Alles andere kann warten

„Mama, ich bin die Feuerwehr und Du bist ein Haus das brennt!“ Mein Jüngster sitzt inmitten von aufgetürmten Sofakissen und wartet darauf, dass er endlich losspielen kann. Schon zum dritten Mal ruft er nach mir: „Mama! Jetzt komm endlich!“
„Gleich, mein Schatz, ich muss nur noch kurz eine Mail schreiben, dann komme ich.“ Da sitzt der eifrige kleine Feuerwehrmann auf seinem Sofakissen-Berg und hat nichts zum Löschen. Er schmollt.

Eigentlich muss ich gar nicht nur eine Mail schreiben. Im Keller wartet ein riesiger Berg Wäsche darauf, in die Maschine geworfen zu werden und danach wollte ich das Abendessen vorbereiten.

Es ist später Nachmittag und wir sind gerade erst nach Hause gekommen. Seit wir alle um 8:00 Uhr heute Morgen das Haus verlassen haben, sind mir mal wieder ganz viele Dinge eingefallen, die ich längst hätte erledigen sollen, und die ich zu Hause sofort machen muss, wenn sie mich nicht wieder bis in den Schlaf hinein verfolgen sollen. Leider fallen mir diese Dinge jetzt, wo ich zu Hause bin, nicht mehr ein, aber diese eine Mail, die ist jetzt wirklich wichtig, die muss unbedingt noch raus.

„Mama!“ ruft der Mini und wird langsam ungeduldig. „Ich komme gleich!“, rufe ich zurück. Als ich auf „Senden“ der Mail gedrückt habe, hat sich inzwischen der Maxi als ein prima brennendes Haus herausgestellt. Dann kann ich ja kurz in den Keller zum Wäscheberg gehen.

Der Mini wird es verkraften. Er kennt das schon, denn so ist unser Alltag. Es gibt eben zwischen Büro, Kindern und Haushalt keine Leerlaufzeiten im Tagesablauf. Ich bin eigentlich immer beschäftigt, und ich denke, die Kinder kommen damit klar.
Als ich an diesem Tag anschließend das Abendessen vorbereitete, kamen Mini und Max immer wieder angelaufen, weil sie irgendetwas von mir wollten, was mir in diesem Moment unwichtig erschien. Sie hatten ja einander zum Spielen und ich war beschäftigt. Aber als ich schließlich zum Abendessen rief, kam keiner. Ich rief erneut- ohne Reaktion. Als ich schließlich ungeduldig wurde: „Hallo? Kommt Ihr jetzt mal?!“, da kam ein kleines aber sehr wichtig klingendes Stimmchen zurück: „Mama, ich kann jetzt wirklich nicht, ich bin beschäftigt!“ Es war eine dieser Aha-Effekt-Sekunden, in denen einem von den eigenen Kindern der Spiegel vorgehalten wird. Ich erschrak und schlug innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Ich bin zu beschäftigt, um mit meinen Kindern zu spielen! Da läuft doch etwas schief!

Natürlich gibt es ständig Dinge, die erledigt werden wollen, ich wünschte wirklich, es wäre anders. Bestimmt wäre auch vieles einfacher, wenn ich die Erledigungen wie Einkäufe, Rechnungen bezahlen, Telefonate führen, Wäsche, Aufräumen, Geschenke besorgen- kurz: die Familie organisieren am Vormittag erledigen könnte. Aber ich sitze eben bis 15 oder 16 Uhr im Büro (unser AuPair wird da hoffentlich bald Erleichterung bringen). Doch auch wenn ich den Kopf voll habe und unbedingt meine Liste abarbeiten möchte:

Ich arbeite Teilzeit, weil ich für meine Kinder da sein möchte. Ich möchte sie nicht nur beaufsichtigen oder organisieren, ich möchte dass sie mit mir an ihrer Seite aufwachsen. Der Plan ist, dass ich für sie da bin und die Anwesenheit ihrer Mama soll ihre Kinderjahre prägen. Manchmal vergesse ich leider, worauf es mir eigentlich ankommt und im Alltagstrott spule ich mein Programm ab, ohne mich so aufmerksam meinen Kindern zu widmen, wie ich es eigentlich möchte.

Wenn mein Sohn mit mir in einem Kissenberg sitzen und Feuerwehr spielen möchte, dann ist das wichtiger als das Abendessen. Nicht zuletzt deswegen, weil mein Sohn sich überhaupt nicht für Essen interessiert. Warum drücke ich ihm nicht einfach eine Wurst in die Hand? Die isst der Feuerwehrmann dann in seiner Pause- DAS wäre im Sinne meines Sohnes. Wie kann das Abendessen wichtiger sein, als das Spiel mit meinem Sohn?

Alles andere ist unwichtig

Einfach mal alles andere stehen lassen

 

Wie kann überhaupt irgendetwas wichtiger sein, als meine Kinder? Ich meine natürlich nicht, dass in jedem Moment alles hinter ihren Bedürfnissen zurücktreten soll, aber wie oft sage ich: „Ich kann jetzt nicht“, weil ich mit irgendetwas beschäftigt bin, das eigentlich völlig unwichtig ist. Diese kleinen Alltagsdinge müssen alle getan werden, das ist klar, aber was passiert denn, wenn ich sie einfach mal umpriorisiere? Wenn ich einfach öfter sage. „Ja, ich komme, meine Maus!“, das Abendessen Abendessen sein lasse, mir die Hände abtrockne und in den Kissenberg zu meinem Sohn springe? Die beiden sind fünf und drei Jahre alt und für sie ist jedes Spiel in dem Moment das wichtigste auf der Welt. Ich habe das große Glück, dass es für sie so wichtig ist, dass ich mitspiele. Ich bin in diesem Moment Teil dessen, was meinen Kindern das Wichtigste ist und das ist doch ein großartiges Geschenk.

Die Zeit, die wir miteinander haben, und der ganze Spaß, den wir miteinander haben, wenn wir uns auf unsere Kinder einlassen, das ist wichtig. Daneben ist alles andere unwichtig. So unwichtig, dass es mir fast peinlich ist, was ich immer alles „nur noch kurz fertig machen muss“.

Es kommen andere Zeiten, so viel steht fest. Eines Tages werde ich versuchen, meine Söhne dazu zu bewegen, sich doch auch mal ein bißchen mit mir zu beschäftigen, aber sie werden viel Wichtigeres zu tun haben. Ich werde großartige Abendessen zubereiten, wenn es so weit ist.

Mamablog Mama Mia

 

 

13 Kommentare

  1. Du sprichst mir aus der Seele, liebe Mia! Genau so geht es mir auch. Vielen Dank für diesen schönen Text und die Erinnerung daran, was wirklich wichtig ist. lg sina

  2. Liebe Mamamia,
    vor einiger Zeit habe ich Deinen Blog kennen und lieben gelernt. Du schreibst so wundervoll und herzlich.
    Vor allen Dingen schreibst Du von Themen die mich auch gerade Brand aktuell beschäftigen.
    So auch heute. Den ganzen Tag war ich „an“. Die ganz intensive Spielzeit kommt dabei leider oft zu kurz.
    Und dann kommt Dein Artikel. Ein Artikel der mir aus dem Herzen spricht und zu Herzen geht.
    Meine Kinder sind wie Deine 2010 und 2013 geboren, sie sind also in einem Alter in dem sie Ihre Eltern noch ganz intensiv brauchen. Ich weiß sehr gut das Kinder nicht selbstverständlich da sind (vom Kinderwunsch bis zum Wunschkind liegen bei uns sechs Jahre und wir haben Drillinge im sechsten Schwangerschaftsmonat verloren), trotzdem holt einen der stressige Alltag immer wieder ein.
    Wenn ich merke das sich mein Hamsterrad mal wieder zu schnell dreht, schnappe ich mir meine beiden Wunder und dann wird erst einmal ordentlich gekuschelt. Dann geht es uns allen wieder besser 🙂
    Liebe Grüße!

  3. Ein Spruch aus meinem Flow-Kalender:

    Die Arbeit läuft dir nicht davon, wenn du deinem Kind den Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bis du mit der Arbeit fertig bist..

    Einen gemütlichen Abend dir 🙂

  4. Letztens einen schönen Spruch gelesen: „Dein Alltag ist ihre Kindheit“. Macht nachdenklich.

    • Ja, das habe ich auch schonmal gelesen und gedacht, wie eingezwängt sie doch oft in unseren Zeitplan sind.

  5. Hach, Du hast so recht. Gerade heute hat meine Jüngste noch gesagt „Mama, Du sagst immer gleich…“- stimmt. Für morgen nehme ich mir mal vor, SOFORT zu reagieren, wie ich es ja auch von den Kindern erwarte. Mal sehen, ob ich das morgen noch weiß zwischen einkaufen, kochen, aufräumen, Mama-Taxi…
    LG, Yvette

  6. Liebe Mia, danke für deine berühenden Zeilen. Erst heut beim Einschlafen hab ich mich bei meiner Tochter dafür entschuldigt, dass ich manchmal so abwesend bin. Es fällt schwer, immer im Hier und Jetzt zu sein. Aber es ist so wichtig, deshalb sollten wir uns ständig darin üben. 🙂 Deine Worte inspirieren, danke dir!

  7. Danke, das spricht mir gerade aus der Seele! Genau so ging es mir in letzter Zeit…
    Das Problem ist ja, dass man gleichzeitig noch den Anspruch hat, dass die Kinder was Gesundes essen (sprich: frisch einkaufen und kochen/backen/Eis selber machen), das Haus gemütlich ist, jeder frische Wäsche und das Lieblingsshirt im Schrank hat etc.. Und genau das Wichtigste geht dabei unter. Danke fürs dran erinnern!

  8. Schön geschrieben und irgendwie auch eine Mahnung an uns, nicht wahr? Man lässt so viele wertvolle Momente im Leben verstreichen, weil anderes in dem Moment wichtig erscheint, dabei gibt es viel wichtigere Dinge. Danke für den schönen Artikel.

  9. Wunderbar geschrieben und ein wahrer Denkanstoß. Wie oft vertröstet man die Kleinen, erwartet aber, dass sie sofort reagieren, wenn wir etwas von ihnen wollen. Ich möchte das künftig im Auge behalten und mich mehr bemühen. Jawollo!

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