Ich kann meine eigene Stimme nicht mehr hören

Manchmal finde ich es schade, dass Ihr die Geschichten, die ich Euch erzähle nur lesen könnt. Es wäre viel schöner, wenn Ihr meine Stimme hören könntet, denn dann könntet Ihr mein Schmunzeln in der Stimme an der richtigen Stelle hören, oder mein Lachen oder wie meine Stimme ein Weinen unterdrücken muss. Heute bin ich allerdings froh, dass ich Euch meine Geschichte nur aufschreibe und ihr meine Stimme nicht hören könnt. Denn heute kann ich meine  Stimme selber nicht mehr hören.

Es gibt diese Tage, an denen ich abends meine eigene Stimme nicht mehr hören kann. Wenn es im Haus endlich ruhig geworden ist und ich zum ersten Mal durchatmen kann, dann fühle ich mich unwohl in meiner Mutter-Haut. Ich weiß an diesen Abenden, dass ich unfair zu meinen Kindern war. Ich habe viel zu viel geschimpft. Wenn es ganz schlimm war, war ich sogar in der „Schimpf-Schleife“.

Die „Schimpf-Schleife“ ist ein schrecklicher Zustand, in dem man gar nicht mehr nachdenkt, nicht mehr zuhört und manchmal nicht einmal mehr aufschaut, sondern einfach nur schimpft. „Mama…“ „Ooor, Maxi, verdammt, ich brauche jetzt mal fünf Minuten Ruhe…!“.

Aufgefallen ist es mir zuerst bei anderen Müttern. Ich habe gehört, wie sie den Namen ihres Kindes ganz genervt und ganz langezogen gesagt haben, obwohl das Kind gar nichts gemacht hat. „Luuu-iiiis!“ Ich dachte: „Hä? Warum sagt die das jetzt? Warum sagt die das jetzt SO? Die hat gar nicht von ihrem Handy aufgeschaut und das Kind hat gar nichts gemacht. Warum bitte ist die jetzt so genervt?“

Inzwischen verstehe ich, woher das kommt. Bei mir sind solche Tage meistens schon morgens verkorkst. Die Nacht war unruhig und ich bin schon beim Aufstehen müde. Wir haben kein Brot mehr im Haus und müssen für die Kinder unterwegs beim Bäcker anhalten. Deshalb sind wir spät dran. Ich komme zu spät zum ersten Termin und hetzte dem Tag von da an nur hinterher. Vielleicht ärgere ich mich über mich selber oder über einen Kollegen. Wenn ich die Kinder aus der Kita hole, wollen die nicht nach Hause und während ich ein Kind einfange, habe ich das andere schon wieder verloren. Zu Hause sind nur Rechnungen im Briefkasten. Ich muss noch ganz dringend eine Mail schreiben, aber die Kinder reißen sich die Köpfe ab, sobald ich ihnen den Rücken zudrehe. Ich bitte sie um fünf Minuten Ruhe. Fünf Minuten, in denen sie alleine in ihrem Zimmer spielen. Sie wollen nicht. Und dann fange ich an zu schimpfen.

Mein Nervenkostüm, das den ganzen Tag dünn war, bekommt einen Riss. Ich schimpfe wieder, weil ich diese fünf Minuten Ruhe jetzt unbedingt haben will und die Kinder mir im Weg stehen. Langsam gerate ich in die Schimpf-Schleife.

Schimpfen

Am Abend, wenn sie eingeschlafen sind, sitze ich neben ihren Betten und schaue sie an. Minis Hand lässt langsam meine Hand los, der Maxi schnauft schon ganz tief und sie sehen aus wie die süßesten Engel. Und mir tut es Leid. Ich gehe ins Wohnzimmer, und da sitze ich dann, noch immer ein bißchen bockig, aber mit schlechtem Gewissen bis in die Haarspitzen. Ich weiß, dass ich unfair war, ich weiß, dass ich heute eine blöde Mama war und ich fühle mich schrecklich.

Ihr braucht mir nicht zu erklären, dass ich es mir viel leichter hätte machen können, indem ich einfach mal tief Luft geholt hätte. Ich hätte mich nur für einen Moment auf die Kinder einlassen müssen, anstatt unbedingt zu versuchen, ihnen zu entkommen. Es ist doch ganz einfach, ein Spiel anzuschieben. Rollenspiele gehen eigentlich immer. Nach ein paar Minuten hätte ich mich leise zurückziehen können und sie hätten es nicht einmal gemerkt. Ja, das weiß ich selber! Manchmal bin ich aber nicht so klug.

Manchmal bin ich so dünnhäutig, dass ich mich leider nicht sehr erwachsen benehmen kann. Ich WILL mich  dann gar nicht erwachsen benehmen. Hin und wieder habe ich Tage, an denen muss meine schlechte Laune einfach raus und ich bin nicht in der Lage, meine Bedürfnisse hintenanzustellen.

Wenn sie dann schlafend in ihren Betten liegen, brauche ich sie nur anzusehen und weiß sofort, wie unfair ich war. Meine Kinder sind an diesen Tagen zufällig das schwächste Glied in der Kette und bekommen meinen ganzen Frust ab, weil das ja viel einfacher ist, als sich mit Kollegen oder anderen erwachsenen Menschen anzulegen, die den Ärger eigentlich verursacht und damit viel eher verdient haben.

Ich gestehe mir inzwischen solche Tage zu. Ich bin von Anfang an einen sehr bedürfnisorientierten Weg gegangen. Je größer meine Kinder werden, umso mehr erlaube ich mir aber, meine eigenen Bedürfnisse in Konkurrenz zu denen meiner Kinder stehen zu lassen. Ja, manchmal braucht Mama einen Moment für sich. Ein Fünfjähriger kann das verkraften. Nur wenn ich an schlechten Tagen auch mal eine ganz und gar unperfekte Mama sein darf, kann ich glücklich und im Einklang mit meiner Familie leben.

An Tagen wie heute hadere ich trotzdem schrecklich mit mir, weil ich in der Schimpf-Falle die Verbindung zu meinen Kindern für eine Weile verloren habe. Ich habe sie nur noch als Lärmquellen wahrgenommen, weil ich mich abgeschottet habe, anstatt mich ihnen zuzuwenden. Das war ein bißchen mehr, als bloß eigene Bedürfnisse wahrnehmen. Ich habe ziemlich wahllos durch die Gegend geschimpft und kann jetzt meine eigene Stimme nicht mehr hören.

Es gibt solche Tage. Die sind doof. Aber morgen ist ja ein neuer Tag. Und als Allererstes werde ich etwas Nettes zu meinen Söhnen sagen. Es könnte allerdings sein, dass die mal wieder in der Motz-Falle stecken. Das hätte ich dann wohl verdient.

Mamablog Mama Mia

 

15 Kommentare

  1. Tolle und ehrliche Worte! Genauso habe ich mich letzte Woche auch gefühlt und mir dann vorgenommen, es am nächsten Tag besser zu machen.
    Und es hat geklappt! Alles war wieder viel entspannter.
    Aber ich denke, Mamas sind auch nur Menschen und blöde Tage passieren nun mal!
    Ganz liebe Grüße, Denise.

  2. Liebe Mia,

    ja, solche Tage kenne ich auch, leider. Seltsam finde ich ja, dass man manchmal merkt, dass das eigene Verhalten nicht gut ist und es in diesem Moment doch nicht ändern kann.

    Aber wie Du geschrieben hast, morgen ist ein neuer Tag mit unendlich vielen Gelegenheiten es besser zu machen.

    Und das Schöne an Kindern ist, dass sie überhaupt nicht nachtragend sind.

    Liebe Grüße,

    Nicole

  3. Liebe Mia,
    Du sprichst mir aus der Seele – besonders heute war ich äußerst unfair zu meiner großen bald vier jährigen Tochter. Ihr kleiner 7 Monate alter Bruder (liebevoll nennen wir ihn auch Nacht-Terror- Baby) lässt mich aber einfach nicht schlafen und ich gehe auf dem Zahnfleisch. Und die arme Maus hat es abbekommen. Alles manchmal gar nicht so einfach. Liebe Grüße, Anne

    • Oh ja, ich weiß wie das ist! Den Mini nannten wir damals immer den „All-Nighter“! Aber Kopf hoch: Das geht vorbei. Ich kann mich fast gar nicht mehr daran erinnern, wie anstrengend es mal war. Es ist natürlich noch immer kein Wellness-Urlaub, aber wir haben doch jetzt sehr viele Freiheiten. Und Schlaf! Schlaf! Liebe Grüße. Mia

      • Danke für deine hoffnung spendenden Worte! Ich habe auch die älteren Beiträge in deinem Blog gelesen. Das ist schon verrückt, dass die eigenen Kinder so unterschiedlich sein können. Marlene hat nach 10 Wochen so gut wie durchgeschlafen. Ich ärgere mich, dass ich das damals nicht mehr zu schätzen gewusst habe….Gestern habe ich mir aus Verzweiflung Jedes Kind kann schlafen lernen gekauft-Projekt wurde abends nach 20 min bitterlich weinendem Sohn abgebrochen. Ich habe die Strategie jetzt leicht geändert und der kleine schläft bei mir im bett;) ich bringe das nicht übers Herz.
        Danke für deinen tollen Blog, ich lese den wirklich gerne, Liebe grüße, Anne

      • Ich gestehe mir diese Tage auch zu und fühle mich ebenso schlecht danach. Bei uns war auch der Anfang mit dem Großen extrem anstrengend, was sich gut an der Wahl des internen Spitznamens ablesen lässt: Er war unser „Schlafnazi“. Natürlich geht das gar nicht, aber auch das war eine Möglichkeit, ein bisschen Dampf abzulassen…

  4. TOLL! Habe gestern den Bericht von eurem schönen Wochenende gelesen und heimlich gedacht: ob sie wohl auch manchmal so Tage hat wie ich, wo nix rund läuft und man mit den Kindern ätzend ist?
    Das ist sehr menschlich und sehr normal. Und das Gefühl danach kenne ich gut. Aber meine Freundin sagt: Die Kinder werden sicher kein Fall für den Psychiater, weil du mal was falsch machst, schon eher, wenn sie eine Mutter haben, die alles perfekt machen will.

  5. Canzonetta

    Ein toller Bericht, der mir aus der Seele spricht. An solchen Tagen nenne ich mich selbst Motzmoni. Am schlimmsten finde ich dann die ewig klugen Kommentare wie „Nimm Dir das dich nicht so zu Herzen“ oder – noch beliebter – „Du musst einfach lockerer werden“. Dann werde ich sauer und finde es ungerecht, dass immer ich mich ändern und auf andere Rücksicht nehmen muss. Du triffst den Nagel auf den Kopf: Man ist nunmal nicht perfekt und darf auch schlechte Tage haben. Das Wichtige ist, dass die guten Tage überwiegen und dass man im Nachhinein erkennt, dass man ungerecht war. Danke, dass Du das für uns aufgeschrieben hast!

  6. Vielen Dank für diesen ehrlichen und schonungslosen Beitrag! Er hat mich sehr berührt, da es mir oft genauso geht. Manchmal sind die eigenen Nerven zum zerreißen gespannt und das kleinste i-tüpfelchen reicht aus um in die Schimpf-Schleife zu gelangen und man weiß selbst das es falsch ist oder das man überreagiert, aber man kann es nicht zwingend in dem Moment ändern, weil man eben auch nur ein Mensch ist. Und manchmal kommen dann halt zu viele Sachen auf einmal zusammen. Wir Eltern sind auch nur Menschen und wir machen auch Fehler. Und am nächsten Tag…da machen wir es wieder besser.
    Und wie du so schön schreibst…immerhin sind die Kinder auch manchmal in ihrer „Motz-Falle“ gefangen, ob sie wollen oder nicht. Da wird gequengelt was das Zeug hält und jede Aufforderung bekommt erst einmal ein laut gebrülltes NEIN zur Antwort. Also … wir Eltern haben es auch nicht immer einfacher 😉

    Liebe Grüße

  7. Anna Philippa

    So ähnliche Gedanken hatte ich in den letzten Tagen auch immer wieder. Sicher, bei mir ist es eine ganz andere Situation – nur 1 Kind, das erst knapp 1 Jahr alt ist, das aber seit Mitte November Nachts zu einem kleinen Terroristen mutiert & von dem ich derzeit jeden Morgen ca. 30 Minuten mehr oder weniger ununterbrochen angeschrien werde (wickeln doof, Zähneputzen doof, anziehen doof, im Kiwa sitzen doof,…..).
    Dabei bin ich selber ein absoluter Morgenmuffel und wenn der Tag da so schon anfängt, ich vollkommen abgehetzt und trotzdem – natürlich – viel zu spät ins Ref komme… puuuh, ich sags‘ mal so: plötzlich verstehe ich, was meine Mutter meinte, als sie sagte: „Ihr kostet mich bestimmt 5 Jahre meines Lebens.“

    Liebe Grüße & danke für den schönen Artikel,
    Anna Philippa

  8. Liebe Mia,
    ich lese ca. 6 Monate deinen Blog und in letzter Zeit gefällt er mir immer besser. Weil ich mich mehr und mehr in ihm wiederfinde. Ich habe zwei Söhne (7 und 5 Jahre alt), und wir sind schon durch viele Phasen gegangen. Und manchmal hat halt auch Mama eine Phase: die „Schimpf-Phase“, die „Ich bin an meiner Grenze-Phase“ (besonders schön das Echo des 7-jährigen am nächsten Morgen: „Mama, du hast jetzt echt meine Grenze übertreten!!“), die „Ich habe keine Kraft, euch gesundes Essen reinzuzwingen-Phase“, die „Vergiss‘ die Konsequenz, mein Tag war bescheiden genug“-Phase. Letztendlich müssen die Kinder lernen, mit Ungerechtigkeit und Willkür umzugehen. Wichtig ist meiner Meinung nach nur, sich zu entschuldigen. Ich setze mich bspw. nach einer Schimpf-Phase (wenn ich wieder bei Sinnen bin) zu den Jungs und versuche mich zu erklären. Und sie erklären mir, was mein Geschimpfe mit ihnen gemacht hat. So habe ich am Ende oft das Gefühl, dass wir uns wieder näher gekommen sind. Das klappt übrigens auch, wenn die Kinder schon schlafen. Einfach übers Köpfchen streicheln und liebe Worte sagen. Dann geht es mit gleich besser.

  9. Schöner Text ! ♥
    Auch wir Mamas sind nur Menschen mit guten und schlechten Tagen.

    Viele Grüße,

  10. Auch ich kenne diese Tage, aber daran lässt sich nur wenig ändern, leider.
    Jeder hat mal schlechte Tage, lass dich davon nicht runterziehen!

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