Der Weg Deines Lebens

An dem Tag, an dem ich Mutter wurde, habe ich den ersten Schritt einer langen Reise getan. Ja, mir kommt das Leben mit Kindern manchmal vor wie eine sehr spannende Reise. In den ersten Wochen haben wir noch das Gefühl, wir Eltern seien diejenigen, die dabei vorausgingen, aber je länger wir auf dieser Reise unterwegs sind, umso deutlicher wird, dass es die Kinder sind, die sowohl die Richtung als auch das Tempo vorgeben.

Ich bin nah dran, aber die Richtung gibt der Maxi vor.
Ich bin nah dran, aber die Richtung gibt der Maxi vor.

Ich laufe nun schon seit fast fünf Jahren meinen Kindern auf ihrem Weg hinterher.  Im Grunde gibt es ja nicht viel zu tun- man räumt mal ein Hindernis aus dem Weg oder passt auf, dass die Kinder nicht zu weit vom Weg abkommen. Eigentlich sollte ich also bloß noch pfeifend, die Hände auf dem Rücken verschränkt in einigen Metern Abstand hinterher trotten. Aber kurz bevor ich das tue, passiert plötzlich wieder etwas Spannendes.

Der Weg hat seine Längen, soviel steht fest. Manchmal, da läuft man monatelang nur über Felder voller Feuerwehrautos und Bagger. Gelegentlich winkt einem mal ein Batman oder Spiderman am Wegesrand aufmunternd zu, aber sonst gibt es nicht viel Abwechslung.

Einmal habe ich einen Fußballverein entdeckt und gerufen: „Schau Maxi, ein Fußballverein!“, aber Maxi hat gar nicht richtig hingeschaut und ist einfach daran vorbei gegangen. Ein anderes Mal sind wir über eine Wiese voller Buntstifte gelaufen und ich habe vorgeschlagen, man könne doch anhalten und ein paar Bilder malen, aber Maxi hat nicht einen Buntstift gepflückt sondern ist einem vorbeilaufenden Minion begeistert nachgelaufen. In diesen Momenten merke ich immer, dass ich versehentlich wieder versucht habe, vorweg zu gehen. Dabei ist es ja der Weg meines Kindes.

Und ganz plötzlich, wenn man schon fast schlafwandelnd am 100. Polizeimotorrad vorbeiwankt, zieht das Kind das Tempo an und ich muss aufpassen, dass ich nicht den Anschluss verliere. Der Maxi hat das gerade getan.

Anbau15

Einmal mehr habe ich gesehen, dass es für alles den richtigen Zeitpunkt gibt. Und den kennen nur unsere Kinder. Ich kann sie immer wieder auf Dinge am Wegesrand hinweisen, die ICH interessant finde, oder von denen ICH denke, dass die Zeit für sie reif wäre- wenn meine Kinder noch nicht so weit sind oder sie gerade mit anderen Dingen beschäftigt sind, werden sie achtlos weitergehen. Sie müssen die Dinge von sich aus entdecken.

Wenn sie bereit für neue Dinge sind, dann finden sie sie überall. Maxis Weg führt in diesen Wochen durch ein Dorf, in dem gerade Markt ist, und der Maxi bleibt überall stehen und nimmt an jedem Stand etwas mit. So viele Dinge funktionieren plötzlich wie von selbst.

Ich hätte den Maxi schon viel früher zu alledem zwingen können. Dann hätten wir vermutlich beide irgendwann frustriert aufgegeben oder hätten etwas erreicht und uns nicht darüber freuen können, weil wir beide keinen rechten Spaß an der Sache gehabt hätten. Ich bin keine Mutter, die viel vom sogenannten Frühförderwahn hält, aber manchmal, wenn ich sehe, was andere Kinder so alles machen, dann bin auch ich verunsichert und denke, ich müsste meinen Kindern auch mehr anbieten und sie mehr fördern. Gelegentlich neige ich dann zu Verzweiflungstaten.

Dass das Quatsch ist, hat mir der Maxi gerade wieder gezeigt. Ich denke, ich bin jetzt wieder auf dem richtigen Weg.

Mamablog Mama Mia

 

 

 

 

 

 

 

6 Gedanken zu “Der Weg Deines Lebens

  1. Hallo Mia,

    eine sehr schöne Metapher, welche, wie ich finde, die einzig richtige Herangehensweise hinsichtlich der „begleitenden Persönlichkeitsentwicklung“ beim Kind ist. Nichts ist m.E. schlimmer, als dem Kind seine eigenen Wünsche und Vorstellungen aufzuzwängen, nur um ihm vermeintlich etwas Gutes tun zu wollen. Ich denke mir immer, die Gesellschaft und die Umwelt da draußen sind schon „Leistungsbezogen“ genug, dann sollen sich die Kinder zumindest in unserer Gegenwart in „ihrem Kind sein“ frei entfalten können. Das ist übrigens auch noch ein Thema, welches ich mir zu verschriftlichen vorgenommen habe.

    Beste Grüße aus dem Rheinland
    Daniel (alias DaddyD)

  2. Liebe Mia,

    ich lese Deinen Blog nun schon seit 2 Jahren still mit und heute bin ich mal wieder so beeindruckt, dass ich jetzt unbedingt was schreiben muss.
    Du machst Dinge, die ich ebenso in mir drin fühle, oft so „bildlich verständlich“. Ich fühle mich dann oft verstanden, oder auch bestärkt, so wie heute. Danke Dir dafür!

    Mein Sohn ist vor einigen Tagen 5 geworden, meine Tochter fast auf den Tag genau einen Monat jünger als Mini, wir leben ebenfalls in Bonn und mein Mann ist auch beruflich sehr viel unterwegs. Auch deshalb finde ich mich so oft wieder in Deinen Posts und fühle mich hier auf Deinem Blog so wohl!

    Großes Kompliment!

    Katrin

  3. Liebe Mia,
    Es tut gut, das zu lesen! Ich komme mir gerade sehr einsam vor in meiner Entscheidung meine Tochter den Weg gehen zu lassen, den sie als richtig sieht. Alle anderen um sie herum haben so viele Aktivitäten neben dem Kindergarten, meine Tochter möchte außer Turnen aber nichts machen. Ich finde es viel wichtiger, dass sie Zeit zum Spielen hat und das Lernen kann, worauf sie sich gerade konzentrieren möchte. Lg Petra

  4. Liebe Mia,

    so ein wunderbarer und wahrer und richtiger Post!!!
    Hehe… Und diese „Verzweiflungstaten“ und „Schnellschüsse“ kenne ich… 😉
    Bin da eigentlich auch gerne entspannt und lasse den Dingen gerne ihren Lauf, da ich darauf vertraue, dass alles sich finden wird, die Kinder ihren Weg machen und entdecken.
    Aber wenn ich höre, was andere Mütter für ein „Freizeit“-Förderungs-Trallalla betreiben, komme ich manchmal auch ins Grübeln…
    Toll beschrieben hast du das alles…
    Und eine schöne Bildsprache dazu gefunden!
    Mag ich sehr 🙂

    Herzliche Grüße
    Julia

  5. Liebe Mia, Du sprichst mir heute wirklich aus der Seele! Mein Großer ist etwas älter als Dein Maxi. Je älter er wird, desto mehr merke ich wie schwer es ist, dem eigenen Weg treu zu bleiben und meinem Kind den Raum und die Zeit zu geben, damit es seinen Weg finden kann. Gerade heute sind wir mal wieder unverrichteter Dinge vom zuvor heiß gewünschten Hockeytraining zurück gefahren… ich musste mich wirklich sehr zusammenreißen, um die plötzliche Kehrtwende zu akzeptieren und nicht den „alle anderen machen aber auch mit“ Spruch auszusprechen. Bisher kamen alle Entwicklungsschritte zu ihrer Zeit, von ganz allein und ohne Druck!
    Liebe Grüße
    Merle

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