt meinen Freund Linus noch sehen, der auf eine andere Schule geht?

Sie haben gehört, dass man in der Schule brav sein und stillsitzen muss. Mein Sohn stellt sich die Schule viel ernster vor, als sie jemals sein könnte, wahrscheinlich hat er mal den Spruch mit dem Ernst des Lebens aufgeschnappt. Neulich waren wir zum Schnuppertag in der OGS. Der Maxi hat sich vorher nichts anmerken lassen und hinterher nur wenig erzählt, aber ich weiß doch, wie aufregend das gewesen sein muss- sogar für mich, die ich nur im Auto gewartet habe und zwischendurch einen Gesprächstermin mit der OGS Leitung hatte. Wie soll ein knapp Sechsjähriger das verpacken? Irgendwo muss die Aufregung doch raus!

Wenn man fast ein Schulkind ist, dann passieren meistens gerade sowieso so viele Dinge so schnell hintereinander. Ganz nebenbei hat der Maxi schwimmen gelernt und will in seiner nächsten Schwimmstunde das Seepferdchen machen. Weil die Kita endet, die Schule aber noch nicht anfängt, fährt er zum ersten Mal alleine zu Opa und Oma in den Urlaub. Und dann ist da noch dieses Mädchen aus dem Elba-Urlaub, das ihm nicht aus dem Kopf geht. Wenn man gerade mal seit fünfeinhalb Jahren auf der Welt ist, dann sind das verdammt viele Dinge, die man da plötzlich in kürzester Zeit verpacken muss.

Dinge verarbeiten- dafür hilft es, wenn man drüber redet. Das geht aber nur, wenn man sie überhaupt in Worte fassen kann, und genau das ist eine Leistung, die die wenigsten Schulanfänger bringen können. Wenn sie wüssten, dass sie vor lauter Aufregung so hibbelig sind, dann wäre alles viel einfacher.

Und wohin nun mit der ganzen Aufregung? In der Kita kann man sie schlecht rauslassen, da gibt es Regeln, an die man sich halten muss, sonst wird es ungemütlich. Aber zu Hause, da geht das.

Zu Hause ist nämlich die Mama (und/oder der Papa). Die war immer schon da. Schon in der ersten Minute hat sie mich in den Arm genommen und ganz warm gehalten. Das macht sie bis heute. Als ich größer wurde, habe ich das nicht mehr den ganzen Tag so gebraucht, aber da wusste ich ja auch, dass sie immer da ist. Mama geht nicht weg. Mama ist manchmal nicht von allem was ich mache begeistert, aber wenn ich bei Mama so richtig ausflippe, kann ich sicher sein, dass sie mir das nicht wirklich übel nimmt. Und danach geht es mir meistens besser.

Während hier das ein oder andere Unwetter durchs Haus tobt, denke ich an vergangene Zeiten zurück. Ach, wie einfach war es, als man den brüllenden Zweijährigen zu Not einfach abgelenkt hat, indem man sich ein Küchentuch über den Kopf legt und „Kuckuck“ gespielt hat! Die Zeiten sind vorbei. Heute muss ich eher tief durchatmen, die Ruhe bewahren und abwarten, dass der Sturm vorüberzieht. Manchmal hilft es, wenn ich rede, manchmal ist das Öl ins Feuer, dann muss ich vor allem aushalten.

In solchen Momenten ist das Mama-Sein kräftezehrend. Das war es schon immer, aber als man das schreiende Baby mit Wiegen oder Stillen beruhigen konnte, hatte die Mutterolle eine viel liebevollere Komponente, die mich mehrmals täglich glücklich, stolz und zufrieden machte. Heute liegt die Zufriedenheit maximal darin, dass ich aufatme, wenn mein Kind wieder bessere Laune hat. Doch auch dieses Aushalten, Abwarten, vielleicht gut zureden und auf jeden Fall immer verständnisvoll da sein, auch das ist Mama-Sein. Es fühlt sich manchmal nicht mehr so innig an, wie anfangs, aber das ist es. Es geht immer noch darum, immer da zu sein- nur weniger körperlich.

Und auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als sei ich gar nicht mehr wichtig für meinen Großen: Nur zu Hause lässt er so richtig die Sau raus. Kurz bevor ich völlig verzweifle, fühle ich mich deshalb bestätigt. Das geht nämlich nur bei Mama (und Papa)- das sagt doch eigentlich alles. Soll er sich halt ordentlich bei der blöden Kackmama abreagieren. Schulkinder sind schließlich auch nur Menschen.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

MerkenMerken

7 Kommentare

  1. Jungsmama

    Oh, das mit dem falschen Fuß wird nächsten Sommer noch schlimmer? Hier sind gerade Kita-Ferien und die Jungs arbeiten sich seit 1 1/2 Wochen aneinander ab. Der übernächste Woche 3jährige kämpft hart mit und gegen den (hoffentlich) Trotz-Endgegner. Ob der Tag dennoch eine Chance auf Ferienfeeling hat, kann ich dem nächste Woche 5jährigen ansehen, sobald er an den Frühstückstisch gerant (sehr gut!) oder getrottet (eher schlecht) kommt… Und der vermisst nur seine erste kleine Liebe aus der Kita!

  2. Hallo liebe Mia,

    Ja. Das. Stimmt! Vor unserer Tochter liegen auch die letzten beiden Kindergartenwochen und im September ist sie dann ein Schulkind. Von ihrer liebsten Erzieherin mussten wir uns schon verabschieden und so geht es Stück für Stück weiter, um dann im Herbst offen für neue Freundschaften und die Lehrer zu sein. In den letzten Monaten habe ich oft das Gefühl, dass sie selber nicht genau weiß, wo sie hingehört – nicht mehr richtig KiTa-Kind, aber eben auch noch nicht Schulkind. Sie fragt auf einmal ganz oft, ob sie alles richtig macht, als ob ihr Selbstbewusstsein eine Pause macht. Außerdem ist sie ganz kuschelig und möchte jedes Wochenende mindestens eine Nacht auf der Schlafcouch bei uns im Schlafzimmer schlafen. Ich kann damit sehr gut leben, weil ich fühle, dass sie das jetzt braucht, das es richtig und wichtig für sie ist – die Nähe und das „Nicht-alleine-Sein“. Abends im Bett vor dem Schlafen kuschelt sie sich immer ganz eng an mich und erzählt dann davon, was sie bewegt. Auch oder gerade wenn es tagsüber schwierig war, genieße ich diese Zeit und hoffe, dass sie sich auch in ihrem neuen Lebensabschnitt öffnet und wir solche Momente miteinander haben. Ich wünsche Euch allen einen tollen Start in die Schule.
    Sei ganz lieb gegrüßt von Stine

  3. Hast du schon mal von der Sechs-Jahres-Krise gehört? Vielleicht hilft dir Information dazu, um den Maxi besser verstehen zu können.

    Lg Carmen

    • Ja. Finde das auch sehr einleuchtend. Es passiert ja wirklich so viel in dieser Zeit.

  4. Susanne Kirch

    Ach, ich fühle mich ein bissel verstanden… Danke für den herzlichen Post!! Ich bin auch gerade so eine „Kackmama“ – die aber ganz dringend jeden Abend vor dem Einschlafen noch mal dem Sandmann winken muß! 🙂
    Bei uns geht am 06.08. die Schule los – und Jonathan ist schon sooo aufgeregt!!

  5. Danke für diesen Artikel! Ich war beim Lesen gerührt, belustigt und erleichtert, denn unser bald sechsjähriges Vorschulkind übt sich auch gerade in Zahnlückenpubertät. Vor einiger Zeit hatte ich dazu schonmal den Buchtitel „Wackeln die Zähne, wackelt die Seele“ gefunden, was mir irgendwie passend erschien. Das Buch habe ich zwar nicht gelesen, aber fand einfach den Gedanken schon einleuchtend, dass in dieser Umbruchphase natürlich auch die Emotionen immer wieder hochgehen und Grenzen (besonders der Geduld) getestet werden. „Das muss ich gar nicht“ „Du hast hier nicht alles zu bestimmen“ – manchmal muss ich schon fast darüber lachen, wie sie sich im Frechsein übt. Im Argumentieren, warum sie recht hat und die blöden Eltern nicht, im plötzlichen Umschalten auf totalen Widerstand nach dem Motto „Mal sehen, ob ich meinen Willen durchsetzen kann (und ob sie mich dann noch liebhaben)“. Eigentlich hatte ich mit ihr mal ausgemacht, dass sie vor dem Umschalten auf emotionale Naturkatastrophe kurz Bescheid gibt: „Mama, ganz schnell kuscheln!“ Aber klappen tut es nicht immer… 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.