Mein Sohn ist Fußballer

Ende der Woche kam ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus: Während Europa  vorfreudig der EM entgegenfiebert und Kinder eifrig ihre Sammelalben füllen, gibt es an den Schulen Diskussionen: Weil es hier und da zu Streitigkeiten bei Tauschaktionen kommt und weil sich außerdem nicht alle Kinder die Bilder leisten können, haben nach empörten Elternreaktionen nun mehrere Schulen das Bildertauschen in der Schule verboten.

Mein Freund Stefan hat vor vielen Jahren mit mir auf dem Schulhof selber Fußballbilder getauscht. Heute ist er Lehrer und Vater von zwei Kindern und außerdem Lehrer an unserer alten Schule. Er findet, wir sollten unsere Kinder nicht von sämtlichen Konflikten fernhalten. Weil ich das auch finde, habe ich Stefan gefragt, ob er Lust auf einen Gastpost hat. Und hier ist er:

Mein Sohn ist Fußballer. Er liebt Fußball. Er lebt Fußball. Er trägt am liebsten Fußball-Trikots. Er tritt in jeder freien Minute vor alles, was nur annähernd rund ist. Die Sportschau ist seine liebste Fernsehsendung. Er spielt auf dem Pausenhof Fußball bis Schuhe und Hosen so aussehen, dass sie unmöglich am nächsten Tag wieder getragen werden können. „Der ist halt ne Jung!“, sagt man am Niederrhein. Er trägt sogar die gleiche Frisur wie Fußballer. Und diese kennt er von seinen geliebten Fußball-Sammelkarten. Gleich ob Panini oder Match Attax. Er kennt sich aus und er tauscht aus: vorzugsweise Karten und Sticker mit Jungen und Mädchen mit der gleichen Passion. „Papa, ich hab heute Marco Reus, 101/101 abgestaubt! Cool, ne?“ Und der Sohn ist sichtlich stolz, wenn er die „wertvolle“ Karte seines Idols mit nach Hause bringt. Ein Traum für jeden Vater, der diese Leidenschaft teilt und es in seiner Jugend ebenso getan hat.

Bald ist EM, also sind Deutschlands Fußball-Fans wieder im Panini-Fieber. Vor allem Schulhöfe werden wieder zu großen Tauschbörsen. Doch viele Schulen gehen nun dazu über, genau dieses Tauschen und sogar das Mitbringen von Fußball-Stickern und Karten zu verbieten. So auch die Schule meines Sohnes. Schüler seien dadurch abgelenkt, heißt es. Es käme zu teils unfairen Tauschgeschäften auf dem Schulhof. Streitereien entstünden, die dann wiederum durch die Lehrer mühsam geschlichtet werden müssten. Und außerdem könne sich ja nicht jedes Kind die Kosten für Sticker und Album leisten. Diese Kinder fühlten sich ausgegrenzt, was wiederum Eltern an die Schulen triebe, um die Probleme ihrer Kinder mit Lehrern, anderen Eltern und gar den Kindern zu „klären“. Aber warum eigentlich? Ist dies doch eine ideale Möglichkeit für junge Menschen, Streitigkeiten und Konflikte mal ganz für sich anzugehen und zu lösen.

Was habe ich früher Doppelte getauscht und mich gefreut, wenn ich für einen Rudi Völler, nur drei mickrige Durchschnitts-Kicker abgeben musste. Nach dem Tausch habe ich mich umgedreht und gedacht: „Ha, ist der doof! Gibt der mir Tante Käthe, einfach so für Wuttke, Herget und Kree!“ Ich musste aber genauso schmerzlich erleben, dass andere besser waren beim Schnipsen von Stickern vor eine Pausenhof-Wand. Wer am nächsten dran war mit seinem Sticker, der kriegte alles. Und so konnte Tante Käthe auch schneller wieder weg sein als mir lieb war. Und vielleicht haben andere sogar dabei gemogelt. Das hat mir nicht gepasst und es gab Streit, aber das musste ich selbst regeln oder eben akzeptieren.

Und auch beim Tauschen fühlte ich oft mich unfair behandelt, weil ich als Zweitklässler für einen einzigen Dieter Eckstein, den ich unbedingt haben wollte, namhafte Größen wie Matthäus, Rummenigge oder Brehme im Pack an den großen Viertklässler abgeben sollte, obwohl das die reinste Abzocke war. Das tat mir in der Seele weh, aber ich kriegte eben den geliebten Eckstein und musste den Verlust der anderen drei dann ebenfalls akzeptieren. Und das habe ich auch.

Ich habe im kleinen Rahmen gemerkt, dass man für manche Dinge Opfer bringen muss, dass man Konflikte und Unfairness auch mal selbst angehen muss, ohne dass Mama mir zur Seite gesprungen ist. Wie peinlich wäre das gewesen, wäre Mama, die keinen Ball geradeaus schießen konnte, gekommen wäre, und von meiner Lehrerin oder dem Viertklässler das Trio Matthäus, Rummenigge, Brehme zurückgefordert hätte?

Schlimmer als dieser Verlust und das Ertragen des ungerechten Deals.

Heute sollen solche Erfahrungen mehr und mehr von Heranwachsenden ferngehalten werden. Eltern und Lehrer wollen und sollen solche Dinge für die Kleinen regeln, bevor Streit oder Ähnliches entsteht. Aber warum muss denn alles von Erwachsenen für Kinder geregelt und entschieden werden? Warum muss jeder Misserfolg oder Niederschlag von ihnen ferngehalten werden? So ist Leben nicht und so wird es nie sein.

Stattdessen wird eine Generation in einer Beschwerde-Kultur herangezogen, die es ja schon jetzt zumindest bei Produkten gewohnt ist, einfach alles ohne Angabe von triftigen Gründen umtauschen zu können (siehe Amazon oder Zalando). Dies geht weiter mit solchen Dingen wie dem Sammelkarten-Verbot an Schulen und wird sich nahtlos bei Dienstleistungen und in der Bildung ausweiten und fortsetzen. Wenn etwas nicht passt, kann man sich beschweren oder zurückfordern. Und das Schöne ist, Kind muss es noch nicht mal selbst machen, Erwachsene erledigen das doch für einen. Das ist nicht unangenehm, nein, das ist bequem. Aber wie schon erwähnt, so ist Leben nicht, so wird es nie sein.

Heranwachsende müssen auch lernen Unbequemes zu erleben und zu regeln, müssen erfahren, dass man Entscheidungen, gleich ob gut oder schlecht, nicht einfach rückgängig machen kann, weil jemand sich für einen beschwert. Kinder müssen auch bemerken, dass andere bestimmte Dinge besser können, dass andere und man selbst unfair sein kann, dass dies Konsequenzen wie Streit und Konflikte haben kann, dass diese Konflikte unbequem sind, dass die Lösung eines Konfliktes oder gar Versöhnung aber auch unbezahlbare Erfolgserlebnisse sein können.

Und wo geht das besser als auf dem Schulhof? Da sind Eltern ja in der Regel nicht. Man ist zunächst mal gezwungen, etwas allein zu entscheiden und allein zu regeln, befindet sich aber trotzdem in einem vertrauten Umfeld, in einer kleinen Schutzzone. Gelernt wird an der Schule nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch und eben in der Pause, in der man in bestimmten gesetzten Grenzen auch dem nachgehen kann, was man gerne macht und mag. So zum Beispiel seiner Passion Fußball, mit allem was dazu gehört. Und wenn es nicht Fußball ist, dann darf es auch gerne Wendy, Conni oder Mia&me sein.

Gönnen wir den Kindern doch solche Erfahrungen, solches Ausprobieren, damit sie später gewappnet sind für Konflikte, Verhandlungen und das Treffen von Entscheidungen in Situationen, bei denen man später nichts durch Beschwerde rückgängig machen kann. Dann können wir Großen uns später auch nicht beschweren, dass die eigenen Kinder so unselbstständig sind und wohl nie ausziehen werden.

Stefan Erlenwein, Vater und Lehrer

13 Gedanken zu “Mein Sohn ist Fußballer

  1. Prima Thema – ich bin Rektorin und wir handhaben es an meiner Schule so, dass die Karten im Unterricht selbstverständlich in der Schultasche bleiben. In den Pausen dürfen die Kids die Karten gerne begutachten, tauschen und darüber sprechen! Ist doch eine tolle Sache. Und ausgegrenzt wird auch keiner, denn diejenigen, deren Eltern diese Aktion nicht unterstützen (ergo keine Karten finanzieren), erhalten bei uns immer wieder die doppelt vorhandenen Karten. So sind alle mit dabei!
    Ich bin selber Mama von drei Kindern im Grundschulalter. Ich fiebere selber mit, welche Karten wohl aus dem Päckchen herauskommen.
    Liebe Grüße
    Karolin

  2. Ich habe gerade im KIGA das Problem mit einer Mutter, die in der Abholphase andere Kinder von der Schaukel schubst, dass ihr Kind noch schnell schaukeln kann.

    Das beste für seine Kinder zu wollen, ist ein legitimer Wunsch für mich. Ich hoffe nur, dass ich im Gespräch von der kurzfristigen Wunscherfüllung zu einem längerfristigen Blick auf den Umgang mit dieser Situation lenken kann.

    Lg Carmen

    1. Da musste ich jetzt erstmal lachen, weil ich diese Mutter so vor mir sah aber es ist natürlich verrückt! Klar wollen wir alle nur das Beste, aber ich hoffe, wir werden jetzt nicht alle kleine Tigermamas 😉

  3. Das kann ich nur so unterschreiben. Heute soll alles von den Kindern ferngehalten halten werden, Bundesjugendspiele sollen abgeschafft werden etc. Ich vertrete die Meinung das Leben ist kein ponyhof und je schneller Kinder das begreifen desto besser lernen sie funktionierende Strategien zu entwickeln. Ich bin da und tröste und bestätige sie und bin für sie da, aber ich löse keine Probleme und halte sie auch nicht fern von Ihnen. Aber da stehe ich oft alleine da …

  4. Liebe Mia, Lieber Stefan,
    ich bin Grundschullehrerin und sehe das – eigentlich – genauso wie Stefan. Leider ist es aber nicht so, dass die Kinder die Probleme, die beim Tauschen entstehen, selbst regeln. Oft sind es wirklich, die sich die Eltern mit einmischen, bzw. die Lehrer, die Streitigkeiten regeln sollen. Ich kann deswegen schon gut verstehen, dass einige Schulen sich für ein generelles Verbot entscheiden! Es geht wirklich unheimlich viel Zeit drauf, um Streitigkeiten bzgl. Sammelkarten zu klären.
    Aber ich finde es ist nicht nur mit den Sammelkarten so… Generell mischen sich die Eltern viel zu viel ein und lassen ihre Kinder Probleme (bis zu einem gewisßen Grad natürlich) nicht selbst regeln, was ich sehr schade finde.
    Lg Julia

  5. Ich finde den Beitrag total spannend und super. Natürlich möchte man seine Kinder immer beschützen und ihnen das beste zukommen lassen. Aber das beste ist in solchen Situationen ist wirklich, sie auch enttäuschende Erfahrungen durchstehen zu lassen. Bei uns im Kindergarten dürfen die Kinder zum Kaffee trinken zu essen mitbringen, was sie möchten. Das bedeutet, dass bei uns fast täglich Thema ist, dass die Nora jeden Tag einen Pudding und der Paul schokohörnchen essen darf und warum sie das nicht darf. Das ist anstrengend, aber mir würde im Leben nicht einfallen, deswegen anzuregen, dass es doch bitte einheitliche Vorgaben für den brotdoseninhalt geben soll. So ist eben das Leben.
    Liebe Grüße, Anne

  6. Mein großer (5 Jahre) sammelt auch die Sticker. Das Prinzip mit dem Tauschen ist ihm noch nicht so ganz geläufig (er klebt lieber ein weiteres Heft oder verschenkt doppelte an Freunde), aber es macht ihm unheimlich Spaß.

    Ich hab den Bericht auch im Fernehen gesehen und konnte nur lachen. Das Stickerlabum-Phänomen ist ja nun definitiv nix Neues und hat Kindern schon immer Spaß bereitet. Früher wurden halt nicht Sticker sondern anderes gesammelt und getauscht. Es gibt definitiv schlimmeres, womit Kinder ihren Tag verbringen können.

    Mal davon abgesehen: Auch hier liebt und lebt das Kind Fußball!

  7. Wow ein toller Text! Ich finde den Nagel auf den Punkt getroffen. Mit jedem neue Verbot für Kinder werden sie ein Stück mehr in ihrer Entwicklung eingeschränkt und genau das sollte man vermeiden. Vor allem, es geht um Fußball-Sticker…. Nicht um irgendwelche schlimmen Dinge. Manchmal kann ich einfach nur mit dem Kopf schütteln.

    Liebe Grüße

    Alex

  8. Toller Artikel! Diese Gedanken hatte ich auch als ich vom Tauschverbot hörte.

    Ich würde mich auch über weitere Gastartikel von Herrn Erlenwein sehr freuen, der Schreibstil ist super 🙂

    LG Nadja

  9. … spricht mir aus der Seele! Ich habe vor nicht all zu langer Zeit einen kurzen Randartikel in einer Zeitung gelesen, über sogenannte Helikoptereltern. (Asche auf mein Haupt: Ich wollte es behalten, aber wie gewohnt ist es mit in den Müll gewandert) Der Post erinnert mich so sehr daran.
    Ich selbst arbeite als Erzieherin und bin Mama von zwei Winzlingen (noch nicht in der Schule) und ich finde auch von beiden Seiten betrachtet, dass Kinder so etwas einfach lernen müssen, auszuhalten. In einer Weiterbildung sind wir immer auf dem Begriff der „Zumutbarkeit“ herum geritten. Ich finde, es hat mit gegenseitigem Vertrauen und Mut zu tun, den Kindern auch einfach so etwas zu zutrauen. Und wie sollen die Kinder diese grundlegenden Dinge lernen, wenn nicht in solchen „Kleinigkeiten“? Wie sollen sie die allseits geforderten Kompetenzen lernen, wenn sie immer wieder von ihren Eltern in eine mit Watte gefüllte Glasglocke gebettet werden? Sollen sie als Erwachsene alle erst einmal auf die Nase fallen, um fest zu stellen, dass Mama jetzt nicht mehr da ist und das Händchen ans Näschen zum Schnäuzen hält?
    Natürlich ist das schwer, die kleinen Rabauken einfach sich selbst zu überlassen und manchmal auch Rückschläge („unfaire Handel“) einstecken zu lassen. (Aber sollen wir als nächstes auch den Sportunterricht abschaffen, weil da immer eine Mannschaft gewinnt und die andere die Niederlage einstecken muss?) Und selbstverständlich muss man unterscheiden, welche Themen zumutbar sind und welche von Kindern noch fern gehalten werden müssen. Aber wenn es um sowas, wie Karten tauschen geht, ist meine Meinung, dass sie da im Kleinen eine große Lektion lernen können.
    So einfach.

  10. Das passt so in mein Bild, was Eltern mit Schule heutzutage machen. Ein Post dazu ist schon in Planung. Genau über solche Sachen rege ich mich nämlich tierisch auf. Dass sich die Eltern überall einmischen und meinen, die Kinder kommen in der Schule nicht klar, wenn sie nicht ständig vorbeischauen und sich einmischen. Man kann doch nicht Karten verbieten, dann müsste man auch Markensachen verbieten oder teurere Mäppchen oder …
    *kopfschüttel*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.