Du brauchst mich- und ich brauche Dich!

Zu der Zeit, als mein Kinderwunsch, der immer schon da gewesen war, in mir langsam aber sicher lauter wurde, habe ich oft Mütter mit ihren kleinen Kindern angesehen und gedacht, wie wunderschön es sein muss, so sehr gebraucht zu werden.

Eines Tages, so dachte ich bei mir, möchte ich auch für jemanden der Mensch sein, der alles wieder gut machen kann. Ich werde der Mensch sein, zu dem ein Kind gelaufen kommt, wenn es weint. Ich werde der sichere Hafen sein, an den sich mein Kind ankuschelt, weil es müde ist, weil es Angst hat oder weil es sich verletzt hat. Oder weil es einfach nur im Arm gehalten werden will.

Und der Tag kam, an dem sich diese Sehnsucht erfüllte. Natürlich war ich überglücklich. Ich war verrückt nach meinem Baby, verliebt bis über beide Ohren und ich hielt es, verbrachte Stunden und Tage damit, ein kleines Wunder anzusehen und war durch all die Müdigkeit und die Erschöpfung eine glückliche junge Mutter.

Es dauerte nicht lange, da keimte eine neue Sehnsucht in mir auf: Ach, wäre das schön, wieder ein bißchen mehr Zeit nur für mich zu haben! Nachdem ich noch ein zweites Wunder auf die Welt gebracht hatte, und täglich von früh bis spät und auch in der Nacht gebraucht wurde, wurde mir klar, dass dieses Gebraucht-Werden doch furchtbar anstrengend war.

Mehrere Jahre lang schleppte ich Kinder und deren Zeug durch die Gegend, bis mein Rücken sich anfühlte, als sei ich mindestens 100 Jahre alt. Ich erledigte alles mit einer Hand, und hielt mit der anderen ständig ein Kind auf meiner Hüfte fest. Ich wusch täglich Berge von Wäsche, wickelte, kochte, fütterte, fuhr die Kinder durch die Stadt und kaum war ich abends erschöpft eingeschlafen, wurde ich von einem der Kinder auf 30 Zentimeter Matratze verdrängt, wo ich ein paar Stunden kauerte, bis ich aufstehen und den Kindern ihr Frühstück zubereiten durfte.

Ich beobachtete jetzt nicht mehr die Mütter mit den kleinen Kindern, dafür hatten es mir die Mütter größerer Kinder angetan. Wie unsere Nachbarin alleine das Haus verlässt! Beneidenswert! Eines Tages würde auch ich mich wieder frei bewegen können, eines Tages wenn ich nicht mehr so sehr gebraucht werden würde.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag wachte ich gegen 3:30 Uhr auf. Kein Kind lag neben mir. Ich ging ins Bad und als ich am Kinderzimmer vorbeiging, stand dort die Tür offen. Die Rolläden waren nicht heruntergelassen und das Licht der Straßenlaterne fiel auf die Betten meiner Söhne. Sie waren leer. Die Kinder waren verschwunden und das war gruselig, obwohl ich sie eigenhändig hatte verschwinden lassen.

Der Mann und ich hatten die Jungs schon am Samstagmorgen zu meinen Eltern gebracht, damit wir am Abend auf eine Geburtstagsfeier gehen konnten. Wir fühlten uns irgendwie sehr erwachsen, als wir ohne unsere Söhne nach Hause fuhren. Beim Einkaufen sagte der Mann alle Dinge zu mir, die er sonst zu den Söhnen sagt:
„Du darfst dir schon eine Brezel holen gehen.“
„Bleibst Du bitte bei mir?“
„Du kannst hinter der Kasse warten aber bitte nicht rauslaufen!“
„Vorsichtig, hier fahren Autos!“

Wir lachten und hatten wirklich Spaß dabei, aber es fühlte sich auch merkwürdig an. Als die Jungs plötzlich verschwunden waren, stellten wir fest, wie sehr alle unsere Alltagshandlungen mit den Kindern verbunden sind und auch wenn wir sie in den paar Stunden nicht allzu sehr vermissten, fehlten sie uns doch bei jedem Schritt.

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Als der Mini am nächsten Abend wieder zu Hause neben mir im Bett lag, mit seinen kleinen Fäustchen neben dem Kopf und dem pulsierenden Schnuller in seinem Gesichtchen, da sah ich ihn wieder an, wie ich es im Laufe der letzten Jahre immer seltener getan hatte. Ich sah ihn an, wie ich ihn in seinen ersten Tagen auf dieser Welt angesehen hatte. Ich sah ihn an und freute mich wieder darüber, dass ich so sehr gebraucht werde, auch in der Nacht.

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Bald, dachte ich, wird es immer öfter so sein, dass ich Zeit für mich habe, während meine Söhne irgendwo unterwegs sind, und ihr Leben ohne Mama an der Hand leben. Eines Tages werde ich sehnsüchtig an die Zeit zurück denken, in der sie sich mehrmals täglich an mich kuschelten, weil sie ihre Mama brauchten. Dann werde ich sie mehr aus der Ferne lieben müssen- zurückhaltend, beobachtend, und bestimmt werde ich sie oft vermissen.

Und da wurde mir klar, dass ich meine Kinder in Wahrheit selber mindestens genauso sehr brauche, wie sie mich.

Mamablog Mama Mia

 

23 Gedanken zu “Du brauchst mich- und ich brauche Dich!

  1. Liebe Mia, vielen Dank für diesen wunderschönen post. Du sprichst mir damit aus der Seele. Man sollte sich immer klar machen, dass diese ersten Jahre, so anstrengend sie auch sind, rasend schnell vorbei gehen und wir Mamas, wie du es so schön schreibst, irgendwann nicht mehr so sehr gebraucht werden wie jetzt.
    liebe grüße aus Berlin, sina

  2. Schöner Text, aber nicht so mein Ding. Aber ich habe meine Kinder nicht bekommen, damit mich jemand braucht. Ich bin glücklich, wenn sie mich nicht brauchen, um glücklich zu sein. Liebe Grüße!

      1. Liebe Mia, das kann schon sein, ich kapier ja auch nicht alles. Aber Du hast geschrieben:
        „…und gedacht, wie wunderschön es sein muss, so sehr gebraucht zu werden.“
        und
        „Ich sah ihn an und freute mich wieder darüber, dass ich so sehr gebraucht werde, auch in der Nacht.“
        und
        „Eines Tages werde ich sehnsüchtig an die Zeit zurück denken, in der sie sich mehrmals täglich an mich kuschelten, weil sie ihre Mama brauchten.“
        und das klingt jetzt für mich erstmal so, als ob Du es genießt, daß Deine Kinder Dich brauchen. Da ist ja auch völlig in Ordnung so! Ist halt nicht mein Täßchen Tee, ich hab ’ne andere Perpsketive auf meine Kinder. Jede wie sie mag und wie sie glücklich ist. Liebe Grüße!

        1. Ja, das finde ich auch schön, aber eher in dem Sinne, dass ich es schön finde, für sie so wichtig zu sein. So wie meine Mutter für mich immer noch so wichtig ist, obwohl ich in kleinster Weise von ihr abhängig bin oder ohne sie nicht durchs Leben komme. Es geht eher um diese besondre Art von Verbindung. Ich glaube, wir haben da eigentlich keine zwei unterschiedlichen Meinungen- aber gut, der Post war halt nicht Dein Ding 🙂

      2. Mir geht es ähnlich wie Mutterseele, auch ich konnte mich mit dem Beitrag nicht so richtig identifizieren. Das ist jetzt keine Kritik, mehr eine Beobachtung.
        Vielleicht liegt’s am Titel? „Brauchen“, da schwingt gleich so eine Abhängigkeit mit. Natürlich sind unsere Kinder so lange sie klein sind noch abhängig von uns, aber ist es wirklich das, was wir als Eltern genießen? Ich jedenfalls nicht. Vielmehr genieße ich, dass ich so eine innige Beziehung zu meinen Kindern habe und sie mir ihr absolutes Vertrauen entgegenbringen. Darauf bin ich stolz und das möchte ich erhalten. Aber einer Abhängigkeit werde ich ganz bestimmt nie nachtrauern, wenn sie dann mal aus dem Haus sind…

        1. Nein, um Abhängigkeit geht´s überhaupt nicht, im Gegenteil, ich habe schon so oft darüber geschrieben, dass ich meine Aufgabe darin sehe, meine Kinder in die Selbständigkeit zu begleiten. Vielleicht ist das Wort „brauchen“ für manche zu belegt- aber so war es wirklich nicht gemeint. Man trifft halt nicht immer den richtigen Ton für jeden 🙂 Und: Ich habe gar nichts gegen so konstruktive Kritik! Der Austausch in den Kommentaren ist das Salz in der Suppe des Blogs 🙂 Liebe Grüße
          Mia

  3. Liebe Mia,
    jetzt musste ich doch glatt ein Tränchen verdrücken… Und meine beiden Jungs, die mich so sehr brauchen in den Arm nehmen. 😉
    Danke!

    Liebe Grüße
    Anja

  4. All diese Gefühle… auch diese Zwiespältigkeit manchmal, das alles kann man sich VORHER nicht vorstellen (so ging es mir zumindest :-))…

    Sind die „Wänster“ da, wünscht man sich nur mal 5 Minuten Ruhe – und kaum sind sie weg, fühlt man sich irgendwie „Yeah“ und gleichzeitig „Schluchz“.

    Liebe Mia, Du hast Deine Gefühle ganz wunderbar und wie immer sehr persönlich geschrieben. Danke dafür 🙂

  5. Es geht mir immer genauso, wobei ich teilweise schon die tolle Freiheit habe. meine sind 7 und bald 6 Jahre alt, da kann man auch mal eben schnell was einkaufen fahren – allein. Es ist toll diese Freiheit wieder zu haben und auch die Kinder wachsen wenn man ihnen dieses Vertrauen vorstreckt alleine zu Hause zu bleiben.
    Wenn die Kinder dann mal wirklich beide nicht da sind, dann finde ich ist es echt ruhig im Haus und man denkt sofort dran wann beide denn wieder da sind. Man vermisst sich einfach doch sehr, trotz das man manchmal einfach nur seine Ruhe haben möchte.
    Ich denke es wird schneller gehen als uns lieb ist das die Kinder ihr ding machen und sich abnabeln, das fängt ja schon mit 10/12 Jahre an bishin zu auszug ….
    also genießen wir es jetzt so gut es geht.

  6. Toller Artikel! Danke. Du hast Recht. Ich bringe meinen Sohn auch sehr gerne ins Bett und bleibe bei ihm liegen, bis er eingeschlafen ist. Ich ernte hierfür im Familienkreis oft Kritik. Mir wird empföhle, das Kind alleine einschlafen zu lassen, um mehr Zeit für mich zu haben. Ich bin mir sicher, dass diese Zeit-für-mich so schnell von alleine zurück kommt, dass ich um jeden Abend, den ich nicht bei ihm im Bettchen lag, trauern werde.

  7. Sehr schön geschrieben, und soooooo wahr. Hab mich darin wieder gefunden und auch ein Tränchen verdrückt. Oft ist es schwer den Moment zu genießen, weil man einfach erschöpft ist. Glaube aber auch, dass wir irgendwann voller Wehmut an diese Zeit zurückdenken werden….

  8. Es ist ein schönes Gefühl gebraucht zu werden. Und jedes Kind benötigt für eine gesunde Entwicklung die Liebe und Zuwendung seiner Mutter (oder einer anderen Hauptbezugsperson).
    Ich verstehe den bissigen Kommentar oben nicht. Ich mag deine Texte sehr, Mia. Sie sind voller Mutterliebe zu deinen zwei Süßen ♥.

    Liebe Grüße,

  9. Schnief. Auch ich verbringe sehr gerne knuddeln und kuschelnd die Zeit mit den beiden Mäusen. Nun bin ich 5 Tage nicht daheim und vermisse sie ungemein. Das Leben als Mutter kann man einfach nicht beschreiben, man muss es erleben. Auch ich möchte eigenständige Menschen aus Ihnen machen, aber diese Zeit ist sehr besonders. 🙂
    Ich liebe Euch…..

  10. Hallo!
    Vielen Dank für deine tollen Beiträge. Lange schon lese ich still mit, aber nun wollte ich mal was zu deinen Worten schreiben, die mir im Moment so nah gehen. Auch ich spüre die Rückenschmerzen, kenne die 30 cm Schlafposition und mein Mann schläft auch öfter im Wohnzimmer als bei uns im Bett. Wenn man in so einer Phase steckt, die einen fast an den Rand der eigenen Kräfte bringt, tut es gut innezuhalten, solche Worte zu lesen und wieder Mut und Kraft zu bekommen. Danke!!!
    Und ab nun meld ich mich mal öfter 😉
    Liebe Grüße von Tanja

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