Jetzt!

„Wo sind eigentlich die Kinder?“, fragt mich der Mann beim Frühstück am Sonntag. „Die schlafen natürlich noch, es ist doch erst 10:00“, antworte ich. „Ich geh´sie mal wecken,“ sagt der Mann und ich kann ihn gerade noch zurückhalten. Da geht die Tür auf und der Mini steht verschlafen vor uns. „Komm auf meinen Schoß, Du süße Maus“, ruft der Mann und streckt seine Arme aus. „Äh Papa, geht´s noch?“, sagt der Mini, dreht sich um und verschwindet wieder in seinem Zimmer.

Eines Tages wird es genau so laufen.

Eines gar nicht allzu fernen Tages werden unsere Söhne morgens länger schlafen als wir und sie werden auch nicht mehr den ganzen Tag an meinem Rockzipfel hängen. An manchen Tagen habe ich große Sehnsucht nach dieser für mich so rosig scheinenden Zukunft. So wie am Sonntagmorgen, als ich nach dem 40. Geburtstag meiner Cousine von einem fröhlichen Mini geweckt wurde. Es war 6:50 Uhr und ich war gerade mal seit viereinhalb Stunden im Bett. Glücklicherweise war ich überhaupt so rechtzeitig im Bett gewesen, denn eigentlich fing die Party gerade erst richtig an Spaß zu machen. Aber sowohl meine Schwester als auch unsere Männer waren vernünftig genug, an den nächsten Morgen zu denken. Also verließen wir viel früher als wir es von uns aus eigentlich gewollt hätten, die Party. Am nächsten Morgen schlugen unsere ausgeschlafenen Kinder mit ihrer ganzen Unternehmungslust zu. Hilfe!

Es sind vor allem solche Sonntagmorgende, an denen ich mir bei der Aussicht auf eine Zukunft mit großen, unabhängigen Kindern innerlich die Hände reibe. Aber auch, wenn ich nach der Arbeit gemeinsam mit den Kindern nach Hause komme und ich noch in der Haustür mindestens 20 Anfragen gleichzeitig bearbeiten muss: „Kannst Du mir die Schuhe ausziehen?“ „Ich will was trinken“ „Der Maxi hat mir mein Buch weggenommen“ „Mama, dürfen wir etwas Süßes?“… Und mir raucht der Kopf!

Wenn dann auch noch der Job mit vielen Terminen auf mich wartet, wenn sich zu Hause die Rechnungen stapeln und der Wäscheberg durch die Decke wächst, wenn ich mich von morgens bis Abends fremdbestimmt fühle, dann denke ich, dass die Jahre mit kleinen Kindern doch verdammt anstrengend sind.

Doch  eines schönen Tages werde ich endlich wieder  selber über meine Zeit bestimmen dürfen. Denn eines Tages werden meine Kinder groß sein.

Dann werden der Mann und uns abends spontan ansehen und sagen: „Wir könnten doch ins Kino gehen!“

Dann werde ich am Wochenende vor allen anderen aufwachen und in Ruhe die Zeitung lesen- ausschlafen kann ich ja auch morgen noch.

Dann werde ich mir einfach so die Joggingschuhe anziehen und das Haus verlassen, um eine Runde Sport zu treiben.

Ich werde wieder in Ruhe telefonieren können, mit Freundinnen in Zimmerlautstärke sprechen und ganze Mahlzeiten ohne Unterbrechungen einnehmen. Geil!

Und dann werden der Mann und ich Sonntags beim Frühstück sitzen und es wird sich die oben beschriebene Szene abspielen. „Wann sind die eigentlich so groß geworden?“ wird mich der Mann dann vielleicht verwundert fragen. Und ich werde hoffentlich nicht sagen: „Als Du gearbeitet hast!“

Leben mit Kindern

Ich habe gerade das Gefühl, als seien die ganz anstrengenden Kleinkindjahre vorbei. Ganz plötzlich genieße ich neue, alte Freiheiten, weil vor allem der Maxi sehr selbständig geworden ist. Er fragt mich nicht mehr nach etwas zu trinken, sondern nimmt es sich selber und macht sich zur Not auch alleine ein Brot, wenn er Hunger hat. Beide Kinder beschäftigen sich auch ohne mein Beisein für einige Zeit miteinander. Und ich? Ich will jetzt mehr davon.

Ich merke, wie ich mich wieder ein bißchen freischwimme, nachdem ich jahrelang 24 Stunden ohne Pause im Dienst war und es gefällt mir. Soll ich vielleicht im Job wieder ein paar Stunden mehr pro Woche arbeiten? Vielleicht sogar Vollzeit? Aber ach! Schon wird ein Kind krank und ich muss einsehen, dass ich eben doch noch lange nicht wieder unabhängig bin.

Aber auch wenn das manchmal frustrierend ist und wenn die Tage und Nächte oft so anstrengend sind, dass ich schreiend weglaufen möchte: Was man dabei leicht vergisst ist, dass unsere Kinder JETZT etwas mit uns machen möchten. JETZT dreht sich ihre kleine Welt um uns. Jetzt wollen sie bei uns sein und mit uns unseren Alltag erleben. Sie wollen mit uns kuscheln, uns bei der Hausarbeit und überhaupt bei allem helfen. Jetzt wollen sie ständig bei uns sein. In 10 Jahren nicht mehr.

Wenn ich in 10 Jahren daran denke, wie schön es war, als sie noch so klein waren, dann ist es zu spät.

Bestimmt werden sie wunderbare große Jungs sein und bestimmt werden wir auch dann wunderbare Jahre mit ihnen verbringen, und es wäre doch schade, wenn ich das verpasse, weil ich ständig von vergangenen Zeiten träume: Als wir noch morgens mit der ganzen Familie in einem Bett lagen. Als wir unser abendliches Vorleseritual hatten und ich in jedem Arm ein an mich gekuscheltes Kind hielt. Als sie mir noch jauchzend vor Wiedersehensfreude täglich in die Arme flogen und mir Wirbelstürme in hundertfacher Ausführung als Zeichen ihrer Liebe malten.

Leben mit Kindern

Ich hatte mein Leben noch nie so wenig im Griff, wie heute, weil ich noch nie so viele Aufgaben und Termine hatte und dabei so oft so müde war. Das Leben mit Kindern ist eben manchmal anstrengend, aber es ist schön. Immer. Also genießen wir es. JETZT.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

19 Kommentare

  1. Wie wahr! Das sollte man sich bei aller Anstrengung immer wieder in Erinnerung rufen: Diese Zeit jetzt fliegt vorbei und irgendwann werden wir sie vielleicht schmerzlich vermissen. sehr schön hast du das geschrieben. liebe grüße, sina

  2. Ich sitze abends total erschöpft auf dem Sofa, dem dritten Tag mit zwei kranken Kindern zuhause, dem Tag, an dem sie sich vor Langeweile nur noch streiten, quengeln, wir alle einen Budenkoller kriegen und ich es furchtbar finde, dass sie jede Sekunde was von mir wollen und immer an mir hängen, mich nicht schlafen und nicht in Ruhe essen lassen. Nur mal eine Stunde raus und für mich sein! Wann werden sie denn endlich selbständiger?

    Und dann lese ich deinen Blogpost und bin so dankbar, dass ich alles aus einer anderen Perspektive sehen kann. Es kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Danke!

  3. So absolut war. Ich denke das auch täglich! Es ist wirklich so unglaublich, dass man gleichzeitig panisch schreiend weglaufen und nirgendwo anders auf der Welt sein will.

  4. Deine Worte sollten wir uns alle viel häufiger vor Augen führen.

    Mir graut es vor allem, was sich in wenigen Tagen für meinen Mann und mich verändern wird. Wenn wir nicht mehr nur uns haben, sondern ein winziges Baby als Lebensmittelpunkt, das auf uns die nächsten Jahre ganz elementar angewiesen sein wird und unser Leben bestimmen wird.
    Das ist eine beängstigende Vorstellung (und irgendwie auch keine schöne…).

    Aber wie so Vieles im Leben ist auch diese Art der Fremdbestimmung reine Einstellungssache. ich hoffe sehr, dass ich mir im Lauf der Zeit deine Einstellung aneignen und sie auch umsetzen kann.

  5. So ein schöner Text, Du hast so recht und es ist gut, sich immer daran zu erinnern, wie kostbar und wie kurz die Zeit mit den Kindern ist. Ich habe vor einigen Wochen auch dazu gebloggt, weil ich immer wieder höre „die Hälfte hast Du geschafft“ oder sogar „Du hast es ja bald hinter Dir“. Ich will nicht runterzählen, und ich will nicht in 10 Jahren denken: jetzt ist es zu spät. https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2015/10/27/ich-will-nicht-runterzaehlen

  6. Ich bin so unendlich dolle gerührt. Danke für diesen magischen Post, jedes Wort ist so wahr. ♡

  7. Toll geschrieben, so ist es auch. Lieber das Jetzt genießen anstatt in die Zukunft zu gieren. Es wird besser werden, irgendwann sind wir Glucken und wollen nicht das die Kinder ausziehen 😉

  8. Das muss ich etwas weinen, toll und so wahr!
    Danke dir du machst es genau richtig!!!!

  9. Danke für diesen schönen Beitrag. Ab und zu muss man sich wirklich bewusst machen, dass diese Zeit vorbei geht und man sie am besten in vollen Zügen genießen sollte. Jede Zeit hat einfach etwas für sich. Später genießen wir dann eben die Freiheiten und heute, dass unsere Kinder uns so sehr brauchen und wir so viel Nähe und Kuscheleinheiten bekommen.

  10. Michaela

    Vielen lieben Dank für deine Worte.
    Ich habe gerade recht schwierige Nächte hinter mir, weil ich zum einen krank war und zum anderen mein 10 Monate alter Sohn seeeeehr oft meine Nähe in der Nacht braucht, sodass an Schlaf nicht zu denken ist. Ich freu mich schon auf die Zeit, wenn er größer ist….
    Aber kommt diese Zeit nicht doch zu schnell?
    Ich habe gerade ein paar Tränen im Knopfloch und lausche ganz verliebt meinem Sohn, der gerade mit meinem Mann spielt.

    Ganz liebe Grüße von einer stillen und begeisterten Leserin deiner Seite

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