Dankbar

Draußen wurde es schon hell und das erste Licht das durch die Rolläden drang, tauchte das Schlafzimmer in ein ungewohntes Licht. Während ich meine schlafenden Kinder beobachtete fand ich dass das Licht perfekt zu meiner Stimmung passte: Noch nicht ganz hell, aber längst nicht mehr dunkel.

Ich hatte ein paar sorgenvolle Tage hinter mir. Bei einem meiner Söhne war der Verdacht einer Krankheit aufgekommen und da diese Krankheit in ihrer schlimmsten Ausprägung in meiner Familie vorkommt, war ich krank vor Sorge gewesen.
Ja, ich weiß jetzt, was krank vor Sorge bedeutet. Ich habe kaum geschlafen und essen konnte ich schon gar nichts. Ich bekam erst Bauchkrämpfe, dann Durchfall und nach 2 Tagen lief ich wie ein Schatten meiner selbst durch die Gegend.

Nie zuvor habe ich mir solche Sorgen gemacht. Es ging nicht um eine lebensbedrohliche Krankheit und es hätte auch ganz harmlos sein können, aber es ging um mein Kind. Ich dachte an all die Eltern, die noch viel schlimmere Diagnosen verkraften müssen. Ich schämte mich fast ein bißchen, aber es half ja nichts: Mit meinem Kind war etwas nicht in Ordnung und ich machte mir Sorgen.

Nachts lag ich im Bett und konnte es kaum ertragen, so hilflos zu sein. Ich wollte, dass das, was wir da entdeckt hatten, wegging, aber ich konnte nichts tun.

Vier Tage mussten wir warten, bis wir Gewissheit hatten. Weil ich es nicht aushielt, mich alleine zu quälen, und weil der Mann die meiste Zeit nicht zu Hause war, heulte ich mich bei meinen Eltern aus. Es tat mir so Leid, auch sie in Sorge zu versetzen, aber durch Ihre Unterstützung, verlor das Schreckgespenst zumindest ein bißchen seine Größe.

Mein Vater begleitete uns zum Arzt, meine Mutter blieb mit dem anderen Kind zu Hause- das war eine riesige Unterstützung. Und endlich wurden wir alle erlöst. Der Befund ist zwar da, aber die Ursache ist eine harmlose. Alles wird gut.

Ich kann gar nicht beschreiben, welche Last von meinen Schultern fiel. In den letzten Minuten im Wartezimmer hatte sich die Anspannung in mir noch einmal zu einem riesigen Berg aufgetürmt. Dabei vor dem Kind weiterhin Unbekümmertheit auszustrahlen hat mir alle Kraft geraubt. Nach der Diagnose hätte ich am liebsten vor Erleichterung geweint, aber ich musste mich weiterhin zusammenreißen.

Am nächsten Tag spürte ich, dass die Anspannung nur langsam von mir abfiel. Ich hatte befürchtet, mein Kind würde nicht mehr dasselbe sein, sein Leben würde sich ändern müssen und damit auch meines. Ich bin jeden Tag dankbar für all das Glück, das ich in meinem Leben habe und bin mir immer darüber im Klaren, was für ein Geschenk das ist, aber nachdem ich ein paar Tage lang befürchten musste, ich würde nun nicht mehr so sorglos leben können, kam mir alles plötzlich so zerbrechlich vor. Ich musste erst langsam wieder zu meiner Sicherheit und innerem Gleichgewicht zurückfinden.

Bis zum Nachmittag hatte sich die bedrückte Angespanntheit in eine riesige Freude verwandelt, aber ich fühlte mich noch immer unter Adrenalin. Ich holte die Kinder aus der Kita und fuhr mit ihnen zum Einkaufen. In der Spielzeugabteilung durften sie sich eine Kleinigkeit aussuchen und ich ließ sie stundenlang jedes Spielzeug anfassen und in aller Ruhe ihre Wahl treffen. Später aßen wir ein großes Eis. Ich wollte es einfach nur schön haben mit meinen Söhnen.

Am nächsten Morgen wachte ich als erste auf. Die Kinder waren beide in unserem Bett gelandet. Draußen wurde es schon hell und das erste Licht das durch die Rolläden drang, tauchte das Schlafzimmer in ein ungewohntes Licht. Während ich meine schlafenden Kinder beobachtete, wurde es draußen immer heller.

Es war Wochenende. „Heute machen wir wieder etwas ganz Schönes“, beschloss ich und fühlte mich zum ersten Mal seit Tagen wieder entspannt.

Man weiß nie, was morgen kommt. Aber wir wissen, was wir heute haben. Ich bin dankbar dafür.

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Mamablog Mama Mia

 

15 Gedanken zu “Dankbar

  1. Liebe Mia,

    ein Glück! Das waren bestimmt eine der schlimmsten Tage deines Lebens..Dieses Warten auf die Gewissheit.. Ich kenne das, bei meinem kleinen Sohn warten wir seit einem Jahr (!) auf eine Diagnose. Als ein paar schreckliche Krankheiten auszuschließen waren, da war ich auch ganz erleichtert! Ich kann Dir sehr gut nachfühlen.
    Plötzlich wird alles andere egal und es reduziert sich auf das wichtigste: dieses Leben, dieses Kind!

    Alles Liebe für Dich und Deiner Familie von einer aus der gleichen Stadt 😉

  2. Es freut mich sehr für euch, dass es ein gutes Ende nimmt. Angst und Sorge können so mächtig sein. Ich fühle mit dir. Bei meinem Sohn stand auch eine Verdachtsdiagnose imm Raum – mit dieser Krankheit wäre er nicht älter als ein junger Mann geworden. Sie bstätigte sich nicht – es gab eine andere Diagnose. Dies ist nicht schön, aber er kann damit leben. Ich bin unendlich dankbar.

  3. Wenn eine Frohnatur wie Du so betrübt ist, hast du sicherlich einige furchtbare Tage und Stunden hinter Dir. Umso erlösender die guten Nachrichten! Eines meiner Kinder hatte sich einst einen Wirbelsäulenbruch zugezogen und 3 Monate bangten wir darum, dass alles gut wird. Ich kann nicht mit Worten beschreiben wie sehr wir seitdem schon Kleinigkeiten vielmehr geniessen können.

    Ich wünsche euch alles Gute weiterhin!

  4. Es freut mich sehr für Euch, dass eure Zitterpartie ein glückliches Ende genommen hat. Ich habe schon ähnlich durchgestanden und kann das gut nachfühlen.

    Solche Erlebnisse zeigen, was im Leben wirklich zählt und wichtig ist.
    Man schätzt seinen Alltag wieder und findet ihn auf einmal gar nicht mehr so stressig und aufreibend, sondern einfach schön.

    Liebe Grüße

  5. Zum Glück habt ihr eine gute Diagnose bekommen. Das freut mich so sehr für Euch, für Euren Sohn.
    Ich kann dich sehr gut verstehen. Wir bekamen letztes Jahr eine Diagnose bei unserem Großen die unser Leben, aber vor allem das Leben unseres Kindes, veränderte.
    Die Angst ist seitdem ein ständiger Begleiter, aber wir machen es uns schön. Immer wieder.
    Erholt Euch gut und kommt zur Ruhe. Genießt das Miteinander.

    Alles Liebe für Euch.

  6. Liebe Mia,

    ich weiß so genau was Du da meinst. Das war gerade ein Flashback beim lesen. Wir haben vor 5 Jahren, als unser Sohn 6 Jahre alt war, nach dem duschen beim eincremen einen erbsengroßen Gnubbel unter der Haut auf einer Rippe entdeckt. Dann 4-Augen-Prinzip und ganz ruhig und lächelnd beschließen dass wir da mal jemanden draufgucken lassen.
    Innerlich Herzrasen und Magendruck und Kopfkino… Es folgten zig Besuche bei verschiedenen Ärzten. Die Begriffe gut – und bösartig, Tumor, Geschwür fielen oft und überhaupt der Blick der Ärzte war teilweise wirklich nicht sehr mutmachend. Die Größe war inzwischen fast haselnussartig und es war deutlich zu sehen.

    In dieser Zeit haben wir am Tag viel gelacht und Spaß und Freude verbreitet. Nur nicht ängstlich gucken. Wir waren auch viel zu nachgiebig und haben kaum erzogen… Ich hatte solche Angst dass es etwas schlimmes ist und er sterben könnte. Ich wollte dass jeder Tag schön ist und unbeschwert für ihn.

    Er hat viele Fragen gestellt und an seiner Stimme haben wir gemerkt, dass er auch unsicher war und sich sorgte. 🙁
    Abends wenn er im Bett war fiel dann das Kartenhaus bei uns und alles kam raus. Ich habe jeden Abend geweint und war ein nervliches Wrack. Alle Energie ging in den Alltag und das überspielen. Mein Partner war mein Fels und wir haben manchmal nur still in den Armen gelegen.

    Am Ende dann ein schneller MRT-Termin und ein Gewebetest. Verdacht auf einen speziellen bösartigen Knochenkrebs. Das alles in einem Klinikum für Krebskranke Kinder. Was wir da an Leid und Trauer gesehen haben… Babys mit riesigen Narben am Schädel etc.. in den Ecken weinende Eltern.

    4 Ärzte haben sich dann gemeinsam beraten und die Ergebnisse besprochen. Währenddessen sind wir 1h durch den Klinikgarten spaziert.
    Dann das Ergebnis „gutartig“! Sie waren sich einig. Oh wir waren so erleichtert. Ich heule schon wieder..

    Es folgte etwas später eine OP in dem Klinikum. Sie haben das Gewächs entfernt und dabei auch noch seine Brücken (Verwachsungen) zwischen den Rippen entfernt (mit einer Säge…). Er hat alles komplikationslos überstanden und es erinnert nur noch eine kleine schöne Narbe an diese Zeit.
    Kurz danach wurde er eingeschult und wir waren nur noch glücklich!

    Eins haben mich diese Wochen gelehrt – geniesse jeden Tag!

  7. Ich kann auch sehr gut verstehen, wie erleichtert Du bist. Sich ernsthaft um sein Kind sorgen zu müssen, ist wohl mit das Schlimmste, was es gibt. Unser kleiner ist nun 8 Monate alt und hatte eine Pylorusstenose, die ersten vier Monate waren furchtbar, er hat nur gespuckt und ist nicht gewachsen bis die erlösende Diagnose und die OP kam. Ich habe mir da auch immer gesagt, dass wir im Prinzip noch Glück haben und es schlimmere Diagnosen gibt. Aber es war trotzdem unfassbar schrecklich und Leid kann man eben nicht vergleichen.
    Alles Liebe,
    Anne

  8. Liebe Mia,

    es freut mich, dass ihr eine gute Diagnose erhalten habt. Ich kann gut nachvollziehen, wie du dich gefühlt hast. Ich war auch schon mal „krank vor Sorge“. Wir lieben unsere Kinder einfach zu sehr.

    LG,
    Sunev

  9. Ich kenne das Gefühl, welches Du beschrieben hast. Nach unserem aller ersten Kinderarztbesuch mussten wir zum Kardiologen – verdacht, dass irgendetwas mit dem Herzen nicht stimmen könnte. Die Angst war riesig, dabei hat alles ein gutes Ende genommen. Sobald man Mutter wird, hat man um sein Kind mehr Angst als um sich selbst – ein schreckliches und zugleich wundervolles Gefühl.

  10. Oh Mann, liebe Mia! Wie schön, dass alles gut ausgegangen ist! So fühlen, kann nur eine Mami glaube ich. Ich habe hier auch schon einmal super unbegründet eine große Sorge gehabt und konnte an nichts anderes mehr denken und alles andere hat irgendwie gar nicht mehr stattgefunden…

    Liebe Grüße
    Jana

  11. Schön, dass sich alles zum Guten gewendet hat.
    Es ist traurig, dass uns oft erst bewusst wird, welches unsagbare Glück wir haben, wenn dieses Glück bedroht ist oder uns im schlimmsten Fall bereits genommen wurde.

    Ich finde es sehr schwer im Alltag den Blick für das „kleine Glück“ zu behalten und nicht von den kleinen Rückschlägen des Alltags aufgefressen zu werden.

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