Ode an die Müdigkeit

Als ich 19 Jahre alt war, stellte ich fest, dass ich in meinem Leben bis zu diesem Zeitpunkt nie müde gewesen war. Ich flog damals als Flugbegleiterin für eine japanische Airline um die Welt. Manchmal war ich 24 Stunden auf den Beinen und die Müdigkeit, die sich in den Hotelzimmern mit Blick auf den Fujiyama über mich legte wie ein nasses Handtuch, hatte nichts mit der Schläfrigkeit zu tun, die ich bis dahin kannte.

Ich schlief nach den Langstreckenflügen manchmal 16 Stunden am Stück und ich wußte, das ich zum ersten Mal richtige, echte, wahre Müdigkeit empfand.

Das stimmte zwar, und doch hatte ich keine Ahnung, wie viele Facetten von Müdigkeit noch auf mich warteten.

Die Müdigkeit verschwand zunächst für ein paar Jahre. Während des Studiums kam ich manchmal erst im Morgengrauen nach Hause, aber ich schlief mich danach bis in den Nachmittag aus und gab der wahren Müdigkeit keine Chance, bis sie in jenem verschneiten Winter 2010 zu mir zurück kam.

Ich erkannte sie sofort, so wie man alte Bekannte erkennt, die man lange nicht gesehen hat, die einem aber irgendwann einmal sehr nahe- zu nahe- waren und die man nicht vermisst aber auch nicht vergessen hat.

Ja, da war sie wieder und ich erkannte sie sofort, aber etwas war anders. Sie war nicht mehr einfach nur schwer. Nicht, dass sie sich nicht wie ein tonnenschwerer Riese auf mich gesetzt hätte, aber es war, als würde sie dabei ständig mit 20 Armen und Beinen herumzappeln. Die Müdigkeit, die in den ersten Tagen meines Lebens als Mutter von mir Besitz ergriff, war schwer und nervös zugleich. Sie machte mich erschöpft und weinerlich und als ich dachte, ich werde sie nie wieder los, gewöhnte ich mich an sie.

Mama müde

Als 19jährige Flugbegleiterin hatte ich noch gedacht, man könne erst weitermachen, wenn man die Müdigkeit weggeschlafen hätte, aber als Mutter begriff ich schnell, dass man auch müde durch den Tag kommen kann. Die Müdigkeit und ich, wir gehörten fortan zusammen.

Wie in jeder guten Beziehung entwickelten die Müdigkeit und ich uns gemeinsam weiter. Nach ein paar Wochen stellte sich ein gewisser Tag-Nacht-Rhytmus bei meinem Baby ein, und damit auch wieder bei mir. Ich vertraute mir und meinen Fähigkeiten als Mutter jeden Tag ein bißchen mehr und so wie ich jeden Tag ein bißchen ruhiger wurde, verlor auch die Müdigkeit ihre Nervosität. Sie fand zu ihrer alten Schwere zurück- und sogar darüber hinaus. Sie war nun bleierner als je zuvor.

Mama müde

Manchmal hätte ich der Müdigkeit gerne einfach ihre Koffer vor die Tür gestellt, ihr einen Tritt verpasst und gesagt: „Hau ab!“Meistens habe ich sie aber gar nicht richtig wahrgenommen. Ich war viel zu müde, um zu spüren, wie müde ich war. Doch die Leute sagten zu mir: „Du siehst toll aus, Du strahlst so!“ Und da konnte ich der Müdigkeit nicht einmal richtig böse sein. Ich meine, eine Freundin, mit der man die Nächte durchfeiert, und die einem trotzdem irgendwie Glanz verleiht ist doch eigentlich nicht so übel.

Ein paar Monate ging das so. Ich ging wieder ins Büro. Tagsüber arbeitete ich, nachts lag ich wach neben meinem wachen Kind. War es die Müdigkeit, die sich veränderte, oder war ich es? ich weiß es nicht, jedenfalls war ich plötzlich nicht mehr nur müde, ich war erschöpft.

Diese neue Art von unterschwelliger, immer gegenwärtiger Müdigkeit, die man auch nach einer Nacht mit viel Schlaf nicht mehr loswurde, wurde mir schnell egal. Diese Müdigkeit und ich, wir lebten nebeneinander her, ohne einander in die Quere zu kommen. Ich ärgerte mich nicht mehr über sie und ich versuchte nicht, sie zu bekämpfen. Wenn ich morgens die Augen aufschlug, war sie schon da, aber ich würdigte sie keines Blickes und ließ sie einfach unbeachtet so gut es ging.

Mama müde

Okay, ich hatte Augenringe. Okay, ich konnte mir nicht mehr als 2 Dinge auf einmal merken und wenn ich mir deswegen eine Einkaufsliste schrieb, vergass ich sogar die zu Hause. Aber hey: ich bin nicht ein einziges Mal im Schlafanzug zur Arbeit gefahren und ich finde, das ist das Wichtigste!

Ich weiß gar nicht, wie ich das vor lauter Müdigkeit hinbekommen habe, aber eines Nachts brachte ich ein zweites Kind auf die Welt, und die Müdigkeit begrüßte es freudig und gab alles, was sie hatte für mein Baby. Drei Jahre lang durchlief ich alle Facetten der Müdigkeit von Neuem: Die nervöse Müdigkeit, die bleierne Müdigkeit und schließlich die unterschwellige und immer präsente Erschöpfung.

Drei Jahre dauerte dieser zweite Zyklus und nach insgesamt mehr als fünf Jahren Beziehung mit der Müdigkeit spürte ich eines Tages, dass sie schwächer wurde.

Seit einiger Zeit wache ich nun morgens auf und fühle mich nur noch „normal“ müde, aber nicht erschöpft. Abends, wenn es Zeit wäre, ins Bett zu gehen, bin ich hellwach. Ich glaube, die Müdigkeit will mich verlassen.

Für mich völlig unerwartet, verunsichert mich das. Was mache ich denn, wenn mir die Müdigkeit nicht mehr auf den Schultern hockt? Wenn mich jemand fragt: „Wollen wir heute Abend etwas trinken gehen?“, und ich kann gar nicht mehr sagen: „Nee, Du. Ich bin zu müde!“ Ich meine, wenn ich sage: „Ja, gerne!“- weiß der andere dann, wo man denn hin gehen könnte? Wenn mein Mann mir abends etwas erzählt und ich schlafe nicht nach dem zweiten Satz ein, ist das nicht vielleicht gefährlich? Ich weiß doch gar nicht, ob mir das gefällt, was mein Mann immer so erzählt!

Seit der Mini durchschläft, gehe ich 1,5 Stunden später ins Bett. Neulich bin ich sogar erst um 1:00 schlafen gegangen und als der Wecker am nächsten Morgen um 6:45 klingelte, fühlte ich mich vollkommen erschöpft. Das war ein sehr vertrautes Gefühl. Irgendwie schön, denke ich. Ohne Baby macht es nur irgendwie keinen Sinn mehr, das muss ich zugeben.

Liebe Müdigkeit, ich weiß, Du bist fertig mit mir. Das ist seltsam, weil ich nach all den Jahren sicher war, dass Du für immer ein Teil von mir sein würdest. Ich bin noch nicht sicher, wie das Leben ohne Dich sein wird, aber ich bin jetzt bereit, es auszuprobieren. Ich werde Dich nie vergessen, ich habe ja noch die Falten und die grauen Haare als Erinnerung. Ich bin jetzt so weit. Du kannst gehen, wenn Du willst.

Deine Mia

 

 

 

5 Gedanken zu “Ode an die Müdigkeit

  1. Das hast du sehr schön geschrieben. Das stimmt, man kann sich durchaus an gewissen Schlaflosigkeit gewöhnen. Als meine zweite Maus, hmm, ja, auch so 3 war, fiel es mir auch irgendwann auf, dass ich wieder anders schlafen konnte. Ohne ständig die „Mama-Antennen“ auf Dauerbetrieb zu halten. Das fühlte sich gut an.
    (und dann hat sich Nummer drei reingeschlichen und fordert nun sein 11 Monaten:-))
    Liebe Grüße
    Hanna

  2. Liebe Mia,
    So ein wunderbarer Text!!! Vor allem interessant, dass du auch die „nervöse Müdigkeit“ kennst…nachdem unser erstes Kind auf die Welt gekommen war, hat mich alles so sehr von den Socken gehauen und ich war so nervös, dass ich überhaupt nicht mehr schlafen konnte, obwohl Marlene bereits nach 8 Wochen prima geschlafen hat. Ich musste eine Zeit lang Schlafmittel nehmen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Tja, und bei Kind Nummer 2 war ich entspannter und hätte schlafen können, aber der kleine Mann hält von schlafen leider sehr wenig…ich freue mich schon sehr auf den Abschied von der Müdigkeit!! Alles liebe, anne

  3. Ich kenne die erste Phase der Müdigkeit nicht. Aber die anderen beiden leider nur all zu gut. Wobei bei mir immer noch eine gute Portion Eifersucht auf all die Eltern mit durchschlafenden Kindern hinzukommt. Ich würde doch so gerne auch mal wieder eine Nacht durchschlafen :/ Dann könnte ich vielleicht auch wieder konzentrierter arbeiten. Schon klar, Neid ist keine schöne Eigenschaft… nur leider auch schwer per Knopfdruck abzustellen.

    LG,
    Anna Philippa

  4. Das ist mein Thema. Leider. Ich bin seit 7 Jahren gefühlt chronisch müde. Seit wir Kinder haben halt. Es sind nicht nur die schlechten Nächte die mir noch in den Knochen stecken. Ich habe auch ein Stück weit verlernt gut zu schlafen. Das taglihe Pensum an Arbeit, Familie und was man halt so tun muss, soll, will erschöpft mich so dermassen, dass ich abends nur noch kaputt ins Bett plumpse. Ich weiß, es geht vielen so. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, es wird besser. Wenn ich mittlerweile abends wo hin muss, sei es Elternabend, ausgehen mit dem Mann, eine Einladung etc. Es ist aus schlaftechnischen und Müdigkeitsgründen die Höchststrafe für mich. Nach einer kurzen Nacht (oft liege ich wach und finde nicht mehr in den Schlaf, wenn der Kleine zu uns ins Bett kriecht) bekomme ich morgens nicht die Augen auf. Ich sitze im Büro und könnte mit Kopf auf dem Schreibtisch schlafen. Ich wünsche mir wirklich, dass die Müdigkeit nachlässt.
    Wem geht es noch so?
    VG von Anni

  5. Oh ja,auf den Moment warte ich. Allerdings ist Kind 2 gerade mal vor drei Wochen geboren. Ich muss also wohl noch einige Zeit warten….Sein großer Bruder schläft mit 2,5 immer noch so schlecht. Irgendwie kommt man trotzdem durch den Tag. Ich bewunder immer meinen Mann. Der schläft wie ein Stein und kann auch super schnell einschlafen. *Neid*

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