Und genießen das Leben dort, wo sie gerade stehen

„Ich mache drei Kreuze, wenn das Kind alleine am Tisch sitzen kann!“ Meine Freundin hat ihren sieben Monate alten Sohn auf dem Schoß und ist genervt. Während wir eigentlich unser monatliches Kaffee-Date genießen wollen, ist sie ständig in Aktion: Der Sohn schmeißt ein Glas um, und während sie noch einhändig versucht, das Schlimmste zu verhindern, patscht der Kleine schon gekonnt mit der flachen Hand auf ihren Kuchenteller. Auf ihrer Bluse prangt ein großer Erdbeerfleck, weil eben eine voll geladene Kuchengabel dort gelandet ist, als der Kleine im ungünstigsten Moment eine Ausholbewegung machte.

„Wenn wenigstens das erste Lebensjahr vorbei ist, dann wird endlich alles leichter! Stimmt doch, oder?“ Sie sieht mich erwartungsvoll an.

„Naja…“ Wir blicken beide auf meine Jungs. Die sitzen da (zugegebenermaßen ungewohnt) manierlich am Tisch und essen beinahe ohne Schweinerei ihren Donut. Ich bin in diesem Moment sehr zufrieden. Es ist in der Tat schön, meine Jungs so groß und selbständig dort sitzen zu sehen. Hinter mir liegen durchwachte Nächte, viele Monate, in denen ich 24 Stunden am Tag ein Kind auf dem Arm und davon Rückenschmerzen aus der Hölle hatte! Ich konnte keinen Satz zu Ende sprechen, ich konnte keine Aufgabe ohne Unterbrechungen erledigen, ich konnte nicht in Ruhe telefonieren oder auch nur alleine auf die Toilette gehen. Die Zeiten sind vorbei. Und mir gefällt´s. Aber muss man deswegen das Ende des ersten Lebensjahres herbeisehnen?

Wenn das erste Jahr erst vorbei ist?

Ich muss an meine Schwester denken, die gerade mit ihrem zehn Tage alten Baby zu Hause sitzt. Die ungewohnte Schlaflosigkeit der ersten Nächte hat sie müde gemacht und der Alltag mit einem Baby erfordert noch viel Unterstützung. Beim ersten Kind ist ja alles noch so neu und die Eltern so unerfahren. Das ist anfangs so anstrengend. Und doch beneide ich meine Schwester ein bißchen.

Diese ersten Wochen sind so innig. Schon nach ein paar Wochen fängt das Baby an, seinen eigenen Kopf umzusetzen. Plötzlich entscheidet es selber, wohin es gerade schauen möchte, und es dreht und windet sich so lange auf dem Arm, bis die Eltern endlich verstehen, was es will. Nach etwa drei Monaten kann es sein Köpfchen heben und fängt schon bald an, sich vorwärts bewegen zu wollen. Kurze Zeit später robbt es durch den Raum, es fängt an zu krabbeln und zu laufen, und der Abstand zu Mama, mit dem es sich noch wohlfühlt, wird immer größer. Heute gehen meine Kinder nach der Kita ohne mich nachmittags bei Freunden spielen und werden in rasendem Tempo selbständiger. Manchmal sitze ich da und denke: „Wo sind se denn alle?“

Meine Schwester freut sich darauf, dass Ihr Baby ihr wenigstens zeigen kann, was es quält, meine Freundin kann es kaum erwarten, dass ihr Kind selbständiger wird und ich beneide beide ein bißchen um die ständige Nähe zu ihren Babys. Verrückt!

Meilensteine feiern

Ich weiß noch genau, wie ich manche Meilensteine selber nicht erwarten konnte: Wenn er doch erst mit uns am Tisch sitzen kann, wenn er endlich laufen kann, wenn man sich erst mit ihm unterhalten kann…! Als Mutter ist man ja auch neugierig darauf, wie es sein wird und so stolz, wenn es endlich so weit ist. Aber jetzt sind diese wundervollen Momente vorbei und meine beiden Söhne schon ganz schön groß. „Genieße es doch“, möchte ich meiner Freundin sagen, „es geht so schnell vorbei.“ Doch noch bevor ich mich sehnsüchtig in die Zeiten zurückdenken kann, in denen meine Jungs duftende Babys waren, denke ich, dass immer auch etwas Neues, Schönes, folgte.

Die Kunst am Leben mit Kindern ist, den Moment zu leben. Als der Maxi sich das erste Mal robbend zwei Zentimeter vorwärts bewegt hat, bin ich vor Begeisterung fast ausgeflippt. Ich habe Videos gemacht und an die ganze Großfamilie geschickt. Ich habe den Mann angerufen und wir haben begeistert unser großes Kind gefeiert. Genau so war es, als er anfing zu krabbeln, als er den ersten Brei gegessen hat und als er auf seinen kleinen Beinen einen ganzen Schritt alleine gemacht hat. Wir haben das gefeiert!

Leben mit Kindern

Ich werde alle diese Meilensteine nie vergessen. Sie bedeuteten immer auch einen kleinen Abschied von einem vorhergegangenen Abschnitt, aber so wenig ich eine Phase wirklich festhalten wollte, so wenig wollte ich eine andere schnell hinter mich bringen. Ich versuche einfach immer mit meinen Kindern das Leben dort zu feiern, wo sie gerade stehen.

Wenn man mehr als ein Kind hat, sieht man übrigens ganz gut, wie unterschiedlich Kinder sein können und wie unterschiedlich die Welten manchmal sind, in denen sie gerade leben. Dann sieht man aber auch, dass keine Phase besser oder schöner ist, als eine andere.

„Ja, vieles wird leichter,“ habe ich also zu meiner Freundin gesagt, “ aber es kommen auch immer neue Herausforderungen dazu. Du siehst übrigens sehr witzig aus, mit dem Kuchen in den Haaren!“ Und dann hat sie ein extra verzweifeltes Gesicht aufgesetzt und ich habe ein Foto von ihr gemacht, über das wir uns kaputtgelacht haben.

Ob sie die Erdbeerflecken aus ihrer Bluse wieder herausbekommen hat, weiß ich nicht, aber es war ein schöner Tag. Den Rest muss sie selber herausfinden. Ich hoffe, dass sie nie vergisst zu genießen, was sie gerade hat.

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