Elternpubertät

Heute Morgen wachte ich auf und war eine Mutter.

Okay, ich bin seit fast fünf Jahren Mutter, das weiß ich! Ich fange nochmal an:

Heute Morgen wachte ich auf und stellte fest, dass ich eine Mutterrolle habe. Na gut, das ist eigentlich auch nicht neu. Ich hab´s:

Heute Morgen wurde mir klar, dass ich eine ganz bestimmte Sorte Mutter bin.

Ja! So ist das! Nach fünf Jahren als Mutter lässt sich sagen, was für eine Mutter ich eigentlich bin. Die Krux ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mir so gefalle. Ich glaube, ich könnte auch noch zu einer anderen Mutter werden, noch ist es bestimmt nicht zu spät. Aber zu welcher? Hilfe, ich stecke in der Elternpubertät!

Es ist nämlich so: Im ersten Jahr, ist Elternsein einfach. Na klar, da ist der Schlafmangel, die körperliche Anstrengung und die Unsicherheit und all das, aber es gibt auch einen einfachen Leitfaden, an dem man sich orientieren kann: Beziehung aufbauen!

Es geht im ersten Jahr mit Kind hauptsächlich um die Beziehung. Wir stillen und tragen und reagieren auf das Weinen und Schreien unserer Babys mit all unserer Liebe und unserem Einfühlungsvermögen.

Eine ganze Weile bleibt das auch so. Es gibt ja noch nicht so viel zu erziehen. Man sagt vielleicht das erste Mal „Nein“ und gibt sich Mühe, dabei ein ernstes Gesicht zu machen, aber das war´s dann auch schon.

Dann wacht man eines Morgens auf und stellt fest, dass man da in etwas hineingeraten ist: In eine Mutterrolle. Und ich meine eben nicht, dass man dann plötzlich merkt: „Oh, ich bin ja Mutter“; es ist viel schlimmer: „Ich bin eine bestimmte Sorte Mutter!“

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Es passiert schleichend. Anfangs kann man ja noch viel herumprobieren. Wenn das Baby neuerdings schreit, wenn man es im Arm hält, versucht man halt mal den Flieger- Problem gelöst. Je größer die Kinder werden, umso weniger kann man herumprobieren und umso mehr muss man sich festlegen. Einem Fünfjährigen kann man schlecht heute sagen, Fernsehen ist nichts für Kinder, und ihn morgen vor eine Folge Ritter Rost setzen. Also entstehen im Lauf der Jahre Regeln, bis man feststellt: Krass! Das sind also die Spielregeln, die mein Mutter-Ich aufgestellt hat und nach der wir in dieser Familie leben.

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Nun kann man Regeln brechen und ändern, aber aus der bestimmten Mutterrolle kommt man dadurch trotzdem nicht so leicht heraus. Es geht nämlich nicht bloß um ein paar Regeln, sondern um viel mehr:

Im Laufe vieler Kita-Parkplatz-, Pekip- und Spielplatzgespräche kann man sich selber als Mutter irgendwo einordnen. Man hat sich zu den gängigen Erziehungstrends und den großen Erziehungsfragen positioniert: Wollen wir eine religiöse Erziehung? Was halten wir von veganer Ernährung für unsere Kinder? Finden wir (Früh-)Förderung gut? Sport? Musik? Es geht also um ein Gesamtbild.

Dieses Gesamtbild kreist eigentlich nicht so sehr um die Kinder, sondern hat vor allem viel mit mir zu tun. Denn meine Mutterrolle fülle ich als der ganze Mensch aus, der ich bin. Ich bin emotional, aufbrausend, ungeduldig, unordentlich, liebevoll, begeisterungsfähig, perfektionistisch, lustig, kuschelbedürftig, vergesslich. Wie könnte ich als Mutter anders sein?

Anfangs, ja, da geht das. Da reicht man seinem Baby auf der Krabbeldecke lächelnd ein Spielzeug und selbst ich, der ungeduldigste Mensch der Welt, konnte dabei die Welt um mich herum vergessen und stundenlang nichts anderes tun. Das war nicht wirklich typisch ich, das war nur ein klitzekleiner Teil von mir.

Je älter meine Kinder werden, umso mehr werde ich für sie nun nicht mehr nur Mutterfigur, sondern auch ihre Mutter, der Mensch. Dieser Mensch ist unter anderem wenig konsequent, und so werden hier eigentlich keine Grundsätze hochgehalten, sondern immer mehr einfach so gelebt, wie der Mann und ich eben leben möchten. Und genau deswegen frage ich mich plötzlich: Mache ich das eigentlich gut mit den Kindern? Ist alles im Lot? Oder habe ich mir nicht viel zu sehr erlaubt, ich selbst zu sein? Bin ich zu wenig Mutterfigur? Bin ich als Mutter ein gutes Gesamtbild?

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Von Jesper Juul (der schon wieder) und seinen Kollegen haben wir gelernt, dass wir als Eltern authentisch sein sollen. Also glaube ich daran, dass es falsch wäre, mich hinzusetzen und mir ein neues Gesamtkonzept auszudenken, das ich den Kindern ab morgen vorsetze. Ich glaube daran, dass es richtig ist, mich ihnen so zu zeigen, wie ich bin und ihnen im übrigen vor allem meine Werte vorzuleben. Allerdings: Dann werden sie am Ende so wie ich. Und ich bin nicht sicher, ob das das Beste ist, was aus ihnen werden kann.

Ich sagte ja, es fühlt sich ein bißchen an wie Pubertät. Elternpubertät. Hoffentlich auch nur so eine Phase!

Mamablog Mama Mia

 

 

 

7 Kommentare

  1. Inger von Aswege

    Hallo Mia,
    mal wieder auf den Punkt getroffen. Ich hinterfrage zur Zeit besonders die ganzen Freiheiten die ich meinen Kindern über lassen habe und nehme Sie jetzt lieber öfter an die Hand anstatt vom hin und her rennen, trödeln, Blumen betrachten und Umwege machen, auf dem Weg zum Kindergarten genervt zu sein. Oder ziehe dem Dreijährigen doch selbst schnell die Schuhe an statt es fünf mal zu sagen und letztendlich mit Konsequenzen drohen zu müssen. Ist also gerade eine Findungsphase oder wie du sagst Pubertät. Lieben Gruß Inger aus Kiel mit Bennett 3 und Mathilda 2 🙂

  2. Das hast du schön geschrieben, und ich weiß genau was du meinst.
    Solche Gedanken schwirren mir hin und wieder auch im Kopf rum.

    Ich finds super wie du/ihr das macht.
    Ich find dich absolut authentisch und ich glaub du bist ne ziemlich coole Muddi! 🙂
    Einfach so weiter machen, die beiden sehen so aus als könnten sie SO ganz gut so mit dir leben! 😉

    Viele Grüße eve

  3. Super Artikel!!! Hier fange ich ja jetzt auch mit dem Nein & ernsten Gesicht an & werde nicht wirklich ernst genommen (im Gegensatz zum Papa). Aber ich frage mich auch, wie konsequent muss ich jetzt schon sein. Und was lasse ich ausprobieren und was nicht, kann ich es heute zulassen und morgen dann doch nein sagen. Ach, alles nicht einfach…

    Und ich glaube, der ungeduldigste Mensch der Welt bin ich *haha Aber mit dem Babyboy wurde auch eine Menge Geduld geliefert (nur nachts ist die nicht aktiv)

    Liebe Grüße
    Jana

  4. Hier ein paar pubertär-unzusammenhängende Gedanken von mir zum Thema:
    „Das Dumme an den ganzen Regeln ist, dass man die sich als Eltern auch alle merken muss“ … oder so ähnlich steht auf einer Postkarte an der Kita-Pinwand. Das richtige Maß an Regeln und Konsequenz muss ich auch noch finden (= Ich befinde mich wohl auch in der Elternpubertät). Ein paar aktuelle Beispiele: Ich heute morgen zu den Erzieherinen des 2jährigen: „Lässt der sich hier eigentlich auch den ganzen Tag auf dem Arm herumtragen sobald die Strecke länger als eine Raumlänge ist?“ – Erzieherin: „Nein, da würden wir uns auch gar nicht drauf einlassen“ Dafür habe ich heute entschieden, dass ich beim 4jährigen die Konsequenz was die Länge des „Sendung mit der Maus“-App-Konsums betrifft doch wieder etwas zurückfahren werde, wenn er mich dafür mit solchen Dialogen amüsiert, wie vor ein paar Tagen im Auto: „Mama, wenn ich ein Erwachsener bin, brauchen wir noch ein Auto, damit ich zur Arbeit fahren kann.“ – „Mausbär, wenn du groß bist, gibt es keine Autos mehr oder die fahren zumindest selbst.“ – „Ja, die haben dann [leicht unverständlich] auf dem Dach.“ – „Wieso haben die Sterne auf dem Dach???“ – „Nein Mama, keine Sterne. Laserscanner. Die drehen sich. Auto anmachen. Fuß vom Gaspedal. Lenkrad loslassen – aber nicht so wie du manchmal, sondern die ganze Zeit – Auto fährt trotzdem richtig. So funktionieren selbstfahrende Autos.“

  5. Hallo Mia,
    ich glaube wir können uns nicht verstellen, oder einen Plan entwerfen, wie wir sein wollen, nicht auf Dauer, und schon gar nicht vor unseren Kindern, die uns immer wieder an unsere äußersten Grenzen bringen. Die Kinder loten uns gut aus und merken schnell, wenn wir nicht authentisch sind, oder nicht hundertprozentig das sind, oder überzeugt sind von dem wie wir handeln.
    Ich bin überzeugt, dass Authentizität neben bedingungsloser Liebe das Beste ist, das wir als Eltern geben können. Und unsere Kinder werden, jedes für sich, das für sie Beste daraus machen.
    Alles Liebe, Leonie

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