Das lernen die irgendwann über Nacht

„Maxi, anziehen!“, rufe ich schon zum fünften Mal in Richtung Kinderzimmer. Aber Maxi spielt noch immer im Schlafanzug ganz versunken mit einem Auto und scheint mich gar nicht zu hören.

Während ich mir die Haare föhne, rufe ich weitere drei Male aus dem Badezimmer. In meinem Haar steckt eine Bürste, die Strumpfhose hat eine Laufmasche und wenn sich das Kind jetzt nicht alleine anzieht, kommen wir zu spät. Wir haben es heute etwas eilig; die Kinder machen einen Ausflug und Maxi muss ausnahmsweise mal pünktlich in der Kita sein. Ihn kümmert das nicht. „Magschi, anschiehen!“, fordere ich ihn mit Zahnbürste im Mund erneut auf. Es hilft alles nichts.

Am Ende knie ich wie jeden Morgen vor meinem Sohn und ziehe ihn um. „Bor Mama, Deine Hände sind so kalt!“, schimpft das Kind noch und spielt dann weiter mit seinem Auto, während ich alleine mit seinem Hosenbein kämpfe.

Eigentlich kann er sich alleine anziehen. Eigentlich soll er sich alleine anziehen, weil eigentlich war es mir doch irgendwann (also früher) mal so wichtig, dass meine Kinder selbständig werden und deswegen wollte ich auf gar keinen Fall Dinge für sie erledigen, die sie längst alleine machen könnten. Eigentlich.

Aber dann kommt uns immer die Uhr dazwischen und so langsam beschleicht mich die Sorge, dass ich meinen Sohn mit 12 noch anziehen werde. Das darf nicht sein!

Ich muss dringend handeln, soviel steht fest. Da fällt mir das Programm vom Haus der Familie in die Hände. Stimmt, die haben ja auch viele Kurse für Kinder. Ich schlage die Seiten mit den Familienangeboten auf und gehe mit dem Finger die Kursnummern ab: FA3879: Pekip, FA3880: Mini-Musikmäuse. Bei FA3885: Turnen für Kindergartenkinder ist Schluss. Was ist denn das für eine Planung? Es gibt 4 verschiedene Pekip Kurse, aber niemand bringt meinem Kind bei, wie es sich anzieht? So´n bisschen auf der Decke rumstrampeln ist doch einfach, aber wenn es schwierig wird, ist man mal wieder auf sich alleine gestellt! Wo ist Kurs Nummer FA3886 „Selbständig anziehen“? Wo?

Ich nehme mir sofort vor, eine Elterninitiative zu gründen, in dem Kurse für Kinder ab vier Jahren angeboten werden. Bis es so weit ist, werde ich einfach den Wecker auf 15 Minuten früher stellen müssen.

Am nächsten Morgen quäle ich mich also früher als sonst aus dem Bett. Schlaftrunken stehe ich unter der Dusche, im Halbschlaf putze ich mir die Zähne. Dann gehe ich in Maxis Zimmer: „Maxi, Anziehen!“, sage ich gewohnheitsmäßig und will gerade anfangen, ihm den Schlafanzug auszuziehen, da sehe ich, dass er bereits angezogen ist.

Mein Sohn. Steht da im Hemd. Perfekt zugeknöpft, mit passender Hose und frischen Socken.
Vermutlich ist in der Nacht jemand vom Haus der Familie vorbei gekommen, hat sich auf Maxis Bettkante gesetzt und mit ihm in nur einer Nacht den kompletten Stoff des Kurses FA3886 durchgepaukt. Jetzt verstehe ich! Das ist ein Geheimkurs, nur für die Kinder. Wenn die Zeit reif ist, kommt einer vorbei.

So machen die das also. Ich lehne mich zurück und freue mich auf die noch kommenden nächtlichen Unterrichtseinheiten FA3887: „Schuhe zubinden leicht gemacht“, FA3888 „Fröhlich Zähneputzen“ und FA3889: „Jacken und Mützen“ selbständig aufhängen. Letzterer ist bestimmt ziemlich ausgebucht, jedenfalls scheinen die Kinder lange darauf warten zu müssen.

Ab eines Tages werden meine Söhne auch das lernen. Quasi über Nacht.

Mamablog Mama Mia

 

 

8 Gedanken zu “Das lernen die irgendwann über Nacht

  1. Hier auch beim 4jährigen…
    Nur leider hat sich der Kleine (2 1/2) nun versehentlich auch in Kurs FAxxx eingeschrieben und sprengt jegliche morgentlicbe Pünktlichkeitsbestrehbungen mit einem „Nei – Clemens selba“…

  2. Ach so geht das?!

    Die haben aber anscheinend meinen 3 1/2 jährigen beim Kurs „Windeln sind voll uncool!“ vergessen. Ob ich da mal anrufen soll? 😛

  3. Eigentlich wäre ja der Kurs “konsequentes Handeln“ für Erwachsene gefragt. (-: Maxi scheint ja gelernt zu haben, dass man nicht auf Mama hören muss, die sagt es ja noch 1000 Mal.
    Dennoch unterhaltsam zu lesen.

    Schöne Feiertage,

    Britta

  4. Genauso ist das bei uns auch immer. Ich fände es toll, wenn er es selbst machen würde, aber am Ende mache ich es doch. Und dann habe ich lange darüber nachgedacht und überlegt, warum es mir so wichtig ist, dass er das alleine macht. Und festgestellt, dass es gar nicht wichtig ist. Wenn er so weit ist, dann wird er es schon machen. Er wird aber auch erst nächstes Jahr 4. Wir haben noch Zeit 😉
    LG Steffi

  5. Oh ja, das kenne ich. Es ist bei uns zwar noch nicht das komplette Anziehen, aber in vielen kleinen anderen Dingen erkenne ich mich wieder.
    Der eigene Anspruch ist immer wieder: andere machen das, mein „Baby“ muss das doch auch können (Beispiel: ohne Windel sein UND VOR ALLEM Bescheid geben!!!, Farben erkennen, ausziehen, Durchschlafen, Aufräumen, wenn ICH es will)
    und dann ertappt man sich selber bei diesem unsinnigen Wettbewerb. Und dann windel ich mein „Baby“ immernoch auf dem Wickeltisch und freue mich, wenn er liegen bleibt und es geschehen lässt. Erwachsen wird er noch so früh und er muss erstmal gar nichts (außer vllt nicht ständig den Steinbock raushängen lassen!). Das hat er mir kürzlich bei der U7 gezeigt. Da wurde weder gebaut noch Fußball gespielt und scheinbar aus Prinzip alle Bilder im Buch falsch benannt (Erzählen kann er wie ein Weltmeister) und die Sätze, die mittlerweile schon aus drei Worten bestehen und auf die Mami so stolz ist, wurden durch „Nee“ ausgetauscht.

    Irgendwann wird er alles lernen – QUASI ÜBER NACHT!
    Und dann wünsche ich mir die Zeit zurück in der ich ihn wiegen und tragen könnte, er immer zu mir gerannt kam, weil er Angst vor den Wassertropfen am Fenster hatte,… <3

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