Fels in der Brandung

Ich mache vieles falsch. Nicht absichtlich, aber dennoch. Vielleicht bin ich Schuld. Vielleicht ist es aber auch zu schwierig, dieses Leben als Working Mom. Und vielleicht ist alles ganz einfach wenn man sich daran erinnert, was das Wesentliche ist.

Die Sache ist die: Ich habe eine harte Zeit mit meinem Großen. Seit ein paar Wochen geraten wir mehrfach täglich aneinander. Manchmal sind es nur ein paar Minuten, aber manchmal ist die Stimmung zwischen uns für den Rest des Tages verkorkst. Das ist schlimm für mich- aber für ihn bestimmt auch.

Ich komme von langen Arbeitstagen in die Kita und freue mich auf meine Kinder. Manchmal bin ich nur müde, manchmal habe ich auch Frust im Gepäck. Ich wünsche mir, dass die Kinder mir entgegengelaufen kommen, wenn sie mich sehen, weil sie sich genauso freuen, wie ich. Ich möchte mit ihnen das Nach-hause-Kommen genießen und mir einen schönen Nachmittag mit ihnen machen. Ich bin bereit zu lesen, zu spielen, zu basteln, zu kochen- aber daraus wird meistens nichts.

Müde Kinder prallen auf müde Mutter und das war´s dann mit der Harmonie. Ich habe bemerkt, dass Maxi und ich beieinander Knöpfe drücken können, die uns in Nullkommanix auf die Palme bringen. Es gab solche anstrengenden Phasen schon oft, aber dieses Mal ist es anders. Ich glaube, das liegt daran, dass Maxi mit mir streitet, wie ein Erwachsener und ich dann vergesse, dass er noch ein kleines Kind ist.
Meine Reaktionen verlaufen in Wellen. Mal schimpfe ich , aber wenn sich das steigert, denke ich wieder, das macht es nur schlimmer und schalte um auf Ruheengel. Weil das auch nichts bringt, versuche ich mit ihm zu kuscheln, ihn auf den Schoß zu nehmen und ihm so lieber positive Aufmerksamkeit zu schenken. Bis ich nach eine Weile doch wieder die Geduld verliere und schimpfe.

Nachdem das ein paar Tage lang so lief, rief ich meine Mutter an. Unser Gespräch war irgendwie witzig, weil ich absichtlich völlig unvernünftige Dinge vom Stapel gelassen habe- schließlich ist sie ja die Mutter und ich ihr Kind. Das tat gut.

„Warum tun die mir das an?“, rief ich bockig ins Telefon, wohlwissend, dass meine Kinder mir rein gar nichts antun. „Die kriegen alles, was sie wollen, das sind die verwöhntesten Kinder weit und breit, die mit grenzenloser Liebe täglich überschüttet werden. Gerade hat der Maxi sich noch 2 Paar Schuhe ausgesucht!“ schmollte ich.

Meine Mutter lachte ein wenig über meine Vorstellung, die Kinder könnten aus Dankbarkeit ein perfektes Benehmen an den Tag legen.

„Ich habe denen doch nichts getan! Ich bin immer lieb und nett, und der Maxi benimmt sich, als wäre er in der Pubertät!“ motzte ich weiter, selber in bestem Pubertier-Ton.

Meine Mutter gab zu bedenken, dass der Maxi ja vielleicht auch in einer Art Pubertät steckt, in dieser Umbruchphase zwischen Kita und Schule. Ich beschloss, später darüber nachzudenken. Daran hatte ich noch nicht gedacht.

Wir sprachen kurz über meine angeborene Ungeduld. Ich war diesbezüglich einsichtig, ich kenne mich schließlich auch schon ein paar Jahre und weiß, dass ich mich viel zu schnell auf die Palme bringen lasse. „Du bist die Erwachsene“ fand meine Mutter und meinte, ich dürfe nicht aus der Ruhe geraten.

„Aber das ist ja die totale Selbstaufgabe“, protestierte ich und fand mehr und mehr Gefallen an meiner Schimpferei. „Ich bin doch auch nur ein Mensch! Ich kann doch nicht jeden Impuls unterdrücken, alles runterschlucken und immer freundlich lächeln“

Nein, das nicht, das sei ja nun auch übertrieben, fand meine Mutter und sagte einen Satz, der mir seitdem im Kopf nachhallt: „DU musst immer der Fels in der Brandung sein“

Mama
Bin ich das noch, ein Fels in der Brandung? Früher war das einfach, da waren die Kinder kleiner und wollten nur gestillt, gewickelt und getragen werden. Danach wollten sie nur Zeit mit mir verbringen und ich brauchte lediglich darauf zu achten, dass ich die Bananen nicht SELBER schäle und den Becher auf die richtige Seite neben dem Teller auf den Tisch stellte, dann war alles gut. Aber heute? Heute diskutiert der Maxi mit mir und kritisiert mich und schreit mich an und ich reagiere darauf manchmal viel zu unsouverän. Bin ich noch ein echter Fels in der Brandung?

mama

Meistens ja, das darf ich mir wohl zugestehen. Aber in letzter Zeit war ich häufig ungeduldig und es hat sich bei uns zu Hause ein bißchen eingeschlichen, dass der Ton manchmal nicht mehr so unendlich verständnisvoll ist. Das ist in meinen Augen nicht grundsätzlich schlimm, das kann auch mal vorkommen, dass man als Mutter mal nicht in der Lage ist, die Ruhe selbst zu sein, aber meine Mutter hat Recht:

Ich bin nicht nur die Erwachsene, ich bin viel mehr. Ich bin die Mutter. Ich bin für meine Kinder die eine Person, die vom ersten Moment da war. Ich bin die, die sie gehalten hat, die jedes Bedürfnis sofort erfüllt hat, und auf die sie seit ihrem ersten Moment auf dieser Welt vertraut haben. Zuerst, weil sie gar nicht anders konnten als mir zu vertrauen und später, weil sie gelernt haben, dass sie mir vertrauen können. Meine Söhne müssen heute nicht mehr gestillt und gewickelt und getragen werden, aber sie brauchen mich noch genau so sehr, wie am ersten Tag, nur anders. Ich muss ihnen jetzt Halt geben, wenn ihre kleine Welt ins Wanken gerät. Ich muss die Ruhe bewahren und es aushalten, wenn sie ein bißchen Druck von vielen Ereignissen eines langen Kitatages an mir ablassen. Damals, als sie als Babys zwei Stunden lang geschrien haben und nur auf meinem Arm oder an meiner Brust ruhig waren, war es selbstverständlich, dass ich nicht zurückschreie und ich darf es auch heute nicht. Ich muss ihr Fels in der Brandung sein. Das ist eine schwierige Aufgabe und gleichzeitig eine so wunderschöne.

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Ich werde immer ihre Basis sein, immer ihr Plan B und immer der Ort, an dem die Liebe und Geborgenheit ihrer Kindheit nie aufhört zu existieren.

Mamablog Mama Mia

Danke an meine Mama, meinen Fels in der Brandung, ohne den ich ein anderer Mensch wäre.

21 Gedanken zu “Fels in der Brandung

  1. Danke Mia für deine Worte! Diese Disharmonie kenne ich gerade sehr gut und ich versuchte auch all die Dinge, die du genannt hattest – aber irgendwie ist es schwierig… Das Bild vom schreienden Baby, das ich nicht anbrüllen würde, ist einprägsam – danke dir dafür – ich hoffe, dass es mir bei der nächsten Herausforderung wieder einfällt! Lg Petra

  2. Fels in der Brandung….das ist schön, ich sollte mir das auch wieder mehr zu Herzen nehmen.
    Meine „Große“ ist gerade mit nicht ganz 4 Jahren große Schwester geworden und quasi mit Geburt des Kleinen zur bockenden, brüllenden, mich ignorierenden „Zicke“ mutiert. Ich weiß, sie ist furchtbar durcheinander, weil sich so viel ändert und sie mich jetzt teilen muss und nichtmehr Alleinherrscherin ist.
    ABer dieses Streiten mit ihr macht mich traurig, ich will so nicht mit einer 3 jährigen streiten, ich will doch vernünftiger sein und weiß doch, dass sie es gerade nicht leicht hat, aber ich bin müde, ich bin fertig und vorallem traurig. Ich war doch ihre Nummer 1, der Fels und will das noch eine Weile bleiben.
    Ich Egoistin.
    Ich glaube, ich ahne, wie Du Dich beim Streiten mit Maxi fühlst, aber vielleicht muss diese Phase einfach sein? Eine Art Abnabelung? Auch wenn Mama es nur schwer erträgt? „Liebes“kummer?
    Hach ja….
    Halte durch
    Einen schönen Abend noch

  3. Ganz wundervoll geschrieben, liebe Mia <3
    Diese Art von Pubertät kenne ich gut, genauso war es bei meiner Tochter letztes Jahr in den Monaten, bevor sie in die Schule kam! Schnell gereizt, beleidigt und auf 180, wollte/konnte abends nicht einschlafen, musste plötzlich wieder in Papas Bett schlafen (und Papa auf dem Sofa) und war einfach ganz seltsam drauf. Hat sich alles mit dem Schuleintritt gegeben und heute ist sie ein anderer Mensch!
    Maxi zeigt dir damit, wie sehr er dich gerade braucht, nur dass einem das meistens erst hinterher bewusst wird. Halt durch!

  4. Ich finde es toll, dass du so offen schreibst. Ich glaube, solche Phasen kennt jede Familie.
    Deine Mutter hat meiner Erfahrung nach völlig recht, meine drei „Großen “ waren alle einige Monate vor der Einschulung UNMÖGLICH! Der Zustand normalisierte sich zum Glück einige Wochen nach der Einschulung wieder.
    Für die Kinder ist das der größte Schritt im Leben neben dem Kitaeintritt und auch wenn sie es nicht ausdrücken können, haben sie neben aller Vorfreude
    sicher viele Ängste und Bedenken .

    Ich wünsche dir viel Kraft, um der „Fels in der Brandung “ in dieser Umbruchszeit für deinen Sohn zu sein ! Du bist eine tolle Mama, die ihr Bestes gibt !

  5. Danke für deinen Artikel. Ich habe gerade so eine Phase mit meinem Ältesten hinter mir (5,5 Jahre alt). Wir stritten viel und heftig, schlugen Türen, ich brüllte und war nur noch gereizt und gefrustet. Nach einem besonders schlimmen Abend lagen wir beide uns schließlich heulend in den Armen und ich wusste auch nicht mehr so richtig weiter. Er sagte zu mir : Mama, du bist immer nur noch böse. Das tat so weh. Dann sagte ich ihm : weisst du was? Wir streiten und wir lieben uns. Egal, was ist, am Ende vertragen wir uns lieben uns immer und immer. Genau das war dann der richtige Ansatzpunkt. Seit dem streiten wir, aber es beläuft sich mehr auf Frust ablassen in dem Sinne von „ich bin dein Fels, reagier dich ruhig bei mir ab , denn er nimmt meine ungeduldigen Antworten oder mein Geschrei weniger persönlich. Er sagt mir dann immer, Mama, am Ende haben wir uns immer lieb und vertragen uns wieder. Das war mein rettender Anker, denn es war eine harte Zeit und ich glaube schon dass er ein Problem hatte, was ich einfach nicht verstanden hatte. Und irgendwann, eines schönen Morgens war auch diese Phase überstanden! 🙂

  6. Schluck!
    Liebe Mia,
    deine Gedanken kann ich verstehen…
    Auch bei uns habe ich momentan das Gefühl,
    dass der große Mini in einer Art Vor-Pubertät steckt 😉
    Wie reagiert man immer richtig, deeskalierend und beruhigend?
    Mir fehlt da auch ein Patent-Rezept.

    Liebe Grüße
    Julia

  7. Oh ja, dann weiß ich ja jetzt schon, was mich nächstes Frühjahr erwartet, wenn mein dann fast 6jähriger kurz vor der Einschulung steht. Und das, wo ich doch eigentlich gerade innerlich darauf hinarbeite, dass hier in ein paar Tagen (Wochen oder Monaten) endlich die vollständige Harmonie einzieht… Gerade ist hier nämlich eher der 2 3/4jährige das „Problemkind“, da er auf dem Höhepunkt (oder ist es doch erst der halbe Weg zum Gipfel…) seiner Autonomiephase steht. Und in meiner Illusion wird danach alles besser!!

  8. Liebe Mia,
    Habe das auch schon zweimal durch mit Jungs vor der Einschulung. Es ist so und bessert sich….Phase, Phase, Phase…..man sagt tatsächlich, wenn die Zähne wackeln, wackelt auch die Seele. Alles gute, Sonja

  9. Danke für den Text.
    Hier ist es dasselbe in grün. Meine große 8 Jahre und ich sind sehr sehr gleich und knallen sehr oft aneinander. Die „kleine“ 6,5 Jahre ist derzeit auch sehr sehr übel drauf, steht kurz vor der Einschulung und raubt mir meine letzten Nerven, da sie nicht vor 21 Uhr schläft.
    Wir müssen uns einfach bewusst machen das wir genau dann wenn sie am schlimmsten drauf sind am meisten liebe geben müssen.
    es ist nur eine phase….. ohhhmm
    was freu ich mich auf die noch folgende Pupertät – NICHT

  10. Liebe Mia,
    ich erkenne mich in Deinen Worten so gut wieder. Unsere Tochter kommt im Sommer auch in die Schule und manche Dinge, die sonst selbstverständlich waren, sind auf einmal so kompliziert und schwierig. Ich möchte gar nicht streiten, aber manchmal kann sie mich nur durch ihren Tonfall in Nullkommanix auf die Palme bringen. Mal hilft tief durchatmen, mal nicht. Meine beste Freundin erlebt das gleiche bei ihrem Sohn und hat einen Artikel gelesen, in dem es um die „Zahnlücken-Pubertät“ geht. Genau diese Zeit „noch-Kita-Kind-aber-eigentlich-doch-nicht-mehr“. Nicht Fisch, nicht Fleisch…Und dann sind da diese Momente, wenn sie kommt und sagt:“Mama, kuscheln!“ Oder:“Mama, nur Du kannst mich trösten“. Dann weiß ich, dass wir auch diese Phase überstehen.
    Vielen Dank für diesen Post, liebe Mia, und herzliche Grüße von Stine

  11. Wie schön du das geschrieben hast! Sprichst mir richtig aus der Seele. Ich habe damit auch schon Erfahrungen gemacht. Das kann ganz schön anstregend sein und dauert macht man sich Gedanken, ob man etwas falsch gemacht hat. Gut ist nur, dass das irgendwann aufhört und die Kleinen wieder „normal“ werden 😉

  12. Hallo Mia,

    das kommt mir irgendwie bekannt vor. Mein Wackelzahnkind, das im Sommer in die Schule kommt, hatte vor kurzem auch eine solche Phase. Jetzt hat sich aber alles wieder beruhigt. Ein Freund von mir (Vater von vier Kindern) sagte, dass die Kinder in der Zeit einen großen geistigen Entwicklungsschub machen und vom kindlichen Denken mehr zum logischen Denken wechseln. Deshalb können die Kinder auch plötzlich gut argumentiern und uns auf die Palme bringen. Solche Phasen haben Kinder wohl immer mal wieder und sind danach gefühlt ein Stück gereift.
    Diese Phase scheint tatsächlich mit der Schulreife aufzutreten.

    Ich glaube, für uns Mütter sind solche Phasen immer schlimm, weil uns bewusst ist, dass unsere Kinder sich mit jeder Phase ein Stück mehr von uns lösen.

    LG,
    Sunev

  13. Liebe Mia, das kommt mir sowas von bekannt vor. Und auch ich fange dann an gegenzustreiten, beleidigt zu sein, wie ein Erwachsener mit einem Erwachsenen. Gut, dass du mich hiermit noch mal dran erinnerst was unsere Großen noch immer sind: ein kleines Kind.

    Liebe Grüße,
    Claudi

  14. Vielen Dank für Deine offenen Worte. Und Du sprichts mir gerade aus der Seele. Unsere Große benimmt sich zu Zeit wie ein Pubertier. Dabei ist sie sechs und kommt im Sommer in die Schule.
    Hier wechselt es minütlich zwischen Rotzgöre, Sensibelchen und Mamakind.
    Da muss ich wirklich tief durchatmen um sie nicht beleidigt wegzuschicken, wenn sie ankommt und kuscheln will. Nachdem wir uns eine halbe Stunde vorher fürchterlich gezankt haben.

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