Immer um Dich

Mein Sohn,

ich bin ganz schön aufgeregt. Lange Zeit habe ich mich selber mit dem Satz beruhigt „Es ist ja noch so lange hin“. Ich murmelte den Satz in mich hinein, immer dann, wenn ich wieder kalte Füße bekam. Jetzt kann ich mich mit dem Satz leider nicht mehr beruhigen, denn er stimmt jetzt nicht mehr- und außerdem ist es für kalte Füße jetzt zu spät.

In nur drei Monaten ist es so weit- und die Zeit rast. Im August kommst Du in die Schule und ich bin so aufgeregt, vielleicht aufgeregter als Du.

Du bist ein Kann-Kind, aber nach vielen Überlegungen und Gesprächen und Grübeleien haben wir uns  entschieden, Dich schon in diesem Jahr einzuschulen. Manche fragen mich, warum wir Dir das denn antun. Dann antworte ich:

„Weil ich sicher bin, dass ich meinem Kind nichts antue, sondern genau mit dieser Entscheidung einmal mehr seinem Weg folge.“

Kann Kind

Ja, mein Sohn, der Papa und ich haben diese Entscheidung für Dich gefällt. Es war Dein Wunsch, in die Schule zu gehen, aber so eine weitreichende Entscheidung kannst Du noch nicht alleine treffen. Wir mussten das für Dich entscheiden und wir glauben, dass wir das gut gemacht haben.

Eigentlich darf man seinem Kind so etwas nicht sagen, aber ich bin selber nie gerne zur Schule gegangen. Deswegen geht es mir nicht so richtig gut mit der Entscheidung, aber um mich geht es hier nicht. Es geht nur um Dich.

Es geht immer um Dich. Egal, welche Entscheidung ich für Dich treffe, ich tue das nie für mich, sondern immer nur für Dich und in Deinem Sinne. Du ahnst ja  gar nicht, wie schwierig das ist. Manchmal muss ich nämlich sogar Entscheidungen treffen, die mir riesiges Unbehagen bereiten, weil ich selber so schlechte Erfahrungen damit gemacht habe. Dann denke ich:

„Dafür ist er noch zu klein.“
„Das ist bestimmt nicht das Richtige!“
„Das ist noch zu früh.“
„Das ist nichts für ihn.“

Ich versuche immer, mir solche Gedanken zu verkneifen, aber ich habe eben meistens schon eine Vorstellung im Kopf, schließlich war ich auch mal ein Kind und habe viele Erfahrungen im Gepäck.

Aber weißt Du, was mir wichtig ist?  Dass Du glücklich bist, und dass Du Deinen eigenen Weg gehen kannst. Deshalb versuche ich, Dich deine eigenen Erfahrungen machen zu lassen. So groß der Impuls auch sein mag, als Deine Mutter muss ich immer wieder einen Schritt zurück machen, und Dich als das Individuum betrachten, das Du bist. Manchmal bedeutet das auch, Entscheidungen zu treffen, gegen die ich mich ein bißchen sträube. Aber auch wenn ich nachts wach liege und grübele, wichtig ist, dass es für DICH richtig ist!

Natürlich sind meine Erfahrungen wichtig für Dich. Ohne geht es nicht, Du bist schließlich erst seit fünf Jahren auf dieser Welt und ich kann Dir noch nicht die Verantwortung für Dein Leben übertragen. Du brauchst mich und meinen Erfahrungsschatz. Aber ich weiß, dass meine Erfahrungen niemals Deine eigenen Erfahrungen ersetzen können, sie können nur das Werkzeug sein, das ich mitbringe, um eine Entscheidung in Deinem Sinne treffen zu können.

Du bist kein „Mini-Me“. Du bist Du. Du bist mir ähnlich, aber Du bist eine eigene kleine Persönlichkeit. Ach, was erzähle ich für einen Quatsch? Du bist eine große Persönlichkeit und ich wünsche mir, dass das so bleibt. Dass Dich niemand verbiegt, am allerwenigsten Deine Mutter!

Mein Sohn, ich werde noch viele Entscheidungen treffen, die Dich betreffen und vermutlich werden wir viele Jahre miteinander haben, in denen Du meine Entscheidungen total doof finden wirst. Vielleicht streiten wir dann darüber, um welche Uhrzeit du zu Hause sein sollst und ob du alleine in den Urlaub fahren darfst, aber bestimmt wird es auch größere Meinungsverschiedenheiten geben.

Ich verspreche Dir, dass ich mich Dir niemals in den Weg stellen werde. Ich werde niemals auf meinem Weg beharren. Heute beobachte ich Dich und treffe dann meine Entscheidungen, in ein paar Jahren werden wir wahrscheinlich über vieles diskutieren, weil Du mehr und mehr selber mitreden willst. Und ich verspreche Dir, dass ich mich auf jedes Gespräch mit Dir einlassen werde und mir immer so gut es geht einen Ruck in Deine Richtung geben werde. Ich werde Dir vertrauen und immer daran denken, dass es bei deinem Weg um Dich geht, und nicht um mich.

Du weißt nicht, wie sehr ich Dich liebe, aber eines Tages, vielleicht wenn Du selber Kinder hast, wirst Du es verstehen und wenn Du dann zurückblickst, hoffe ich, dass Du sagen kannst, dass ich eine gute Mutter gewesen bin.

In drei Monaten kommst Du in die Schule. Dann machst Du einen weiteren Schritt auf Deinem Weg. Ich werde bei Dir sein. Ich halte Deine Hand, wenn Du sie brauchst, und ich lasse sie los, wenn Du willst.

Es ist Dein Weg. Dein Weg führt in die Schule. Ich bin aufgeregt.

In Liebe, Deine Mama.

 

9 Kommentare

  1. Jungsmama

    Du triffst es mal wieder auf den Punkt, liebe Mia. Danke für diesen wunderbaren Text! Genießt diese aufregende Zeit! Lg Jungsmama

  2. Hallo Mia,

    toller Text. Für mich jedoch gilt: Ich finde es eine mutige Entscheidung. Wir haben uns im letzten Jahr bewusst gegen die vorzeitige Einschulung entschieden und bereuen es nicht. Unsere Tochter hätte die Schule locker schaffen können, ABER 4 Stunden oder mehr ruhig zu sitzen und konzentriert zu arbeiten ist schon hart. Und ich bin froh, dass sie noch ein wenig länger Kind sein durfte, mit Toben und Quatsch machen und Erzieherinnen auf Trab halten. Leistungsdruck muss sie noch früh genug aushalten. Das ist unsere gegenteilige Meinung zum Thema.

    Ich wünsche euch und eurem Sohn einen tollen Schulstart – der neue Alltag ist total spannend (einmal haben wir es schon erlebt).

    Viele Grüße von Maren

  3. Anja K.

    Liebe Mia,

    wir stehen mit unserem Großen genau vor dem gleichen Schritt, nur dass es hier durch den 6. Geburtstag im Mai keine Kann-Entscheidung war (und es hier in Ba-Wü noch vier Monate bis zur Einschulung sind). Allerdings bin auch ich immer wieder am Schlucken, wenn ich daran denke, wie schnell diese Zeit rumgeht. Außerdem bin ich beruflich noch immer schulpflichtig und checke im Kopf immer, was da so auf uns zukommt. 😉 Der Große hingegen, geht erhobenen Hauptes und voller Vorfreude diesen Weg.
    Deshalb versuche ich, ihm zu vertrauen und teilzuhaben an dieser Freude. Ihn loszulassen, ohne ihn allein zu lassen.

    Liebe Grüße
    Anja

  4. Hach, so schön geschrieben, da schießen mir die Tränen in die Augen. Unsere Jüngste geht auch schon mit 5 in die Schule, das hat sich jetzt nach unserem USA-Aufenthalt so ergeben. Sie ist super klein und wir sagen immer „das kleinste Schulkind der Welt 😉 Es klappt super- und selbst wenn sie irgendwann eine Klasse während der Grundschulzeit wiederholt, wäre das auch nicht schlimm… Es ist ihr Weg, genau!
    LG, Yvette

  5. Wow ! Tolle Einstellung – und super geschrieben ! Man liest Deine Liebe in jeder Zeile 🙂
    Liebe Grüße,
    Berenice

  6. Da kommen mir mal wieder die Tränen. Erstens, weil es so schön geschrieben ist, und zweitens, weil meine Tochter auch diesen Sommer in die Schule kommt und hätte zurückgestellt werden können, weil sie erst mit Schulbeginn sechs Jahre alt wird. Ich kenne das Grübeln, ich kenne die Einwände anderer und die Gedanken, die immer wieder von vorne anfangen: „Was, wenn es ihr zu viel wird? Wenn es noch zu früh ist? Wenn sie mit der relativen Anonymität, mit der Größe der Klasse, mit den starren Regeln „das ist richtig, das ist falsch“ nicht klar kommt? Wenn sie lieber noch ein Jahr mit ihren Freundinnen in der Kita geblieben wäre?“ Und dann stelle ich mir vor, wie ihre Neugier auf Buchstaben, Zahlen, Rechnen nachlässt, weil sie dort keine Anregung bekommt. Wie diese Phase vorbeigeht, in der sie genau für all das empfänglich ist, in der sie diese Sachen lernen möchte. Stelle mir vor, wie sie stattdessen bald ihr auswendig gelerntes, geliebtes Tier-ABC endlich selber lesen kann. Und dann denke ich wieder, es ist richtig, ihre Lust auf Schule und ihren Stolz, bald ein Schulkind zu sein, nicht zu bremsen. Was wäre das für eine Botschaft an sie? Du kannst das noch nicht, du schaffst das nicht, du bist noch zu klein? Ich denke, es ist richtig. Und als Unterstützung für alle Herausforderungen, die ihr vielleicht schwer fallen, hat sie ja uns. 🙂

  7. meine beiden Zwerge haben noch ein wenig Zeit, bis zur Schule. Aber ich kenne die Überlegungen von meiner Schwester: der große ein „Kann“-Kind und die Mittlere im Februar erst 6 geworden (also mit 5,5 eingeschult – auf anraten einer Psychiaterin). Sie sind jetzt 8. und 7. Klasse und keiner hat es bereut. Zur Not, so hieß es, bleiben sie eben ein Jahr länger in der Grundschule (wäre nicht weiter aufgefallen, da die 1.+2. Klasse und die 3.+4. Klasse in dieser Grundschule jeweils zusammen Freiarbeit und Unterricht haben). Aber keiner von beiden hat bis jetzt ein Wiederholungsjahr gebraucht. Natürlich fällt es schwer, aber wenn man als Mutter das Gefühl hat, dass das so passt (auch mit Bauchkribbeln), dann hat man glaube ich einfach sein Kind verstanden. Denn eine Mutter hängt viel zu sehr an den eigenen Kindern, als dass sie ihre Sprösslinge zu zeitig irgend etwas alleine machen lässt, was sie nicht bringen.
    Und von der anderen Seite gesprochen (ich arbeite als Erzieherin): ich hatte schon ein paar Kinder, die „zu spät“ eingeschult worden sind – es ist eine Qual für die Kinder (spätestens ab dem 2.Halbjahr). Die anderen Kinder, die regulär später eingeschult werden, können ihnen nicht das Wasser reichen, sie haben andere Phantasien, andere Interessen und sind meist auch körperlich und sozial noch nicht auf dem Stand, wie das „Kann-und-ich-möchte-in-die-Schule-gehen-„Kind. Darum ist das oft nicht ein Jahr, in dem sie noch mit ihren Freunden spielen und toben, sondern ein „ich-langweile-mich-zu-tode-und-hab-auch-keine-Lust-mehr-den-anderen-etwas-beizubringen-und-das-große-Vorbild-zu-sein“-Jahr.
    Ich denke, du machst das richtig! Wie gesagt: ansonsten würde dein Maxi dir auch ein anderes Gefühl geben.
    Ich seid eine starke Familie und selbst, wenn es „schief“ gehen sollte, schafft ihr das gemeinsam!
    LG

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